Freitag, 30.10.2020
 
Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteForschung aktuellPandemiepotenzial der Atemwegserkrankung ist gering29.08.2014

MERS-InfektionPandemiepotenzial der Atemwegserkrankung ist gering

Das MERS-Virus löst das "Middle East Respiratory Syndrome" aus, eine Atemwegserkrankung, an der bislang rund ein Drittel der Erkrankten starb. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass das Pandemie-Potenzial des Virus gering ist. Darüber berichtet Professor Christian Drosten vom Bonner Institut für Virologie im Gespräch mit Ralf Krauter.

Christian Drosten im Gespräch mit Ralf Krauter

Kamele während eines Sandsturms in Kuwait Stadt. (picture alliance / dpa / Read Qutena)
MERS ist offenbar eine Kamelkrankheit, die ab und zu auf den Menschen überspringt. (picture alliance / dpa / Read Qutena)
Weiterführende Information
MERS-Virus - "Keine akute Pandemie-Gefahr" (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 06.05.2014)
 
Alte Waffe, neues Ziel (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 09.09.2013)
 
Der Wettlauf (Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 16.06.2013)

Krauter: Herr Drosten, was haben Sie in der Studie denn unter sucht?

Drosten: in dieser Studie ging es zunächst einmal darum zu identifizieren, wo gesicherte MERS-Patienten sind in Saudi-Arabien, diese Patienten zu identifizieren und deren Haushaltskontakte dann zu untersuchen - also Familienmitglieder oder auch Bedienstete, was relativ häufig ist in Saudi-Arabien - und dann zu schauen, ob es Infektionen gibt. Und zwar in diesem Fall von 26 Patienten, die gesichert infiziert waren, und deren insgesamt 280 Haushaltskontakte. Und da haben wir dann mit einem sehr, sehr intensive Testrepertoire nachgeschaut, ob sich die Menschen infiziert haben an diesem Erstinfizierten, auch ob sie sich vielleicht unbemerkt und still infiziert haben.

MERS-Übertragung zwischen Menschen sehr unwahrscheinlich

Krauter: Und das Ergebnis ist, dass die sich größtenteils nicht infiziert haben. Also dass die Übertragung von Mensch zu Mensch definitiv sehr und wahrscheinlich ist?

Drosten: Richtig. Also man kann vielleicht in einem Satz zusammenfassen, dass nicht einmal jeder zweite Patient es geschafft hat, einen weiteren Patienten zu infizieren in seinem Haushalt, obwohl diese Patienten in der Regel so ungefähr eine Woche mit Symptomen zuhause gewesen sind.

Krauter: Was bedeutet das? Es gab ja anfangs durchaus den Verdacht, der auch länger im Raum stand, dass es viel mehr Infizierte als Kranke gibt und dass man sozusagen nur die Spitze des Eisbergs bei diesen Infektionsfällen sieht. Ist diese These im Licht ihrer Erkenntnisse jetzt vom Tisch?

Drosten: Das war die große Befürchtung, dass der Eisberg bei dieser Spitze-des-Eisbergs-Überlegung sehr groß ist. Das scheint nicht so zu sein. Wir sehen das aus dieser Studie, wir sehen das aber auch aus einer Untersuchung, die wir im Moment parallel durchführen, wo wir sehr, sehr viele Menschen in Saudi-Arabien getestet haben. Das ist alles noch nicht so ganz veröffentlicht, man kann es aber trotzdem schon sagen. Auch da zeichnet sich dieses Bild ab, dass es im Prinzip nur sehr, sehr wenige unerkannte Fälle von Merz gibt. Dass wir im Prinzip die Fälle schon in den Statistiken haben, die es gibt.

Sehr wenige unerkannte MERS-Fälle

Krauter: Sie haben gesagt, die Mensch zu Mensch Übertragung ist unwahrscheinlich, noch nicht einmal bei jedem Zweiten klappt das letztlich. Wie sicher kann man sein, das das so bleibt, das Virus könnte ja auch mutieren und leichter überspringen?

Drosten: Das ist eine ganz interessante Überlegung. Es gab ja im Frühjahr diesen großen Ausbruch in Jeddah, in Saudi-Arabien, diese Explosion von neun Fällen. Und da hat man ja spekuliert, dass sich das Virus geändert haben könnte, übertragbar geworden ist. Auch das haben wir untersuchen, dass ist eine Studie, die auch bald von uns erscheinen wird. Wir können ganz sicher sagen, dass dieses Virus keine Veränderung irgendwelcher biologischer Eigenschaften hat. Wir können auch sehr sicher sagen, aus dieser Studie, dass der Grund für diesen explosiven Ausbruch in Jeddah ein großes Problem der Krankenhaushygiene war, insbesondere in einem der großen Stadtkrankenhäuser dort.

Krauter: Das heißt aber, wenn man all das zusammen rechnet, das Epidemie-, das Pandemiepotenzial dieses Virus ist nach aktuellem Stand gering?

MERS nicht mit SARS vergleichbar

Drosten: Richtig. Man hat ja zu Beginn MERS einmal mit SARS verglichen, SARS war ja am Rande einer Pandemie, das war zu einer Zeit sehr, sehr krisenhaft, als dieses Virus sich verbreitete von Asien aus. Wir haben hier bei MERS offenbar eine ganz andere Grundsituation, die aber auch bemerkenswert ist. Wir haben sicherlich kein Virus, nach diesen neuesten Daten, das wirklich eine Pandemiegefahr darstellen wird. Auch hier nicht beispielsweise bei der nächsten Hadsch, der nächste Pilgerfahrt, wo man ja jedes Mal bisher gefürchtet hat, hoffentlich bringt dann nicht einer dieses Virus mit und es wird doch zu einer Pandemie. Ich glaube, diese Überlegung ist ein bisschen kleiner jetzt geworden durch diese neuen Daten. Was aber sehr bemerkenswert ist, dass wir es offenbar jetzt mit einer klassischen Zoonose zu tun haben. Es ist ja nicht so, dass es diese Krankheit nicht gibt und es wird diese Krankheit auch im nächsten Frühjahr offenbar wieder geben, denn wir haben einige Parameter, die das sehr stark suggerieren. Wir wissen mittlerweile ziemlich gut, dass das Virus von Kamelen kommen. Das ist dort auf diese arabischen Halbinsel eines der wichtigsten Nutztiere. Wir haben jetzt hier offenbar eine Krankheit vor uns, wenn man sich an der infiziert nach Nutztierkontakt, da hat man offenbar eine Wahrscheinlichkeit zu sterben an dieser Erkrankung, die bis an die 30 Prozent herangeht. Und da haben wir eigentlich kaum Beispiele in der Medizin für solch gefährlichen Zoonosen. Also eine Zoonose ist ja eine Krankheit, die man sich typischerweise direkt am Tier holt und dieses hier scheint also eine Zucht- oder Nutztierzoonose zu sein, typischerweise nicht durch ein Nutztier unserer Breiten hervorgerufen, aber das Kamel in der arabischen Welt ist extrem wichtig als Nutztier.

Übertragung vom Kamel auf Menschen unklar

Krauter: Nun haben ja auf Basis dieser Erkenntnisse auch saudiarabische Forscher kürzlich in einem Magazine namens "MBio" empfohlen, Kamelfleisch durchgaren, Kamelmilch pasteurisieren, Schlachthof Mitarbeiter unbedingt mit Atemmasken und anderen Hygienemaßnahmen versehen. Sind das zielführende und ausreichende Maßnahmen aus Ihrer Sicht?

Drosten: Man weiß eigentlich noch gar nicht ganz genau, wie das übertragen wird vom Kamel zum Menschen. Die epidemiologischen Daten sagen uns eigentlich, dass dieses Virus eigentlich bei den Kamelen eine Kinderkrankheit ist. So wie bei uns also Erkältungskrankheiten im Kindergarten vor allem auftreten, Erwachsene sich nur daran infizieren, wenn sie Kinder haben und die Kinder bringen das mit. So ist es bei den Kamelen offenbar auch so, dass die Jungtiere, die Neugeborene und die Einjährigen offenbar jedes Jahr im Frühjahr eine Epidemie durchmachen, die wirklich so ist wie ein Schnupfen. Also bei den Kamelen gibt es geringe Symptome, wenn überhaupt, dann läuft bei den Kamelen die Nase. Das nimmt man natürlich jetzt nicht als krankes Tier wahr. Offenbar ist es in dieser Situation so, dass da ein klares Risiko besteht...

Krauter: Also dieses Sekret ins infektiös, das ist nachgewiesen?

Drosten: Richtig, diese Jungtiere scheiden sehr, sehr viel Virus aus. Nun ist es aber so, dass in der Nutztierhaltung bei Kamelen eigentlich die Menschen ganz wenig Kontakt zu Jungtieren haben. Und deswegen sind die Übertragungswege doch noch etwas mysteriös. Da kann man spekulieren zum Beispiel, ob jetzt der Speichel von solchen Jungtieren auch eintrocknen kann und durch die Gegend staubt, so wie wir das bei anderen Viruserkrankungen, zum Beispiel Hanta-Virus, kennen. Das sind langsam Optionen, die wir als Wissenschaftler überlegen müssen, denn die einfachen Wege, die sind erforscht und die haben sich eigentlich alle als negativ herausgestellt. Auch die Kamelmilch, die in diesen Breiten konsumiert wird, scheint nicht wirklich voller Virus zu sein. Es muss also doch noch einen anderen Übertragungsweg geben.

MERS ist eher ein Problem der Veterinäre

Krauter: Klingt so, als ob sie noch reichlich Forschungsbedarf gäbe. Wie interessant ist vor diesem Hintergrund eine andere Meldung, die kürzlich aus den USA kam: Dort sagten Wissenschaftler, sie hätten jetzt endlich ein passendes Modelltier für die MERS-Forschung gefunden. Da geht es um Marmorsetten, so kleine Krallenäffchen, und die US Forscher sagen, die wären gut geeignet, wenn auch nicht ganz einfach zu handhaben. Wie wichtig ist diese Entdeckung vor dem Hintergrund der noch bestehenden Wissenslücken?

Drosten: Solche Tiermodelle sind natürlich ganz entscheidend, wenn es daran geht Impfstoffe oder auch Medikamente für so ein Virus entwickeln. Das ist natürlich eine ganz wichtige Information, jetzt so ein Tiermodell zu haben, für alle die Institutionen, die so etwas entwickeln. Allerdings muss man auch sagen, dass die epidemiologischen Erkenntnisse eigentlich da derzeit die Situation einholen. Denn wenn wir uns jetzt vergegenwärtigen, wir haben es mit einer Krankheit zu tun, die kommt vor allem aus den Tieren, ist wie eine Kinderkrankheit in den Tieren, und der Mensch gibt die eigentlich nicht großartig weiter. Dann müssen wir als erstes nicht daran denken, irgendwelche Krallenäffchen zu immunisieren, mit denen man eigentlich einen menschlichen Impfstoff ausprobieren will, sondern man würde gleich ins Kamel gehen, denn man wollte ja an in aller erster Linie das Virus aus den Kamelen entfernen.

Krauter: Um es direkt an der Quelle sozusagen auszumerzen!

Drosten: Richtig.

Krauter: Zusammengefasst gefragt: MERs wird uns noch viele Monate oder Jahre beschäftigen, aber es wird vor allem die arabische Welt beschäftigen?

Drosten: Das ist richtig, und es wird verstärkt jetzt zu einem veterinärmedizinischen Problem.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk