Montag, 17.06.2019
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteEssay und DiskursKulturlandschaft mit Wolf und Lamm06.01.2019

Mensch und Natur Kulturlandschaft mit Wolf und Lamm

Wölfe und Schafe - ein im europäischen Denken tief verankerter Gegensatz von Natur und Kultur. Sie stehen für Wildnis oder Weideland, verheißen ein ungezähmtes oder behütetes Leben. Was der Mensch dem Schaf verdankt, zeigt Eckhard Fuhr in seinen Büchern.

Eckhard Fuhr im Gespräch mit Frank Kaspar

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Schäfer steht mit seinen Schafen auf einer nebeligen Wiese.  (Unsplash / Antonello Falcon)
Das Schaf gehört zu den ersten Nutztieren, die domestiziert worden sind, erzählt Eckhard Fuhr im Interview (Unsplash / Antonello Falcon)

Die Rückkehr der Wölfe nach Mitteleuropa führt nicht nur zu neuen Konflikten mit Schäfern und Jägern, es stellt unser Verhältnis zur Natur grundsätzlich in Frage. Wie viel Raum gestehen wir der Natur um uns und in uns zu? Wie weit kontrollieren wir sie oder sie uns? Wie nutzen und schützen wir ihre Ressourcen? In der Literatur der Gegenwart sind diese Fragen höchst virulent. Aber an welche Traditionen knüpfen Lyriker wie Steffen Popp, Marion Poschmann und Jan Wagner an, wenn sie von Eulen, Kiefern oder Kräutern schreiben? War der "Heidedichter" Hermann Löns ein deutscher Nature Writer? Ein Gespräch über Bäume, wilde Tiere und den Traum vom guten Leben.

Eckhard Fuhr, geboren 1954, ist Journalist und Jäger. Er war politischer Redakteur bei der "FAZ" und arbeitete als Feuilletonchef und Kulturkorrespondent für "Die Welt". 2017 erschien sein Buch "Schafe. Ein Portrait", 2014 "Rückkehr der Wölfe: Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert".

(Wdh. vom 21.1.2018)


Frank Kaspar: Eine alte Eiche in offener Landschaft, die Krone schon etwas gelichtet, in der Ferne schimmert bläulich eine Bergkette, und wenn man genau hinsieht, dann erkennt man, dass an dem mächtigen Stamm des Baumes ein Schäfer lehnt, der in der weiten Ebene seine Herde grasen lässt. Eckhard Fuhr, diese idyllische Szene hat Caspar David Friedrich zur Zeit der deutschen Romantik vor ungefähr 200 Jahren in einem Gemälde festgehalten, und Sie haben sie an den Anfang eines Buches gestellt, in dem Sie erzählen, wie das Schaf zum Haustier wurde. Was steckt für Sie in diesem Bild, warum war gerade das ein guter Ausgangspunkt für Ihr Buch?

Eckhard Fuhr: Also, dieses Bild ist tatsächlich eine Metapher für das gesamte Thema, nämlich das Verhältnis von Natur und Kultur in unserer Wahrnehmung der Natur. Caspar David Friedrich hat dieses Bild gemalt, wahrscheinlich ohne darüber zu reflektieren, welche Funktion die Schafe für diese Landschaft haben, aber wenn man das gewissermaßen mit einem ökologischen, aufgeklärten Blick betrachtet, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass dieser winzig kleine Schäfer an dem Stamm der Eiche und seine kaum erkennbaren Schafe eigentlich die Hauptfiguren in diesem Landschaftsensemble sind, denn ohne diese Beweidung wäre diese Aue nicht offen, wir hätten nicht diesen Blick, wir hätten nicht diese Möglichkeit, gewissermaßen romantischer Landschaftsperspektiven. All das ist das Ergebnis von Weidewirtschaft, und das war für mich sozusagen der bildhafte Ausgangspunkt, diese Geschichte, diese Kulturgeschichte des Schafs zu erzählen.

