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StartseiteMusikjournal"Die Auswirkungen sind verheerend"04.01.2021

Metropolitan Opera in der Coronakrise"Die Auswirkungen sind verheerend"

Etwa 150 Millionen Doller habe die Metropolitan Opera seit Beginn der Corona-Pandemie verloren, sagte ihr Generalintendant Peter Gelb im Dlf. Derzeit müsste das privat finanzierte Opernhaus fast ausschließlich auf Spenden setzen. "Es ist ein Kampf, damit wir diese Krise unversehrt überstehen."

Peter Gelb im Gespräch mit Jochen Hubmacher

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Menschen stehen im Dunklen vor einem Springbrunnen und blicken in die fünf hell erleuchteten, großen bogenförmigen Fenster des Metropolitan Opera House in New York City. (imago / Imagebroker)
Eine gute Nachricht gebe es für die Metropolitan Opera, sagte ihr Generalintendant im Dlf: "Seit Beginn der Pandemie konnten wir 40.000 neue private Spender gewinnen." (Das Bild zeigt die Met vor dem Lockdown.) (imago / Imagebroker)
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Die Metropolitan Opera in New York ist das größte Opernhaus in den USA. Seit 2006 ist Peter Gelb der General Manager, also der Generalintendant der sogenannten Met. Angesichts der Corona-Pandemie zog er im September 2020 die Reißleine und sagte die komplette Spielzeit des Opernhauses ab. Ende Dezember hat Peter Gelb im Interview berichtet, wie die aktuelle Situation der Metropolitan Opera ist.

Peter Gelb im schwarzen Anzug vor einer Presse-Wand mit der Aufschrift "The Metropolitan Opera" im September 2019 (picture alliance / Photoshot /  Robin Platzer/ Twin Images/ Avalon)Generalintendant der Met Peter Gelb (picture alliance / Photoshot / Robin Platzer/ Twin Images/ Avalon)

Jochen Hubmacher: Wie empfinden Sie Ihre Arbeit in den vergangenen Monaten?

Peter Gelb: Mein Job als Generalintendant der Met hat es immer mit sich gebracht, verschiedene Hüte auf zu haben. Ich muss sowohl das wirtschaftliche als auch das künstlerische Wohl des Hauses sicherstellen. Zweifellos sind die Herausforderungen seit Beginn der Corona-Pandemie größer als ich mir das je hätte vorstellen können. Alles was schon vorher wirtschaftlich problematisch für uns war, hat sich durch diese Pandemie noch verschlimmert. Es ist ein Kampf, aber ein sehr wichtiger Kampf, den meine Kollegen und ich führen müssen, damit wir diese Krise unversehrt überstehen.

"Wir haben seit dem Lockdown im März etwa 150 Millionen Dollar verloren"

Hubmacher: Anders als in Deutschland sind US-amerikanische Opernhäuser privat finanziert, durch Mäzene, Werbe- oder Ticketeinnahmen. Zumindest letzteres fällt durch die Absage der Saison einstweilen weg. Welche Auswirkungen hat Corona bisher auf die wirtschaftliche Situation der Met?

Gelb: Die Auswirkungen sind verheerend. Wir haben seit dem Lockdown im März etwa 150 Millionen Dollar verloren. Das sind die Ticketeinnahmen der letzten acht, neun Wochen der Saison 2019/20 und der kompletten Spielzeit 20/21. Wir müssen derzeit fast ausschließlich auf Spenden setzen und daher zielen unsere Anstrengungen darauf ab, die Verbindung zu unserem Publikum und unseren Förderern aufrecht zu erhalten. Da die Met schon sehr früh Übertragungen von Opernaufführungen gemacht hat, haben wir viel Videomaterial, das wir jetzt kostenfrei zeigen können. Außerdem haben wir eine kostenpflichtige Pay-per-view-Konzertreihe aufgelegt. Und die gute Nachricht für die Met ist: Seit Beginn der Pandemie konnten wir 40.000 neue private Spender gewinnen. 40.000 Menschen auf der ganzen Welt wurden zu Unterstützern der Met, obwohl sie nicht ins Opernhaus in New York gehen können.

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Hubmacher: Das Orchester der Met kann seit Monaten nicht proben oder auftreten. Und anders als in Orchestern hierzulande, bekommen die Musiker des Met-Orchesters kein Geld, wenn sie nicht spielen. Manche mussten New York inzwischen verlassen, weil das Leben dort einfach zu teuer ist, wenn man kein regelmäßiges Einkommen hat. Wie schätzen Sie den künstlerischen Schaden ein, den die Corona-Pandemie für die Met haben wird?

Gelb: Keine Frage, der Schaden ist groß. Eines der besten Opern- und Sinfonieorchester der Welt und auch der Chor sind im wahrsten Sinne des Wortes stillgelegt. Manche Musiker haben Nebenjobs, andere unterrichten. Aber klar, wenn man als Ensemble nicht zusammen musiziert, hat das negative Auswirkungen. Es werden einige Proben und Aufführungen nötig sein, bis das ursprüngliche Niveau wieder erreicht ist. Unglücklicherweise haben wir keine andere Wahl in dieser Situation. Selbst wenn wir die wirtschaftlichen Mittel für Proben oder Aufführungen unter Beachtung der Abstandsregeln hätten, die gesetzlichen Bestimmungen hier in New York ließen es derzeit gar nicht zu. New York City war im Frühling das Epizentrum der Corona-Pandemie in den USA, für eine kurze Zeit vielleicht sogar weltweit. Seither sind Zusammenkünfte von mehr als ein paar Menschen verboten. Es gibt aktuell und in den kommenden Monaten keinen Spielraum für ernsthafte künstlerische Unternehmungen. Nichts tut sich hier, außer dass ab und an einige wenige Künstler oder kleine Formationen etwas im Internet streamen.

