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StartseiteKultur heuteZwischen Sternminütchen und Blackout21.08.2018

Memorieren in der MusikZwischen Sternminütchen und Blackout

Sommerreihe "Erinnern und Vergessen"

Musiker lernen unzählig viele Noten und Spielanweisungen auswendig. Die Angst vor dem Vergessen plagt viele Interpreten. Die Pianistin Sheila Arnold sprach im Dlf über erinnerungswürdige Konzerte und das mühevolle Erinnern an die Kompositionsidee.

Sheila Arnold im Gespräch mit Maja Ellmenreich

Porträt: die Pianistin Sheila Arnold (Sheila Arnold)
Die Pianistin Sheila Arnold (Sheila Arnold)
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Maja Ellmenreich: Die Pianistin Sheila Arnold spielt Klaviermusik von Claude Debussy - "Reflets dans l’Eau": "Spiegelungen, Reflektionen auf dem Wasser" heißt dieses Stück aus dem Jahr 1904. In Gänze dauert es secheinhalb Minuten. Oder anders gesagt: Ganze sieben gedruckte Notenseiten füllt diese Musik - zahlreiche Notenköpfe, Pausenzeichen, Spielanweisungen, Vorzeichen, Lautstärkeangaben und und und.

Alle diese Details muss ein Interpret/eine Interpretin verinnerlicht haben, damit Debussys Musik - wie hier bei Sheila Arnold - klingen kann, als wäre sie im Moment erdacht. Wie bekommt man so viele Noten in den Kopf? Lässt sich diese Musik überhaupt auswendig spielen?

Über das Memorieren in der Musik, auch über das Vergessen habe ich mit Sheila Arnold gesprochen. Sie ist mit Preisen, Auszeichnungen und Stipendien vielfach geehrt worden, spielt als Konzertsolistin mit großen Orchestern, als Kammermusikerin mit namhaften Kollegen und auch ganz alleine - in Solokonzerten. Sie konzertiert, aber lehrt auch - und das als Professorin an der Musikhochschule in Köln.

Ich habe Sheila Arnold gefragt: Wenn wir hier im Studio ein Klavier stehen hätten, könnten Sie dann aus dem Stand dieses Debussy-Stück auswendig spielen?

Sheila Arnold: Ich denke schon. Das hängt aber vielleicht damit zusammen, dass gerade dieses Stück ein Repertoirestück ist, wie man so schön sagt. Es ist ein Werk, das ich seit Jahren, mittlerweile kann man sagen Jahrzehnten, spiele. Das heißt, dass der Ablauf des Lernens, vielleicht wieder Zurücklegens - nennen wir es in diesem Zusammenhang vielleicht Vergessens - und dann wieder sich Erinnerns und wieder Vergessens und wieder Erinnerns relativ häufig vorgekommen ist. Jemand sagte zum Beispiel: Wenn man sieben Mal etwas vergessen hat und sich dann wieder daran erinnert und neu gelernt hat, dann kann man etwas. In diesem Fall könnte ich mir das ganz gut vorstellen, ja.

Partituren wachgeküsst

Ellmenreich: Häufig genug gespielt und deswegen durchaus präsent - und muss in einer gewissen Weise wachgeküsst werden, wenn ich Sie richtig verstehe?

Arnold: Ja, das ist schön ausgedrückt, weil in wachgeküsst steckt nämlich auch etwas Emotionales. Ich sage immer ganz gerne, dass wir als Musiker in etwa drei verschiedene Gedächtnisebenen haben. Das eine ist das analytische Gedächtnis, oder nennen wir das auch das Visuelle, dass wir wirklich die Noten sehen, den Notentext lesen und das lernen. Das ist das eine. Das andere ist das sogenannte manuelle Gedächtnis, was man oft von Kindern hört, und woran ich mich auch aus meiner Kindheit erinnere. Dann hat man ein Stück ein paar Mal gespielt und dann sitzt das in den Fingern und man sagt: Mama, ich kann es schon auswendig! Darauf ist man dann ganz stolz.

Wir haben noch länger mit Sheila Arnold gesprochen.  

