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StartseiteCorsoWenn das psychische Leid in die Öffentlichkeit rückt11.08.2020

Mentale Gesundheit im PopWenn das psychische Leid in die Öffentlichkeit rückt

Musiker Kanye West weint auf der Bühne und berichtet in den sozialen Medien von seiner Bipolarität. Auch James Blake und Selena Gomez machen ihre psychischen Probleme zum Thema. Genie und Wahnsinn liegen auch im Pop dicht beieinander. Ein schmaler Grad zwischen echtem Leid und falschem Fetisch.

Von Raphael Smarzoch

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Der US-amerikanische Rapper Kanye West begrüßt in einer Weste der Security seine Anhänger in South Carolina bei einer Veranstaltung im Rahmen der anstehenden Präsidentschaftswahlen 2020 (imago)
Rapper Kanye West fällt immer wieder durch bizarre Verhaltensweisen auf, und zeigt Interesse bei der amerikanischen Wahl als Kandidat anzutreten (imago)
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I hate being Bi-Polar. It’s awesome" – "Ich hasse es bipolar zu sein. Es ist großartig." Diese Aussage findet man auf dem Cover des Albums "Ye" des US-amerikanischen Rappers Kanye West. West ist nicht der Einzige, der sich dazu bekennt, an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Auch Musikerinnen und Musiker wie James Blake oder Selena Gomez thematisieren psychische Dissonanzen. Und überhaupt scheint es heutzutage immer selbstverständlicher zu sein, über mentale Gesundheit zu sprechen und das eigene psychische Leid in der Öffentlichkeit zu beleuchten. Dies, so Deutschlandfunk Redakteur Raphael Smarzoch, ist durchaus eine ambivalente Angelegenheit.

Krankheit als Marke

Zum einen ist es durchaus positiv zu bewerten, dass offenbar eine Entstigmatisierung des Themas stattgefunden hat. Wenn große Stars wie Ariane Grande über ihren Kampf mit Depressionen sprechen, dann hat das natürlich Vorbildfunktion und könnte auch anderen Menschen helfen, darüber zu sprechen und in einen Dialog zu treten. Andererseits können psychische Erkrankungen auch zu einer Marke werden.

"Das könnte beispielsweise bei Kanye West der Fall sein, der angeblich unter einer bipolaren Störung leidet und in letzter Zeit durch äußerst erratisches Verhalten in Erscheinung getreten ist. Und dieses Verhalten ist natürlich medienwirksam. Es generiert Aufmerksamkeit und damit auch Umsätze. Und vor diesem Hintergrund ist das durchaus kritisch zu sehen. Zum einen weil psychische Zusammenbrüche, wie beispielsweise bei seiner Wahlkampfveranstaltung, zum Meme werden, man erwartet sie förmlich, zum anderen weil West daraus auch selbst Kapital schlägt."

Geniale Züge

West bezeichnet seine psychische Erkrankung als eine Art Superkraft. "Da findet ja auch eine Verklärung, eine Romantisierung, statt, die weit in die Musik- und Kultur-Geschichte zurückreicht, nämlich in den Genie-Kult." Dieser sogenannte Genie Kult befeuert die Annahme, dass kreative Tätigkeiten von krankhaften Gemütszustände profitieren, dass diese Gemütszustände zu künstlerischen Höchstleistungen führen.

"Das findet man schon in der klassischen Musik, aber auch in der Literatur oder Kunst. Natürlich war das nur den Männern vorbehalten. Denn schöpferische Geistigkeit und Weiblichsein galten als unvereinbar. Die Frauen waren bloß dazu da als Schutzinstanzen, die Männer wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen, etwa wie das Kim Kardashian bei ihrem Ehemann Kanye West macht."

Depression als Fetisch

Die Tatsache, dass Fragen nach psychischem Wohlbefinden im Pop heutzutage so virulent sind, hat einerseits tragische Gründe. Der Star DJ Aviccii nahm sich unter anderem letztes Jahr das Leben. Und auch Chester Bennington von Linkin Park. Diese traurigen Vorfälle haben dazu geführt, dass anders über Depressionen und psychische Erkrankungen geredet wird. Eine Serie wie "Tote Mädchen lügen nicht", "13 Reasons Why", führte beispielsweise auch zu einer Diskursverschiebung.

Das ist die Kehrseite der Medaille. Depressionen können zu einer Art Ästhetik werden. Traurigkeit wird fetischisiert, man denke in diesem Kontext nur an Lana del Rey, die das Image einer melancholischen, apathischen und verführerischen Muse pflegt. Oder an die Sad Boys Clique rund um den schwedischen Rapper Yung Lean, die einen ironischen Zugang zu dem Thema pflegen. Dabei gibt es da gar nichts zu lachen.

Wenn Sie sich selbst von Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter den kostenlosen Hotlines 0800-111 0111 oder 0800-11 10222 erhalten Sie Hilfe.

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