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StartseiteHintergrund43 Verschwundene und Tausende mehr24.06.2015

Mexiko43 Verschwundene und Tausende mehr

Alle zwei Stunden verschwindet in Mexiko ein Mensch. Wie groß die Dunkelziffer ist, weiß niemand. Nach dem Verschwinden von 43 Studenten erregt das Thema auch international Aufmerksamkeit. Doch die häufig involvierten Drogenkartelle verbreiten so viel Angst und Schrecken, dass viele Menschen lieber schweigen.

Von Anne Demmer

Stühle mit Bildern der vermissten Studenten in der Hochschule von Ayotzinpa (Anne Demmer)
Stühle mit Bildern der vermissten Studenten in der Hochschule von Ayotzinpa (Anne Demmer)
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Magdalena Hernández kämpft sich mit einem Holzstock durch dorniges Gebüsch. Die 38-jährige Lehrerin trägt einen Strohhut gegen die brennende Mittagssonne. Sie läuft in einer Reihe mit rund 15 Männern und Frauen, darunter auch ein paar Kinder. Einige von ihnen haben sich - so wie Magdalena Hernández - ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift: "Hasta encontrarte" - übergestreift. "Bis ich dich finde". Das ist das Motto der Gruppe. Meter für Meter arbeiten sie sich voran, wie professionelle Ermittler. Sie suchen nach geheimen Gräbern, ihren verschwundenen Angehörigen in der Umgebung von Iguala, dort, wo auch die 43 Studenten von Ayotzinapa verschwunden sind. Magdalena Hernández hofft, dass sie hier ihren Bruder finden wird. Er war Taxifahrer. Vor drei Jahren hat die 38-Jährige ihn zum letzten Mal gesehen.

"Der Tag, an dem sie ihn mitgenommen haben, war mein Geburtstag. Ich habe auf ihn gewartet. Er war zum Essen eingeladen, ist aber nie aufgetaucht. Um zehn Uhr abends haben dann die Entführer bei uns angerufen."

"Iguala ist ein einziges Massengrab"

Eine Angehörige, die ihren Bruder sucht.  (Foto: Anne Demmer)Eine Angehörige, die ihren Bruder sucht. (Foto: Anne Demmer)

Tränen laufen ihr über das Gesicht. Die Entführer forderten Lösegeld. Das konnte die Familie nicht bezahlen. Magdalena Hernández hat nie wieder etwas von ihrem Bruder gehört. Sie war sogar bei der Polizei, obwohl sie der eigentlich misstraut. Die Beamten hätten ihr eindringlich geraten, es auf sich beruhen zu lassen, erzählt sie. Magdalena und ihre Geschwister haben tagelang das Haus nicht verlassen, aus Angst, dass ihnen das gleiche widerfährt. Die große Öffentlichkeit für die 43 Studenten hat sie ermutigt. Zunächst waren sie nur eine kleine Gruppe. Mittlerweile sind es rund 300 Menschen, die sich gemeldet haben, die den Bruder, die Tochter, den Partner vermissen. Magdalena Hernández fährt mittlerweile jeden Sonntag in die Berge. Iguala ist ein einziges Massengrab, sagt sie. Immer werden sie fündig.

Neben Magdalena Hernández bohrt ein kleiner Junge mit einem Ast im Boden herum. Um seinen Hals baumelt ein Foto. Es ist sein Bruder, der vor zwei Jahren verschwunden ist. Einer der Männer rammt mit Hilfe eines Steines immer wieder einen Metallstab in den Boden, stochert damit nach Gräbern. Seine Mitstreiter feuern ihn an. Er zieht den Metallstab wieder aus der Erde.

Der Stab ließ sich einfach in den Boden rammen. Und wenn man jetzt daran riecht. Es stink. Der Mann verzieht das Gesicht. "Es riecht nach Toten. Und diese Steine hier stammen eigentlich aus tieferen Schichten in der Erde und die liegen jetzt oben", sagt die Mutter des kleinen Jungen. Hier ist ein Grab. Da sind sich alle einig.

