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StartseiteBüchermarktPlädoyer gegen den Begriff des Herrscherwahns09.05.2021

Merkmale der DiktaturPlädoyer gegen den Begriff des Herrscherwahns

1894 sorgte die Broschüre „Caesarenwahn“ des deutschen Historikers Ludwig Quidde für Aufsehen: Quidde attestierte Kaiser Wilhelm II. wahnhaftes Verhalten und beschrieb dies als typisch für autoritäre Herrscher. Der Begriff Caesarenwahn hat bis heute seine Spuren hinterlassen.

Von Michael Kuhlmann

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Buchcover Blank, Catrein, van Hoof (Hrsg.): „Caesarenwahn“ und ein Lorbeerkranz in der Hand der Goldelse (Buchcover: Böhlau Verlag, Hintergrund: IMAGO / Steinach)
Von vermeintlich wahnhaften Herrschern und der gläubigen Gefolgschaft (Buchcover: Böhlau Verlag, Hintergrund: IMAGO / Steinach)
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Es gibt sie – jene historischen Figuren wie Adolf Hitler oder auch den kambodschanischen Diktator Pol Pot, deren Mordtaten man aus psychischen Störungen erklären möchte. Von "Caesarenwahn" ist dann womöglich die Rede – dieser Terminus lässt durchblicken, dass es solche Erklärungsversuche schon in der Antike gegeben hat. Und so empfängt einen das Buch der Woche direkt mit einem provokanten Titelbild: Mit Hail Trump! betitelte der amerikanische Illustrator Tim O‘Brien seine Büste Donald Trumps im Stil eines römischen Kaisers: bekleidet mit einer Toga und mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupt. Und der titelgebende Begriff Caesarenwahn scheint auf kaum einen heutigen Akteur so gut zu passen wie auf den abgewählten US-Präsidenten. Der Mainzer Althistoriker Thomas Blank hat das neue Buch mit herausgegeben.

"Uns geht‘s um die Auseinandersetzung mit der kulturellen Prägekraft der Idee, römische Kaiser oder auch andere autokratische Machthaber seien wegen ihrer unbegrenzten Machtfülle besonders anfällig für das, was man umgangssprachlich oder sehr wertend als wahnhaftes Verhalten beschreiben könnte. Die Idee, es gebe eine von der autokratischen Macht verursachte oder wenigstens mitverursachte psychologische Erkrankung, betrachten wir dabei als ein gedankliches Konstrukt, eine Metapher, die dazu dient, Herrschaftspraktiken anzuprangern – und zwar solche Praktiken, die man nicht nur in ihrer inneren Logik nicht versteht, sondern die man zugleich auch als moralisch verwerflich ablehnt."

Ludwig Quiddes Thesen zum Größenwahn der Herrscher

Propagiert hat diese Idee nicht zuletzt der deutsche Historiker Ludwig Quidde: Vor knapp 130 Jahren untersuchte Quidde die rätselhafte Gestalt des römischen Kaisers Caligula, der von antiken Autoren so negativ dargestellt worden ist wie nur wenige andere Kaiser: Caligula galt ihnen als ein selbstverliebter, machtlüsterner Sadist. Und das in einem Maße, dass man ihm nur Wahnsinn attestieren könne. Ludwig Quidde übernahm dieses Erklärungsmodell. Allerdings, so die Einleitung des neuen Buches:

"Neu bei Quidde ist die Verarbeitung dieser Topik als Symptomatik einer psychischen Krankheit – also eines wiederkehrenden und nicht auf Einzelne beschränkten Phänomens. Dieser Schritt machte aus dem für die Denigration [Abwertung] Einzelner verwendbaren Material einen Beleg für das Kranken eines ganzen Regimetypus. Zu kritisieren war nun nicht mehr der unglücklicherweise auf den Thron gelangte ‚Wahnsinnige‘; vielmehr war es die Monarchie selbst, die den Wahnsinn zutage treten ließ, indem sie die Anlagen des Einzelnen dazu katalysatorisch verstärkte."

