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StartseiteInterviewMetaller-Tarifabschluss ist "pragmatische Lösung"18.02.2010

Metaller-Tarifabschluss ist "pragmatische Lösung"

IG Metall setzte vor allem auf Arbeitsplatzsicherung statt Lohnerhöhung

Der Arbeitsforscher Werner Eichhorst bewertete den Tarifkompromiss zwischen IG Metall und Arbeitgebern in Nordrhein-Westfalen positiv. Man könne diesen als "sehr pragmatische Lösung auch als einen Ausdruck der Stärke" der Gewerkschaft sehen. Die IG Metall sei sich der Situation auf den Weltmärkten bewusst.

Werner Eichhorst im Gespräch mit Bettina Klein

Für die Metaller war vor allem ein sicherer Arbeitsplatz wichtig. (AP)
Für die Metaller war vor allem ein sicherer Arbeitsplatz wichtig. (AP)

Bettina Klein: Zurückhaltung bei den Lohnforderungen, dafür Augenmerk auf die Sicherung von Arbeitsplätzen, aus gutem Grunde, das war die Linie bei der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. Heute Morgen die Einigung, die als Pilotabschluss für die gesamte Branche gilt und daher mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht wird.

Die Äußerungen heute Morgen dazu von IG-Metall-Chef in Nordrhein-Westfalen, Oliver Burkhard, und dem Arbeitgeberpräsidenten der Branche im Bundesland, Horst-Werner Maier-Hunke.

Oliver Burkhard: "Beide Tarifvertragsparteien haben hart gerungen, aber letztendlich haben wir beide bewiesen: Wir sind auch in der Lage - selbst in schwierigsten Zeiten wie diesen -, gute, passgenaue und zukunftsweisende Lösungen zu finden."

Horst-Werner Maier-Hunke: "Wir haben hier einen Tarifvertrag gemacht, der eigentlich zwei Gewinner hat, nämlich einmal die Unternehmer und einmal auch unsere Belegschaften."

Klein: Soweit also die Äußerungen zu den Verhandlungsführern bei der IG Metall zum Pilotabschluss, der heute Nacht oder vielleicht heute Morgen in Nordrhein-Westfalen erreicht wurde.

Einigung bei den Metallern. Anders sieht es aus im öffentlichen Dienst. Hier gibt es bekanntlich noch kein Ergebnis, im Gegenteil. Dafür hatte es bereits Warnstreiks gegeben und ab heute beginnt offiziell das Schlichtungsverfahren, und zwar in Hannover, anders als die Verhandlungen, die ja in Potsdam geführt worden waren.

Über die Tarifverhandlungen in diesem - immer noch - Krisenjahr 2010 möchte ich nun sprechen mit Werner Eichhorst, Arbeitsmarktforscher am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Ich grüße Sie, Herr Eichhorst.

Werner Eichhorst: Guten Tag, Frau Klein.

Klein: Lassen Sie uns zunächst auf die Metallbranche schauen. Kein Klassenkampf bei der größten Tarifgewerkschaft, keine Trillerpfeifen oder rote Fahnen, und der Arbeitgeberpräsident lobt ausdrücklich den Tarifabschluss in der Metallindustrie. Muss man sich, zugespitzt gefragt, um die IG Metall Sorgen machen in diesem Jahr?

Eichhorst: Nein. Ich glaube, man muss sich nicht um die IG Metall Sorgen machen. Man kann durchaus die jetzt gefundene, sehr pragmatische Lösung auch als einen Ausdruck der Stärke verstehen. Die Metallbranche ist oft in den Verhandlungen selbst erst mal ein bisschen martialisch, geht aber dann doch einen relativ pragmatischen Weg. Und ich denke, das ist jetzt hier auch in dem Fall besonders klar zur Geltung gekommen.

Insgesamt muss man auch sehen, die IG Metall und auch andere Branchen aus dem Industriesektor sind sich auch der Situation auf den Weltmärkten bewusst und haben das auch in die Verhandlungsstrategie mit einbezogen. Gleiches gilt allerdings auch für die Arbeitgeber und man muss auch sagen, diese Branchen zeichnen sich durch einen großen Einigungswillen auf beiden Seiten einfach aus.

Klein: Etwas anders im öffentlichen Dienst. Dort haben wir sehr rasch Warnstreiks gesehen. Man geht heute in die Schlichtung, wir haben gerade darüber berichtet. Sollte der öffentliche Dienst von den Metallern lernen?

Eichhorst: Ich denke, bis zu einem gewissen Grade ist das schon sinnvoll. Die Metallbranche hat in Deutschland lange Zeit das Tempo vorgegeben. Jetzt zeigt sich, dass sich die binnenorientierten Branchen und der öffentliche Dienst auch ein Stück weit abkoppeln möchte.

