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StartseiteDie neue PlatteReif von der Insel10.05.2018

Mendelssohn und WidmannReif von der Insel

Eine Schottlandreise hat Felix Mendelssohn Bartholdy zu seiner dritten, der "Schottischen" Sinfonie und der "Hebriden"-Ouvertüre inspiriert. Das Irish Chamber Orchestra hat die beiden Werke auf CD eingespielt. Dirigiert von Jörg Widmann, der sich auch als Solist und Komponist präsentiert.

Am Mikrofon: Uwe Friedrich

Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann. (dpa / Andreas Gebert)
Der Komponist, Klarinettist und Dirigent Jörg Widmann (dpa / Andreas Gebert)

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Ouvertüre "Die Hebriden"            

Ursprünglich wollte Felix Mendelssohn Bartholdy seine "Hebriden"-Ouvertüre "Die einsame Insel" nennen und hatte sie bereits konzipiert, noch bevor er die Hebriden-Insel Staffa und die beeindruckende Basalthöhle "Fingal’s Cave" besucht hatte. Schließlich konnte er auf seiner Reise durch das schottische Hochland bereits hinreichend einsame Inseln sehen, um die Naturstimmungen musikalisch abzubilden. Tänzerische Leichtigkeit wie in der Sommernachtstraum-Ouvertüre wechselt sich ab mit dramatischeren Passagen, die in Jörg Widmanns Interpretation mit dem Irish Chamber Orchestra jedoch nicht in einen bedrohlichen Sturm münden, sondern die Erinnerung an eine glückliche Überfahrt an einem schönen Sommertag abbilden.

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Ouvertüre "Die Hebriden"

Vom schottischen Hochland in den Berliner Technoclub

Mit demselben rhythmischen Schwung, der seine Mendelssohn-Aufnahme prägt, ging schon der junge Komponist Jörg Widmann im Jahr 1993 zu Werke, als er "180 beats per minute" für Streichsextett schrieb. Auf der neuen CD des Irish Chamber Orchestra folgt dieses fünfminütige Stück auf die "Hebriden"-Ouvertüre und nimmt bereits die kreisende Bewegung des zweiten Satzes der "Schottischen" Sinfonie vorweg - auch wenn Widmann beim Schreiben von "180 beats per minute" ganz bestimmt weniger an Mendelssohn dachte als an die in den neunziger Jahren stilprägenden Technonächte in Berliner Kellerbars. Das minimalistische Werk verdichtet sich gegen Ende zu einem Kanon, der vor allem eins transportiert: die Lust an der Kraft des durchdringenden Rhythmus.

Musik: Jörg Widmann, "180 beats per minute"

Der geschäftstüchtige Herr Widmann hat noch ein weiteres eigenes Werk auf die CD mit Mendelssohns "Schottischer" Sinfonie geschmuggelt, nämlich seine achtminütige Fantasie für Soloklarinette. Auch damit zeigt er sich als extrem traditionsbewusster Musiker. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verstanden sich Dirigenten auch ganz selbstverständlich als Komponisten, Komponisten als Solisten, Solisten als Interpreten auch eigener Werke. Die Arbeitsteilung im Klassikbetrieb und damit die strikte Trennung von eigenschöpferischem Künstler und nachschöpfendem Solisten wäre Felix Mendelssohn Bartholdy wahrscheinlich sehr merkwürdig vorgekommen. Außerdem passt auch Widmanns Fantasie für Soloklarinette wunderbar zur "Schottischen" Sinfonie, denn das romantische Sehnsuchtsinstrument spielt auch dort eine bedeutende Rolle. Und wie auch immer der vielbeschäftigte Mann es macht, Jörg Widmann gehört zu den führenden Klarinettisten unserer Tage. Ihm hört man einfach immer gerne zu, wenn er zu seinem Instrument greift.

Musik: Jörg Widmann, Fantasie für Klarinette solo

Ein Ausschnitt aus Jörg Widmanns Fantasie für Soloklarinette, virtuos gespielt vom Komponisten.
Im April 1829 verließ der 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy seine Heimatstadt Berlin und begann eine ausgedehnte Bildungsreise. Üblicherweise führte die nach Frankreich und Italien, aber der junge Komponist machte sich auf nach England, in das Land, in dem seine Popularität später schnell wachsen sollte, für das er seine großen Oratorien schrieb und in dem er auch heute noch öfter auf Konzertprogrammen steht als in Deutschland. Nach vier Monaten Aufenthalt in London ging die Reise weiter in den Norden des Vereinigten Königreichs, nach Schottland. In der wohlhabenden und gebildeten Bankiersfamilie Mendelssohn Bartholdy wurden die Romane des schottischen Dichters Walter Scott ebenso verschlungen wie die Gesänge des Ossian, den man damals für einen keltischen Barden aus dem dritten Jahrhundert hielt und von dem noch nicht bekannt war, dass er eine Erfindung von James Macpherson ist. Der düster-romantische Ton für die Erkundungstour in die geschichtsträchtige Landschaft war jedenfalls gesetzt.