Mann mit Stab auf der Suche (Anne Demmer)Familienangehörige suchen in Iguala nach den Vermissten. (Anne Demmer)

In Iguala im Bundesstaat Guerrero, im Süden Mexikos verschwinden regelmäßig Menschen. Weltweit Aufmerksamkeit erregt hat der der Fall der 43 Studenten aus Ayotzinapa. Doch das ist nur ein Fall von vielen. Laut der Recherche der mexikanischen Tageszeitung Universal gibt es allein in Iguala 79 Orte in der Wildnis, an denen Leichen vergraben sind; die meisten davon sind Massengräber. Die sterblichen Überreste konnten nur in den seltensten Fällen identifiziert werden. Es gibt keinen einheitlichen Suchprozess. Die ungeklärten Zuständigkeiten sind ein Problem, kritisiert Jorge Verastégui, der mit seiner Angehörigen-Organisation selbst eine Datenbank im Norden Mexikos aufgebaut hat.

Es gibt keine Koordination zwischen den regionalen Regierungen und der Bundesregierung. Wenn ein Fall einer bestimmten Einheit zugeordnet ist, wird dort zunächst die DNA-Probe genommen. Mit der Zeit kann es aber sein, dass der Fall weitergereicht wird und auch da wird dann die DNA ein weiteres Mal genommen, weil es kein Vertrauen in die andere Institution gibt. Wir hatten den Fall, da musste eine ganze Familie vier Mal ihre DNA abgeben.

Nie verschwanden in Mexiko mehr Menschen als heute - unter der amtierenden Regierung Enrique Peña Nieto. Alle zwei Stunden verschwindet ein Mensch, ist plötzlich weg, kommt nicht mehr von der Arbeit nach Hause, von einem Treffen mit Freunden, vom Einkaufen. Zwölf Menschen sind es am Tag.

Knapp die Hälfte davon sind laut Statistik junge Männer zwischen 15 und 29 Jahren. Allein 2014 verschwanden knapp 5.000 Menschen. Im Jahr 2013 veröffentlichte die Regierung Peña Nieto ein Register mit den Namen der Verschwundenen. Demnach sind unter der sechsjährigen Regierung seines Vorgängers Calderón rund 26.000 Menschen verschwunden. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher vermuten Wissenschaftler. Viele Angehörige erstatten gar nicht erst Anzeige, weil sie den Behörden nicht vertrauen. Oder weil sie Angst haben, dass sich die Täter rächen. Mittlerweile erregt das Thema national und international mehr Aufmerksamkeit. Trotzdem gibt es noch immer kein funktionierendes nationales Register, kritisiert die Wissenschaftlerin Christiane Schulz, die im Auftrag der Organisation Brot für die Welt eine Studie über Mexikos Verschwundene geschrieben hat.

"Eine Dramatik hier in Mexiko ist ja, dass es keine seriöse Dokumentation über die vielen Fälle von verschwinden lassen gibt. Das staatliche Register, was es zu verschwinden lassen gibt, ist absolut intransparent und offensichtlich auch mit falschen Informationen zum Teil bestückt. Es dient nicht dazu herauszufinden, wer sind Opfergruppen, wer sind Tätergruppen und die Umstände des Verschwindenlassens."

Der Fall der verschwundenen Studenten

Hinter einer gelben Absperrung mit der schwarzen Aufschrift "Criminalistica" sieht man eine Müllkippe mit einem in weiße Schutzkleidung gehüllten Forensiker, im Hintergrund ein bewaldeter Hügel. (picture alliance / dpa / Rebecca Blackwell/Pool)Auf dieser Müllkippe wurden die Knochen eines der vermissten Studenten gefunden. (picture alliance / dpa / Rebecca Blackwell/Pool)