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"Wir müssen Wege finden, mit der Situation umzugehen"

Hubmacher: Wenn es die Corona-Situation zulässt, die Impfungen den erhofften Effekt haben, dann wird die Met Ende September 2021 wieder ihre Tore öffnen. Wird die Met nach der Pandemie die gleiche wie vor der Pandemie sein?

Gelb: Diese Frage bleibt offen. Die Met existiert seit 136, 137 Jahren, aber Geschichte und Langlebigkeit sind keine Garantie für die Zukunft. Die darstellenden Künste in diesem Land leiden seit Langem unter großen wirtschaftlichen Problemen. Und die Rahmenbedingungen, die es der Met ermöglichen können, wirtschaftlich und künstlerisch wieder auf die Beine zu kommen, müssen in den nächsten Monaten erst ausgearbeitet werden. Unser Publikum, das eher älter ist, auch wenn wir in den letzten Jahren jüngere Publikumsschichten erreichen konnten, also diese älteren Besucher der Met, die sehnen sich nach dem Impfstoff. Aber sie haben auch Angst. Verschiedene Umfragen und Studien von Tourismusverbänden besagen, dass sich die Zahl der Touristen in New York nicht vor 2024/25 normalisieren wird. Wir erwarten daher, dass trotz Impfung, unsere Besucherzahlen einige Spielzeiten lang nicht das Niveau von vor der Pandemie erreichen werden. Wir müssen Wege finden, mit der Situation umzugehen, und das erfordert das Verständnis und die Kooperation aller Mitarbeiter der Met.

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Hubmacher: Für die Zeit bis es wieder Auftritte vor Publikum geben kann, haben Sie die Online-Reihe "Met Stars live in concert" aufgelegt. Gerade gab es eine Silvester-Gala mit vier Sängerinnen und Sängern, die in Augsburg stattfand und in alle Welt gestreamt wurde. Für 20 Dollar konnte man sich das ansehen. Damit wird die Met sicher keine Reichtümer anhäufen, aber es geht dabei offenbar um etwas anderes. Was ist die Idee hinter der Konzertreihe?

Gelb: Es sind mehrere Ziele, die wir damit verfolgen. Zum einen geht es darum, den Kontakt unseres Publikums und unserer Förderer mit den beliebtesten Sängerinnen und Sängern der Met aufrecht zu erhalten. Für die Künstler ist es sehr wichtig, weil es ihnen die Möglichkeit bietet zu arbeiten. Momentan geschieht das ja nur unregelmäßig, kaum etwas lässt sich planen. Uns als Institution können wir damit zeigen, dass wir am Leben sind. Obwohl unser Opernhaus in New York dunkel ist und die Bühne verwaist, sind wir in der Lage, wenn auch 4.000 Meilen entfernt in Augsburg, eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Das bringt nicht nur Ticketeinnahmen, sondern auch Spenden. Für das Silvesterkonzert in Augsburg erhalten wir mehrere Millionen Dollar von unseren Top-Mäzenen, die damit ihre Unterstützung für die Met demonstrieren und kleinere Förderer inspirieren, ebenfalls zu spenden.

"Die Herausforderungen haben sich verdoppelt, verdreifacht oder gar vervierfacht"

Hubmacher: "Jede Krise birgt eine Chance", ein Satz, der während der Corona-Pandemie immer mal wieder zu hören ist. Welche Chancen birgt in Ihren Augen diese Krise für die klassische Musikszene?

Gelb: Es fällt mir schwer von positiven Auswirkungen zu sprechen, angesichts der verheerenden und niederschmetternden Dinge, die wir erlebt haben. Ich denke, der positivste Aspekt ist, dass wir uns am Ende davon erholen werden. Und diese Pause, die länger ist, als wir das alle wollen, eröffnet uns die Chance nachzudenken: über künstlerische Ideen, aber auch über gesellschaftliche Veränderungen. In den USA gab es in letzten Monaten einen enormen Aufschrei für soziale Gerechtigkeit, den ich für richtig und angemessen halte. Auch die Theater und Opernhäuser haben jetzt die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was sie tun können um in Zukunft gerechter und vielfältiger zu werden. Das reicht von der Künstlerauswahl bis hin zu den Menschen, die hinter den Kulissen arbeiten: Regisseure, Bühnenbildner, Kostümbildner und so weiter.

Bezahlte Praktika sollen People of Color ermöglichen, die Welt der Oper kennenzulernen, sodass wir zukünftig mehr Menschen aus dieser gesellschaftlichen Gruppe als Mitarbeiter in allen Bereichen gewinnen können. Sicher müssen wir auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen überdenken, die seit Langem ein Stachel im Fleisch der Met und anderer Theaterinstitutionen sind. Die Herausforderungen haben sich verdoppelt, verdreifacht oder gar vervierfacht. Was schon vor Corona ein zerbrechliches wirtschaftliches Konstrukt war, ist jetzt noch problematischer geworden. Daher müssen wir in gegenseitigem Verständnis und in Kooperation mit unseren gewerkschaftlich organisieren Mitarbeitern einen Weg finden, der uns da weiterbringt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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