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StartseiteMarktplatzMit Speed-Dating auf Jobsuche02.05.2019

Menschen mit Behinderung Mit Speed-Dating auf Jobsuche

Vorbehalte von Arbeitgebern auf der einen Seite, gesundheitliche Einschränkungen auf der anderen: Nur zwei Gründe, warum viele Menschen mit Behinderung auch bei guter beruflicher Qualifikation keinen Job finden. Speed-Dating-Veranstaltungen zwischen Arbeitgebern und Jobsuchenden sollen das ändern.

Von Anja Nehls

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Karsten Sanner sitzt zuhause am Esstisch in seiner Wohnung im Berliner Südosten und wirkt zufrieden. Ab 1. Mai wird er einen Job antreten. 20 Stunden pro Woche für die Interessenvertretung ISL – Selbstbestimmt Leben in Deutschland:

"Ich freue mich, ich hoffe, dass ich es beginnen kann, dass es ein guter Start für mich wird, gesundheitlich bin ich da doch immer so ein bisschen eingeschränkt, leider."

Denn vor 20 Jahren erkrankte der heute 48-Jährige schwer an Krebs. Blase, Prostata, Samenstränge, alles musste entfernt werden, und auf einen Schlag war für Karsten Sanner das Leben ein anderes. Als Maler und Lackierer konnte er nicht mehr arbeiten, er schulte um auf Bürokaufmann, fand aber nie einen passenden Job. Bei einem von der ISL und dem Jobcenter Lichtenberg organisierten Speeddating, bei dem behinderte Arbeitslose mit potenziellen Arbeitgebern in Kontakt kommen sollen, war er dann erfolgreich. Ausgerechnet der ISL selber war sein Organisationstalent aufgefallen, und er bekam ein Arbeitsangebot.

"Da bin ich Koordinierungsfachkraft für das Projekt Job-Speeddating. Ich denke mal, ich werde versuchen, Kontakte zu knüpfen mit anderen Jobcentern, Arbeitsämtern, ob sie da erst mal Leute haben. Wir müssen ja gucken, ob wir an die Menschen rankommen, die da eine Behinderung haben und nicht in Arbeit sind, die Arbeit suchen und dann natürlich auch mit den Arbeitgebern in Kontakt treten, ob die sich vorstellen können, an so einem Job Speeddating teilzunehmen."

Karsten Sanner ist von dem Projekt überzeugt. Bei bereits zwei vorangegangenen Speeddating-Veranstaltungen für behinderte Jobsuchende und interessierte Arbeitgeber fand immerhin ein Viertel der Bewerber eine Arbeitsstelle. Bei der dritten Runde war Karsten Sanner dann selbst dabei und auf Arbeitgeberseite zum Beispiel die Berliner Verkehrsgesellschaft, die Senatskanzlei Berlin, die Deutsche Rentenversicherung, das Jobcenter und das Bezirksamt Berlin Lichtenberg und kleine bis mittelständische Unternehmen aus der türkisch-deutschen Community. Die 20 Bewerber haben ein Kurzprofil erstellt mit beruflicher Qualifikation, Schwächen und Stärken:

"Meine Stärken sind so Organisatorisches, also organisieren, mich um Dinge kümmern, anderen Menschen helfen, also die nicht wissen, was sie wo beantragen können, wie sie es schreiben müssen und so weiter."

Acht Minuten für ein Vorstellungsgespräch

Wenn sich künftige Arbeitgeber und Bewerber dann gegenübersitzen, ertönt ein Gong, und dann gibt es acht Minuten Zeit, sich gegenseitig zu beschnuppern. Karsten Sanner sitzt zuerst beim Jobcenter Berlin Lichtenberg:

"Und da muss ich sagen, war ich anfangs sehr überrascht: Sehr zuvorkommend, sehr nett, da war es fast zu kurz, da hätte man sich gerne einen Moment länger unterhalten. Und da hätte ich auch gedacht, dass man sich bei mir meldet, aber hat man leider nicht. Er hatte noch gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, vorne im Servicebereich zu sitzen. Ich sage, ich kann mir im Jobcenter vieles und alles vorstellen, so Servicecenter, Poststelle, Berechnung oder eben auch Vermittler."

Ein Job muss ganz genau passen

Das Gespräch verläuft vielversprechend, aber ein konkretes Angebot gibt es nicht. Als sich das Bezirksamt Lichtenberg dann bei ihm mit einem Jobangebot meldet, spielt dann wieder die Gesundheit nicht mit.

Für Karsten Sanner ein Dilemma, immer wieder muss er sich eingestehen, dass nicht alles, was er gerne machen würde, noch uneingeschränkt geht. Ein Job muss ganz genau passen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich darauf einstellen.

Eine Rolle spielt auch, dass man Karstens Sanners Behinderung nicht auf den ersten Blick sieht. Beim Speeddating sei dagegen von Anfang an alles klar gewesen:

"Die wussten, Leute die jetzt heute hier sind, eben sichtbar oder nicht sichtbar, haben alle eine Behinderung oder körperliche Einschränkung zu tragen, wo nicht immer gewährleistet ist, dass alles, was ein Arbeitgeber sucht, auch vorhanden ist."

Arbeitgeber haben noch immer große Vorbehalte

Bei seiner Arbeitssuche in den Jahren zuvor hat er auch bereits andere Erfahrungen gemacht. Zwar hat er seine Behinderung nie verschwiegen, einmal fiel sie jedoch erst auf, als es zum Vertragsabschluss kommen sollte. Immer noch hätten Arbeitgeber große Vorbehalte, obwohl ein Arbeitsplatz für behinderte Menschen umfangreich gefördert wird.

"Ich hatte fast einen Job im öffentlichen Sektor in der Tasche. Und dann kam es aber dazu, dass man seine Unterlagen wie Versicherungskarte und alles abgeben muss und habe dann zwei Tage später einen Anruf bekommen, dass sie sich doch für jemand anderen entschieden hätten."

Für Karsten Sanner hat es jetzt mit einem Job doch noch geklappt. Nicht direkt, aber indirekt über das Speeddating. Jetzt will er die Herausforderung als Koordinator annehmen - Behinderung und Einschränkungen hin oder her:

"Ich bin eigentlich ein Kämpfer und habe viele Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht, dass man auch kämpfen muss und sich nicht aufgeben muss und klare Ansagen machen muss. Das Leben ist kein Zuckerschlecken und schon gar nicht mit einer Krankheit, wie ich sie habe und mit dieser nicht sichtbaren Behinderung."

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