Kaspar: Denn eine Kulturgeschichte ist es, die Sie da erzählen. Das Buch ist ja erschienen in der Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz, und die Herausgeberin dieser Reihe, Judith Schalansky, hat durch Übersetzungen das Genre "Nature Writing" aus dem angloamerikanischen Raum in Deutschland bekannt gemacht, aber sie hat eben auch durch solche Tierportraits, wie Sie jetzt eins geschrieben haben, den Weg gebahnt für Bücher, die den Menschen auf eine neue Weise ins Verhältnis zur Natur setzen, die auch zeigen, dass Tiere eine Kulturgeschichte haben, dass sie sogar Akteure der Kulturgeschichte sein können. Inwiefern ist jetzt das Schaf gerade ein besonders geeignetes Tier, um diese Geschichte zu erzählen? Sie erzählen ja im Grunde, dass Schafe nicht nur Landschaften geformt haben, sondern dass sie auch an der Kultivierung des Menschen in der Menschheitsgeschichte mitgewirkt haben.

Fuhr: Also zunächst einmal ist es am Schaf gut zu erzählen, weil dieser kleine Wiederkäuer - man muss eigentlich dann im Nebensatz immer auch die Ziege erwähnen - also, Schaf und Ziege sind die ersten Wiederkäuer, die ersten eigentlichen Nutztiere, die domestiziert worden sind, lange nach dem Hund, den gab es schon zehntausende von Jahren früher in Gemeinschaft mit dem Menschen, aber die ersten Nutztiere waren Schafe und auch Ziegen, und das hängt eben ganz elementar zusammen mit der größten Revolution der Menschheitsgeschichte, mit der neolithischen Revolution, also dem Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zur Landwirtschaft, und das ist ein solcher Einschnitt in der Menschheitsgeschichte - wir vergessen das oft -, der mit nichts anderem zu vergleichen ist.

Kaspar: Sie schreiben ja sogar, diese Domestikation der kleinen Wiederkäuer ist trotz Raumfahrt, trotz Digitalisierung immer noch der größte Schritt, den die Menschheit gemacht hat. Worin besteht denn dieser gewaltige Sprung für die Menschheit, den das ausgemacht hat?

Fuhr: Das hat eine materielle und es hat, glaube ich, aber auch eine, wenn man so will: geistige oder intellektuelle Seite. Also die materielle ist die, dass man natürliche Ressourcen, die man bisher eben nutzte, soweit man sie fand oder sich erjagen konnte, vorrätig halten konnte, planbar machen konnte. Das ist das eine, also durch die Einzäunung und so weiter und durch die Züchtung der Tiere. Das andere ist aber eben auch ein Denksprung, dass eben die Natur produktiv genutzt werden kann. Also, man holt sich nicht nur, was sie sowieso hergibt, sondern man schafft sozusagen ein Mehr, einen Überschuss. Ich will jetzt nicht sagen Mehrwert, denn um Geld oder solche Dinge ging es damals natürlich noch gar nicht.

"Das Schaf ist auch ein Tier der industriellen Moderne"

Kaspar: Das Schaf ist ja auch - und das zeigt Ihr Buch ganz deutlich an vielen Beispielen - eine schon lange genutzte kulturelle Ressource sozusagen, ein literarisches Naturmotiv mit einer ganz langen Tradition. Wie hat sich denn Ihr Bild vom Schaf bei der Arbeit an diesem Buch verändert?

Fuhr: Zunächst hatte ich eigentlich gar kein besonders ausgeprägtes Bild vom Schaf. Ich kam ja über die Wölfe zu den Schafen. Ich habe mich sehr, sehr lange mit den Wölfen beschäftigt und auch mit dem Verhältnis von Mensch und Wolf, und da waren die Schafe eigentlich immer nur die potenziellen Opfer. Ein Anstoß, der auch übrigens von Judith Schalansky selbst kam, war dann, zu sagen, jetzt schreiben Sie doch mal über die Opfer, nehmen Sie doch mal die Schafe in den Blick und beschäftigen Sie sich mit denen. Dann habe ich mich sehr viel mit Schäfern beschäftigt, mit Schafen beschäftigt, mit den ganzen Problemen der Schafhaltung und mit ihrer Geschichte. Und gerade an den Schafen kann man diese merkwürdige Doppelgesichtigkeit wieder beobachten, die wir auch schon in dem Gemälde von Caspar David Friedrich hatten, also diese Verknüpfung von Naturidylle auf der einen Seite und scharfer Nutzung der Natur auf der anderen Seite, denn das Schaf ist eigentlich auch ein Tier der industriellen Moderne. Die Massen von Schafen in England, die kamen, als die Textilindustrie hochkam, und die haben die Landschaften vor allem im Norden, in Schottland, bestimmt, und zwar dadurch, dass die Großgrundbesitzer eben mehr Rendite sich ausrechnen konnten, wenn sie Weidewirtschaft betreiben ließen, als wenn sie das dort an Bauern verpachteten, und deswegen ist die Landwirtschaft, die eigentliche Landwirtschaft systematisch plattgemacht worden zugunsten der Schafweide. Das ganze romantische Konzept der Highlands, des schottischen Hochlandes ist eigentlich das Ergebnis eines ganz brutalen Vorgehens der Großgrundbesitzer.

