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Merkels letzter Auftritt im BundestagDie Nerven liegen blank

Die Not ist groß bei CDU und CSU angesichts des Umfragetiefs vor der Bundestagswahl. Kämpferisch wie nie in ihren 16 Amtsjahren sei Kanzlerin Merkel im Parlament aufgetreten, kommentiert Frank Capellan. Merkel fürchte um ihr Erbe, mehr noch, um den Status der CDU als Volkspartei.

Ein Kommentar von Frank Capellan

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Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister und Kanzlerkandidat der SPD geht nach seiner Rede an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Plenum im Deutschen Bundestag vorbei. In seiner voraussichtlich letzten Debatte Bundestags der Wahlperiode soll unter anderem über die Situation in Deutschland, die Entscheidung über Hochwasser-Aufbaufonds und Neuregelungen zu Corona beraten werden. (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) im Bundestag (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)
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Die Nerven liegen blank, auch bei der langjährigen CDU-Vorsitzenden. Derart kämpferisch war die Kanzlerin in 16 Amtsjahren im Bundestag noch nie zu erleben. Angela Merkel fürchtet um ihr Erbe, mehr noch, um den Status der CDU als Volkspartei. In der jüngsten Forsa-Umfrage rutscht die Union erstmals unter 20 Prozent. Der Blick ins europäische Ausland zeigt: Andere konservative Parteien haben sich nie mehr von einem solchen Debakel erholt.

Panik bei der Union

Eigentlich wollte sie sich aus dem Wahlkampf raushalten, eigentlich glaubte auch Armin Laschet, ohne sie auszukommen: Er hat es nie besonders gut gemeint mit Merkel, erst recht nicht Friedrich Merz, den der Kandidat nun voller Panik ganz nach vorne stellt. Merkel wollte Annegret Kramp-Karrenbauer auf ihrem Stuhl sehen.

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Laschets Pannenserie, sein Feixen im Flutgebiet, seine Unfähigkeit, die Ziele der Union auf den Punkt zu bringen, all das muss ihr ein Graus sein. Und doch lobt sie ihn sehr spät, vielleicht zu spät, in höchsten Tönen. Mit Maß und Mitte könne er das Land regieren, Merkel warnt vor der Gefahr von links. Die Not ist eben groß, es droht Olaf Scholz, der gerade erfolgreich das praktiziert, wozu Armin Laschet nicht in der Lage war – sich in die Tradition von Angela Merkel zu stellen.

Verkehrte Welt: Ihr Vizekanzler gibt sich immer wieder so wie wir es von der Kanzlerin gewohnt sind. Staatstragend, jovial, gönnerhaft. Erst hat er die Raute kopiert, heute bedankt er sich bei der "Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel" für die gute Zusammenarbeit. Merkels Kritik perlt an ihm ab. Dass es Wasser auf die Mühlen all der Alu-Hüte und Querdenker ist, den Eindruck zu erwecken, als hätte es nach der Zulassung des Impfstoffes noch Millionen von Versuchskaninchen bedurft, ist dem SPD-Kanzlerkandidat offenbar nicht klar. Er habe halt einen Witz gemacht, und wenn sie in der Union darüber nicht lachen können, liegt das für Scholz ganz einfach daran, dass sie angesichts der Umfragen nichts mehr zu lachen haben.

Lindners Hinweis auf 1976

"Eine gewisse Siegesgewissheit kann man Ihnen nicht absprechen", gibt der Kanzlermacher süffisant zu Protokoll, Christian Lindner. Die tragisch mal wieder auf die Verliererseite gerutschten Grünen glaubt Scholz längst einverleibt zu haben, auf den FDP-Chef aber kann er noch lange nicht setzen. Lindner erinnert an 1976. Da holte Helmut Kohl fast die absolute Mehrheit und wurde am Ende doch nicht Kanzler. So ähnlich könnte es auch Scholz ergehen. Deutlicher hätte Lindner kaum aussprechen können, dass er seinen NRW-Vertrauten Laschet in einem Jamaika-Bündnis zum Merkel-Nachfolger machen möchte.

Das Taktieren der SPD mit der Linken, ein Bündnis ausschließen zu wollen ohne es deutlich auszusprechen, könnte Scholz auf die Füße fallen.  Starke Nerven sind gefragt, bis zum Wahltag, und wohl erst recht danach.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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