Aber wenn zum Beispiel die Reihenfolge der Finger, also der Fingersatz, aus irgendwelchen Gründen anders war und man weiß nicht mehr weiter, dann steht man natürlich da, und dann wäre das gut, wenn das analytische Gedächtnis einem dann da aus der Patsche hilft und man weiß: Moment, jetzt geht die Linie nach oben oder nach unten oder so. Das andere ist das Gehör, und das ist natürlich für uns Musiker enorm wichtig.

Die Finger folgen dem "inneren Ohr"

Ellmenreich: Sie hören die Musik schon einen Moment innerlich, bevor Sie sie spielen?

Arnold: Genau. Erst dann sollten die Finger genau das, was das innere Ohr gehört hat, durch die Bewegung und in Verbindung mit der Tastatur oder sogar noch weiter in Verbindung mit der Vorstellung des Klangkörpers Flügel die Saiten oder etwa das Blasinstrument oder beim Sänger der Körper, das Körperliche überhaupt verbinden und dann für andere hörbar reproduzieren sozusagen. Aber idealerweise ist dann das, was andere hören, oder unsere äußeren Ohren identisch mit dem, was wir uns vorher innerlich vorgestellt haben, und das ist eigentlich unser Ziel.

Ellmenreich: Ich könnte mir aber vorstellen, dass dafür auch eine ordentliche Portion Ruhe und Souveränität verlangt wird. Wenn ich im Konzert womöglich ein bisschen Lampenfieber habe, ist es da für Sie, Sheila Arnold, ein bisschen hilfreicher, doch die Noten vor Augen zu haben, weil sie ein bisschen was sind wie ein Geländer, wie ein Notfallgriff? Oder wie gefährlich ist es wirklich, ohne Noten und komplett auf die mentalen Kapazitäten angewiesen zu sein, auswendig ein Konzert zu spielen?

Arnold: Eine gute Frage und wichtige Frage, weil das hat nicht unbedingt etwas mit der Qualität als Musiker zu tun. Das ist, glaube ich, sehr wichtig, dass man das mal so festlegt. Das hängt davon ab, wie viel man vorher mit oder ohne Noten auch geübt hat. Wenn man aber sich von vornherein gesagt hat, ich werde das Konzert mit Noten spielen - und das mache ich, ehrlich gesagt, in der Kammermusik immer, und je mehr Atonalität in der Musik ist und je schwerer es ist, Zusammenhänge zu empfinden, desto eher auch. Dann übe ich das von vornherein mit Noten. Da fühlt man sich dann auch besser, wenn man die Noten hat, auch wenn man da nicht immer reinguckt.

Ellmenreich: Das Publikum ist auf dem Holzweg, wenn es meint, der spielt mit Noten, der hat es offensichtlich nötig, ist nicht so ein guter Musiker, die spielt ohne Noten, die ist weitaus freier und musikalischer unterwegs?

Arnold: Nein, auf gar keinen Fall! Ich meine, der alte Swjatoslaw Richter hat seine Abende nur noch mit Noten gespielt, und niemand würde wagen zu sagen, dass er kein großer Musiker war.

Angst vor dem Blackout

Ellmenreich: Wie schlimm ist das Vergessen eigentlich? Wie groß ist die Angst auch von einer so versierten Profimusikerin wie bei Ihnen, im Eifer des Konzertgefechts den roten Faden zu verlieren und aus der Bahn geworfen zu werden, die Angst vorm Blackout?

Arnold: Ich bin immer ein bisschen kritisch bei dem Wort "Angst", weil in dem Moment, wenn man Angst hat, dann hat man auch eine Blockade. Ich versuche, das auch meinen Studenten oft klarzumachen. Es ist leicht gesagt, aber wenn ihr es schafft, keine Angst zu haben, sondern damit zu rechnen, dass es passieren kann, dann sind wir ein bisschen offener und sind auch in der Lage, darüber hinwegzuspielen. Es passiert mir. Dazu stehe ich, das ist einfach so. Und ich weiß, dass das passieren kann.

Aber in den geringsten Fällen, in den seltensten Fällen hört ein Publikum das. Und selbst wenn sie es hören, dann hoffe ich doch, dass das, was mit der Musik ausgesagt wird, die eigentliche Message sozusagen, dass die so viel stärker ist als die Tatsache, dass man da eine Note vergessen hat. Das kann eigentlich nicht sein, dass das in der Wertigkeit über dem anderen liegt.

Insofern ja, die Aufregung ist da und Lampenfieber kennen wir, und das Lampenfieber bezieht sich nicht nur darauf, ob hoffentlich alles so gelingt, wie wir uns das wünschen, sondern auch darauf, vielleicht könnte da was passieren. Es gibt aber auch Kollegen, die denken da überhaupt nicht dran, und das ist auch gut so. Denn warum muss man sich ablenken mit diesem Gedanken von dem Eigentlichen, worum es geht, nämlich die Kommunikation und die Freude, mit den Zuhörern das zu teilen, was einem selber am Herzen liegt. Aber ich glaube, wir kennen das alle.

Ellmenreich: Wann ist für Sie ein Konzert erinnerungswürdig? Wann bleibt Ihnen wirklich ein konkreter Konzertabend im Gedächtnis? Wann nehmen Sie den mit und wann ist er womöglich auch nur einer von vielen?

Arnold: Ja, das sind die Sternstunden oder die Sternminütchen vielleicht sogar. Das kann sein, dass man vielleicht einen Menschen ganz tief getroffen hat, dass jemand das in seiner Lebenssituation gerade so gebraucht hat und diese Musik so mit sich nimmt. Aber wenn man das Gefühl hat, jemanden in der Seele getroffen zu haben, positiv getroffen zu haben, das sind schon besondere Momente, glaube ich.

Oder wenn der Klang - das ist jetzt vielleicht eine akustische Frage -, wenn man sich einfach pudelwohl fühlt beim Spielen, wenn man eine Gänsehaut kriegt über einen bestimmten Ton, Klangfarbe, oder die Spannung zwischen zwei Tönen, dass es so zum Bersten ist, dass man denkt, man kann das dehnen, dehnen, dehnen, diese Zeit, und es wird immer noch nicht zu lang und die hören immer noch zu und sind immer noch bei Dir, das ist unglaublich schön.

Musizieren ist Erinnerungsarbeit

Ellmenreich: Kann man soweit eigentlich gehen und sagen, dass dieses Musizieren und dieses Konzertieren, wie Sie es jetzt gerade beschrieben haben, dass das eigentlich in einer gewissen Weise immer Erinnerungsarbeit ist? Weil man ja Noten, die von jemandem erdacht wurden, beziehungsweise eine Musik, die von jemandem erdacht wurde, wieder zum Leben, ans Leben holt und zum Klingen bringt und damit eigentlich immer wieder in Erinnerung ruft?

Arnold: Ja! Abgesehen davon glaube ich, dass so gut wie alles, was wir tun, mit Erinnerung zu tun hat. Selbst wenn wir jetzt miteinander sprechen, glaube ich, dass das was mit Erinnerung zu tun hat, denn wir erinnern uns an Worte, die wir irgendwann mal als Kind gelernt haben. Wenn man so weit geht, ist alles Erinnerung. Die Literatur an sich, die wir wiedergeben, da hoffen wir natürlich, dass wir möglichst nahe dran kommen an die "richtige" Erinnerung.

Denn je länger es zurückliegt, dass ein Komponist da gesessen hat, eine Eingebung von weiß Gott woher hatte und das dann aufschreibt, und wir wollen jetzt 200 Jahre später das lesen und versuchen, so nahe wie möglich an diesen schöpferischen Prozess heranzukommen. Indem wir das nachschöpferisch mit unserer persönlichen Lebenserfahrung wiedergeben. Das wieder weitergeben an die dritte Instanz, nämlich die Zuhörer, die wieder ihr eigenes Leben als Päckchen mit sich tragen. Sodass das, was dann am Ende bei dieser Person ankommt, ist sicherlich etwas anderes, als die Person am Anfang vor 200 Jahren, die das erfahren hat sozusagen. Was dann am Ende dann doch ankommt, kann nur gefärbt sein. Das geht eigentlich gar nicht anders.

Aber wir versuchen, so nahe wie möglich da dran zu sein und die Erinnerung so rein wie möglich zu lassen vielleicht und nicht zu sehr mit unseren eigenen Erinnerungen zu verbinden. Wir versuchen, objektiv zu sein in dem Moment, wenn wir einen Text lernen. Wir werden das mitnichten objektiv vermitteln. Das kann nicht sein, weil ich glaube, dass Musik eine rein menschliche Angelegenheit ist und dass sich Musik genauso verhält wie unser menschliches Wesen sozusagen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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