Donnerstag, 06. Oktober 2022

Kommentar
Michail Gorbatschow - ein unglücklicher Reformer

Michail Gorbatschow hat zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen. Er wird dafür im Westen als großer Staatsmann gewürdigt. Dass ihm in Russland der Zerfall der Sowjetunion vorgeworfen wird, spiegele den Zustand des Landes wider, meint Sabine Adler.

Ein Kommentar von Sabine Adler | 31.08.2022

Russlands Präsident Wladimir Putin, rechts, spricht am Dienstag, 21.Dezember 2004, mit einem seiner Vorgänger, Michail Gorbatschow, links
Zwei russische Präsidenten, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Michael Gorbatschow (l.) und Wladimir Putin (r.) (picture alliance / AP Photo / HERIBERT PROEPPER)
Trauer in Deutschland, Bitternis in Russland. Die Reaktionen auf den Tod des ersten und letzten Präsidenten der Sowjetunion könnten nicht unterschiedlicher sein. In Deutschland und im demokratischen Europa freuen sich die Menschen nach wie vor uneingeschränkt über den Fall des Eisernen Vorhangs.
In russischen Medien wird dieses Verdienst oft mit einem einzigen Satz erwähnt, inmitten langer Artikel, die den Geisteswandel des Landes heute widerspiegeln. Fast einheitlich wird Gorbatschow die Schuld am Zerfall der Sowjetunion gegeben, den die allermeisten russischen Kommentatoren als größte Katastrophe für das Land betrachten, ganz im Sinne von Präsident Putin, bis in die Wortwahl hinein. Dabei war es Boris Jelzin, Gorbatschows Nachfolger, der die UdSSR auflöste. Gorbatschow, der Erfinder von Glasnost und Perestroika kämpfte noch um ein Nachfolgemodell des Vielvölkerstaates.

Gorbatschow: anständig, warmherzig, gutgläubig

Der letzte Generalsekretär der kommunistischen Partei war zu gut für seine Heimat, zu warm- und zu weichherzig, zu vertrauensvoll, zu gutgläubig. Ihm fehlte der Zynismus seines Nachnachfolgers Putin, dem wiederum fehlt, wovon sich Gorbatschow stets leiten ließ: Anstand. Michail Gorbatschows Anstand verbot ihm, Putin offen zu kritisieren, das schickte sich nicht von Präsident zu Präsident.
Somit vertraute der 91-Jährige nur Freunden an, wie sehr er mit dem kriegsführenden Herrn im Kreml haderte. Der große Staatsmann Gorbatschow war in seiner aktiven Zeit und danach keineswegs immer politisch trittsicher, er zerredete Probleme, schwankte, lavierte, machte Fehler, wie den die Annexion der Krim zu billigen. Aber in eine ehemalige Sowjetrepublik einzumarschieren, die Waffen gegen das ukrainische Brudervolk zu erheben, war für ihn undenkbar.
Er litt unter den Nationalitätenkonflikten, die sofort mit Macht aufbrachen, als die Kommunistische Partei zu schwach war, um die Völker weiter zusammen zu zwingen. Ihn schmerzte die Feindseligkeit russischer Propagandisten, die selbst heute in seinen Nachrufen eine Linie ziehen von seiner Öffnung der russischen Gesellschaft bis zu der angeblichen faschistischen Entwicklung der Ukraine. Sogar Nachrufe werden im heutigen Russland von Propagandisten verfasst.

Erst kurz vor seinem Tod erkannte er, wozu Putin fähig ist

Die Freiheit, um die Gorbatschow kämpfte, habe Putin ruiniert, sagt Alexej Wenediktow, sein Freund von Radio Echo Moskau, das inzwischen geschlossen wurde, wie die von Gorbatschow unterstützte Zeitung Nowaja Gaseta. 
Gorbatschow verstand nicht, dass Ex-Sowjetrepubliken Schutz bei der NATO vor Moskau suchten. Gegenüber dem Deutschlandfunk sagte er vor Jahren warum: Weil Russland gar nicht aggressiv sein könne, denn Russland sei sich selbst genug, es habe genügend Land, genügend Rohstoffe. Erst kurz vor seinem Tod erkannte er, wozu Putin noch fähig sein würde. Gorbatschow meinte auch sich, als er einmal sagte: Es gibt keine glücklichen Reformer.
Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012 Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.