Noch immer ist ungeklärt, was mit den 43 Studenten aus Ayotzinapa passiert ist. Offiziell wurden sie für tot erklärt, doch die Eltern suchen nach Lebenden. Glaubt man den ermittelnden Behörden, dann wurden die Studenten am 26. September letzten Jahres von Polizisten festgenommen und an Mitglieder der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben. Bandenmitglieder brachten die jungen Leute um, verbrannten die Leichen und warfen die Überreste in einen Fluss. Den Auftrag soll der Bürgermeister von Iguala gegeben haben, um zu verhindern, dass sie eine Rede seiner Frau stören. Der Bürgermeister und seine Frau wurden inzwischen verhaftet, mit ihnen viele Polizisten, insgesamt rund 100 Beteiligte. Doch die Leichen der Studenten bleiben verschwunden. In Innsbruck analysieren derzeit Spezialisten die verkohlten Überreste verschiedener Fundstellen. Bislang konnte nur einer der Studenten identifiziert werden.
Die Eltern fordern restlose Aufklärung.

Auch rund acht Monate nachdem ihre Söhne verschleppt wurden, kampieren viele Väter und Mütter auf dem Sportplatz oder in den Zimmern ihrer Söhne in der ländlichen Lehrerhochschule Ayotzinapa. Immer noch stehen die Stühle der Studenten mit einem Foto von ihnen im Hof: Sinnbild dafür, dass sie fehlen. Ein Besucher hat frische weiße Rosen mitgebracht und legt sie auf die Sitzflächen der Stühle. Statt Vorlesungen finden in den Hörsälen Versammlungen der Eltern statt, die Studenten selbst wollen streiken, bis ihre Kommilitonen gefunden werden. Melierter Ortega, einer der Väter, hat an diesem Tag den Vorsitz übernommen, er sitzt vorne an der Tafel, wartet darauf, dass sich die restlichen Eltern einfinden.

"Mein Leben hat sich total verändert. Ich kümmere mich nicht mehr um unsere Felder, die Ernte, ich mache den Stall nicht mehr sauber. Das habe ich meiner Frau überlassen. Ich widme mich zu 100 Prozent der Suche nach meinem Sohn, den 43 Studenten. Meine anderen vier Söhne musste ich zu Hause zurückgelassen."

Students, teachers and relatives of 43 Mexican youths missing since last 26 September after being detained by police in the city of Iguala march to demand their return, in city of Acapulco, Mexico, 17 October 2014 (dpa / Jose Mendez)Demo von Lehrern, Studenten und Angehörigen, die auf Rückkehr der Studenten hoffen. (dpa / Jose Mendez)

Erst vor kurzem haben Zwischenwahlen in Mexiko stattgefunden. Es wurden Abgeordnete auf Bundesebene, Gouverneure und Bürgermeister gewählt, auch in Guerrero. Während der Kampagne kam es immer wieder zu Unruhen, mehrere Kandidaten wurden erschossen. Bis zum Schluss ist Melierten Ortega mit anderen Eltern in Bussen durch die Gemeinden getourt, um die Bewohner zu mobilisieren, nicht wählen zu gehen. Am Tag selbst haben sie die Wahlurnen verbrannt. Die Wahl sei eine einzige Farce, bei der weit verbreiteten Korruption. "Es lebe Ayotzinapa, der Kampf geht weiter", skandierten sie.

Stillstand der Untersuchungen

Am Ende hat die Wahl stattgefunden, mit einer sehr niedrigen Beteiligung. Auf nationaler Ebene bleibt die Regierungspartei PRI stärkste politische Kraft. In Iguala wird sich nichts ändern. Frustration macht sich bei den Eltern breit. Die Suche nach den 43 Studenten stagniere, kritisiert Video Rosalies, der Anwalt der Angehörigen. Er arbeitet für die mexikanische Menschenrechtsorganisation Tlachinollan.

"Die Generalstaatsanwaltschaft rührt hier keinen Finger mehr. Es gibt keine neuen Spuren, die verfolgt werden. Das ist wirklich besorgniserregend. Daher ist die Arbeit der Experten der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte so wichtig; sie ergänzen die Untersuchungen."