Kaspar: Die Doppelgesichtigkeit, von der Sie da sprechen, über die hat auch Marion Poschmann geschrieben in einem Essay. Marion Poschmann, im Jahr 2017 die erste Preisträgerin eines deutschen Preises für "Nature Writing". Sie schreibt, dass das Schaf ja, wie es uns in volkstümlichen Erzählungen oder Liedern begegnet, erst mal so als Inbegriff der Harmlosigkeit daherkommt, aber Schafe, schreibt sie, haben noch eine andere Seite.

"Sie ernähren sich vegetarisch, sie sehen aus wie Schönwetterwolken, und sie reimen sich auf 'Schlaf' und auf 'brav', was ihnen in der deutschen Lyrik über Jahrhunderte einen festen Platz in der Idylle und im Wiegenlied sicherte. Dabei haben Schafe, wie alles auf der Welt, ihre Schattenseite. Sie fressen ganze Landstriche kahl, lassen keinen Baumbestand aufkommen, können Bodenerosion einleiten, Regionen vollständig ruinieren und verwüsten."

Kaspar: Schafe, die ganze Landschaften verwüsten, Eckhard Fuhr, das gilt zum Beispiel ausgerechnet für die Lüneburger Heide, oder?

Fuhr: Nicht ganz, das kann man so eigentlich nicht sagen. Also, die Lüneburger Heide ist eine Landschaft, die über Jahrhunderte menschlicher Nutzung verwüstet worden ist, aber da ging es vor allen Dingen erst einmal um Torfstechen und solche Dinge. Und es blieb am Ende, nachdem der Boden sozusagen abgetragen war und dort nur noch dieses harte Heidekraut wuchs, nur die Schafwirtschaft als eine Form der landwirtschaftlichen Nutzung. Dann hat sich das verknüpft, also dieses Bild des Schäfers mit seiner Heidschnuckenherde, im Hintergrund der Schafstall, also dieses reetgedeckte Haus mit dem Dach, das bis zum Boden runtergeht, und die weite Heidelandschaft. Das sind romantische Bilder, die sich mit dieser Landschaft verbinden, die aber eigentlich eine ganz traurige Geschichte hat. Trotzdem ist die Lüneburger Heide, wenn man so will, landschaftlich die Wiege des deutschen Naturschutzgedankens. Also, diese Heide zu erhalten, gab es am Anfang des vorigen Jahrhunderts natürlich auch Anlass. Es ging darum, die Heidelandschaft zu bewahren gegen die Wiederaufforstung, die ja größtenteils stattgefunden hat in diesem Gebiet, aber auch gegen industrielle Erdölförderung, die damals dort betrieben worden ist oder versucht wurde. Es gab also schon Grund, diese Heidelandschaft als eine, wenn man so will: historische Landschaft zu erhalten, aber ich glaube, dass das Bewusstsein dafür, dass es sich hier um eine historische Landschaft mit einer hochproblematischen Geschichte handelt, dass dieses Bewusstsein nicht besonders ausgeprägt war, sondern die Heide galt als Inbegriff von Naturschönheit.

Kaspar: Welchen Anteil hatte denn Literatur daran, dass sie als schützenswert wahrgenommen wurde?