Ludwig Quidde stellte also fest: Die uneingeschränkte Macht verdirbt den, der sie ausübt. Auf 20 Seiten des neuen Buches wiedergegeben ist der Text, in dem Quidde seine Thesen begründete. Zitat:

"Die Züge der Krankheit: Größenwahn, Mißachtung jeder gesetzlichen Schranke, ziel- und sinnlose brutale Grausamkeit, sie finden sich auch bei anderen Geisteskranken; das Unterscheidende liegt nur darin, dass die Herrscherstellung den Keimen solcher Anlagen einen besonders fruchtbaren Boden bereitet und sie zu einer sonst kaum möglichen ungehinderten Entwicklung kommen läßt. Der spezifische Cäsarenwahnsinn ist das Produkt von Zuständen, die nur gedeihen können bei der moralischen Degeneration monarchisch gesinnter Völker oder doch der höher stehenden Klassen, aus denen sich die nähere Umgebung der Herrscher zusammensetzt."

Politische Satire auf Wilhelm II.

Caligula – nach diesem berüchtigten Gewaltherrscher der römischen Kaiserzeit benannte Quidde seine Schrift. Caligula war Kaiser der Jahre 37 bis 41, zunächst sammelte er mithilfe kluger Politik Anhänger. Bald aber schwenkte Caligula um auf einen machtversessenen und selbstherrlichen Kurs. Er demütigte den Senat, das traditionelle Kraftzentrum Roms. Er ließ politische Gegner und auch frühere Freunde ermorden. Caligula etablierte eine Schreckensherrschaft, und das trieb die alten Herrschaftseliten aus Senat und kaiserlicher Garde zum Äußersten: Nach nicht einmal vier Jahren Herrschaft wurde Caligula von einem Gardeoffizier ermordet. Kaum jemand unter Roms Eliten weinte ihm eine Träne nach. Caligula schien also ein Paradebeispiel jenes Caesarenwahns zu sein, mit dem sich Ludwig Quidde 1894 befasste. Aber eigentlich ging es Quidde um etwas anderes, erklärt Thomas Blank.

"Er kann ganz vieles, was über antike Kaiser gesagt wird, in Abgleich bringen und fühlt sich erinnert an Wilhelm II., also den deutschen Kaiser seiner eigenen Gegenwart; und gegen ihn richtet sich diese Schrift Caligula eigentlich. Also, das ist eine Persiflage! Auf den gegenwärtigen Kaiser."

Quidde allerdings war klug genug, diesen Schluss seinen Lesern zu überlassen. Erst 1926 ließ er öffentlich die Katze aus dem Sack:

"Die Schrift Caligula ist formal eine historische, wissenschaftliche Arbeit, ihrem Wesen nach aber eine politische Satire. Was ich bezweckte, war etwas sehr Ernsthaftes: das deutsche Volk zu warnen vor den Gefahren, die in der unberechenbaren, einer konsequenten Politik unfähigen und oft an die Grenze geistiger Abnormität streifenden Persönlichkeit des Kaisers lagen, gleichzeitig den Byzantinismus, die Charakterlosigkeit und den Servilismus zu bekämpfen, mit dem große Teile der Bevölkerung das Selbstbewußtsein und die tolle Überhebung des Monarchen förmlich züchteten."

1894 hatte Quidde diese Ansicht noch sorgfältig getarnt. Und diese Tarnung zog sich – ob gewollt oder ungewollt – bis hinein in seine Argumentationsmuster.

Das Ideal der "checks and balances"

Quidde hätte sich bei seiner Kritik an Caligula auf die europäische Aufklärung berufen können – auf John Locke oder Charles de Montesquieu mit ihren Überlegungen, wie man Gewaltherrschern das Handwerk legen könnte. Aber er ging anders vor, wie Thomas Blank erläutert:

"Sein Blick auf die Gegenwart ist geprägt von politischen Vorstellungen, die im Ursprung, in ihrer Wurzel auf gerade dieselben Elemente der politischen Philosophie der Antike zurückgehen, die schon Tacitus und Sueton geprägt hatten. Ganz zentral betrifft das das Ideal der checks and balances – auch wenn das natürlich in dieser Begrifflichkeit nicht antik ist. Das Ideal eines Herrschers, der zwar über eine große Machtfülle womöglich verfügt, diese aber durch einflussreiche Berater und verschiedene andere gesellschaftliche Mechanismen gewissermaßen kontrolliert sieht. Die Wohlberatenheit des Herrschers steht schon in der antiken Philosophie dem Klischee des Tyrannen gegenüber, der jeglicher Belehrung unzugänglich ist und genau aufgrund dieser Unbelehrbarkeit auch durch und durch irrational in seinem Handeln ist."