 

Doch auch den ausländischen Experten werden von den mexikanischen Behörden Grenzen aufgezeigt. Sie haben den Mitarbeitern der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte untersagt, das Militär zu befragen, obwohl es Hinweise gibt, dass sie auch in den Fall verwickelt sind. Für den Anwalt ist das symptomatisch.

"Der Fall der 43 Studenten ist nur die Spitze des Eisberges. Hier wird eine Kloake geöffnet, die seit Jahren vor sich hin gärt. Und das schlimmste ist, dass die Regierung unter Peña Nieto das Ausland glauben machen will, dass hier nichts passiert, dass Mexiko diese ganzen Problem hinter sich gelassen hat, die Korruption der Vergangenheit angehört, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist."

Während die Eltern im Hörsaal darüber beraten, wie sie Druck auf die Regierung ausüben können, studiert eine Gruppe Studenten im Hof einen traditionellen Tanz ein. Am Abend soll es einen Auftritt im Nachbarort geben. Damit wollen sie dafür sorgen, dass die 43 Studenten nicht in Vergessenheit geraten. Die Solidarität bröckelt.

Machtdemonstration des organisierten Verbrechens

Protestmarsch in Acapulco im Bundesstaat Guerrero. Eine Frau trägt ein Plakat mit der Aufschrift "Schmerz" (AFP / Ronaldo Schemidt)Protestmarsch in Acapulco im Bundesstaat Guerrero. Eine Frau trägt ein Plakat mit der Aufschrift "Schmerz" (AFP / Ronaldo Schemidt)

Der Norden Mexikos hat sein eigenes Ayotzinapa, sagt Reynaldo Tapia. Er lenkt seinen schweren, weißen mit Panzerglas ausgestatten Geländewagen, durch Allende, eine Stadt mitten in der Wüste an der Grenze zu Texas. Rund 1.000 Kilometer von Ayotzinapa entfernt. Der Bürgermeister wird von zwei Fahrzeugen eskortiert, seinen Leibwächtern. Er folgt über die staubigen Straßen der Route, die am 18. März 2011 eine Wagenkolonne des Drogenkartells der Zetas eingeschlagen haben muss. Im Schritttempo fährt er vorbei an völlig zerstörten Häusern, darunter Prachtvillen im Stil der typischen Narco-Architektur der Drogenkartelle. Pastellfarbene Fassaden, weiße Marmorböden - was davon noch übrig geblieben ist.

"Das hier ist ein Haus, dort drüben ist auch eins. Dort sind zwei und noch ein weiteres."

Insgesamt 43 Häuser haben die kriminellen Banden am helligten Tag mit Bulldozern eingerissen, platt gewalzt. Niemand hat sie aufgehalten. Damals war Reynaldo Tapia noch nicht im Amt, doch er hat all das miterlebt. Er hält seinen Wagen vor einem Haus an und steigt aus, während seine Leibwächter mit Maschinengewehren den Ort sichern. Am Eingang sind die Steinsäulen umgestürzt, ein Pool im Hof des Hauses ist verweist. Es lässt sich erahnen, dass an diesem Ort mal rauschende Feste mit Drogengeld gefeiert wurden.

"Es war ein Freitag, nachmittags gegen fünf Uhr. Sie kamen und haben die Leute verschleppt und getötet. Es war eine ganze Wagenkolonne, 42 Pickups mit bewaffneten Männern auf der Ladefläche. Wir haben versucht Hilfe zu holen. Aber weder das Militär, das in der Nähe war noch die Polizei hat sich darum gekümmert, weil sie selbst mit dem Drogenkartell verbandelt waren. Die Zetas haben den ganzen Ort abgesperrt, sodass niemand mehr raus kam."

Der Bürgermeister läuft über die Glasscherben der zerbrochenen Fenster, steigt über ein Babylätzchen; in einer Ecke liegt ein Scheckheft. Reynaldo Tapia bleibt breitbeinig in einem Türrahmen stehen.