Fuhr: Na ja, gut, da muss man auf Hermann Löns zu sprechen kommen, bei dem man sich ja fragen kann, ob er sozusagen ein deutscher Vertreter des "Nature Writing" ist. Jedenfalls hat er durch sehr, sehr genau beobachtete Naturschilderungen die Landschaft der Lüneburger Heide, wenn man so will: propagiert. Die Fotografie stand ja damals in ihren Anfängen, es gab noch nicht diese Bilderflut, mit der man sozusagen Emotionen und Handlungen in Gang setzen konnte, sondern das waren schon Texte, die gelesen werden mussten, und Hermann Löns hat es geschafft, diese Landschaft und die dort agierenden Tiere, aber auch dort agierende Menschen, sehr genau zu beobachten und zu beschreiben, auf der anderen Seite aber - und das ist ein bisschen die Krux bei der Geschichte Löns - er tut das mit einem dauernd erkennbaren Subsens gegen alles Moderne, gegen alles Städtische, gegen alles Demokratische. Er ist also da schon ziemlich borniert, wenn man so will, obwohl er ein moderner Journalist gewesen ist, aber er hat eben diesen antimodernen Grundschlag sozusagen in seiner Literatur, und das macht ihn ein bisschen schwierig. Man kann jetzt nicht sagen: Lest Löns, da habt ihr was verpasst. Also, da wäre ich sehr vorsichtig. Persönlich kann man ihm nichts vorwerfen, er hat sozusagen die Gnade des frühen Todes, er ist 1914 auf dem Schlachtfeld gleich am Anfang des Ersten Weltkrieges, wo er sich als Freiwilliger gemeldet hatte, gefallen und wurde später dann natürlich von den Völkischen und von den Nazis instrumentalisiert, aber das ist sozusagen mit seiner Leiche passiert, nicht mit der Person Hermann Löns. Aber seine Literatur hat eben diesen Grundzug, der ein irgendwie heute bitterer und schwieriger und unangenehmer ist.

Kaspar: Ihre Überlegung, ob Hermann Löns so etwas sein könnte wie ein deutscher "Nature Writer" oder ein Autor, den man in dieser Tradition, in einer deutschsprachigen Tradition sehen könnte, die Natur zu einem Hauptmotiv macht, der Frage würde ich doch gerne noch nachgehen, bei aller Ambivalenz, die Sie jetzt schon angedeutet haben. Vielleicht hören wir eine kurze Passage aus einer seiner Erzählungen. Es gibt ja viele Tiererzählungen von ihm, und er unternimmt dabei auch immer wieder den Versuch, tatsächlich durch die Augen, durch die Sinne der Tiere deren Wahrnehmung zu schildern. Hier ist eine Passage aus einer Erzählung, die heißt "Isegrims Irrgang". Es geht um einen Wolf, der über die polnische Grenze nach Deutschland einwandert.

"Der Graben, der schwarzweiße Schlagbaum und die große weiße Tafel mit dem schwarzen Getüpfel, alles das wollte ihm durchaus nicht gefallen. Ängstlich schlich er an dem Holze entlang. Plötzlich senkte er die Nase, denn es roch nach Wild. Sofort fiel er die Fährte an, die über den Grenzgraben führte, überfloh diesen und hielt sich durch die Dickungen und Stangenörter bis in das raume Altholz. Da aber stutzte er, denn auf einmal hörte der Wald auf und wurde von einem breiten Wege begrenzt, wie ihn der Wolf noch nie in seinem Leben angetroffen hatte. Denn der war ganz eben und hart und trocken und roch nach etwas, was ihm vollkommen unbekannt war. Ein ganz fürchterlicher, stechender, beißender, kneifender Geruch war es, der ihm schwer auf die Nerven fiel. Er sträubte das Rückenhaar, zitterte, stieß ein klägliches Winseln aus und sprang in das Holz zurück, ohne weiter an die Fährte zu denken, obgleich es ihn sehr hungerte."

Kaspar: Vieles von dem, was Sie angesprochen haben, klingt hier heraus, man meint fast, also da ist ein Wolf, der hat stechenden Asphaltgeruch in der Nase.

Fuhr: Ja, der Wolf wird gewissermaßen durch die Asphaltliteratur abgeschreckt, seinen Weg fortzusetzen, was, wie wir heute wissen durch unsere Erfahrungen, die wir ja nun seit einigen Jahren schon mit Wölfen machen können, auch hier in Deutschland, gar nicht der Fall ist. Den stört das gar nicht, aber das ist nebenbei gesprochen. Was man hier doch sehen kann, ist, dass es Löns schon ganz eingängig gelingt, sich in dieses Tier hineinzuversetzen, seine Perspektive, wenn man so will, einzunehmen. Ich habe das im Übrigen selbst ja auch getan, und andere haben das auch getan, wenn es darum ging, zum Beispiel einen Angriff von Wölfen auf Schafherden - jetzt in der Lausitz in den ersten Jahren - zu beschreiben, was da passiert. Das macht man dann so. Also es muss sozusagen eine Übersetzungsmöglichkeit geben. Wir müssen das den Wölfen einfach zumuten, dass wir über sie so schreiben, als hätten sie die gleichen Empfindungen wie wir, sonst können wir gar nichts verstehen, und das macht der Löns, auf der anderen Seite, bringt er wieder Distanzen rein, die die Rezeption heute sehr erschweren. Also, dann kommt erst mal diese ganze Jägersprache, der Wolf "überflieht" den Graben und er "fällt die Fährte" an, und er geht ins "raume Altholz". Also, das sind sozusagen Sprachgitterwerke, die den Zugang für nicht belastete Leser - oder nicht vorgebildete Leser, so könnte man es ja auch sagen - schwer machen.

Kaspar: Genau, das rückt ihn natürlich in so eine gewisse Ecke, oder das ist eine Art von Fachjargon, der andere Leser ausschließt. Was er mit anderen Tiererzählern teilt, ist, wie Sie schon sagten, dieser Versuch, den Leser einzuladen, in die Perspektive eines Tieres zu schlüpfen. In dem Zusammenhang finde ich interessant, dass Sie in Ihrem Buch über die "Rückkehr der Wölfe" ja schreiben, dass es Hermann Löns war, der Jack Londons Erzählungen oder der die Erzählung "Der Ruf der Wildnis" damals wahrgenommen, interessant gefunden, ins Deutsche gebracht hat. Auf seine Initiative geht es zurück, dass man sie dann auch auf Deutsch lesen konnte.

Fuhr: Ja, das geht auf seine Initiative zurück. Seine Frau hat das übersetzt, und der Verlag Sponholtz - in Lüneburg, glaube ich, war der ansässig -, sein Hausverlag, hat dann auch diese Ausgabe herausgebracht. Und ich vermute mal, dass für Löns eben genau diese Erzählmethode über Tiere ausschlaggebend gewesen ist. Also, das war das Attraktive für ihn an Jack London. Ich glaube nicht, dass Löns jetzt die nordamerikanische Wildnis besonders attraktiv fand, aber wie er sich in einen Hund oder in einen Wolfshund oder in einen Wolf hineinsetzt, diesem Tier eine Geschichte gibt, diesem Tier quasi menschliche Erfahrungen zuschreibt, einen Lernprozess, all das ist etwas, was er in der kleinen Form, meistens in journalistischen Formen - das sind ja Tierfeuilletons, das sind Glossen und so weiter - eben auch anwendet. Also da, glaube ich, sah er eine literarische Verwandtschaft.

"Zunächst einmal ist der Wolf eben ein charismatisches Tier"

Kaspar: "Der Ruf der Wildnis" von Jack London erzählt die Geschichte eines Hundes, der durch unglückliche Umstände in den Goldrausch in Alaska gerät, er wird quasi entführt von Hundefängern, wird als Schlittenhund gebraucht, wird von vielen verschiedenen Menschen misshandelt, schließt sich schließlich einem Wolfsrudel an. Also, es ist die Geschichte einer Entzivilisierung eigentlich, einer Verwilderung, dieser Hund folgt dem Ruf der Wildnis der vielleicht auch ein attraktiver Lockruf für Leser von Jack London war, eine Einladung, in diese Wildnis einzutauchen. In Ihrem Buch über die Rückkehr der Wölfe gibt es ein Foto mit zwei jungen Wölfen in so einer verschneiten Landschaft, heben die Köpfe, anscheinend zum Heulen, und darunter steht: "Das ist nicht Alaska, sondern die sächsische Lausitz." Was für Überblendungen sind da eigentlich im Spiel, was für Projektionen, auch was für literarische Motive? Wenn wir heute erleben, dass Wölfe nach und nach wieder in unsere Landschaft nach Deutschland, nach Mitteleuropa einwandern. Was für Fantasien werden da angesprochen, was für Projektionen finden da statt, sodass Wölfe immer wieder titelgeschichtentauglich sind?