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 56 "Schottische"

Von der zweitgrößten britischen Insel kommt das Irish Chamber Orchestra, dessen künstlerischer Leiter Jörg Widmann ist. Die gemeinsame keltische Vergangenheit verbindet Irland mit Schottland und Wales und ungeachtet aller politischen Differenzen ist auch die Republik Irland bis heute kulturell in vielem nach London orientiert, so auch was die Popularität Felix Mendelssohn Bartholdys betrifft. Die erste, vierte und fünfte Sinfonie haben die Musiker aus Limerick bereits auf CD vorgelegt, jeweils klug mit Werken Widmanns kombiniert, nun also auch die dritte, die "Schottische". Nach dem elegischen Beginn zieht Widmann der Komposition eine straffe rhythmische Linie ein, lässt jedoch immer die Freiheit für organische Tempo- und Stimmungswechsel. Präzise und kantenscharf, dann wieder elegisch verschattet, immer mit genauem Blick auf die Mittelstimmen und die harmonischen Entwicklungen.

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 56 "Schottische"

Klischeefreier Mendelssohn mit schlankem Klang

Wie schon bei seiner ebenso frischen wie verblüffenden Einspielung der "Reformationssinfonie" ist Widmann nie mit dem Klischee des freundlichen Romantikers Mendelssohn zufrieden. Dabei erliegt er aber auch nicht der Versuchung vieler Alte-Musik-Dirigenten, die sich der Romantik zuwenden, nämlich allzu detailverliebt die große Linie aus dem Blick zu verlieren. Widmann und das Irish Chamber Orchestra nehmen einfach die Angaben der Partitur ernst. Sie beachten die Phrasierungsangaben, spielen da laut, wo Mendelssohn es in den Noten vorschreibt und dort leise, wo der Komponist es will. Das klingt ganz selbstverständlich, ist es aber nicht. Denn noch immer werden Mendelssohn Bartholdys Werke häufig zu groß besetzt, was zu einem aufgeplusterten Klangbild führt, zumal auch sehr gute Orchester am liebsten ein bequemes Mezzoforte spielen und viele Dirigenten Lautstärke mit Spannung verwechseln. Eine zu große Besetzung ist bei diesem Kammerorchester schon deshalb unmöglich, weil für solche Projekte Musiker zu der kleinen Kernformation zugekauft werden müssten. Auch bei den geschäftlichen Rahmenbedingungen sind Widmann und sein Trupp also ganz nah am 19. Jahrhundert, und so federt der zweite Satz schlank und rank, ohne dass die Musik zu leichtgewichtig würde.

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 56 "Schottische"

Nach seiner Schottlandreise schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy einen Brief an seine Familie, in dem er bereits ahnt, dass er wohl nie wieder eine so sorglose Zeit in seinem Leben haben werde wie dort im Hochland. Damit sollte der früh Verstorbene Recht behalten, denn nach seiner Rückkehr nahm sein arbeitsreiches Leben richtig Fahrt auf. Die "Schottische" Sinfonie legt aber Zeugnis ab von der wohl glücklichsten Zeit in seinem Leben, auch wenn er den letzten Satz "Allegro guerriero" überschreibt, also kriegerisch schnell. Den Geschwindmarsch der Soldaten wollen manche Musikwissenschaftler in dieser Musik hören, den Choral der in die Schlacht ziehenden Kämpfer oder das Durcheinander des Getümmels. Das muss man aber gar nicht, um sich an der frischen Interpretation des Irish Chamber Orchestra unter Jörg Widmann zu erfreuen, der alles Betuliche, Biedermeierliche völlig abgeht.

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 56 "Schottische"

Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 56, Ouvertüre "Die Hebriden", op. 26
Jörg Widmann: "180 beats per minute", "Fantasie" für Klarinette
Irish Chamber Orchestra,
Jörg Widmann, Klarinette und Leitung
Orfeo (LC 8175)
EAN: 4011790945125

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