Auf der anderen Seite sollte man jetzt aber nicht unterschätzen, dass sich auf beiden Seiten, wie Sie auch dargestellt haben, sowohl Arbeitgeber als auch Gewerkschaften auch im öffentlichen Bereich aufeinander zubewegen und sicher auch die Situation insgesamt berücksichtigen. Die öffentlichen Haushalte werden in den nächsten Jahren eher in eine schwierige Situation geraten und das dürfte ausschließen, dass es zu sehr hohen Lohnabschlüssen kommt.

Klein: Sichere Jobs, hieß es bei der IG Metall vorrangig, mehr Geld bei den Gewerkschaften im öffentlichen Dienst. Sehr deutlich sind geworden in diesem Jahr die unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Zielsetzungen der Gewerkschaften. Ist das auch eine Art strategisches Dilemma für das Gewerkschaftslager insgesamt?

Eichhorst: Sicher, auf jeden Fall. Es ist insbesondere so, dass die großen Gewerkschaften wie beispielsweise Verdi natürlich auch Konkurrenz bekommen von kleineren Gruppen, die sich sehr stark organisieren und dann eben auch versuchen, für ihre jeweilige Klientel höhere Lohnabschlüsse rauszuschlagen. Verdi ist da sozusagen ein Stück weit gefordert, erst mal radikaler aufzutreten, aber in der Fläche für den öffentlichen Dienst wird es nicht möglich sein, das durchzusetzen.

Wir müssen auch sehen, dass in der Reaktion auf hohe Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst es in der Vergangenheit auch immer die Tendenz gegeben hat seitens der Arbeitgeber, Leistungen zu privatisieren und auszulagern und dann eben ganz andere tarifliche Entlohnungsstrukturen einzuführen.

Klein: Ein Sonderfall vielleicht der angekündigte Pilotenstreik der Gewerkschaft Cockpit, der uns für kommende Woche bevorsteht, eine sehr kleine Gruppe ja im Grunde genommen, die für mehrere Tage ab Montag den Luftverkehr zumindest teilweise lahmlegen wird. In welchen Zusammenhang würden Sie das stellen?

Eichhorst: Ich denke, das ist auch eine typische Entwicklung der letzten Jahre. Wir haben das auch bereits gesehen im Bereich der Ärzte und im Bereich der Lokführer, dass sehr kleine und kampferprobte und auch an einer zentralen Stelle arbeitende Gruppen versuchen, stärkere Lohnanhebungen durchzusetzen, auch eigene Tarifverträge zu bekommen, und die Piloten bei der Lufthansa sehen sich offensichtlich in einer ähnlichen Situation wie die Lokführer bei der Deutschen Bahn und versuchen, hier ihre Kampfkraft auszutesten.

Klein: Müssen wir Verständnis dafür aufbringen in einer Branche, wenn Mitarbeiter wie die Piloten streiken, die, worauf die "Süddeutsche Zeitung" heute zum Beispiel noch mal ausführlich hingewiesen hat, im Jahr 180.000 Euro verdienen?

Eichhorst: Die Piloten bei der Lufthansa gehören sicher nicht zu den Geringverdienern in Deutschland. Insofern dürfte das Verständnis in der breiteren Bevölkerung begrenzt sein. Auf der anderen Seite muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass sie ein großes Erpressungspotenzial haben, insbesondere im Hinblick auf die Lufthansa, die darauf angewiesen ist, dass die Piloten ihrer Arbeit nachgehen.

Aber in dem Maße, wie jetzt hier höhere Lohnabschlüsse durchgesetzt werden, steigt natürlich dann auch wiederum die Bereitschaft der Arbeitgeberseite, möglicherweise an andere Tochtergesellschaften die Flüge auszulagern und dann wiederum andere tarifliche Strukturen zur Geltung zu bringen.

Klein: Und das ist gerechtfertigt, das Erpressungspotenzial auszuschöpfen?

Eichhorst: Das ist aus Sicht der Vereinigung Cockpit vollkommen legitim und naheliegend. Das ist jetzt gesamtgesellschaftlich und gesamtwirtschaftlich sicher nicht besonders sinnvoll und es ist auch zu fragen, ob die Piloten sich damit langfristig einen Gefallen tun, weil sie Gefahr laufen, dann auf der einen oder anderen Front wieder unter Druck zu geraten, beispielsweise indem die Lufthansa Piloten von anderen Tochtergesellschaften in Deutschland einsetzt, oder zu diesem Zweck sich aufspaltet.

Klein: Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Eichhorst.

Eichhorst: Danke. Auf Wiederhören!

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