Mochte Quiddes Bezug auf antike politische Denker schlüssig ausfallen – seine Sachdarstellung hatte einen Haken: Schon vor 130 Jahren war der Forschung bekannt, dass die antiken Autoren Caligula bewusst negativ portraitiert hatten. Allen voran der genannte Sueton, der Caligula wörtlich zum "Monstrum" abstempelte. Der Hagener Historiker Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer blickt in seinem Buchbeitrag allerdings genauer hin:

"Die längst als äußerst tendenziös erkannten Berichte der kaiserzeitlichen Autoren lassen sich ihrerseits als Ausdruck gestörter Beziehungen der Aristokratie zum Kaiser verstehen, denn die Geschichtsschreiber stammten aus der Aristokratie und waren überwiegend Senatoren."

Der Begriff des Wahns dient der Satire, nicht der Analyse

In diesem Sinne hat sich die althistorische Forschung längst abgewandt vom Pauschalvorwurf des "Caesarenwahns"; sie untersucht heute stattdessen, warum ein Kaiser so und nicht anders handelte – unabhängig davon, wie man dieses Handeln bewertet. Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer betrachtet das im Buch hinsichtlich der vier Kaiser Caligula, Nero, Commodus und Domitian:

"Jeder der vier ‚verrückten‘ Kaiser hatte eine politische Vision entwickelt, mit der er seine Position im komplizierten Herrschaftsgefüge des Prinzipats neu zu definieren versuchte. Bei Caligula, Nero und Commodus lässt sich zeigen, dass ihre Visionen eine Reaktion auf massive Spannungen mit dem Senat und Mitgliedern der kaiserlichen Dynastie waren, doch in ihrer Botschaft in erster Linie auf Akzeptanz bei der plebs urbana und den Soldaten zielten. Alle vier Kaiser scheiterten mit ihren Visionen, da diese entweder zu früh kamen oder die kulturelle Identität der römischen Bürger zur Disposition stellten. Aber sie setzten Exempla, die später wieder aufgegriffen wurden."

Ein Befund, dem schon zu Ludwig Quiddes Zeiten viele Althistoriker zustimmten. Verwunderlich also, dass Quidde ihn nicht verarbeitete. Aber offenbar ging es ihm eben vor allem um die Breitseite auf Wilhelm II. Und deshalb nahm er noch weitere Schwächen in Kauf: Die Natur des Wahnsinns definierte er nicht näher. Der Begriff "Caesarenwahn"– so stellt das Buch mehrfach klar – ist schwammig; und er taugt nicht, wenn man politisches Handeln analysieren will. So winkt auch Thomas Blank ab:

"Ich persönlich tue mich schwer, der Verwendung des Begriffes irgendeinen positiven Wert abzugewinnen. Er dient zunächst einmal der polemischen Diffamierung. Da wird die Gegenseite als irrational markiert in einem Maße, das das Gespräch mit ihr von vornherein als nutzlos erscheinen lässt. Insofern handelt es sich um eine simplifizierende Bewertung abgelehnter Politik. Die an einem Austausch von Argumenten in keiner Weise interessiert ist."

Der Diktator in der Populärkultur

Hier schlägt das Buch den Bogen in die Gegenwart. Ausführlich hat es die Caligula-Schrift Ludwig Quiddes und ihren Entstehungshintergrund beleuchtet, auch die erbitterten Gegenangriffe der konservativen Presse. Die letzten gut einhundert Seiten des Bandes setzen einen anderen Schwerpunkt: den Blick auf Tyrannei und autoritäre Herrschaft der neuesten Zeit. Speziell geht es darum, wie solche Regimes von der Populärkultur betrachtet werden – wie also etwa Adolf Hitler im fiktionalen Film dargestellt wird oder wie die Populärkultur mit einem Donald Trump umgeht. Denn:

"Das geht so weit, dass die Symptome, an denen sich – Quidde zufolge – die wahnhafte Herrschaft ablesen lässt, auch heute noch im Zusammenhang mit dem Caesarenwahn-Klischee ganz problemlos anwendbar sind und angewendet werden. Nehmen wir die Sucht nach materiellem Luxus und insbesondere der in riesenhaften Bauten und Palastanlagen zum Ausdruck kommende Allmachtsanspruch. Genau diese Symbole für das angeblich Wahnhafte hat man in den vergangenen Jahren auf Erdogan, auf Putin und andere autokratische Machthaber angewandt. Die Frage ist immer: Von welchen positiv besetzten Werten weicht das so als deviant markierte Verhalten ab? Hier wäre das vielleicht die Bescheidenheit, die Selbstkontrolle, die Selbstmäßigung."

