Sonntag, 17.10.2021
 
Seit 07:05 Uhr Information und Musik
StartseiteKommentare und Themen der WocheEine zerbrechliche Freundschaft22.08.2021

Merkel und die UkraineEine zerbrechliche Freundschaft

Die deutsche Bundeskanzlerin stand wie ein Fels an der Seite der Ukraine als Russland die Krim annektieren ließ, kommentiert Sabine Adler. Doch mit der Gasröhre Nord Stream 2 habe Merkel der Ukraine geschadet. Die Freundschaft zu dem Land sei aber im europäischen Interesse und müsse gepflegt werden.

Von Sabine Adler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Angela Merkel steht mit ihrem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj auf einer Pressekonferenz und spricht (POOL EPA / picture alliance / Sergey Dolzhenko)
Angela Merkel bei ihrem wohl letzten Besuch als Kanzlerin bei ihrem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj (POOL EPA / picture alliance / Sergey Dolzhenko)
Mehr zum Thema

Die Ukraine und ihre neue Krim-Politik Wunschziel Wiedervereinigung

Ukraine-Konflikt Lage in der Grenzregion bleibt angespannt

Ukraine-Konflikt Drohgebärden am Schwarzen Meer

Nord Stream 2 Wie abhängig ist Deutschland von russischem Erdgas?

Bundesregierung und Energie-Geschäfte "Nibelungentreue zu Nord Stream 2 aufgeben"

Wenn es stimmt, dass sich echte Freunde in der Not zeigen, hat sich die Bundeskanzlerin der Ukraine gegenüber bewährt. Sie stand wie ein Fels in der Brandung, als der russische Präsident Wladimir Putin die Krim annektieren ließ und den Aufstand der ostukrainischen Separatisten anheizte.

2013/14 nutzte Russland schamlos eine schwere innenpolitische Krise in der Ukraine aus und schwächte das Land nachhaltig. Angela Merkel setzte all ihr politisches Gewicht und Geschick ein, um gerade in diesem Moment die verfeindeten Parteien in Minsk an einen Tisch zu bringen und rang dem Mann im Kreml in einem 14-Stunden-Verhandlungsmarathon mehr Zugeständnisse ab, als es jeder andere vermocht hätte, auch wenn es nicht genug war. Sie hatte damals ihren eigenen folgenschweren Irrtum erkannt, dass sie die Ukraine nie vor ein Entweder-oder hätte stellen dürfen, ein Für-Moskau oder Für-die-EU. Ein Sowohl-als-auch hätte den Konflikt womöglich von vornherein verhindert. Dass die Kanzlerin lernfähig- und willig war, schätzten viele im In- und Ausland, denn auch das unterscheidet sie von so manchen in der Politik. Vor allem vom Wladimir Putin, der wohl um nichts in der Welt freiwillig wie Merkel von der Macht lassen würde. 

Schwere Gratwanderung für Merkel und Kiew

Ihre Solidarität mit Kiew würdigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky heute mit der höchsten Auszeichnung seines Landes, dem "Orden der Freiheit", denn die deutsche Regierungschefin war es, die die EU immer wieder hinter sich versammelte und Russland keinen Augenblick glauben ließ, man würde sich an eine annektierte Krim gewöhnen und den Donbass - wie oft bei Konflikten - früher oder später vergessen. In dieser Haltung folgen ihr SPD und Grüne, die jetzt mit um Merkels Nachfolge konkurrieren, auch deshalb, weil die CDU-Frau in einem klar bemessenen Korridor agierte: diplomatische und humanitäre Unterstützung für Kiew ja, Anbindung an EU und NATO ja, aber keine Mitgliedschaft und vor allem: keine Waffen.

  (AFP/Tobias SCHWARZ) (AFP/Tobias SCHWARZ)Nord Stream 2 - Wie abhängig ist Deutschland von russischem Erdgas?
Deutschland und die USA haben ihren Streit um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 beigelegt. Innerhalb der EU ist das Projekt, das Russland offshore mit Deutschland verbindet, jedoch weiter umstritten.

Eine Gratwanderung, die für die Ukraine schwer auszuhalten war, die mit Blick auf die deutsche Geschichte allerdings mehr als verständlich ist. Vor 80 Jahren richtete der deutsche Überfall auf die UdSSR vor allem in den ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Belarus die größten Verwüstungen an. Die Hürden, deutsche Waffen abermals in diese Region zu schicken, sind zu recht extrem hoch.

So wertvoll eine Freundschaft ist, so kompliziert kann sie sein, hart wie eine Nuss, nervig. Freunde stellen uns auf die Probe. Und man kann sich entfremden. Die Gefahr bestand und besteht bei der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2. Ausgerechnet die Kanzlerin, die anders als viele Machos auf der politischen Bühne, in der Regel Rücksicht auf die kleineren Länder in Europa nahm, hat hier einen Tunnelblick. Ohne mitzuteilen, was sie überhaupt sieht: Wollte sie sich diese letzte Trumpfkarte aufsparen, um Putin Paroli zu bieten? Dann hätte sie sie in der Krim-Krise ziehen müssen. Chance verpasst. Wollte sie zeigen, dass mit Moskau zwar nicht mehr viel, aber immerhin noch etwas geht? Wozu? Nicht in Europa fehlte es an Kooperationswillen, sondern im Kreml.

Nord Stream 2 als europäischer Spaltpilz

Die Pipeline ist Merkels größter europapolitischer Fehler. Die Gasröhre ist klimapolitisch ein Dinosaurier, spaltet den Kontinent, schadet der Ukraine – zur Freude Putins. Über den Nutzen des Nord Stream Projektes für Deutschland schweigt die Kanzlerin sich aus. In der Euro- oder Flüchtlingskrise, auch jetzt bei Afghanistan erklärte sie sich, bei der Moskau so wichtigen Pipeline nicht.  Damit stößt sie die europäischen Partner und auch ihre Landsleute seit Jahren vor den Kopf. Viele Ukrainer nennen es jetzt Verrat. Die einen wenden sich ab, die anderen lernen von diesem ruppigen Stil, kopieren ihn.

Etliche Parteifreunde haben erlebt, von Merkel entsorgt zu werden. Dass dies nicht mit der Ukraine geschieht, liegt nun nicht mehr bei der Noch-Kanzlerin. Politik sollte Interessen geleitet sein, die Freundschaft mit der Ukraine ist in europäischem Interesse, pflegen wir sie also.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk