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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie CDU liebt keine Revoluzzer29.10.2019

Merz gegen MerkelDie CDU liebt keine Revoluzzer

Nach der Wahl in Thüringen hat Friedrich Merz zum Angriff auf Bundeskanzlerin Angela Merkel geblasen. Dass sich die CDU aber für Merz entscheide, um den Scherbenhaufen zu kitten, der gerade aufgehäuft werde, sei eher unwahrscheinlich, kommentiert Stephan Detjen.

Von Stephan Detjen

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Friedrich Merz, unterlag Annegret Kramp-Karrenbauer in der Wahl um den CDU-Vorsitz. (imago stock&people)
Friedrich Merz unterlag Annegret Kramp-Karrenbauer in der Wahl um den CDU-Vorsitz. (imago stock&people)
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Deutschland erlebt eine nie dagewesene, parallele Führungskrise in beiden Regierungsparteien. Während die SPD noch um ihre neue Spitze und Zukunft als Regierungspartei ringt, ist in der CDU die offene Revolte gegen beide Frauen an den Spitzen von Partei und Kanzleramt ausgebrochen. Nicht einmal ein Jahr nach der Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur Parteivorsitzenden ist klar, dass die Führungsfrage in der CDU auf dem Hamburger Parteitag nicht befriedend geklärt wurde.

Friedrich Merz hatte sich nach seiner knappen Niederlage gegen Kramp-Karrenbauer nie wirklich geschlagen gegeben. Er vermied es, sich durch Partei- oder Regierungsämter disziplinieren zu lassen. Vordergründig beteuerte er Loyalität zur neuen Vorsitzenden, hielt bei seinen Anhängern aber immer die Sehnsucht wach, dass Politik mit ihm ganz anders laufen könne: entschlossener, tatkräftiger, mitreißender als unter Führung der nüchtern-kompromissorientierten Pragmatikerinnen Merkel und Kramp-Karrenbauer.

Ziel der Attacke: Die Bundeskanzlerin

Der Zeitpunkt, in dem Merz und seine Unterstützer wie die Vorsitzenden von Junger Union und Mittelstandsvereinigung, Kuban und Linnemann, zur offenen Attacke blasen, fügt sich ein in den auch von der SPD mit programmierten politischen Kalender des Jahresendes: Anfang Dezember wollen die Sozialdemokraten auf ihrem Parteitag den neuen Vorstand wählen und über den Verbleib in der Großen Koalition entscheiden. Nun wird bereits der CDU Parteitag in Leipzig Ende November zur Entscheidungsstunde für die Regierung. Als Ziel der Attacke, mit der er die Neuordnung der Macht in der CDU herbeiführen will, hat Friedrich Merz nicht die Parteivorsitzende, sondern die Kanzlerin benannt. In einem ZDF-Interview ließ Merz seinem über fast zwei Jahrzehnte gehegten Groll gegen Angela Merkel freien Lauf: die anhaltende Führungsschwäche der Kanzlerin sei schuld an dem beklagenswerten Zustand von Land und Partei, so könne es nicht bis zum regulären Ende der Wahlperiode weitergehen, in Leipzig müsse die CDU Konsequenzen ziehen. Friedrich Merz fordert damit ein vorzeitiges Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels. Der Sturz der Kanzlerin, so das durchschaubare Kalkül, würde dann auch die angeschlagene Vorsitzende mitreißen und den Weg für Merz freimachen.

Merz verstört

Die CDU aber liebt keine Revoluzzer. Seine Wut über die angebliche jahrelange Führungsschwäche Merkels spricht nur einigen in der Partei aus der Seele. Andere verstört sie als Ausdruck einer narzistischen Kränkung, als die Merz die Kanzlerschaft seiner Erzrivalin stets empfand. Mit seiner Revolte markiert er offene Gräben und die Verwundung der Parteivorsitzenden. Dass die CDU sich aber für Merz entscheidet, um den Scherbenhaufen zu kitten, der da gerade aufgehäuft wird, ist eher unwahrscheinlich. Kommt es tatsächlich zum Sturz Kramp-Karrenbauers und / oder Merkels, dürfte eher die Stunde eines Dritten wie des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Laschet schlagen.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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