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Startseite@mediasresGegenöffentlichkeit für Corona-Zweifler12.05.2020

Messengerdienst TelegramGegenöffentlichkeit für Corona-Zweifler

Mehr als 400 Millionen Menschen weltweit nutzen inzwischen Telegram, Tendenz steigend. In der Coronakrise suchen viele in dem Messengerdienst die Informationen, die sie woanders nicht zu finden glauben. Davon profitieren auch Prominente, die Verschwörungsmythen verbreiten.

Von Stefan Römermann

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Eine Flagge, auf der das Symbol des Messengerdienstes Telegram zu sehen ist (picture alliance / Valeriy Melnikov/Sputnik/dpa)
400 Millionen Menschen überall auf der Welt verwenden Telegram jeden Monat (picture alliance / Valeriy Melnikov/Sputnik/dpa)
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Technisch gesehen unterscheidet sich der Smartphone-Messenger-Dienst Telegram eigentlich kaum vom deutlich bekannteren Konkurrenten WhatsApp: Nutzer können mit Telegram genauso einfach, wie mit WhatsApp-Textnachrichten, Bilder und Videos verschicken. Oder auch Gruppen anlegen, um sich beispielsweise mit anderen Eltern einer Schulklasse oder Kitagruppe zu vernetzen. Doch die erlaubte Gruppengröße bei Telegram ist deutlich größer, erklärt Martin Fehrensen vom "Social Media Watchblog".

"Bei Whatsapp hat man eine Obergrenze von 256 Menschen, die man in einer Gruppe erreichen kann. Bei Telegram hingegen kann eine Gruppe bis zu 200.000 Mitglieder haben."

Beliebt unter Rechtsextremen

Solche halbprivaten Telegram-Gruppen benutzen beispielsweise viele rechtsextreme Kreise, um sich innerhalb der Szene zu vernetzen – aber offenbar teilweise auch die Organisatoren von Corona-Demos. Zusätzlich gibt es bei Telegram aber noch die Möglichkeit, öffentliche Kanäle anzulegen, die Freunde und Fans abonnieren können. Besonders viel Zulauf hat die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman. Ihr Kanal hat inzwischen über 100.000 Abonnenten – und es werden gerade in diesen Tagen täglich mehr.

"Und das ist eine Reichweite, die ihr WhatsApp so niemals bieten könnte. Und von daher ist es für sie eine einfache Überlegung, welchen Kanal sie nutzt, um ihre kruden Botschaften unters Volk zu bringen"

Ähnlich wie der Sänger Xavier Naidoo oder der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen verteilt Herman auf ihrem Kanal regelmäßig massenhaft Fotos, Videos und Texte. Oft auch aus eher zweifelhaften Quellen, wie dem Sender Russia Today. Außerdem gibt es regelmäßig auch kürzere und längere Audiobotschaften. Und dabei ist offenbar auch für Herman Microsoft-Gründer Bill Gates ein beliebtes Feindbild.

"… das ist eine klare Kampfansage an die globale Impf-Allianz von Bill Gates und Angela Merkel und Co. Und ist eine, aus meiner Sicht, sehr hoffnungsbringende Botschaft."

  (picture alliance/dpa/Christoph Schmidt) (picture alliance/dpa/Christoph Schmidt) Wie berichten über die Corona-Demonstranten?
Weite Teile der Gesellschaft sind zufrieden mit der Arbeit der Politik in der Coronakrise. Nur ein kleiner Teil demonstriert gegen die beschlossenen Maßnahmen. Die Berichterstattung über diese Gruppe nimmt gerade dennoch einen großen Raum ein. Einen zu großen?

Verschwörungsmythen: Altes und neues vermischt sich

In der aktuellen Corona-Pandemie vermischen sich in den verschiedenen Telegram-Kanälen teilweise ältere Verschwörungstheorien von Impf-Kritikern mit einem Hauch von jüdischer Weltverschwörung. Zu lesen ist dann auch von einer angeblichen "Neuen Weltordnung" – kurz NWO, beobachtet Daniel Laufer vom Onlineportal Netzpolitik.org – der die Verschwörungs-Szene auf Telegram schon eine ganze Weile verfolgt.

