Donnerstag, 21.01.2021
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteCampus & KarriereKrieger (DIW): Kaum Effekte auf Bildung und Erwerbstätigkeit 23.12.2020

Mentorenprogramme für GeflüchteteKrieger (DIW): Kaum Effekte auf Bildung und Erwerbstätigkeit

Bessere Sprachkenntnisse und sozial aktiver, das seien positive Folgen von Mentorenprogrammen für Geflüchtete, sagte Magdalena Krieger vom Deutschen Institut für Wirtschaft im Dlf. Bei der Integration in den Arbeitsmarkt ließen sich aber keine Unterschiede zu anderen Geflüchteten feststellen.

Magdalena Krieger im Gespräch mit Thekla Jahn

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Zwei Eritreer sitzen während einer Jobbörse einer Beraterin gegenüber. (imago / Rainer Weisflog)
Der freundschaftliche Kontakt zwischen Mentee und Mentorin sei wichtig für beide Seiten – ein positiver Effekt von Mentorenprogrammen, sagte Magdalena Krieger (DIW) im Dlf (imago / Rainer Weisflog)
Mehr zum Thema

Themenreihe Mittelpunkt Mensch Flüchtlinge als Mentoren

Flüchtlingshilfe "Inspirierte Offenheit"

Doku über Provinz-Flüchtlingshilfe "Kann man in keinem Drehbuch der Welt so schreiben"

Vor gut fünf Jahren kamen fast eine Million Geflüchtete nach Deutschland, viele Bürger haben geholfen, ihnen einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben. In kürzester Zeit gingen die unterschiedlichsten Integrationsprojekte an den Start, darunter auch sogenannte Mentorenprogramme. Sie bringen Geflüchtete mit Deutschen zusammen, um sie im Alltag, bei Behördengängen, bei der Suche nach Ausbildung und Arbeit zu unterstützen. 

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat sich Mentorenprogramme von Hilfsorganisationen, Flüchtlingsräten, den Kirchen, den Städten und Gemeinden und von verschiedenen Stiftungen angeschaut. Federführend an der Studie war Magdalena Krieger beteiligt - sie hat die Programme in 14 Städten in der Bundesrepublik mit den jeweiligen Schwerpunkten analysiert.

Kunstvolle Streifen auf dem Glas zaubert ein Fensterputzer während seiner Arbeit. (picture alliance / Wolfgang Kumm) (picture alliance / Wolfgang Kumm)Heißbegehrt und ausgebremst – Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt
Immer mehr Geflüchtete haben feste Jobs oder Ausbildungsplätze. Wirtschaft und Handwerk brauchen sie. Doch neben den gesetzlichen Hürden stellt auch der schulische Teil der Ausbildung eine Herausforderung dar.

Thekla Jahn: Welche Mentorenprogramme haben Sie sich für ihre Studie ausgesucht?

Magdalena Krieger: Die Mentorenprogramme variieren sehr stark in ihrer Ausrichtung. Es gibt eben die Mentorenprogramme, die vor allen Dingen darauf angelegt sind, Geflüchteten bei Behördengängen oder beim Briefverkehr zu unterstützen. Das Programm, das bei uns im Vordergrund stand - das von "Start with a friend" arrangiert und organisiert wird - das ist vor allen Dingen auf den freundschaftlichen Kontakt der beiden Tandempartner ausgerichtet. "Start with a friend" ist bundesweit aktiv, das heißt, wir haben das Programm in verschiedenen Städten angeguckt, genauer gesagt in 14 Städten, die in Deutschland verteilt sind.

Sehr starke Verbesserung der Sprachkenntnisse

Jahn: Was haben Sie denn herausgefunden, wobei kann ein solches Mentorenprogramm helfen? Im Namen steckt schon Freundschaften initiieren, aber sicherlich auch noch mehr.

Krieger: Genau. Wir haben uns vor allen Dingen angeguckt, wie wirken diese Mentorenprogramme sich auf die Integration der Geflüchteten aus. Was wir dort vor allen Dingen finden, ist, dass durch die Mentorenprogramme die Geflüchteten ihre Sprachkenntnisse sehr stark verbessern. Wir finden dort einen Zuwachs durch das Mentorenprogramm, der einem zusätzlichen Aufenthaltsjahr in Deutschland gleicht. Zusätzlich finden wir auch, dass die Geflüchteten durch das Programm sozial aktiver sind, also häufiger ins Kino gehen, ins Fitnessstudio gehen, essen gehen, einfach sich aus ihrem Haus rausbewegen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Jahn: Sind denn diese Verbesserungen gerade bei der Sprache tatsächlich auf das Mentorenprogramm zurückzuführen? Sie könnten ja auch zurückzuführen sein auf einen längeren Aufenthalt hier und dadurch eine Verbesserung der Sprache.