Fuhr: Zunächst einmal ist der Wolf eben ein charismatisches Tier. Es ist klar, es ist etwas anderes, als wenn man über Biber redet, die auch wieder kommen, und auch über Wildkatzen, die auch wieder kommen, oder über Luchse. Der Wolf ist ein charismatisches Tier und hat eben das allergrößte kulturelle Gepäck von allen Tierarten, die es gibt, glaube ich, im Verhältnis zum Menschen. Wenn der nun wieder zurückkehrt, ist das einfach eine unglaubliche Provokation, die die einen positiv finden und sagen: Jetzt meldet sich die Natur sozusagen wieder zurück, die Wildnis kommt zurück. Und die anderen sagen das auch und sagen: Aber das kann doch nicht sein, wir verlieren die Kontrolle, das ist ein großer Irrtum, der passt hier nicht in unsere Kulturlandschaft. Für die Wölfe ist das ganz nüchtern, die kommen, weil wir eine intensiv genutzte Agrarlandschaft haben mit einem gewaltigen Nährstoffeintrag, der eben nicht nur Millionen Hühner und Schweine und Rinder ernährt, sondern eben auch Millionen von wildlebenden Huftieren, also die Beutetiere des Wolfes. Das heißt also, wir bereiten dem Wolf sozusagen durch unsere intensive Form der Landnutzung ein üppiges Buffet, und deswegen kommt er.

Kaspar: Sie haben das lange beobachtet und eben auch die Debatten beobachtet, wenn über die Rückkehr der Wölfe diskutiert wird. Sie haben das gerade schon so angedeutet, es geht um Kontrolle. Welche Vokabeln, welche Emotionen, welche Ängste, welche Begriffe tauchten oder tauchen da auf in diesem öffentlichen Verständigen darüber, wie man jetzt mit diesem Wolf, mit diesem Einwanderer umgeht?

Fuhr: Es ergab sich eben auch aus der zeitlichen Parallelität. Die Wolfsdebatte ist in mancher Hinsicht eine Art Paralleldebatte zur Migrations- und Flüchtlingsdebatte gewesen. Es ging um die Angst vor dem Kontrollverlust, der von landwirtschaftlichen Interessengruppen und auch von Jägerinteressengruppen ins Spiel gebracht wurde, also: Können wir es zulassen, dass ein so großes Raubtier, das möglicherweise auch dem Menschen gefährlich wird, sich unkontrolliert bei uns verbreitet? Und wenn nicht gesagt wurde: Sie müssen wieder weg - das können verantwortliche Politiker oder Verbandsvertreter nicht sagen, weil sie dann zum Gesetzesbruch aufrufen würden -, aber dann kommt die Argumentation: Ja, dann müssen wir ihnen eben bestimmte Zonen zuweisen, dort sollen sie leben, das sollen möglichst menschenleere große Waldgebiete sein, und in anderen Gebieten, die müssen wolfsfrei gehalten werden. Also die Kulturlandschaft, die so ist wie sie ist und deswegen für den Wolf sehr, sehr attraktiv, diese Kulturlandschaft wird verstanden als ein Ergebnis von Kontrolle der Natur. Und um diese Frage geht es, glaube ich, in der Debatte im Innersten. Also: Wie sehr können wir auch in unserer Kulturlandschaft natürliche Prozesse einfach mal laufen lassen?

Kaspar: Wie sehr zeigen sich in unserem Blick, auch im literarischen Blick, auf Natur eigentlich politische, gesellschaftliche Ideen, Identitätsfragen? Ähnliches, was Sie jetzt beschrieben haben über die Rückkehr des Wolfs und die Sorgen, die Diskussionen darüber, zeigt sich ja auch im Umgang mit sogenannten Neophyten oder Neozoen, also Tieren und Pflanzen, die in ein Verbreitungsgebiet kommen, wo sie ursprünglich nicht vorkamen - die Herkulesstaude, der Waschbär, Einwanderer, die auf einmal die einheimische Fauna und Flora verändern. Vielleicht noch mal ein Wort von Marion Poschmann dazu, die eben auch als Literatin überlegt hat: Was bedeutet das eigentlich, und wie kann Literatur und Naturschutz damit umgehen?

