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StartseiteCorsoWenn Musikmachen krank macht27.07.2019

Mental Health Wenn Musikmachen krank macht

Wenn Superstars wie Kanye West oder Justin Bieber unter psychischen Problemen leiden, lassen sie sich die besten Therapeuten der Welt einfliegen. Aber auch viele Künstler aus dem Independent-Bereich haben mit Tourstress und Drogen zu kämpfen. Was tun, wenn es nicht mehr weitergeht?

Von Christoph Reimann

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Eine leere Bühne mit Mikrofonen und Gitarre (imago stock&people)
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Es tut sich etwas im Pop. Musikerinnen und Musiker sprechen offen über psychische Probleme: Justin Bieber zum Beispiel, aber auch Kanye West. Das ist insofern besonders, als gerade Hip-Hopper lange den starken Mann markiert haben. Und noch viel älter ist der Dreiklang aus Sex, Drugs und Rock’n’Roll, der das ausschweifende Partyleben geradezu heroisiert hat. Wenn Superstars wie besagter Kanye West oder Justin Bieber über psychische Probleme klagen, können sie sich die besten Therapeuten der Welt einfliegen lassen, koste es, was es wolle. Aber auch Musikerinnen und Musiker aus dem Independent-Bereich haben nicht selten mit Tourstress, Drogenmissbrauch, und speziell: dem unsicheren Leben ohne regelmäßiges Einkommen zu kämpfen. Was können sie machen, wenn es nicht mehr weitergeht?

Ava Trilling: "Ich brauchte einen geregelten Tagesablauf, Komfort, wenn man so will. Das hat uns in der Band gespalten, für die vier bis fünf Jahre, die kommen sollten."

Geh' mit Freunden auf Tour!

Ava Trilling erzählt ihre Geschichte am Rande einer Podiumsdiskussion. Mit 16 spielt sie in der Band The Forth Wanderers. Heute hat die Gruppe einen Vertrag mit dem großen Independent-Label Sub Pop. Damals, in den Anfängen, müssen die Musiker alles allein organisieren. Das bedeutet auch: Nicht immer reicht das Geld auf Tour für ein Hotel. Eigentlich schweißt so etwas zusammen.

Bei den vier Männern von den Forth Wanderers war es ja auch so: "Sie waren die ganze Zeit zusammen, die hatten nicht ihre Eltern oder Freundinnen dabei, die sie unterstützen mussten. Sie waren allein in einem Auto unterwegs. Für sie war es vollkommen okay, bei Fremden zu übernachten, wenn es sein musste."

Ava Trilling hat schon mit Angstzuständen zu kämpfen, als sie noch nicht in der Band ist. Freunde und Familie mit auf Tour zu nehmen – den Rat nimmt sie damals aus ihrer Therapie mit. Trotzdem: Die psychischen Probleme belasten die Gruppe.

Angststörungen belasten das Bandgefüge

"Meine Angststörung hat sich stark auf die Band ausgewirkt. Wenn ich die nicht hätte, wären wir jetzt wahrscheinlich auf Tour durch das ganze Land. Die Angstzustände haben dazu geführt, dass ich mich von meinen Bandmitgliedern distanziert habe. Ich konnte nicht lange mit ihnen zusammen in einem Auto sein, ich konnte dreckige Schlafplätze nicht aushalten. Ich brauchte meinen Schlaf, meine Ruhe. Das hat die Beziehungen in der Band auf jeden Fall belastet."

Seit Kurzem sprechen auch Größen wie Kanye West oder Justin Bieber öffentlich über psychische Probleme. Die Superstars können sich die besten Therapeuten der Welt leisten. Die vielen Musikerinnen und Musiker im Independent-Bereich haben diese Möglichkeit nicht. Und das bei ganz und gar nicht weniger kritischen Rahmenbedingungen, erzählt Jennifer Leff, und zählt häufige Probleme auf: "Finanzielle Kämpfe, Beziehungspflege, Belästigung, Diskriminierung. Burn-out, Drogenmissbrauch, psychische Störungen, Suizid. Das unstete Leben. Fremd- versus Selbstwahrnehmung. Soziale Medien und das Bild, das man glaubt, darin abgeben zu müssen."

Erste Hilfe von MusiCares 

Jennifer Leff arbeitet für MusiCares. Die gemeinnützige Einrichtung gehört zur Recording Academy, die auch die Grammys vergibt. Die Aufgabe von Musicares besteht darin, Musikerinnen und Musikern in Not zu helfen.

"Das Wichtigste ist es für Betroffene, Hilfe zu finden. Damit sie sich weniger isoliert fühlen, nicht alles mit sich selbst ausmachen müssen. Nicht jeder kann es sich leisten, einen Therapeuten mit auf Tour zu nehmen oder sechs Monate Pause zu machen. Betroffene müssen sich Leuten anvertrauen."

MusiCares gibt es seit 1998. In den vergangenen Jahren sei das Interesse an der Non-Profit-Organisation spürbar gestiegen, erzählt Leff. Sie werde häufiger zu Podiumsdiskussionen eingeladen, und entscheidende Personen in der Musikindustrie hätten erkannt, wie wichtig Mental Health für die Arbeit und die Musik sei.

Musikbranche ist häufiger betroffen als andere 

Ein Fortschritt. Auch, weil es inzwischen belastbare Zahlen gibt: Eine Studie in Großbritannien hat ergeben, dass Musikerinnen und Musiker dreimal häufiger an Angststörungen und Depressionen leiden als Personen anderer Berufsgruppen.

Ava Trilling spricht mit ihren Bandmitgliedern über ihre Probleme. Aber als Sub Pop die Forth Wanderers unter Vertrag nimmt, kommt es zur Krise. Der Grund: Das Label will die Band auf Tour schicken.

"Die Tour sollte uns groß rausbringen. Wir sollten unsere Musik vor Leuten spielen, die sie noch nie gehört hatten. Eigentlich war das eine großartige Chance. Aber ein paar Tage, bevor es losgehen sollte, bin ich zusammengebrochen. Ich hatte mich selbst unter Druck gesetzt. Ich konnte einfach nicht mehr. Also habe ich die Tour abgesagt."

Gefahr der Romantisierung

Bis heute ist Ava Trilling nicht mehr auf Tour gegangen. Das Label Sub Pop und ihre Band tragen die Entscheidung mit, obwohl im Live-Sektor das meiste Geld steckt.

Vielleicht ist das ein seltener Glücksfall, vielleicht aber auch ein Rollenmodell für eine Industrie, die erkannt hat, dass die wilden Jahre von Sex, Drugs und Rock’n’Roll zu vielen traurigen Schicksalen geführt haben. Ava Trilling verarbeitet ihre Geschichte auch in ihren Songs: "Ich habe unter Depressionen gelitten und mit Angstzuständen gekämpft. Viele meiner Songs drehen sich um diese Themen. Es ist schon einfacher, einen Song zu schreiben, wenn es dir nicht gut geht. Man ist verletzlicher, die Songs sind dichter dran, die Gefühle sind rauer. Viele Leute hören so etwas gerne. Aber ich glaube nicht, dass wir das romantisieren sollten."

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