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StartseiteForschung aktuellSchon Kleinkinder haben eine emotionale Vorahnung02.01.2017

Menschliche FähigkeitenSchon Kleinkinder haben eine emotionale Vorahnung

Kinder können bestimmte Situationen erst ab dem Alter von vier oder fünf Jahren emotional vorhersehen. Dachte man zumindest. Nun aber hat die Psychologin Henrike Moll entdeckt: Die menschliche Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, setzt schon viel früher ein.

Von Martin Hubert

Die Mädchen und Jungen der Tautropfengruppe stehen am 23.07.2014 in Dresden vor der Kindertagesstätte "Haus der kleinen Entdecker".  (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)
Schon Zwei- bis Dreijährige sind für Spannungen à la Hitchcock empfänglich. (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)
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Wechselnde Perspektiven

Susi, gerade mal vier Jahre alt, schaut neugierig auf eine Bildergeschichte, die ihr Wissenschaftler präsentieren. Es ist der Standardtest für die sogenannte Theory of mind, der prüfen soll, ob jemand fähig ist, die Welt aus dem Blickwinkel eines anderen zu sehen. Die Bildergeschichte zeigt, wie Sally ihren Lieblingsball in einen Korb legt und dann den Raum verlässt. Nun tritt Anne ein, nimmt den Ball aus dem Korb und legt ihn in eine Schachtel. Dann kommt Sally zurück und Susi muss die Frage beantworten: Wo wird Sally nach ihrem Ball suchen – in der Schachtel oder im Korb? Susi sagt richtig: im Korb. Denn Sally kann ja nicht wissen, dass Anne den Ball woanders verstaut hat. Tatsächlich können Kinder diese Aufgabe erst ab dem vierten Lebensjahr lösen. Denn erst dann entwickeln sie eine Vorstellung vom Geist anderer Menschen, von ihren Erwartungen und ihrem Wissensstand über die Welt. Dachte man bis vor kurzem zumindest.

Henrike Moll: "Jetzt ist das Pendel in die komplett andere Richtung umgeschwungen."

Den Kindern steht die Spannung ins Gesicht geschrieben

Inzwischen wissen die Wissenschaftler, dass Kinder schon viel früher falsche Erwartungen anderer erkennen können, wenn man ihr nonverbales Verhalten einbezieht. Und die Psychologin Henrike Moll von der University of Southern California hat nun noch eine andere Facette der Theory of mind entdeckt, die früh beginnt. 

"Wir zeigen kleinen Kindern Kasperletheater, in dem ein Protagonist etwas nicht weiß. Er hat falsche Erwartungen an die Wirklichkeit und diese Erwartungen sind jetzt in Begriff enttäuscht zu werden. Das ist also wie bei Hitchcockfilmen, der war ja der Meister der suspense, wie man sagt. Und das haben wir im Grunde uns zunutze gemacht, um zu erforschen, ob kleine Kinder auch für suspense empfänglich sind. Und das haben wir bei Zwei- und Dreijährigen festgestellt."

Natürlich sahen die Kinder in Molls Theateraufführungen keine Hitchcockszene, bei der der Zuschauer weiß, dass der ahnungslose Protagonist gerade in die Falle seines Mörders tappt. Sie sahen zum Beispiel wie das Krümelmonster hoch erfreut zehn Kekse in eine Dose legt und dann den Raum verlässt. Dann kommt ein Doktor, schaut in die Dose, sagt 'Das ist zu viel' und nimmt acht Kekse heraus. Wenn das Krümelmonster dann zurückkommt und auf seine Dose zugeht, steht den Kindern die Spannung ins Gesicht geschrieben. 

Frühe Fundamente fiktionalen Erlebens

"Dann haben wir gesehen, dass die Kinder sich dann auf die Lippen beißen, dass die den Mund öffnen oder ganz schnell schließen - manche haben auch Warnungen ausgesprochen, also Voraussagen gemacht - und dass die also mitfiebern und sich einfühlen in das Krümelmonster. Und dass sie voraussehen, wie es dem gehen wird, wenn der mit der Wirklichkeit konfrontiert wird. Und das finden wir eben unglaublich interessant, weil das nicht nur zeigt, dass sie schon diese falschen Annahmen verstehen des anderen. Sondern sie verstehen auch, wie der andere auf die Realität reagieren wird, mit Enttäuschung und Überraschung."

Bewusst können Kinder erst mit sechs oder sieben Jahren sagen, dass das Krümelmonster überrascht sein wird. Erst in diesem Alter haben sie also den Zusammenhang zwischen einer falschen Erwartung und ihren emotionalen Folgen begriffen. Wenn sie aber eine spannende Geschichte erleben, erfühlen sie das offenbar schon viel früher. Henrike Moll meint daher, dass sich die Theory of mind in verschiedenen Stufen entwickelt, die noch besser verstanden werden müssen. Und sie glaubt ganz nebenbei auf frühe Fundamente fiktionalen Erlebens gestoßen zu sein:

"Teilweise gab es auch eine psychologische Distanz, dass die Kinder mit Schadenfreude reagiert haben oder geschmunzelt haben darüber, was da passiert, oder es kommentiert haben. Was im Grunde auch zeigt, dass sie schon so eine fiktionale Fähigkeit haben. Dass sie sich nämlich wirklich als Beobachter dieser Szene - das ist im Grunde eine Entertainmentfähigkeit - gezeigt haben. Und das ist tatsächlich etwas, was wir jetzt weiter verfolgen wollen, inwiefern das Kind schon in diesem zarten Alter von zwei-drei Jahren die Fähigkeit eines engagierten Beobachters, so wie jemand im Kino, wie jemand der sich einen Film anschaut, hat."

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