"Störungen im ökologischen Gleichgewicht gehen mit Störungen im Gefühlshaushalt einher. Es ist ein affektives Problem in der sonst so nüchternen Biologie, wenn mit Bezeichnungen wie 'Eindringlinge', 'Fremde', für die Neozoen und Neophyten Fragen von Grenzziehungen und Besitzansprüchen aufgeworfen werden: Wem gehört ein Habitat, warum verlangt man von der Natur, sich an Ländergrenzen zu halten, während der fortschreitende Globalisierungsprozess genau dies immer mehr verhindert? Mit welcher Haltung kann und soll der Mensch hier eingreifen, welche Interessen gilt es zu vertreten?"

Kaspar: Welche Beobachtungen haben Sie dazu gemacht, wie sozusagen Kultur- und Identitätsfragen sich in solche Beobachtungen der Natur und ihre Veränderung mischen?

Fuhr: Also am Beispiel der Neozoen zeigt sich, dass Naturschutz gar nicht anders sein kann als konservativ, will ich mal sagen. Das zeigt sich äußerlich daran, dass auch die Naturschutzverbände, wie NABU und andere, und die offizielle Naturschutzpolitik, die ansonsten eigentlich nicht politisch konservativ, sondern eher so ins grüne Spektrum neigen, bei den Neozoen doch eher konservativ sind. Das heißt also: Nein, wir können das nicht einfach hinnehmen, dass sich bestimmte Arten verbreiten wie sie wollen, weil es für die Artenvielfalt bei uns zum Teil auch dramatische Folgen haben kann. Das ist eben so. Wenn Sie seltene Vogelarten schützen wollen, dann können Sie kein Freund des Waschbären sein. Da gibt es Zielkonflikte. Also da, wenn man praktisch mit der Frage zu tun hat oder Entscheidungen treffen muss, da gibt es die Option zu sagen, lassen wir doch einfach und schauen mal zu, was da passiert, die ist schwer zu durchzuhalten, glaube ich.

Kaspar: Vielleicht können Sie mir noch ein Phänomen erklären: Es gibt ja einen unglaublichen Bucherfolg der letzten Jahre, ein Förster aus der Eifel, Peter Wohlleben schreibt über "Das geheime Leben der Bäume", "The Secret Life of Trees" ist auch auf die Bestsellerliste der "New York Times" gelangt, die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, er hat "dem Wald die Seele zurückgegeben". Was macht dieser Mann, ein Sachbuchautor, der Bäume als soziale Wesen darstellt, wie ist es zu erklären, dass so ein neuer Blick, aber eigentlich sachlicher Blick, auf das Phänomen Wald so eingeschlagen hat?

Fuhr: Na ja, so ganz sachlich ist es nicht immer, also er hat schon eine leichte Schlagseite zur Esoterik, aber die Grundidee, dass man dieses Netzwerk beschreibt, also das Netzwerk, das Bäume untereinander bilden, das den Waldboden durchzieht, durch die Pilze und so weiter und so fort, dieser Wald, den man bisher irgendwie entweder als Holzproduktionsstätte oder als romantische Kulisse betrachtet hat, dass man den in einem ganz modernen Begriff der Vernetzung beschreibt und damit auch für sozusagen Digital Natives plötzlich wieder betretbar, bewohnbar und möglicherweise auch begreifbar macht, weil dort eben Prozesse der Vernetzung, der Kommunikation stattfinden, die in Vielem doch dem World Wide Web ähnlich sind. Er hat einfach eine Masche gefunden, sage ich mal, dieses Phänomen Wald zu übersetzen für das digitale Zeitalter, und gleichzeitig die Sehnsüchte zu bedienen, die sich mit dem Wald eben doch auch immer noch verbinden, nämlich dort zur Ruhe zu kommen, zu sich selbst zu kommen, das Wesentliche zu erkennen und so weiter und so fort.