"Das ist das Haus einer der Familien, gegen die sich der Racheakt richtete. Alle wurden wahrscheinlich verbrannt. Eine klassische Machtdemonstration des organisierten Verbrechens."

Geschickt wurde das Kommando von Miguel Ángel Treviño Morales, dem damaligen Drogenboss der Zetas, einem Kartell, das für sein besonders brutales Vorgehen bekannt ist. 2004 hat sich das organisierte Verbrechen in der Stadt ausgebreitet und mehr und mehr an Einfluss gewonnen, berichtet der Bürgermeister von Allende. Einige lokale Unternehmer, die mit den Zetas Geschäfte machten, hatten Geld unterschlagen. Dafür sollten sie büßen. Achtköpfige Familien wurden verschleppt, unter den Opfern auch über 80-jährige Männer und Frauen, Kindermädchen, Hausangestellte, Arbeiter, Passanten, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. So wie Lauras Mann. Abends kam er nicht von der Arbeit zurück. Ein Bekannter sagte ihr, wo er sein könnte. Sie fuhr hin und beobachtete das Geschehen aus der Ferne.

"Von weitem sah ich Feuer. Es brannte etwas. Vor den Toren einer Ranch standen schwer bewaffnet und vermummte Männer. Die örtliche Polizei war auch dabei. Zwei Monate habe ich gewartet und gehofft, dass mein Mann wiederkommt. Aber er kam nicht."

Viele Opfer wurden auf einer Ranch ein wenig außerhalb von Allende in Benzinfässern verbrannt. Drei Tage lang hat das Drogenkartell Angst und Schrecken verbreitet. So nachhaltig, dass die Überlebenden den Terror dieser Tage über zwei Jahre lieber für sich behalten haben. 300 Menschen sollen verschwunden sein.

Spezialeinheit für Verschwundene

Ayotzinapa (Anne Demmer)Ein Plakat mit den vermissten Studenten aus Ayotzinapa (Anne Demmer)

Einer, der nun für Aufklärung sorgen soll ist Juan José Yañez. Er trägt ein weißes gebügeltes kurzärmliges Hemd mit dünnen Streifen, dazu eine beigefarbene Hose, eine rahmenlose Brille. Er leitet eine spezielle Einheit der Staatsanwaltschaft für Verschwundene und Menschenrechte in Coahuila. Sie wurde vor ein paar Jahren mit dem Antritt des neuen Gouverneurs des Bundesstaates ins Leben gerufen. Juan Jóse Yañez redet viel und ohne Pause, vor allen Dingen von den Erfolgen seiner jungen Behörde. Rund 35 Mitarbeiter gehören zu seinem Kernteam. Er macht eine kleine Führung durch sein Haus, vorbei an Rechercheuren, die mit ihren Aktenbergen in der Küche neben der Mikrowelle Platz gefunden haben. Besonders stolz ist der Leiter der Spezialeinheit auf seine Datenbank, die auf dem Computer einer Mitarbeiterin geöffnet ist. Mehr als 1.400 Fälle von Vermissten sind dort gespeichert.

Ein Fall leuchtet rot, wenn die Person gefunden wurde, aber bereits tot ist und gelb, wenn ein Verschwundener wiedergefunden wurde. Bei der Frage nach den Verschollenen von Allende, zeigt die Mitarbeiterin lieber ein anderes Beispiel.

"Am 15. Mai 2007 ist ein 39-jähriger Mann verschwunden. Er ging zur Apotheke, kam nicht zurück und wurde dann von seiner Familie als vermisst gemeldet. Am 30. Mai 2007 wurde er wiedergefunden. Er hat wohl in San Antonio in Texas gearbeitet."

