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StartseiteForschung aktuellPegelsprünge im Meer01.04.2019

Meteo-TsunamisPegelsprünge im Meer

Luftdruckänderungen und Winde über dem Wasser sind Auslöser der sogenannten Meteo-Tsunamis. Das Phänomen – an der Ostseeküste als "Seebär" bekannt – wird derzeit erforscht: Es soll so vorhersagbar werden.

Von Volker Mrasek

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Bildnummer: 58413222 Datum: 22.08.2012 Copyright: imago/Joana Kruse Sturmflut, Strandkörbe, Wenningstedt, Sylt, Schleswig-Holstein, Deutschland Reisen x0x xub 2012 quer kurios Komik Sturmflut Strandkörbe Wenningstedt Sylt Schleswig-Holstein Deutschland Strandkörbe Strandkorb Flut Sturm Orkan Wellen Nordsee Nordfriesland Meer Welle Überschwemmung Überschwemmung Hochwasser Wasser Wenningstedt-Baderup 58413222 Date 22 08 2012 Copyright Imago Joana Kruse Storm surge Beach baskets Wenningstedt Sylt Schleswig Holstein Germany Travel x0x 2012 horizontal funny comic Storm surge Beach baskets Wenningstedt Sylt Schleswig Holstein Germany Beach baskets Beach basket Flood Storm Hurricane Waves North Sea North Friesland Sea Wave Flooding Flooding Floods Water Wenningstedt (imago / Joana Kruse)
Nicht nur Sturmfluten können Schäden an Küsten verursachen: Ausgelöst durch bestimmte Wetterlagen, können Meteo-Tsunamis mehrere Meter hoch werden. (imago / Joana Kruse)
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Meteo-Tsunamis Wenn der Sturm die Welle antreibt

Wenn man Bärbel Weidig vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie trifft, bekommt man schnell das Gefühl: Hier spinnt doch jemand Seemannsgarn:

"Also Seebären, die kommen in der Nord- und in der Ostsee vor."

Seebären? Sind das nicht enge Verwandte der bulligen Seelöwen, zuhause in fernen Ozeanen? Wie sollte es diese Exoten in die Ostsee verschlagen?

"Die wurden 1756 das erste Mal beschrieben. Ich habe noch keinen Seebären wirklich erlebt. Seebären sind sehr selten", sagt Bärbel Weidig.

Wissen deshalb nur wenige Bescheid? Na ja, vielleicht auch ganz gut so! Denn sicher sind Seebären dann eine geschützte Art!

Meteo-Tsunamis - bis zu 4,80 Meter hoch

An dieser Stelle Schluss mit dem Bären-Aufbinden! Bärbel Weidigs Interesse gilt nicht irgendwelchen Robben-Arten, sondern der rauen See. Sie arbeitet beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Rostock und dort beim Wasserstandsdienst für die deutsche Ostseeküste. Und damit haben ihre Seebären dann auch zu tun - mit plötzlichen Pegelsprüngen im Meer:

"Der Begriff kommt aus dem Niederdeutschen, von ,boeren'. Und das bedeutet: die See heben."

Dass der Pegel an der Küste schnell steigt, weiß man von Tsunamis. Ganz ähnlich ist es bei einem Seebär. Nur wird der nicht durch Meeresbeben ausgelöst, sondern durch Luftdruckänderungen und starke Winde über dem Wasser. Und er ist auch bei weitem nicht so gewaltig. Dennoch sprechen Fachleute im Fall der Seebären ebenso von "Tsunamis" oder genauer: von "Meteo-Tsunamis", wie Bärbel Weidigs Kollegin Sandra Schwegmann sagt:

"Ein Tsunami ist im Grunde eine Welle, die eben durch ein bestimmtes Ereignis ausgelöst wird. Und das ist ja auch hier so. Die Welle erreicht keine 30 Meter, aber international wurden 4,80 Meter durchaus schon erreicht. Bei uns an der Ostseeküste sind sie zum Glück nur zwischen einem halben und einem ganzen Meter."

"Seebären" können Schäden verursachen

Schwegmann und Weidig gehören zu einer Arbeitsgruppe, die untersucht, wie häufig Seebären eigentlich an der Ostseeküste auftauchen. Und ob man sie vielleicht vorhersagen und vor ihnen warnen könnte, was bisher nicht geschieht. Beteiligt sind auch polnische Forscher.

Seebären sind zwar harmlos im Vergleich mit verheerenden Geo-Tsunamis, können aber durchaus Schäden verursachen. Der Spuk dauert meist nur Minuten, maximal ein, zwei Stunden:

"Im Sommer kann natürlich ein großes Problem sein, dass die Strandkörbe sehr dicht an der Wasserkante aufgebaut werden. Und wenn dann der Wasserstand sehr plötzlich steigt, kann man diese Strandkörbe eben nicht mehr rechtzeitig wegholen. Und die werden dann überflutet", so Sandra Schwegmann.

Knapp 90 Zentimeter - so stark kletterte der Pegel einmal binnen zweieinhalb Stunden vor Wismar. Das war bei einem Herbst-Seebär im vorletzten Oktober. Ab hundert Zentimetern spricht man eigentlich schon von einer Sturmflut:

"Wir haben auch bei 60 bis 70 Zentimetern an einigen Küstenabschnitten schon Schäden durch Überschwemmungen am Strand oder an den Orten, wo auch Leute wohnen, wo dann auch die Straßen gesperrt werden müssen. Und ein Problem für den Schiffsverkehr ist eben auch, wenn der Wind aus der anderen Richtung kommt: nicht aus Nord, sondern aus Süd", so Weidig.

Dann drückt er das Wasser von der Küste weg, und die Welle bewegt sich Richtung offene See und nicht an Land:

"Und da ist dann zu wenig Wasser unterm Kiel."

"Seebären lieben Buchten"

Kleine lokale Tiefdruckwirbel oder Gewitterfronten, die über die Küste hinwegziehen, dazu starke Luftdruckschwankungen und auffrischende Winde - das sind die Zutaten für einen Wasserstandsstau. Und manchmal braut sich daraus dann ein Meteo-Tsunami zusammen, eine Mini-Sturmflut. Aber noch etwas kommt hinzu: Seebären zieht es in Meeresbuchten, wie Sandra Schwegmann sagt:

"Wenn die Welle dichter an die Küste kommt, dann kann sie sich auftürmen. Und wenn sie dann noch in eine Bucht kommt, wird sie auch von den Seiten eingeengt. Und dadurch kann sich das Wasser höher auftürmen. Seebären lieben Buchten."

Bisher haben die Forscherinnen nur die Daten der Pegelmessstelle in Warnemünde ausgewertet. Doch weitere sollen folgen. Denn sie würden gerne mehr über die genauen meteorologischen Bedingungen erfahren, unter denen sich Seebären an der Ostseeküste dann und wann blicken lassen:

"Dass wir die Zusammenhänge so weit erkennen, dass wir sie wenigstens kurzfristig vielleicht nicht unbedingt vorhersagen, aber dass wir sagen können: O.k., es besteht die Möglichkeit, dass sich einer bildet", sagt Sandra Schwegmann.

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