Kaspar: Ist das eigentlich das, was Sie auch in den Wald lockt, denn Sie sind ja nicht nur Journalist, sondern auch Jäger? Sie haben mal in einer Kolumne geschrieben, Jagd ist für Sie gerade auch nicht die Rückkehr in die Wildnis, also so wie auch der Wolf sich nicht von der Wildnis angelockt fühlt, die er vermeint in der sächsischen Lausitz zu finden, sondern eben von unserer Kulturlandschaft, so ist für Sie Jagd auch ein Inbegriff von Agrikultur, von sozusagen dem Ursprung aller Kultur und daher für einen Feuilletonisten die richtige Tätigkeit, aber was suchen und was finden Sie da draußen?

Fuhr: Also Jagd ist für mich tatsächlich der Zugang zur Land- und Forstwirtschaft, und das hat mich schon immer interessiert, und ich finde, es gehört für einen kulturell interessierten und gebildeten und aktiven Menschen auch ein gewisses Verständnis für diese Formen der Urproduktion dazu, weil sie unsere Landschaft prägen und unser Verhältnis zur Natur prägen und so fort. Also die Jagd ist eine Arbeit, es ist für mich keine Entspannung, kein Hobby, sondern es ist eine Arbeit, die ich sehr, sehr gerne mache, aber bei dieser Arbeit erhole ich mich vom Schreibtisch, so wie ich mich am Schreibtisch auch von der Jagd erhole. Also manchmal bin ich auch froh, im Trockenen zu sitzen und mich mit Büchern zu beschäftigen und nicht draußen herumkriechen muss, aber es ist einfach eine sehr, sehr vielfältige und befriedigende Arbeit in der Natur beziehungsweise in unseren landwirtschaftlich-forstwirtschaftlich geprägten Landschaften, und zwar das Schöne ist, direkt hier vor der Haustür, also in Berlin, es ist nicht so, dass man weit wegfahren muss in irgendwelche menschenleeren Gegenden, um zu jagen, sondern das geht hier auch, sozusagen an der Peripherie urbaner Räume.

Kaspar: Im Genre dieser Tiererzähler, von denen vielleicht Hermann Löns einer war, gibt es ja so ein Motiv des Wechsels von der Waffe zur Kamera oder zum Stift. Also, zuletzt jetzt gerade erschienen: Charles Foster, "Der Geschmack von Laub und Erde", ein englischer Forscher, der versucht hat, wie ein Tier zu leben und die Erfahrungen verschiedener Spezies versucht hat zu machen, schreibt: "Viel Zeit meines Lebens habe ich damit zugebracht, dass ich versuchte, Rothirsche zu töten", dann versucht er aber, schreibt er, "in den Kopf des Hirsches einzudringen, anstatt aus zweihundert Metern Entfernung in sein Herz". Also, diese Bewegung machen Sie, Eckhard Fuhr, aber nicht mit?

Fuhr: Nein, da mach ich nicht mit.

"Das Töten gehört für mich dazu"

Kaspar: Das Töten gehört für Sie dazu?

Fuhr: Also in den Kopf eines Rothirsches müssen Sie sich in gewisser Weise auch versetzen, wenn Sie ihn erlegen wollen. Also Sie müssen sich schon auch in die Tiere hineinversetzen, sonst geht das ja gar nicht, aber das Töten gehört für mich dazu, nicht weil es irgendwie der ultimative Lustgewinn ist, das ist kein Kick, das ist aber, wenn man es dann oft macht, auch nichts besonders Aufregendes, muss man sagen, aber es ist schon … Für mich wäre es nicht attraktiv, in die Natur zu gehen und sie dann ja auch zu stören, einzugreifen, in die Einstände der Tiere zu gehen und so weiter, den Tieren möglichst nahezukommen, nur um von ihnen Bilder zu machen. Ich sage nicht, dass das schlecht ist - überhaupt nicht -, aber es wäre für mich keine Option. Also, ich jage vor allen Dingen auch, um das Tier zu essen, und wenn ich genug habe, dann ist es auch gut. Also ich gehe nicht um der Jagd Willen auf die Jagd.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk