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StartseiteInformationen am MorgenGiftige Dieselabgase führen jedes Jahr tausendfach zum Tod15.12.2016

Messungen der UmwelthilfeGiftige Dieselabgase führen jedes Jahr tausendfach zum Tod

Die Deutsche Umwelthilfe lässt regelmäßig Messungen an Diesel-Fahrzeugen durchführen. Demnach blasen 47 von 50 Autos zu viel Schadstoffe in die Luft - unter anderem Stickstoffdioxid, das den Angaben zufolge jedes Jahr in mehr als 10.600 Fällen vorzeitig zum Tod führt.

Von Gerhard Schröder

Ein Messschlauch eines Gerätes zur Abgasuntersuchung für Dieselmotoren steckt im Auspuffrohr eines VW-Autos. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
"Was wir erleben, ist, dass auf der Straße zugunsten eines nicht zu hohen Spritverbrauchs die Abgasreinigung runter gefahren wird", sagt Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
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Es ist kalt, leichter Nieselregen fällt auf den grauen Asphalt. Ein ungemütlicher Tag. Axel Friedrich stellt sein E-Bike ab, geht in den Lagerraum, den er hier, im vornehmen Zehlendorf im Südwesten Berlins, gemietet hat. Messgeräte und Gasflaschen, Silikonmuffen und Edelstahlrohre liegen auf dem Boden herum, all das, was er für seine Abgastests so braucht.

Axel Friedrich ist 69 Jahre alt, ein drahtiger Typ, schmale Schultern, schlohweisses Haar, er trägt eine beige Sportjacke und dunkelgraue Jeans. Ein unscheinbarer Typ, der sich gerade mit der gesamten Automobilbranche angelegt hat. Wieder einmal muss man sagen. Schon vor zehn Jahren, damals war Friedrich noch Abteilungsleiter im Umweltbundesamt, fand er heraus, dass die meisten Dieselfahrzeuge zu viele Rußpartikel ausstoßen. Jetzt geht es um die Stickoxid-Emissionen. Er sagt:

"Wir haben alles getestet, was verkauft wird, ob das VW, Audi, Daimler, Opel, Ford, Fiat, also quer durch alle Marken. Denn wir möchten eben möglichst viele Marken abdecken."

Messung an einem schwarzen Koloss mit vier Zylindern und 180 PS

Heute ist ein Landrover–Discovery-Sport HSE TD4 dran, ein schwarzer Koloss mit vier Zylindern und 180 PS. Vom Auspuff führen chromglänzende Rohre zu einem Zylinder, der am Heck befestigt ist, von dort transportieren schwarze Schläuche die Abgase ins Wageninnere, zu zwei silberfarbenen Messgeräten. Hier werden die Schadstoffe analysiert und berechnet.

Axel Friedrich setzt sich ans Steuer, auf dem Beifahrersitz steht ein Laptop, der die Messwerte aufzeichnet. Wir fahren nach Süden, durch den dichten Stadtverkehr, vorbei an Baumärkten und Gewerbegebieten Richtung Stadtgrenze. Friedrich:

"Die Strecke ist so ausgewählt, dass sie dem mittleren Fahrprofil der Menschen entspricht. Ein Drittel Stadt, ein Drittel Land, ein Drittel Autobahn."

Nach 37 Minuten sind wir zurück in Zehlendorf, jetzt werden die Daten ausgewertet. Das Ergebnis: Der Landrover ist eine echte Dreckschleuder, 80 Milligramm Stickoxid darf er ausstoßen, der Computer hat 1183 Milligramm gemessen, 15-mal mehr als erlaubt ist. Axel Friedrich:

"Wenn ich der Eigentümer wäre, ich würde den Wagen zurückgeben. Denn das Fahrzeug entspricht nicht dem, was ich gekauft habe. Ich habe ein Euro 6-Fahrzeug gekauft, und habe ein Euro 0-Fahrzeug bekommen. Das hält nicht mal die erste Stufe ein, die 1991 eingeführt wurde. Völlig unakzeptabel, so ein Auto würde ich zurückgeben."

