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StartseiteKommentare und Themen der WocheTeuer erkaufte Bilder14.07.2020

Merkel bei SöderTeuer erkaufte Bilder

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat Kanzlerin Angela Merkel in Herrenchiemsee empfangen. Wenn Söder Kanzler würde, wäre Schluss mit der bayerischen Sonderrolle, meint Michael Watzke. Dieser Gedanke könnte das spöttische Grinsen der Kanzlerin erklären.

Von Michael Watzke

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Bayern, Herrenchiemsee: Unter der Leitung von Markus Söder (r, CSU), Ministerpräsident von Bayern, und im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) findet auf der Insel Herrenchiemsee die Sitzung des bayerischen Kabinetts in der Spiegelgalerie des Neuen Schlosses statt.  (Peter Kneffel/dpa/Pool)
Bundeskanzlerin Merkel (CDU) nahm in Bayern an einer Sitzung des Landeskabinetts unter der Leitung von Markus Söder (CSU) teil. (Peter Kneffel/dpa/Pool)
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Kein Politiker in Deutschland hat ein so feines Gespür für wirkmächtige Bilder wie Markus Söder. Der gelernte Fernsehredakteur weiß, wie man einen Kanzlerinnenbesuch inszeniert: erst Schifferlfahren über den Chiemsee mit den Alpen im Hintergrund, neben sich Angela Merkel, die Söder auf den Fotos anzuschauen scheint wie Barack Obama vor sechs Jahren, beim G7-Gipfel in Ellmau. Dann Kutschfahrt mit der Kanzlerin im Zweispänner, das wirkt edel und doch bodenständig.

Und schließlich gemeinsames Präsidieren im Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee, unter Lüstern und neben Kandelabern, in einem Prunksaal, der noch ein Stück größer ist als das Vorbild von Versailles.

Merkels süffisantes Grinsen

Diese Bilder verfehlen die beabsichtigte Wirkung nicht. Ihre Symbolik schreit geradezu danach, aus Söder mehr zu machen als einen bayerischen Ministerpräsidenten. In manchen Momenten wirkt es, als habe Angela Merkel, die Ludwig II. und Wagner bewundert, ihren einstigen Widersacher Söder zum künftigen Märchenkanzler geadelt.

Wenn da nicht Merkels süffisanten Grinsen wäre. Als ahnte sie, dass Söder ein ungesundes Faible für opulente Bilder hat. Er ist anfällig für überhöhte Symbolik. Die nüchterne Kanzlerin dagegen weiß: am Ende kommt es nicht auf Oberflächlichkeiten an. Der Machtkampf in der Union wird unter der Oberfläche geführt. Beliebtheitswerte spielen in der derzeitigen politischen Gemengelage in Deutschland nicht die entscheidende Rolle: auch ein weniger beliebter CDU-Politiker wird höchstwahrscheinlich Kanzler, wenn er mehr Stimmen als die Grünen einsammelt. Die SPD wird keine Rolle spielen. Und die Grünen schlagen: das sollte der Union sogar nach Corona gelingen. Ob mit Söder oder einem anderen der (Zitat Söder) "vielen Hoffnungsträger der Union".

Bilder hat Söder teuer erkauft

Die heutigen Bilder aus Herrenchiemsee hat Söder teuer erkauft. Er hat der Kanzlerin versprochen, ihre Verhandlungen in Brüssel über einen hunderte Milliarden schweren EU-Rettungsfonds rückhaltlos zu unterstützen. Das wird Bayern viel Geld kosten. Ein Grummeln über diesen Blankoscheck ist in Teilen von Söders eigener Partei vernehmbar. Vielen CSU-lern wird gerade klar, was es bedeutet, wenn Söder wirklich Kanzler wird: Schluss mit der bayerischen Sonderrolle. Vorbei mit dem ständigen Stänkern aus dem Süden. Aus für besserwisserisches Berlin-Bashing. Denn wenn der Bundeskanzler Markus Söder heißt, dann wird Bayern Berlin.

Vielleicht ist es dieser Gedanke, der Angela Merkel auf Herrenchiemsee ab und zu spöttisch grinsen ließ. Söder mag ein Gespür für Bilder haben - Merkel hat ein Gespür für Menschen und ihre Schwächen. Sie kann zufrieden sein mit dem heutigen Tag am Chiemsee. Sie hat erreicht, was sie erreichen wollte.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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