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StartseiteForschung aktuellLandtiere auf Weg in Aussterbewelle25.07.2014

Menschlicher EinflussLandtiere auf Weg in Aussterbewelle

Biodiversität. - Fünf große Massenaussterben hat es gegeben, seit sich vielzellige Lebewesen die Erde vor rund 550 Millionen Jahren erschlossen. Biologen gehen davon aus, daß wir derzeit auf die sechste Aussterbewelle zusteuern, ausgelöst durch den Menschen. Im US-Wissenschaftsmagazin "Science" beschreiben Experten das Ausmaß des Problems, aber auch zum Teil ungewöhnliche Lösungsansätze.

Von Volker Mrasek

(picture-alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)
Viele Großsäuger wie diese Steppenzebras geraten durch den Menschen in Existenznot. (picture-alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)
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Weiterführende Information

Abnehmende Artenvielfalt (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 22.04.14)

Durchaus anpassungsfähig (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 02.08.13)

Entwaldung ist ein geläufiger Begriff. Jeder weiß, was damit gemeint ist: die großflächige Rodung von Wäldern, besonders in den Tropen. Im Englischen spricht man von Deforestation. Diesem Schlagwort stellen Biologen jetzt ein neues zur Seite: De-faunation. Man könnte es übersetzen mit "Entleerung der Tierwelt". Dabei geht es um das anhaltende Aussterben vieler Landtierarten durch menschliche Eingriffe in die Natur. Welche Dimension es hat, berichten Rodolfo Dirzo und andere Biologen jetzt im Fachblatt "Science". Der gebürtige Mexikaner ist Professor für Umweltwissenschaften an der Stanford University in Kalifornien:

"In unserem Artikel schildern wir die Situation bei Landwirbeltieren. Betrachtet man die geologische Vergangenheit, dann kann man sagen, daß es normalerweise alle 10.000 Jahre zum Verlust einer Art kommt. Allein in den letzten 500 Jahren sind aber 322 Arten ausgestorben. Das ist eine gigantische Zahl!"

Der mexikanische Schwarzbär. Der Tasmanische Tiger. Große, straußenähnliche Laufvögel auf Madagaskar. Lauter ausgestorbene Wirbeltiere, die Rodolfo Dirzo einfallen. Alle durch den Menschen ausgerottet. Durch übermäßige Jagd oder die Zerstörung ihrer Habitate. Ein Schicksal, das vielen weiteren Tierarten droht.

"Wir wissen, daß die Jagd in tropischen Ökosystemen sehr, sehr intensiv ist. Im Amazonas-Gebiet in Brasilien zum Beispiel werden schätzungsweise 14 Millionen Säugetiere jährlich getötet. Das sind schockierende Bestandsverluste!"

Schockierende Verluste!

Und sie könnten weiter zunehmen. Denn noch immer wird in den Tropen Regenwald großflächig abgeholzt. Das bedeutet auch, daß Jäger immer weiter in den Dschungel vordringen. In Gebiete, die vorher nicht zugänglich waren. In ihrer Existenz bedroht sind vor allem große Wirbeltiere. Was geschieht, wenn sie verschwinden, und welche wichtigen Funktionen des Ökosystems dann verlorengehen, beschreibt Rodolfo Dirzo an einem Beispiel aus Afrika:

"Wir haben eine Studie aus Kenia. Da wurden große Säugetiere wie Elefanten, Giraffen und Zebras aus einem Savannen-Gebiet entfernt, durch Elektrozäune. Das führte dazu, daß sich die Bestände von Ratten, Mäusen und anderen Nagern teilweise verdoppelten. Diese Tiere aber verbreiten Krankheiten. Wir haben festgestellt, daß darunter schreckliche Dinge sind, Leptospirose oder Leishmaniose zum Beispiel. In einigen Fällen haben wir sogar Pest-Erreger gefunden! Das heißt: Das Verschwinden der großen Säugetiere erhöht das Krankheitsrisiko für den Menschen."

Es gibt noch viele andere Funktionen, die Ökosysteme zunehmend einbüßen, weil sich die Tierwelt entleert und unzählige Arten in ihrer Bestandsdichte abnehmen. Dazu zählt die Verbreitung von Pflanzensamen durch Vögel. Oder die Bestäubung von wichtigen Kulturpflanzen durch Insekten. Um diese Funktionen aufrechtzuerhalten, müsse viel mehr getan werden, schreiben die Autoren eines weiteren Artikels in "Science". Sie empfehlen verstärkt steuernde Eingriffe in Ökosysteme. Dazu gehört auch, ausgestorbene Tierarten durch andere zu ersetzen. Philip Seddon, Zoologe an der Universität von Otago in Neuseeland:

"Auf einigen Inseln im Indischen Ozean sind Riesenschildkröten ausgestorben. Damit fiel auch ihre Funktion im Ökosystem aus: Pflanzensamen zu essen, wieder auszuscheiden und zu verbreiten und so die natürliche Vegetation zu formen. Daraufhin hat man eine fremde Schildkröten-Art eingeführt, aus stabilen Beständen anderer Inseln. Sie füllt jetzt die entstandene ökologische Lücke wieder auf. Ich denke, wenn man sie sorgfältig plant und Erfolge damit vorweisen kann, dann gehört solchen Projekten die Zukunft."

Arten und Ökosysteme zu bewahren, gestaltet sich allerdings immer schwieriger. Denn es gibt neue Bedrohungen durch die Klimaerwärmung. Und durch immer mehr eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten im Zuge der Globalisierung. Es könnte nur noch 200 Jahre dauern, und die Hälfte der Säugetiere auf der Erde steht am Rande des Aussterbens. Das, so Rodolfo Dirzo, sei kürzlich von führenden Experten abgeschätzt worden:

"Innerhalb von nur einigen Menschen-Generationen können wir die halbe Säugetier-Fauna ausrotten, für deren Entwicklung die Evolution 3,5 Milliarden Jahre brauchte!"

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