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StartseiteInterview"Das ist natürlich totaler Stress für die Vegetation"21.04.2020

Meteorologin zu Trockenheit"Das ist natürlich totaler Stress für die Vegetation"

An länger anhaltende Wetterlagen - wie derzeit ohne Regen - müssten wir uns in Folge des Klimawandels gewöhnen, sagte die Meteorologin Michaela Koschak im Dlf. Schon jetzt seien die Böden wieder bis in tiefere Schichten "sehr, sehr trocken". Noch könne das ausgeglichen werden - wenn es wieder mal regne.

Michaela Koschak im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Ausgetrockneter Boden (dpa / Federico Gambarini)
Bereits jetzt im Frühling sind Böden in Deutschland wieder bis in tiefere Schichten sehr trocken (dpa / Federico Gambarini)
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Der April macht, was er will, das ist ein altes Bauernsprichwort, um das Wetter im April zu beschreiben. Strahlender Sonnenschein, gefolgt von einem Hagelschauer, ein paar Minuten später dann wieder sonnig, die nächsten Tage Dauerregen. Der April war mal gekennzeichnet durch seine Unbeständigkeit.

Seit Anfang April ist es in Deutschland beständig trocken und warm. Regen fiel nur vereinzelt und lokal begrenzt. Die Folge: Vor allem im Osten Deutschlands gibt es große Bereiche für die bereits Waldbrandgefahr der höchsten Stufe gilt. Aber auch in anderen Teilen des Landes steigt das Risiko, so brannten zu Beginn der Woche 35 Hektar Wald in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Gummersbach 35.  

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Warum es aktuell so trocken ist und welche Folgen das haben kann, erläuterte Diplom-Meteorologin Michaela Koschak im Dlf.

Länger anhaltende Wetterlagen durch den Klimawandel

Ann-Kathrin Büüsker: Frau Koschak, diese konstante Wetterlage jetzt über Wochen hinweg, wie kommt die zustande?

Michaela Koschak: Wir haben derzeit ein sehr, sehr kräftiges und stabiles Hochdruckgebiet im Norden Europas, wo ja sonst normalerweise die Tiefs nach und nach durchziehen. Das ist ein sogenanntes blockierendes Hochdruckgebiet, das heißt die Tiefs müssen einen riesigen Bogen um uns machen. Dieses Hoch bleibt und bleibt, es wird manchmal ausgewechselt durch ein neues, aber eigentlich immer an der gleichen Stelle. Das heißt, am Mittelmeer derzeit sehr wechselhaftes Wetter, eine Menge Tiefdruckgebiete, eine Menge Regen, und wir liegen unter diesem Hoch und somit bleibt es trocken, ist es trocken und wird wohl noch eine Weile trocken bleiben.

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Büüsker: Und wieso bleibt dieses Hoch so konstant da beziehungsweise wird durch neue Hochs ersetzt?

Koschak: Das sind diese Omega-Wetterlagen, wo dann wirklich das Hochdruckgebiet an der Stelle bleibt. Insgesamt durch den Klimawandel neigen wir jetzt schon zu diesen länger anhaltenden Wetterlagen. Zum Beispiel im Februar und Anfang März, das waren auch so sechs Wochen, da hatten wir ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen, das waren eher so diese Sturmtiefs, da hat sich halt diese Wetterlage eingefahren. Da lagen wir quasi in einem Tal von dem sogenannten Jetstream, das ist ein starkes Windband in der Höhe, das macht hier in Mitteleuropa quasi unser Wetter.

Und wenn dieser Jetstream ein bisschen langsamer wird, was jetzt wahrscheinlich durch den Klimawandel der Fall ist, die meisten Wissenschaftler sind sich darüber einig, weil die Temperaturunterschiede zwischen dem Nordpol und dem Äquator nicht mehr so hoch sind. Weil am Nordpol ist der Klimawandel ein bisschen schneller, somit wird es hier schneller warm. Und durch diesen langsameren Jetstream fahren sich die Wetterlagen bei uns ein. Wir hatten erst diese Tiefdrucklage Ende Februar, Anfang März, jetzt haben wir diese Hochdrucklage und die bleibt und bleibt und bleibt.

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Büüsker: Das heißt, von dieser Vorstellung, dass der April sehr unbeständig ist, müssen wir uns eigentlich langfristig verabschieden, die alte Bauernregel ad acta legen?

Koschak: Das kann man so nicht sagen. Wir haben das ja im März eher so, dass wir da dieses wechselhafte Wetter hatten. Das Wetter hält sich halt nicht immer genau an den Kalender, hält sich nicht an den Kalender, sondern das verschiebt sich manchmal ein bisschen. In den letzten Jahren hatten wir da oft im Mai, diese stabilen Wetterlagen, die wir jetzt haben. Dieses Jahr ist es nun wirklich gerade in den April gerutscht, da ist nichts mit Aprilwetter derzeit wirklich.

"Wir müssen uns an stabilere Wetterlagen gewöhnen"

Büüsker: Nun heißt es ja oft, Wetter ist ungleich Klima, aber wenn ich Sie richtig verstehe, würden Sie schon einen konkreten Bezug herstellen zwischen der aktuellen Wetterlage und den grundsätzlichen Veränderungen durch den Klimawandel.

Koschak: Wetter und Klima ist der große Unterschied, dass wir wirklich Wetter, das ist das jetzt, was wir momentan haben. Man geht raus, man spürt heute morgen noch diese kühle Luft, den kalten Wind, das ist Wetter, das können wir spüren. Klima ist das Wetter statistisch gesehen über mindestens 30 Jahre. Aber wir beobachten natürlich das Wetter natürlich auch schon länger als 30 Jahre, und da sieht man jetzt schon, dass es sich verändert.

Es wird wärmer durch den Klimawandel, und durch diese Wärme werden auch bestimmte Wetterlagen anders, als wir das zum Beispiel vor 30 Jahren hatten. Und somit, ja, es scheint so, wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir einfach längere, stabilere Wetterlagen haben, mal halt Dürre, mal halt aber auch durchweg wechselhaftes Wetter. Das heißt jetzt nicht, dass es nur wärmer wird und immer nur trockener, sondern es kann auch eine Phase wie zum Beispiel Februar, Anfang März geben, wo es einfach viel regnet, viel Wind gibt.

Büüsker: Was müsste denn jetzt passieren in Deutschland, damit wir tatsächlich mal wieder Regen bekommen?

Koschak: Die Hoch- und Tiefdruckgebiete müssten ein bisschen ihre Lage ändern und es müssten natürlich Tiefdruckgebiete vom Atlantik zu uns ziehen. Es gibt ein paar Modelle: Also die nächsten Tage werden definitiv noch sonnig und trocken sein überall in Deutschland bis Freitag, manche Modelle errechnen jetzt am Wochenende schon ein kleines bisschen Änderungen, dass es wechselhafter wird, die meisten Modelle erst ab nächsten Montag, was natürlich noch sechs Tage hin ist.

Somit ist das ganze noch nicht sicher, aber da könnte es dann wenigstens ab und zu mal regen. Leider der Landregen, den sich vor allem auch die Bauern wünschen, der ist erst mal nicht in Sicht. Das wären dann auch eher die Schauerwetterlagen, wo dann bei dem einen Regen ist, bei dem anderen passiert gar nichts. Ab nächsten Montag könnte es möglicherweise mal wieder ab und zu hier und da etwas regnen.

"Landregen wäre die große Lösung"

Büüsker: Kann man aus diesen Wetterlagen, die wir bisher sehen in diesem Jahr, tatsächlich schon was ableiten für den Rest des Jahres? Viele fürchten ja, dass wir wieder so ein Dürrejahr bekommen könnten wie in den letzten beiden Jahren.

Koschak: Das kann man überhaupt noch nicht sagen. Das wäre wirklich Scharlatanerei, da kann man nichts zu sagen. Schön ist, dass es im Februar, im März ja ein bisschen geregnet hat, sodass die Dürre vom letzten Jahr ein bisschen aufgearbeitet werden konnte. Allerdings jetzt sind die Böden schon wieder bis in tiefere Lagen, bis in tiefere Schichten sehr, sehr trocken, die Flüsse führen wenig Wasser, die Waldbrandgefahr ist wie gesagt sehr, sehr hoch. Durch den Wind, den wir gestern, heute und morgen auch noch im Süden Deutschlands haben, kommt es zu Sandstürmen. Und vor allem auch, wenn mal ein Feuer ausgebrochen ist: Dieser Wind entfacht und verbreitet die Feuer noch schneller, die Arbeiten durch die Feuerwehr sind durch den Wind deutlich erschwert. Im Moment ist es wirklich sehr unangenehm, aber man kann auf den Sommer natürlich noch gar nicht gucken.

Büüsker: Was bedeutet das für den Boden, wenn da ein Regenschauer draufkommt?

Koschak: Das müsste natürlich wirklich dieser Landregen sein, das heißt einfach langsamer, permanenter Regen, der über Stunden hinweg fällt, dann könnte der Boden das ganz gut aufnehmen. Wenn jetzt hier und da mal einfach so ein super kräftiger Schauer oder Gewitter fällt, dann kann das auch sein, weil die Böden so trocken sind, dass das einfach oberirdisch abgeleitet wird – für die Flüsse ganz okay, aber für den Boden natürlich nicht so gut. Landregen wäre die große Lösung, die aber erst mal nicht in Sicht ist.

"Meist schafft die Natur eine ganze Menge"

Büüsker: Dass jetzt ausgerechnet im April es so trocken ist, der April ist ja eigentlich ein absoluter Frühlingsmonat, also auch Wachstumsphase für viele Pflanzen, wenn da der Regen ausbleibt, was heißt das für die Vegetation?

Koschak: Das ist natürlich totaler Stress für die Vegetation. Die Wälder merken es, natürlich die Landwirte und Bauern, auch jeder Kleingärtner hat ja, glaube ich, seinen Gartenschlauch permanent draußen. Das ist für die Pflanzen natürlich sehr, sehr schlecht, wenn es jetzt dann noch mal richtig kalt werden würde und noch mal richtig Frost reinkommt, dann wäre es noch schlechter. Das ist zum Glück ja gerade erst mal nicht der Fall, die Tage haben wir ja hinter uns. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die Eisheiligen doch noch mal zuschlagen. Im Moment ist die Trockenheit das große Problem für die Bäume. Ich glaube, die Weinbauern sind nicht so unglücklich über die viele Sonne, bei denen ist es wie letztes Jahr dann ganz gut, aber alle anderen haben wirklich mit der Trockenheit zu tun.

Büüsker: Kann die Natur diesen Regen nachholen, sollte er jetzt kommen?

Koschak: Die Natur ist, man glaubt es kaum, wirklich sehr, sehr zäh. Viel wird schon noch ausgeglichen werden können, wenn es dann mal irgendwann regnet und nicht wie letzten Sommer wirklich wochen- bis monatelang gar nicht regnet. Meist schafft die Natur eine ganze Menge, wir unterschätzen die, glaube ich, sehr viel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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