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StartseiteDie neue PlatteDer Virtuose des Weglassens14.12.2014

Menahem PresslerDer Virtuose des Weglassens

Umringt von Freunden und Kollegen feierte der Pianist Menahem Pressler im November 2013 seinen 90. Geburtstag. Der Mitschnitt des Konzerts ist jetzt als Doppelalbum mit CD und DVD erschienen. Berühmt wurde Pressler als Mitglied des "Beaux Art Trios".

Von Raoul Mörchen

Der amerikanisch-israelische Meisterpianist Menahem Pressler ist Begründer des Beaux Arts Trio. (dpa/picture alliance/Ole Spata )
Der amerikanisch-israelische Meisterpianist Menahem Pressler ist Begründer des Beaux Arts Trios. (dpa/picture alliance/Ole Spata )

Schubert: "Frühlingstraum" aus "Die Winterreise"

Natürlich achtet man immer zuerst auf den Gesang. Und das ist in diesem Fall auch gar nicht falsch, denn Schuberts "Frühlingstraum" hat in Christoph Prégardien einen grandiosen Interpreten gefunden: Mag Prégardien für seine Oratorien- und Opernaufnahmen auch noch so viel Lob einheimsen - im romantischen Klavierlied hat er sein eigentliches Domizil. Lichteinfall und Schattenwurf, die kurze Hoffnung auf Glück und das lange Zweifeln, das dünne Eis, auf dem die Liebe wandelt und der bodenlose Abgrund darunter: Prégardiens Romantik ist intensiv, unmittelbar und in jedem Moment dringlich, sie verschlägt einem den Atem.

Wenn die erste Aufregung darüber sich gelegt hat, tut man freilich gut daran, auf mehr zu achten als nur auf den wunderbaren Tenor – auf das nämlich, was man sein Fundament nennen könnte: Eine Begleitung, die ganz ohne Anstrengung für jedes Lied einen eigenen Raum entwirft, in dem es sich überhaupt erst einrichten kann. Und dessen Atmosphäre jeder Regung erst Charakter verleiht. Man höre nur einmal, wie das Klavier im letzten Vers Schubert zornigen Frühlingsträumer, der eben noch seine Augen aufschlagen wollte, wieder besänftigt und in stiller Trauer einschlafen lässt.

Schubert: "Frühlingstraum" aus "Die Winterreise"

Nach diesem kleinen Kunststück in Sachen Klavierbegleitung wird man die Perspektive vermut-lich korrigieren wollen. Und, vermutlich, das Wort "Begleiter" überhaupt unpassend finden – für einen Mann wie Menahem Pressler. Tatsächlich ist die Begleitung Presslers Rolle nie gewesen. Das Heft hat er selbst in der Hand gehalten, er hat es noch heute. Ohne ihn wäre das berühmte Beaux Arts Trio nie jene Marke geworden, die ab 1955 über ein halbes Jahrhundert die Kammer-musik weltweit geprägt hat. Auf den Stühlen um ihn herum, am Pult von Geige und Cello, haben die Positionen gleich mehrmals gewechselt, zuletzt saßen dort Daniel Hope und Antonio Meneses – und doch hat das Beaux Arts Trio über all die Zeit eine eigene Ausstrahlung bewahrt, Pressler vor allem wohl sei Dank. Als Pressler 2008 dann die Auflösung des Ensembles bekannt gab, war das dennoch kein Grund zur Trauer: Denn Pressler spielt ja weiter, auch noch mit 90. Wenn man nun hört, wie der alte Herr im Kreise von Musikern agiert, die nicht einmal halb so alt sind wie er, und mit denen ihn eine zwar enge, aber doch verhältnismäßig kurze Freundschaft nur verbindet, dann kann man bloß staunen. Und zwar weniger darüber, dass ein scheinbarer Greis so flink noch seine Finger bewegen kann, als vielmehr darüber, wie er das tut: nämlich mit einer geradezu unheimlichen Gelassenheit....

