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StartseiteMusikjournalWie können toxische Beziehungen verhindert werden?02.08.2021

Mentoring im MusikbetriebWie können toxische Beziehungen verhindert werden?

Ein Mentor ist ein Förderer, ein Fürsprecher oder ein Berater. Es gibt aber auch toxische Beziehungen zwischen Lehrenden und Schülern, die im schlimmsten Fall die Entwicklung bremsen oder übergriffig werden. Grund dafür seien oftmals veraltete Hierarchien, kritisierte Moritz Eggert, Professor für Komposition, im Dlf.

Moritz Eggert im Gespräch mit Marie König

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Der Komponist, Pianist, Autor, Sänger, Schauspieler & Dirigent Moritz Eggert (Moritz Eggert/ Felix Poehland)
Der Komponist, Schauspieler & Dirigent Moritz Eggert lehrt an der Musikhochschule München. (Moritz Eggert/ Felix Poehland)
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Ein gutes Verhältnis zwischen einem Professor und einer Studentin zeichne sich beispielsweise dadurch aus, dass diese das Gefühl habe, alles sagen zu können, dass sie sich nicht in irgendeiner Form bedroht fühle und sich frei entfalten könne und dabei auch unterstützt werde, sagte Eggert.

Machtgefälle wird manchmal ausgenutzt

Es gibt aber auch ungesunde, gar toxische Schüler- und Lehrerbeziehungen im Musikbetrieb.

In einer Schieflage befinde sich das Verhältnis zum Beispiel, wenn es bei einer Studierenden-Befragung, die meist anonym stattfindet, erste Warnzeichen gebe, sagt Eggert. Aber auch, wenn Studierende zum Beispiel nicht mehr zum Unterricht erscheinen, müsse so schnell wie möglich das Gespräch gesucht werden.

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Gerade im Bereich der Klassischen Musik gebe es einige Lehrende, die sich auch durch den Erfolg der eigenen Studierenden definierten, beobachtet Eggert. Aus dieser Situation heraus könne es dann auch mal übergriffig werden. "Das heißt, dass Lehrerinnen und Lehrer dieses Machtpotenzial ausspielen und sagen: Du musst das und das machen, dann wirst du auch Karriere machen. Dafür sorge ich, weil ich auch in den richtigen Jurys bin, in den richtigen Stipendien-Ausschüssen usw. Und wenn du das nicht machst, lass ich dich das auch spüren."

Solche toxischen Situationen seien sehr häufig sagt Eggert. Die Studierenden hätten dann kaum Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun. "Da helfen dann diese sehr altmodisch, hierarchisch aufgebauten Hochschulstrukturen auch nicht wirklich. Denn die gehen davon aus, dass die ganze Macht bei den Professoren liegt."

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Prozess ist in Bewegung

Welche Möglichkeiten gibt es dann, für Studierende aus so einer Situation herauszukommen? Studierende könnten in diesen Fällen den Lehrer bzw. die Hochschule wechseln bzw. innerhalb der Hochschule die Lehrperson wechseln. Doch das sei nicht immer leicht – auch, weil die verlassenen Hochschullehrer oft "eifersüchtig" seinen und dann in Prüfungen ehemalige Studierende schlechter bewerten würden.

Doch es sei auch Bewegung in den Prozess gekommen, sagt Eggert. "Wir müssen verstehen, dass viele Hierarchien vollkommen veraltet sind und aufs 19. Jahrhundert zurückgehen. Wir erleben in allen Institutionen ein Hinterfragen dieser Hierarchien, auch natürlich die Geschlechtergerechtigkeit – das sind ganz wichtige Themen. (...) Es ist einfach so, dass sich die Menschen der jetzigen Generation einfach trauen zu sagen: Nein, das finden wir nicht ok, da könnte man doch was verbessern und in diesem Prozess befinden wir uns mit den Musikhochschulen natürlich auch. Da ist die Verantwortung an uns, diese Kritik ernst zu nehmen und auch diese Hierarchien zu ändern."

Helfen strengere Regeln?

Ob man unangenehme Situationen im Unterreicht mit strengeren Regeln unterbinden könne, bezweifelt Eggert allerdings. "Denn Regeln werden natürlich immer durchbrochen, aber die gegenseitige Achtsamkeit, an der ist nach wie vor noch viel Verbesserung anzubringen."

An dieser Stelle müsse sich auch einiges bei den Lehrenden verändern, meint Eggert. "Wirkliche Führungspersönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie Kritik annehmen können und auch umsetzen können." Die altmodischen Hierarchien an den Musikhochschulen erschwerten diesen Prozess bisher noch.

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