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Startseite@mediasresSchlechter als sein Ruf25.11.2020

Messenger-Dienst TelegramSchlechter als sein Ruf

Telegram gilt vielen als sichere Alternative zu WhatsApp, obwohl die Verschlüsselung weniger umfassend ist. Die App wird oft auch von Verschwörern und Kriminellen genutzt. Grund: Das Netzwerksdurchsetzungsgesetz greift hier nicht.

Von Christoph Sterz

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Das Logo des selbstregulierten Instant-Messaging-Dienst Telegram auf einem Handy. Köln, 01.06.2020 (imago images/Future Image/C. Hardt)
Eins-zu-Eins-Chats sind bei Telegram nur verschlüsselt, wenn Nutzer die entsprechende Einstellung aktivieren (imago images/Future Image/C. Hardt)
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Bis Anfang Oktober war Michael Wendler für viele einfach nur ein Schlagersänger. Dann aber machte er ein Instagram-Video, in dem er Corona-Verschwörungen zum Besten gab - und sich als Experte für Messenger versuchte:

"Ladet euch so schnell wie möglich Telegram runter! Telegram ist die einzige Möglichkeit, zensurfrei Meinungen auszutauschen. Alle anderen Portale wie Instagram, YouTube oder Facebook sind zensiert. Und wichtige Informationen, die Ihr unbedingt begreifen müsst, werden gelöscht."

Michael Wendler in der RTL-Live-Show Pocher vs. Wendler (imago / C. Hardt)Schlagerstar und Verschwörer Michael Wendler (imago / C. Hardt)

Was Michael Wendler als "Zensur" bezeichnet, ist in Wirklichkeit etwas Anderes: YouTube, Twitter oder Facebook zeigen inzwischen bei Videos und Texten Warnhinweise, wenn dort Falschinformationen verbreitet werden. Sie setzen auf externe Faktencheckerinnen und löschen Hassbotschaften. Bei Telegram passiert all das so gut wie gar nicht – weswegen sich Verschwörer wie Wendler, Attila Hildmann oder Xavier Naidoo bei Telegram wohl fühlen. Das liegt auch an bestimmen Funktionen, die andere Messenger wie WhatsApp nicht anbieten, erklärt der Sicherheitsforscher und Hacker Roland Schilling.

"Diese Channels, die ja der Attila Hildmann sehr gerne nutzt, wo man einfach ähnlich wie auf so einem Facebook-Feed Inhalte postet, die dann eine große Menge von Zuhörer*innen erreichen. Telegram bietet viele Features, die es sehr schön nutzbar machen, genau für diesen Anwendungsfall von Attila Hildmann, einfach eigene Inhalte an eine Zielgruppe zu transportieren."

Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern

Bei Telegram gibt es neben diesen Einbahnstraßen-Kanälen auch Gruppen, die bis zu 200.000 Mitglieder haben können. Das scheint viele Menschen anzulocken: Telegram hat nach eigenen Angaben 400 Millionen aktive Nutzer pro Monat, doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren - und damit immerhin ein Fünftel der Whatsapp-Nutzerinnen.

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Ein Grund für den Zuwachs dürfte auch der Ruf sein, den Telegram seit Jahren hat: den eines besonders sicheren und datensparsamen Messengers. Wer aber zum Beispiel unbedingt vermeiden will, dass Geheimdienste oder andere Akteure leicht mitlesen können, für den ist Telegram eine ausgesprochen schwierige Wahl, meint Schilling.

"Tatsächlich ist mir persönlich der Ruf immer ein großes Rätsel gewesen, weil Telegram in der Fachwelt eigentlich einen ausgesprochen schlechten Ruf hat. Die Chats sind solange unverschlüsselt, bis man ein Feature in Telegram aktiviert. Dann sind Einzelchats, also zwischen zwei Personen, direkt verschlüsselt. Und das ist genau so ein Feature, das Telegram nicht standardmäßig an hat und in Gruppenkommunikation so oder so gar nicht unterstützt."

Holocaust-Leugnung, Waffenhandel, Falschinformationen

Abgesehen davon, dass wegen fehlender Ende-zu-Ende-Verschlüsselung private Nachrichten, Bilder und Videos zum Teil und Gruppenchats grundsätzlich eher unsicher sind, und auch wenn Telegram genau wie WhatsApp die eigene Telefonnummer und das eigene Telefonbuch und die darin gespeicherten Namen und Nummern der Nutzer kennt: Es lockt in letzter Zeit besonders Verschwörer und Kriminelle an.

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Darauf deutet auch eine aktuelle Studie im Auftrag Landesmedienanstalt NRW hin. Holocaust-Leugnung, Verstöße gegen das Urheberrecht, illegaler Handel mit Waffen oder Drogen, Verbreitung von Falschaussagen: All das gebe es bei Telegram – und gegen all das werde zu wenig unternommen, findet Tobias Schmid, der Chef der Landesmedienanstalt.

"Mich erinnert das ein bisschen an die Situation, die wir in den größeren sozialen Netzwerken vor zwei, zweieinhalb Jahren vorgefunden haben. Da hatten wir auch eine Vielzahl von Delikten festgestellt, aber noch keine große Routine entwickelt bei der Frage, wie man dagegen vorgeht. Das ist jetzt wieder so eine Situation, weil die Struktur von Telegram anders ist. Aber ich bin sicher, dass wir auch hier einen Weg finden werden."

Kaum Einblicke in die Firma hinter Telegram

Tatsächlich agiert Telegram noch intransparenter als etwa Facebook. Die beiden Telegram-Gründer und Hauptfinanziers, die russischen Durov-Brüder, geben wenig über sich preis. Der Firmensitz von Telegram wechselt immer wieder. Das Unternehmen weigert sich offiziell, mit Regierungen zusammenzuarbeiten. Wohl auch deshalb verlassen sich viele Oppositionelle in Hongkong, Belarus und im Iran auf Telegram – aber gleichzeitig ist es für Medienaufseher wie Tobias Schmid ein Problem, keinen verlässlichen Ansprechpartner zu haben, um Rechtsverstöße bei Telegram auch verfolgen zu können.

"Natürlich werden wir versuchen, mit Telegram in einen Austausch zu treten. Das wird sicherlich nicht ganz einfach werden, weil es in der Natur von Telegram steckt, sich sozusagen dezentral und anonym aufzustellen. Wir müssen eine Lösung für die Frage finden, dass das bei allen großen Verdiensten solcher Dienste, zum Beispiel auch für demokratische Diskurse in autoritären Systemen, nichts daran ändert, dass wir natürlich Rechtsverstöße bei uns deswegen nicht zulassen können."

Neben dem "Gefällt mir"-Button von Facebook sind die Worte "Du Faschist" zu sehen. (Thomas Trutschel/imago images/phototek) (Thomas Trutschel/imago images/phototek)Warum gegen den Hass im Netz Gesetze allein nicht helfen
Vor zwei Jahren hat die Bundesregierung das Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf den Weg gebracht. Doch Hass und Anfeindungen in den sozialen Netzwerken scheinen nicht zurückgegangen zu sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass Telegram beim deutschen Gesetz gegen Hass im Netz, dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, durchs Raster fällt. Messenger sind vom NetzDG nämlich ausgenommen, genauso wie Dienste ohne Gewinnerzielungsabsicht. Die EU immerhin plant mit dem Digitale-Dienste-Gesetz neue Regeln, die auch Telegram mit einschließen würden. Solange das aber nicht schwarz auf weiß festgeschrieben ist, werden auf Telegram wohl munter weiter kriminelle Taten begangen und Falschnachrichten unters Volk gebracht, von Schlagersängern und anderen Verschwörerungsgläubigen.

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