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StartseiteKommentare und Themen der WocheAufklärung und rationales Verhalten statt Verbote11.03.2020

Merkel zur CoronakriseAufklärung und rationales Verhalten statt Verbote

Bundeskanzlerin Merkel hat zur Bekämpfung der Corona-Epidemie keine pauschalen Verbote ausgesprochen. Sie appelliert stattdessen an die Bürger, Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Eine richtige Entscheidung, meint Volker Finthammer. Ein Lernprozess und rationales Verhalten aller Bürger sei maßgeblich.

Von Volker Finthammer

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11.03.2020, Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz zur Entwicklung beim Coronavirus.  (Michael Kappeler/dpa)
Angela Merkel spricht am Mittwoch (11.03.2020) auf der Bundespressekonferenz zur Coronavirus-Ausbreitung (Michael Kappeler/dpa)
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In Krisenzeiten wächst der Wunsch nach Autoritäten, die ein Machtwort sprechen und klare Regeln vorgeben. "Kein Auftritt, keine Rede, keine Führung in der Krise. Die Kanzlerin und das Corona Chaos", titelte die Bild Zeitung heute.

Und als ob sie scheinbar dem Ruf der Boulevardpresse gefolgt wäre, trat Angela Merkel heute in der Bundespressekonferenz auf und stellte sich den Fragen der Journalisten. An ihrer Seite saß Gesundheitsminister Jens Spahn, der in diesen Tagen immer wieder auch mit dem gleichen Vorwurf konfrontiert wird, obwohl er keine Kamera, kein Mikrofon und keinen öffentlichen Auftritt scheut.

Das zeigt aber, dass der Wunsch nach Führung und Autorität offenbar noch weiter reicht. Warum keine klaren Ansagen der Kanzlerin oder des Gesundheitsministers zu Schulschließungen, Fußballspielen und anderem mehr? Warum nicht mal eben das Land lahm legen wie das China zumindest in der Provinz Hubei und in Italien jetzt für das ganze Land geschieht?

Rationales Verhalten statt Machtwort

Aber nichts davon haben die beiden heute getan. Kein Verbot, keine pauschale Grenzschließung oder andere Einschränkungen haben Merkel oder Spahn ausgesprochen, obwohl sie mehrfach danach gefragt wurden.

Aber - und das sollten wir uns zwischendurch einmal ganz unaufgeregt fragen - wären wir mit einer Verbotskultur tatsächlich besser bedient? Aufklärung und rationales Verhalten ist das Gebot der Stunde. Wir alle sind gefragt und nicht das Machtwort der Kanzlerin oder eines Ministers, die ohnehin damit leben müssten, dass sich viele aus Ignoranz oder Unkenntnis nicht daran halten würden.

Die Wissenschaftler des Robert Koch Instituts wiederholen es seit Tagen gebetsmühlenartig und nicht nur die: Wir werden das Virus nicht aufhalten können. Es sucht sich seinen Weg und mit 60-70 Prozent wird eine Mehrheit der Bevölkerung auch infiziert werden. Die in dieser Lagebeschreibung bedeutsame Frage lautet nur: Wie schnell passiert das?

Bürgerverhalten massgeblich für Erfolg

Gelingt es durch alle derzeit angeratenen Vorsichtsmaßnahmen die Ausbreitung zu verlangsamen und auf Jahre zu strecken? Allein das wäre das ein schon großer Erfolg. Aber den wird man über Verbote kaum erreichen können, sondern nur über einen Lernprozess an dem sich alle im Land mit ihrem konkreten Verhalten beteiligen.

Deshalb ist es auch richtig, dass die jeweiligen Entscheidungen vor Ort getroffen werden. Dort wo es tatsächlich brenzlig wird und nicht gleich für das ganze Land. Nicht nur die Kanzlerin oder der Gesundheitsminister müssen Krisenmanager sein, sondern wir alle.

Das was die Bundesregierung tun kann, hat sie schnell und ohne Verzögerungen getan. Beim Kurzarbeitergeld, den geplanten Liquiditätsbeihilfen und anderem mehr, um die absehbaren Folgen für die Wirtschaft und die Beschäftigten aufzufangen und abzufedern. Der Erfolg liegt jetzt aber maßgeblich im Verhalten der Bürger und das sind wir.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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