"Irgendwelche Leute könnten zwangsgeimpft werden. Und Bill Gates könnte dann dadurch womöglich einen Chip implantieren und derartige Sachen. Und dementsprechend ist das irgendwie auch eine gerade Linie von einer Entwicklung, die vor einiger Zeit bereits begonnen hat. Lange bevor das Corona-Virus, wie wir es heute kennen, ein Thema war."

Doch gerade jetzt haben solche Verschwörungserzählungen offenbar für viele Menschen einen besonderen Reiz. Und so haben in den vergangenen Wochen viele entsprechende Kanäle bei Telegram extremen Zuwachs bekommen, manche gar ihre Nutzerzahlen in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Laufer hält diese Entwicklung für bedenklich. Denn viele dieser neuen Nutzer hätten vorher vermutlich nicht viel mit Verschwörungstheorien zu tun gehabt. Doch Unsicherheit und die vielen offenen Fragen rund um die Corona-Pandemie machen vielen Menschen Angst. Und das mache Menschen besonders anfällig für vermeintlich einfache Antworten und Wahrheiten.

"Dann hat vielleicht irgendjemand aus dem Bekanntenkreis einen Link geschickt: Guck Dir das mal an. Und dann hat man da halt drauf geklickt. Und schon ist man in einer Gruppe, wie bei den Corona-Rebellen. Und das birgt eine echte Gefahr, weil diese Verschwörungserzählungen letztendlich Folgen im echten Leben haben werden für Personen, die in diesen Glauben reinrutschen."

  (dpa/Sebastian Gollnow) (dpa/Sebastian Gollnow)Warum es nicht "Verschwörungstheorie" heißen sollte
Sogenannte "Verschwörungstheorien" haben im Zuge der Coronakrise Hochkonjunktur und werden so auch in den Medien bezeichnet. Dabei genügen die Erzählungen, Ideologien und Mythen nicht im Entferntesten dem, was auf wissenschaftlichen Tatsachen basierende Theorien eigentlich auszeichnen.

"Bei Telegram sind sie sich ziemlich sicher"

Solche Gefahren sieht auch Katharina Nocun, die in dieser Woche ein neues Buch über Verschwörungstheorien veröffentlicht. Natürlich würden solche Theorien auch weiterhin über Facebook, Twitter und Youtube verbreitet. Nur werden da Hassvideos, Fake News und aktuell auch Falschmeldungen zu Corona-Themen inzwischen deutlich häufiger gelöscht – und Kanäle von prominenten Verschwörungstheoretikern auch zeitweise oder dauerhaft gesperrt, erzählt Nocun. 

"Aber klar ist, bei Telegram sind sie sich ziemlich sicher, dass sie da erstmal in Bezug auf Sperrungen wenig zu befürchten haben, weil die Plattform da auch eine sehr liberale Einstellung hat, bzw. auch der öffentliche Druck vielleicht auch nicht so groß ist, ja."

Private Räume?

Eine Regulierung ist allerdings bisher ohnehin schwierig, da die Kommunikation in Telegram-Gruppen und Kanälen eine Art halböffentlicher Raum ist. Die Kommunikation über Messengerdienste gilt schließlich als privat. Doch bei Telegram verschwimmen diese Grenzen, sagt Extremismusforscher Jakob Guhl vom Institute for Strategic Dialogue.

"Wenn da bestimmte Influencer 100.000 Follower haben: Ist das wirklich ein privater Raum? Ein Messenger? Das ist sicherlich eine Diskussion, wo man nochmal genauer hinschauen muss."

Immerhin wollen viele Regierungen Telegram nicht komplett den Verschwörungstheoretikern überlassen und haben eigene, offizielle Angebote gestartet.

"Es gibt in Deutschland seit Anfang April den Corona-Info-Kanal des Bundesministeriums für Gesundheit. Der hat auch schon mehrere hunderttausend Follower, ist also noch deutlich größer als die größten Kanäle, in denen Verschwörungstheorien und Falschinformationen zu Corona verbreitet werden."

Doch dass man damit tatsächlich auch die Leute erreicht, die den offiziellen Meldungen skeptisch gegenüber stehen, glaubt Guhl nicht.

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