Nur drei von 50 getesteten Autos haben bestanden

Der Landrover ist mit seinen miserablen Abgaswerten in guter Gesellschaft. Von den 50 Autos, die Friedrich im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe in den vergangenen Monaten getestet hat, haben nur drei Fahrzeuge bestanden, alle anderen blasen zu viele Schadstoffe in die Luft. Ein Skandal, findet Jürgen Resch, der Geschäftsführer der Umweltorganisation:

"Was wir hier erleben, ist, dass auf der Straße zugunsten eines nicht zu hohen Spritverbrauchs die Abgasreinigung runter gefahren wird. Und die Folge ist, dass die Städte geflutet werden mit giftigen Dieselabgasen, die nach neuesten Erkenntnissen 10.610 vorzeitige Todesfälle verursachen. Jedes Jahr als Opfer von Stickstoffdioxid, das ganz überwiegend aus Dieselfahrzeugen stammt."

Die Umweltaktivisten Resch und Friedrich haben schon vor sechs Jahren vor Manipulationen bei der Abgasreinigung gewarnt, sind bei Aufsichtsbehörden und Ministern vorstellig geworden, ohne erkennbaren Erfolg. Die Politik hat zu sehr auf die Autoindustrie gehört, kritisiert der Grünen-Politiker Oliver Krischer, stellvertretender Vorsitzender des Abgasuntersuchungsausschusses:

"Wenn man hier konsequent nachgefragt hätte, weiter geprüft hätte, dann wäre der Skandal Jahre früher aufgeflogen. Und vor allen Dingen wäre der deutschen Automobilindustrie eine Menge Schaden erspart worden."

Einige Autos schalten die Abgasreinigung ab, wenn die Temperatur unter 17 Grad sinkt

Nach wie vor schalten viele Dieselfahrzeuge bei bestimmten Temperaturen die Abgasreinigung einfach ab. Wenn dies nötig ist, um Motorschäden zu verhindern, ist das zulässig, sagt der amtierende Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Er hat vor einem Jahr eine Expertenkommission eingesetzt, die die Tricksereien der Autokonzerne untersuchen soll:

"Bei einigen der untersuchten Fahrzeuge bestand in der Untersuchungskommission Zweifel, ob die gewählten Thermofenster im vollen Umfang durch diesen Motorschutz gerechtfertigt sind. Die Untersuchungskommission hat die Hersteller aufgefordert, die Thermofenster auf das notwendige Maß zu beschränken."

Was aber ist notwendig? Einige Autos schalten schon ab, wenn die Temperatur unter 17 Grad sinkt. Heißt im Klartext: Die Abgase werden nur im Hochsommer gereinigt. Dagegen vorzugehen sei schwierig, sagt Kirsten Lühmann, sie ist Obfrau der Sozialdemokraten im Abgasuntersuchungsausschuss. Die EU-Verordnung sei zu schwammig formuliert:

"Wir haben nur ein ganz großes Problem, dass wir in Europa sehr wenige Länder haben, die mit uns eine solche Klarstellung der Verordnung erreichen wollen. Inzwischen ist Frankreich auf unserer Seite, aber nach wie vor ist eine Mehrheit in Europa der Meinung, diese schwammigen Formulierungen reichen aus."

Axel Friedrich steht in seinem Lagerraum, blickt auf das bunte Ensemble von Auspuffrohren, Gasflaschen und Batterien. Er weiß um den Einfluss der Autoindustrie, mit schnellen Erfolgen rechnet auch er nicht. Aber entmutigen lässt er sich auch nicht, das ist nicht seine Art:

"Ich fange Dinge nie an, die ich nicht zu Ende führe. Wenn man etwas anfängt zum Schutz der Menschen, der Umwelt, dann haben wir keine Möglichkeit aufzugeben." 

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