Dvorak, Quintett op.81, IV. Finale: Allegro

Arthur Rubinstein gab sein letztes Konzert mit 89, Arrau war bei seinem Abschied ein Jahr jünger, Horowitz immerhin 83, ihr Kollege Horszowski sagenhafte 99. Vielleicht aber hat ja auch Menahem Pressler einige gute Jahre noch vor sich, obwohl so viele schon hinter ihm liegen.

Die Zeit hat natürlich Spuren hinterlassen, es wäre Unsinn, das zu leugnen. Mit der Kraft ist die Dynamik gewichen, vor allem die linke Hand kann mit Akkorden nicht mehr Akzente so deutlich setzen, wie das früher möglich war. Andererseits fragt man sich, ob mehr Dynamik überhaupt nötig ist – so wie Pressler heute spielt. Mit dem Begriff "Gelassenheit" ist das nur notdürftig beschrieben. Es ist eher das, was die Sozialpsychologin Margarete Mitscherlich einmal die "Radikalität des Alters" genannt hat. Bei Pressler artikuliert sich diese Radikalität nicht in lautem Aufruhr, sondern in gänzlicher Entäußerung. Beinahe scheint es, als würde hier nur noch pro forma Musik gemacht. Denn eigentlich ist alles ja längst schon da: Pressler streicht so leicht und zärtlich über die Tasten, berührt sie mehr als er sie anschlägt, als gälte es, bloß eine Erinnerung wach zu rufen. In uns, seinem Publikum, und in seinen Freunden, den vier französischen Streichern vom Quatuor Ebène. Eine Erinnerung zum Beispiel an einen alten tschechischen Volkstanz in Dvoraks Klavierquintett op.81.

Dvorak, Quintett op.81, III. Scherzo (Furiant): molto vivace

Bei seinem Geburtstagskonzert im vergangenen November scheint Pressler im Hintergrund des Quatuor Ebène beinahe zu verschwinden, körperlich und klanglich. Gleichwohl hängt am Ende alles an ihm: Der ganze Zauber dieser Live-Aufnahme, und das soll die Qualität des fabelhaften französischen Streichquartetts keinesfalls relativieren. Es ist einfach diese besondere Art, wie sich so gut bekannte Werke auf einmal anders, so viel leichter bewegen, wie nahtlos die Stimmen ineinander gehen, in Dvoraks op.81 und Schuberts Forellen-Quintett, wie elegant hier alles zusammen passt – so fern von jeder sturen Metrik, ohne bewusst gemachte Dramaturgie, ohne Tricks, einfach so.

Schubert, Quintett D.667, I. Allegro Vivace

Man darf bedauern, nicht dabei gewesen zu sein, letztes Jahr, bei diesem denkwürdigen Abend, als das Quatuor Ebéne und der Tenor Christoph Prégardien gemeinsam mit dem Pariser Publikum den 90. Geburtstag von Menahem Pressler feierten, mit dem Jubilar in ihrer Mitte. Aber ist es wohl noch besser, das Konzert im eigenen Wohnzimmer zu erleben. Dort kann man es nämlich wiederholen. Und das ist tatsächlich lohnenswert. Denn die Kunst des Weglassens, die hier in Wahrheit vor allem anderen zelebriert wird, erschließt sich erst nach und nach. Pressler ist darüber 90 Jahre geworden.

Chopin, Nocturne cis-Moll, op. posth.

Mit diesem Nocturne von Frédéric Chopin bedankte sich Menahem Pressler bei seinem Publikum am 7. November vergangenen Jahres im Pariser Salle Pleyel – dort feierte der 1923 in Magdeburg geborene Pianist seinen 90. Geburtstag im Kreise von Freunden: mit dem Tenor Christoph Prégardien und dem Quatuor Ebène. Das Konzert mit Quintetten von Schubert und Dvorak und Liedern aus Schuberts "Winterreise" wurde in Ton und Bild aufgezeichnet und ist jetzt beim Label Erato als Doppelalbum auf CD und DVD veröffentlicht.

Menahem Pressler – A 90th Birthday Celebration
Werke von Antonin Dvorak, Franz Schubert und Claude Debussy
Menahem Pressler, Klavier
Quatuor Ebène
Benjamin Berlioz, Kontrabass
Christoph Prégardien, Tenor
Erato/Warner Classics 46259649 (CD & DVD)

 

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