Ein Mann, der gerade mal zwei Wochen vermisst wurde, einer der nie wirklich verschwunden war. Ihn wiedergefunden zu haben, das feiert die Spezialeinheit der regionalen Regierung als Erfolg. Über die 300 Verschwunden in Allende wollen die Ermittler lieber nicht sprechen. Auf die Nachfrage, warum die Regierung nicht eingegriffen hat, zuckt Juan José Yañezmit den Achseln.

"Ich weiß nicht, ob die Generalstaatsanwaltschaft in Mexiko-Stadt damals Untersuchungen eingeleitet hat."

Das sei vor seiner Zeit gewesen, sagt er. Für ihn selbst ist der Fall so gut wie abgeschlossen.

"Zwölf Beteiligte sitzen bereits im Gefängnis, andere werden noch verhört. Wir haben Befragungen durchgeführt, sind von Haus zu Haus gegangen, um herauszufinden, wer vermisst wird. Diese Informationen haben wir mit den Aussagen derer abgeglichen, die wir festgenommen haben. Sie haben uns genau gesagt: In dieser Straße haben wir soundso viel Leute mitgenommen. Hier waren es drei, hier zwei. Hier waren es zwei Erwachsene, darunter eine Frau. Die Aussagen der Zeugen und der Angehörigen stimmen überein."

Da ist er sich sicher. Seine Untersuchungen haben ergeben: Es gibt nur 28 Tote. Nicht 300 Verschwundene. Jorge Verastégui von der Menschenrechtsorganisation Asociación Fray Juan de Larios in Coahuila hat erhebliche Zweifel an den Ergebnissen der Behörde; er hat die Untersuchungen verfolgt.

"Sie haben 20 Metalltonnen, die 200 Liter fassen, gefüllt mit Asche gefunden. Wenn man überlegt, wie viel von einem Menschen übrig bleibt, wenn er verbrannt wird, wenn man sich so eine Urne anschaut, ist das sehr wenig, nicht einmal ein Liter. In 20 Metalltonnen, wie viele passen da wohl rein?!"

Eine Mitarbeiterin der Kirche, die ihren Namen nicht nennen möchte, erzählt später, dass sie Informationen darüber habe, dass die Geständnisse unter Folter gemacht wurden. Belege gibt es dafür nicht.

Auf der Suche nach geheimen Gräbern

Solidarität in Mexiko-Stadt, 2015 (Anne Demmer)Eine Solidaritätsbekundung in Mexiko-Stadt (Anne Demmer)

Zurück in den Bergen von Iguala im Süden Mexikos, zu den Suchenden: Einige Stunden stochern Magdalena Hernández und ihre Mitstreiter in der Mittagshitze weiter nach geheimen Gräbern. Sie finden zerrissene Shorts, einen rosafarbenen Badeschlappen. Asche. Vielleicht sind all das Indizien dafür, dass hier Menschen hingerichtet wurden, vielleicht ist es aber auch nur Müll, ein Hinweis auf ein Gelage von Bauern. Die Bilanz an diesem Tag: vier mögliche Gräber. Ein Erfolg. Noch vor Wochen hätten sie sofort angefangen zu graben. Das hat ihnen der Staat nun verboten, weil sie Spuren verwischen könnten. Also markieren sie den Ort mit Steinen, damit die Forensiker dort weitermachen können. Wann das sein wird, weiß niemand. Für Magdalena Hernández bleiben am Ende des Tages die ewig gleichen zermürbenden Fragen:

"Wo ist mein Bruder? Lebt er oder lebt er nicht? Ich brauche Klarheit. Ich will, dass dieses Leid endlich ein Ende hat. Und wenn mir am Ende etwas zustoßen sollte? So ist halt das Leben!"

Die Suche ist noch lange nicht beendet. Die junge Frau blickt sich um. Viele Berge hat sie noch vor sich. Überall könnte ihr Bruder vergraben sein. Währenddessen verschwinden weiter Menschen. Erst vor kurzem vier junge Männer aus ihrem Dorf. Alle zwei Stunden verschwinden Menschen in Mexiko. Zwölf sind es am Tag.

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