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StartseiteBüchermarktDer Untergang von Heidelberg17.01.2014

Michael Buselmeier Der Untergang von Heidelberg

Michael Buselmeiers Roman "Der Untergang von Heidelberg" spielt an einem heißen Sommertag 1976 und erzählt die Geschichte eines leidenden Schriftstellers. Der Literat hat einen Nierenstein und höllische Schmerzen. Er kann nicht mehr schreiben - und Heidelberg geht unter.

Von Matthias Kußmann

Der Autor Michael Buselmeier steht mit der Studentin für Kunstgeschichte, Seraphine Meya, im Kunstverein in Heidelberg in der Ausstellung "Intermedia 69". (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
Erst jetzt, nach über 30 Jahren, hat Buselmeier das Buch wieder gelesen. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
Weiterführende Information

Stadtleben | Der Untergang von Heidelberg (Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 12.12.2013)

Ende der 60er Jahre war die Studentenbewegung auch im idyllischen kleinen Heidelberg angekommen. Ihr Zentrum war natürlich die Universität.

Oben eine riesige Aula mit großen Fenstern und diverse Hörsäle, die wir in der 68er-Zeit usurpiert haben – in einer Zeit, als die Uni uns zu gehören schien. Wir konnten uns schlechthin jeden Hörsaal nehmen und kein Mensch hat irgendein Wort zu sagen gewagt.

Michael Buselmeier gehörte damals zu den Heidelberger Wortführern gegen Kapitalismus, Staat, Kirche und Familie – was er heute, da er sich als „konservativ“ bezeichnet, mit gewisser Ironie sieht.

"Die große Zeit meiner "revolutionären" Karriere waren ja die 70er Jahre, da war ich hier der Sponti-Häuptling – so, was der Joschka Fischer in Frankfurt war…"

Doch schon Mitte der 70er-Jahre endete der Traum von einer besseren Gesellschaft, die vermeintlich revolutio­näre Linke zerfleischte sich im Theoriestreit selbst. Seinen Frust nicht nur darüber schrieb sich Buselmeier im Roman "Der Untergang von Heidelberg" von der Seele. Er erschien 1981 in der „edition suhrkamp“ und spaltete die Kritik. Manche hielten ihn für ein genaues Zeit­bild, andre für "schamlos" und "unzitierbar" – vor allem wegen der drastischen Körperlichkeit. 

"Mir ist übel. Über die Kloschüssel gebeugt, die Hände an der kühlen, gekachelten Wand, speie ich etwas bittere Flüssigkeit, Schleim in das Becken. Ich versuche zu pissen, ein paar Tropfen rollen über den braunen, schrumpeligen Sack und trielen die Beine hinunter. Stumm, ohne es anzusehen, weise ich das Kind in sein Zimmer, ringle mich in die Bettdecke, tief durchatmen, ich stöhne im Rhythmus des Schmerzes..."

Das Buch war lang vergriffen, jetzt wurde es zu Buselmeiers 75. Geburtstag im Wunderhorn Verlag neu aufgelegt. Der Roman spielt an einem heißen Sommertag 1976 in Heidelberg. Er erzählt von einem Schriftsteller Mitte 30, dem es richtig schlecht geht. Er hat einen Nierenstein und höllische Schmerzen. Er kann nicht mehr schreiben, die Beziehung zu seiner Freundin kriselt, die gemeinsame Tochter nervt. Er hasst seine spießige Umgebung und hasst sich selbst. Nach `68 gehörte er zu den linken Aktivisten in Heidelberg – jetzt sieht er, dass der Aufbruch gescheitert ist. In einer Mischung aus Wut und Melancholie streift er durch die Stadt, besucht Orte des ehemaligen Protests wie die Uni und die „Politische Buchhandlung“, und verkauft eine alternative Stadtzeitung auf der Hauptstraße.

"Immer noch 30 Grad im Schatten, rechter Arm voller Zeitungen, links nebenher läuft mit tickendem Frei­lauf das Rad. Flaues Gefühl im Magen, leichtes, aber beharrliches Stechen im Schwanz. Die Penicillin-Tabletten nicht vergessen, vielleicht nur eine Nierenentzündung, diese Gesichter, jetzt nicht hier durch müssen, eine Schlucht, die Häuserzeilen eng bei­einander, Schlagermusik aus den Boutiquen, Presslufhämmer, die Blicke, wenn ich laut "Heidelberger Rundschau" rufe …

Der "Untergang", von dem der Buchtitel spricht, hat mehrere Bedeutungen. Es steht für das Ende der studentischen Linken, aber auch für den kranken unzufriedenen Ich-Erzähler, der sich erstmals der eigenen Endlichkeit bewusst wird. Und er steht für die Zerstörung der Heidelberger Altstadt durch die Flächensanierung der 70er Jahre. Ganze Straßenzüge wurden abgerissen, um Kaufhäuser zu bauen, ärmere Leute und Studenten vertrieben, um Altbauten teuer zu sanieren. Gentrifizierung nennt man das heute.

"Jetzt steht die Kaufhalle da. Hier macht das Ein­kaufen Spaß, ja, C&A, Kaufhof, Dyckhoff, ihr habt es geschafft, die Stadt gehört der Pest. Wo ich hinschau: Plastikfassaden, die Rundbögen heraus­gebrochen, damit mehr Licht auf den Warendreck fällt …"

Gegen solche Stellen schneidet der Autor immer wieder Erinnerungen an die Kindheit und Jugend seiner Hauptfigur – auch dies ein unter­gegangenes Heidelberg. Sie gehören zu den schönsten Passa­gen des Buchs und man merkt, dass Buselmeier auch Lyriker ist, genau mit Klang und Rhythmus umgehen kann.

Schleichwege zu den Vogelgräbern über moos­bewachsene Steine und heiße, gewellte Dach­pappe hinweg. Eine Mauer, mit farbigen Glasscherben bestückt. Allein in der Wohnung zwischen schweren, dunklen Möbelstücken, hell­grünes Licht fällt zum Fenster herein. Die Straße ist leer, erste Regentropfen narben den Staub. Schnell wird es finster, es zuckt über der Mauer, rumpelt, der Nussbaum stürzt.

Stilistisch orientiert sich der Autor an der literarischen Moderne, vor allem an den großen Stadt­romanen von Joyce oder Koeppen, auch an deren assoziativem Stil – ohne aber einen faden Ab­klatsch zu liefern. Gekonnt montiert er in oft atemlosen Rhythmus Gedanken, Wahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen seiner Hauptfigur, Werbe­sprüche aus dem Radio, politische Phrasen, Dialektfetzen von der Straße. Im Rückblick sagt Buselmeier:

"Ich hätte das ganze Buch ohne Interpunktion machen müssen. Das hab ich nicht gewagt damals – dann würde man noch mutiger in die Assoziationen reingehen, Richtung Joyce, Richtung Döblin, das hab ich natürlich alles im Kopf gehabt damals."

Am Ende des Romans steht ein Aufbruch des Ich-Erzählers – er setzt sich in einen Zug und verlässt die Stadt. Und er erkennt, dass Poesie, nicht politi­sche Theorie wichtig für ihn ist. Erst jetzt, nach über 30 Jahren, hat Buselmeier das Buch wieder gelesen.

"Ich könnte das nicht mehr schreiben, weil mir diese Überzeugungs­kraft fehlt, an die Revolution zu glauben und an so etwas. Alle Utopien sind von uns gegangen... Das Buch – politisch bin ich weit davon weg, das ist überhaupt nicht zu retten, aber von der Machart find ich´s gar nicht schlecht. Ich denke dass sich mein Stil nicht so sehr verändert hat."

Natürlich gibt es in dem Roman politische Reflexionen, die heute angestaubt wirken, und Stellen im Betroffenheitston der späten 70er, frühen 80er Jahre. Doch im Ganzen ist er mit seiner assoziativen Technik, genauen Alltags-Details und poetischen Passagen eine Wiederentdeckung.

 

Michael Buselmeier: "Der Untergang von Heidelberg"
Roman, Wunderhorn Verlag, 200 Seiten, 19,80 Euro

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