Im Buch wendet der britische Historiker Neville Morley diesen Punkt auf Donald Trump an. Wenn man Trump als Kaiser Nero karikiere, so Morley, dann geschehe das aus dem Gefühl heraus, dass ein Autokrat elementare politische Normen und Werte verletze.

"Diese Form der Schmähung bietet zwei klare Botschaften: Autokratische Macht ist grundsätzlich gefährlich und zerstörerisch, und mehr noch gilt dies dann, wenn sie in der Hand eines Mannes liegt, der willens ist, sie auch zu nutzen."

Das an sich gehört nun nicht erst seit der Aufklärung zum Einmaleins der politischen Theorie. Schwierig werde es aber, wenn ein Donald Trump von seinen Kritikern rundheraus zum pathologischen Fall abgestempelt wird. Auch Josef Stalins tiefe Angst vor seinen Gegnern könnte man zwar in dieser Weise betrachten. Aber:

"Das Problem ist, dass die Beschreibung solchen Gebarens als ‚verrückt‘ den Blick auf die eigentlichen Handlungsmotive und deren Bewertung verstellt, ja sogar eine wirkliche Auseinandersetzung mit zugrundeliegenden Problemen verhindert. Es ist leicht, eine Figur wie Hitler etwa auf den Sockel des Wahnsinns zu stellen und damit einen erheblichen Teil ihrer machtpolitischen Entscheidungen gewissermaßen mit einem Federstrich zu erklären. Ein adäquates Verständnis der betreffenden Politiken und ihrer inneren Logik ergibt sich daraus aber sicher nicht. Ebenso wenig ergibt sich daraus eine Erklärung, wie ein Politiker Akzeptanz in seinem Umfeld oder gar bei der Bevölkerung finden konnte."

Distanzierung über Humor

Was das Buch hier auslässt: Es gibt zahlreiche differenzierte Analysen zu den Ausprägungen des Narzissmus bei Herrschern und Diktatoren, und nicht zuletzt geht es hier ja um Narzissmus, auch bei der Verwendung des eher ungeeigneten Begriffs "Caesarenwahn". Allerdings sensibilisiert das Buch für Perspektiven, die sich noch heute in leicht dahingesagten Phrasen des Geschichtsfernsehens oder politischer Sonntagsreden niederschlagen: wenn dort etwa vom Wahn Hitlers die Rede ist. Thomas Blank begreift das als eine Perspektive auf die Diktatur, die sich in populären Hitler-Darstellungen etabliert hat. Damit lenke man den Blick vor allem auf den Diktator und entlasse eine Millionen zählende Gefolgschaft aus der Verantwortung.

Für die Populärkultur der jüngsten Zeit wiederum konstatiert Blank eine neuartige Sichtweise:

"Hier handelt sich‘s um humorvolle Distanzierung von Hitler, die gerade Adolf Hitler von diesem Sockel des dämonischen und des wahnhaften Monuments herunterstoßen soll und ihn ganz in seiner conditio humana gewissermaßen zeigt; ein früher Vorläufer in bestimmter Hinsicht ist sicherlich Chaplins Großer Diktator, aber es gibt diesen Film von Levy aus dem beginnenden Jahrtausend, in dem Helge Schneider Adolf Hitler spielt etwa. Man könnte auch Schlingensiefs Hitler-Darstellung benennen – also, da wird dieses Monument invertiert, gewissermaßen. Das ist eine jüngere Entwicklung, und hier geht‘s auch eher in Richtung, Hitler als eine lächerliche Figur darzustellen."

Inwieweit dieses Lächerlichmachen überhaupt fruchtbar sein kann, wenn es um die Betrachtung einer mörderischen Tyrannei geht, überlegt das Buch nicht näher.

Pflicht zum Tyrannenmord?

Außen vor bleibt bei diesem kulturwissenschaftlichen Ansatz auch noch eine weitere Frage – eine Frage, die eher aus der politikwissenschaftlichen Sphäre stammt: Inwiefern darf man einem wahnhaften Tyrannen entgegentreten?

"Wenn wir auf die griechische Philosophie als eine Wurzel auch dieses Tyrannis-Konzeptes blicken, dann sehen wir hier, dass der Mord am tyrannischen Herrscher eine Gesetzmäßigkeit, bei Aristoteles etwa, eine Gesetzmäßigkeit des Verfassungskreislaufs ist. Oder die Revolution, der Aufstand gegen das tyrannische Regime. Man kann das noch ein Stück weitertreiben und auf konkrete Gesetzgebung in bestimmten demokratischen Poleis der antiken griechischen Welt blicken: Dort gibt es – vereinzelt überliefert in Inschriften – so etwas wie eine Bürgerpflicht zum Tyrannenmord."

Auch das deutsche Grundgesetz spricht zwar nicht von Tyrannenmord; es räumt aber ausdrücklich das Widerstandsrecht ein gegen einen Akteur, der die Demokratie zerstören will. Freilich funktioniert das nur, wenn die Demokratie mit ihren Werten im Bewusstsein der Mehrheit verankert ist. Neville Morley erinnert im Buch daran, wie fragil diese Verankerung werden kann:

"Kaiser sind unamerikanisch. So auch caesarische Präsidenten. Was aber, wenn das amerikanische System in seiner jetzigen Form als Problem wahrgenommen wird, das eine Rückkehr zu den imaginierten Tugenden der Vergangenheit verhindert – wie so viele der lautesten Unterstützer Trumps anscheinend glauben? Dann könnte man sich einen solchen caesarischen Präsidenten geradezu wünschen, um Ordnung zu schaffen."

Demokratie schützt nicht sicher vor Diktatur

Diese düstere Prognose stellte Morley ausdrücklich für den Fall an, dass Trump wiedergewählt worden wäre. Mit Blick auf dessen Ambitionen für 2024 ist die Gefahr also noch nicht gebannt. Ähnlich wie 1926 in Deutschland, in der Republik ohne Republikaner, als Ludwig Quidde seine Landsleute geradezu beschwor:

"Die Hauptsache ist aber doch, aus dem Caligula und aus dem Rückblick auf die Kaisergestalt Wilhelms II. zu lernen, wie gefährlich es ist, in einem Volke ohne feste demokratische Tradition eine solche Summe von Gewalt in die Hände eines Mannes zu legen, den der Zufall der Geburt, der Abstammung, an die höchste Stelle im Staat stellt. Die furchtbare Gefahr liegt darin, dass jahrzehntelang Persönlichkeiten bestimmend für das Geschick ganzer Völker werden können, denen jede, aber auch jede Eignung dafür fehlt."

Dass eine solche Persönlichkeit auch demokratisch formal legitimiert sein kann, bewiesen die Deutschen selbst, als sie 1933 mehrheitlich Adolf Hitler wählten. Wie leicht auch fest geglaubte demokratische Traditionen sich in Luft auflösen können, zählt wiederum zu den bösen Überraschungen des jungen 21. Jahrhunderts. Vorbauen lässt sich da nicht zuletzt mit politischer Bildung – und die politische Bildung kann aus diesem Buch die eine oder andere Erkenntnis ziehen: Dass man einen Diktator unnötig milde beurteilt, wenn man ihn für nicht ganz zurechnungsfähig erklärt und in einem Aufwasch noch seine Anhänger aus der Verantwortung entlässt.

Wer sich eine politikwissenschaftliche Untersuchung heutiger autoritärer Akteure erhofft hatte, wird im Buch ungeachtet des Titelbildes nicht fündig. Altertumskundige wiederum wissen über die tendenziösen Urteile römischer Schriftsteller bestens Bescheid – immerhin werden sie hier an die Schrift ihres Kollegen Ludwig Quidde erinnert, dessen Caesarenwahn-Gedanke in der wissenschaftlichen Debatte längst keine Rolle mehr spielt.

Interessant ist der Band mit seinem Blick auf die Debatte im deutschen Kaiserreich: darauf, wie dünnhäutig Anhänger der Monarchie reagierten, wenn sie auch nur verbrämt mit ein paar unbequemen Wahrheiten über Wilhelm II. konfrontiert wurden. Quidde tat im Übrigen gut daran, zu erinnern, dass ein ‚wahnhafter‘ Herrscher auch eine gläubige Gefolgschaft brauchte. Bei aller Skepsis hat er im Caligula zuversichtlich nach vorn geblickt. Wie sich Deutschland aber kurz darauf verändern sollte, das hätte sich Ludwig Quidde 1926 wohl nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen ausgemalt.

Thomas Blank, Christoph Catrein, Christine van Hoof (Hrsg.): "Caesarenwahn. Ein Topos zwischen Antiwilhelminismus, antikem Kaiserbild und moderner Populärkultur",
Beiträge zur Geschichtskultur, Band 41,
Böhlau Verlag, Wien. 390 Seiten, 45 Euro.

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