Krieger: Genau, das ist eben ein grundsätzliches Problem, was man in der Programmevaluation hat: Man weiß oft nicht, ist es der Effekt des Programms oder ist es der Effekt der Zeit. Für diese Unterscheidung haben wir Geflüchtete verglichen, die an dem Projekt teilnehmen, mit denen, die nicht an dem Projekt teilnehmen, und so kann man die Effekte der Zeit - also, 'Ich lebe einfach länger in Deutschland und spreche daher besser Deutsch', rausrechnen und den wirklichen und wahren Effekt des Mentorenprogramms bestimmen.

  (picture-alliance/dpa/Patrick Pleul) (picture-alliance/dpa/Patrick Pleul)Flüchtlinge in Baden-Württemberg - Freiwilliges Soziales Jahr als Integrationshilfe
Für junge Flüchtlinge ist es oft schwierig, sich in ihr neues soziales Umfeld in Deutschland zu integrieren. Einige von ihnen versuchen das, indem sie selber helfen und ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Das baden-württembergische Sozialministerium fördert Organisationen, die Flüchtlingen eine Stelle geben.

Effekt auf Erwerbstätigkeit "dauert noch ein bisschen"

Jahn: Sie sagen ein Jahr Vorteil bringt das. Wie sieht es bei Arbeit und Bildung aus, haben Sie da auch Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen erkennen können?

Krieger: Bei Arbeit und Bildung können wir nach einem Jahr noch keine Unterschiede entdecken, das heißt, dort gleichen sich die beiden Gruppen, die mit und ohne Mentor*innen, noch. Allerdings sind Sprache und soziale Netzwerke und soziale Aktivitäten natürlich Sprungbretter in Bildung und Erwerbstätigkeit. Daher hypothesieren wir, dass es in einem Jahr wahrscheinlich super Effekte auf Bildung und Erwerbstätigkeit geben könnte, dass es einfach noch ein bisschen dauert.

Positiv, dass sich Mentoren weiterhin engagieren möchten

Jahn: Was Sie festgestellt haben, ist, dass Geflüchtete – in dem Fall dieses Programms, aber auch wahrscheinlich grundsätzlich bei Mentorenprogrammen – speziell im Bereich Sprache profitieren. Ob sich das dann später auf die Jobsuche oder Bildungschancen auswirkt, das wird sich noch zeigen. Haben denn auch diejenigen, die als Mentoren und Mentorinnen arbeiten, etwas von dem Austausch, also ein Geben und Nehmen?

Krieger: Dafür finden wir tatsächlich Anzeichen. Wir finden Anzeichen dafür, es ist ein Geben und Nehmen. Die Mentoren und Mentorinnen berichten, dass sie Geflüchteten helfen möchten und dass sie erwarten, dass sie das Leben der Geflüchteten besser verstehen. In einer weiteren Befragung dann zum Ende des Tandems hin sehen wir tatsächlich die Mentoren und Mentorinnen berichten, dass sie Freunde geworden sind mit ihren Tandempartnern und Tandempartnerinnen, dass sie das als gutes Match empfunden hatten und dass sie Spaß an der Beziehung hatten. Zusätzlich sehen wir auch, dass die Mentor*innen, die vier Monate lang in einem stabilen Tandem mit einem Geflüchteten waren, sich auch in Zukunft direkt und vor Ort, also im direkten Kontakt mit Geflüchteten, weiterhin engagieren möchten, und das werten wir als sehr positives Zeichen.

Tandempartner: "Dieser freundschaftliche Kontakt wirkt"

Jahn: Wenn Sie jetzt resümierend auf diese Studie blicken, was wünschen Sie sich, was mitgenommen wird aus den Erfolgen der Mentorenprogramme?

Krieger: Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist erst mal, das große, große Engagement der vielen Freiwilligen wertzuschätzen. Bei "Start with a friend", aber auch bei allen anderen Mentorenprogrammen engagieren sich sehr viele Menschen ehrenamtlich, investieren ihre Zeit und ihr Wissen und ihre Fürsorge, um ein gesellschaftliches Miteinander zu kreieren, und das finde ich erst mal eine ganz, ganz tolle Botschaft. Zusätzlich sehen wir, dieser freundschaftliche Kontakt wirkt, er bewirkt etwas Positives – sowohl für die Geflüchteten im Bezug auf ihre Sprache und ihre sozialen Aktivitäten sowie für die Mentoren, die einen Freund oder eine Freundin finden sowie Spaß an ihrem Engagement haben. Ich denke, das ist eine ganz tolle Sache.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk