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StartseiteHintergrundDas seltsame Verschwinden zehntausender Menschen02.04.2021

Migranten in MexikoDas seltsame Verschwinden zehntausender Menschen

In Mexiko verschwinden jedes Jahr Tausende Menschen. Immer häufiger trifft es Flüchtlinge aus Zentralamerika, von mindestens Zehntausend Migranten fehlt jede Spur. Warum können in einem Land wie Mexiko so viele Menschen einfach verschwinden?

Von Markus Plate

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Eine Familie aus Haiti überquert den Rio Grande bei Juarez in Mexiko. (dpa / picture alliance / David Peinado)
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Von Yefri Adonnys fehlt jede Spur. Vor über zwei Jahren verschwand der damals 16-Jährige Honduraner, weit weg von seinem Zuhause, im nordmexikanischen Bundesstaat Tamaulipas. Seine Mutter Delsi Yojana sucht ihn seitdem verzweifelt:

"Mein Sohn war ein fröhlicher und fürsorglicher Mensch. Er ist fortgegangen, um ein besseres Leben, eine bessere Zukunft zu finden. Auch für mich und seine Geschwister. Er wollte in den USA studieren, denn hier können wir unseren Kindern nicht viel Perspektive bieten."

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Gute Bildung ist ein Privileg

Gute Bildung ist in Honduras, wie fast überall in Lateinamerika, ein Privileg, das sich die allermeisten Familien nicht leisten können. Ohne gute Bildung bleiben jungen Menschen nur schlecht bezahlte Jobs oder die informelle Arbeit auf der Straße. Das macht die Mitgliedschaft in Jugendbanden attraktiver - und das Leben in den "Barrios" genannten Armenvierteln noch unangenehmer. Auch Delsi Yojanas Sohn Yefri fühlte sich bedroht:

"Yefri ist gegangen, weil hier im Viertel ein paar Männer wollten, dass er für sie Erpresserjobs macht. Er wollte nicht mehr aus dem Haus gehen, sie haben ihm Angst gemacht. Und da hat er gesagt: "Mami, ich will hier weg!". Nicht zu wissen, wo er ist, was man ihm angetan hat und warum sie ihn in Mexiko überhaupt verschleppt haben, daran gehe ich langsam zu Grunde. Ich will einfach wissen, wo er ist, ob er lebt oder tot ist."

Seit Jahren zählt Honduras zu den Ländern mit der höchsten Mordrate weltweit. Hinzu kommt die überbordende Korruption, die seit Jahren das öffentliche Gesundheitssystem des Landes an den Rand des Kollaps bringt. Der Bruder des Präsidenten, Juan Orlando Hernández, wurde 2019 in den USA wegen Drogenhandels verurteilt, der Präsident selbst vor kurzem in einem anderen Drogenprozess in den USA schwer belastet. Geld, auch schmutziges, regiere Honduras, sagt der Menschenrechtsanwalt Ramón Enrique Barrios, und das habe Folgen.

"In Honduras gibt es eine extrem ungleiche Verteilung des Reichtums. Das hat meiner Meinung nach zu den extrem hohen Gewaltraten beigetragen. Die Perspektiven junger Menschen sind sehr gering. Ohne gute Ausbildung bleibt ihnen nur die Wahl: Entweder Teil des organisierten oder nicht organisierten Verbrechens werden, oder das Land zu verlassen. Nur diese Alternative gibt es."

Ein Mann hält sich an der Eisenstange eines Fahrzeuges fest, das ihn gemeinsam mit einer Gruppe von Migranten aus Mittelamerika zu einem Bahnhof in der mexikanischen Hauptstadt bringen soll. Von dort aus setzen sie ihren weg fort.  (picture alliance / dpa / Gerardo Vieyra) (picture alliance / dpa / Gerardo Vieyra)Krise in Honduras - Die zweifelhafte Rolle der USA
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Vor Gewalt und Perspektivlosigkeit fliehen vor allem junge Menschen, meist Richtung Norden, durch Guatemala und Mexiko in Richtung USA. Viele kommen, wie Yefri Adonnys, jedoch nie an.

Im Schnitt verschwinden 30 Migranten pro Tag

Mindestens 70.000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden. Immer öfter trifft es Migranten und Flüchtlinge, wie Yefri Adonnys aus Honduras. Im Schnitt verschwinden 30 Migranten pro Tag. Nach konservativen Schätzungen fehlt von über 10.000 Migranten jede Spur.

Verbrechen wie das Massaker von San Fernando, ebenfalls im Bundesstaat Tamaulipas, haben in Mexiko wie international für Entsetzen gesorgt: 72 Migranten waren hier vor zehn Jahren ermordet und verscharrt worden. Nur: Warum verschwinden so viele Migranten in Mexiko? Sofía de Rubina arbeitet beim renommierten Menschenrechtszentrum Centro ProDH zum Thema:

"Sehr oft sind organisierte Verbrecherbanden für diese Taten verantwortlich. Meist geht es um Erpressung und Menschenhandel. An der Grenze zu Guatemala geschieht dies in Zusammenarbeit mit zentralamerikanischen Banden. Und in ganz Mexiko zumeist in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, nicht nur mit korrupten Ortspolizisten, auch auf regionaler und Bundesebene, sogar mit der Bundesbehörde für Migration."

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Kriminelle Banden betreiben ganze Lager für entführte Migranten. Wer sich nicht als Drogenkurier rekrutieren oder in Zwangsarbeit oder Prostitution zwingen lassen will, oder dessen Familienangehörige kein Lösegeld bezahlen können oder wollen, wird umgebracht. Wenn sie nicht das Glück haben von Spezialeinheiten befreit zu werden, was ab und an geschieht.

Aber allzu oft geschähen Entführungen von Migranten, so Sofía de Rubina, unter den Augen mexikanischer Behörden:

"Die mexikanische Menschenrechtskommission weiß um Fälle von Vergewaltigungen, Folter und Exekutionen von Migranten. Aber sie trifft nicht die nötigen Maßnahmen zum Schutz dieser Menschen. Die Justiz verweigert den Angehörigen von Verschwundenen oft das Recht, die Wahrheit und Gerechtigkeit zu erfahren. Das kann und soll vielleicht auch dazu dienen, zukünftige Migranten abzuschrecken. Aber wir sehen ja, dass Menschen aus Zentralamerika emigrieren, fliehen müssen, obwohl sie wissen, wie gefährlich der Weg durch Mexiko ist."

Die Aufklärungsrate geht gegen Null

Hinzu kommt: Kaum ein Gewaltverbrechen wird in Mexiko aufgeklärt. Täter müssen also kaum Konsequenzen befürchten, sagt Irene Tello, die Präsidentin von Impunidad Cero, einer NGO, die gegen die Straflosigkeit in Mexiko kämpft.

"Die allermeisten Verbrechen werden erst gar nicht angezeigt. Das Vertrauen in die Behörden ist sehr gering. Die Anzeigeerstattung ist eine bürokratische Tortour und nur 15 Prozent aller angezeigten Fälle werden gelöst. Es gibt zu wenig Personal, vor allem Fachleute von Forensikern bis zu Analytikern. Es gibt kaum Koordination zwischen Polizei und Ermittlungsbehörden sowie zwischen lokaler und staatlicher Ebene. Wenn ein Fall tatsächlich mal vor Gericht kommt, sind die Ermittlungsakten oft so löchrig, dass es am Ende einen Freispruch gibt. All das führt bei Kapitalverbrechen zu einer Straflosigkeit von fast 90 Prozent."

Wenn kriminelle Netzwerke ausgehoben werden sollen, komme noch die verbreitete Korruption hinzu, sagt Irene Tello.

"Es nicht ungewöhnlich, dass in einem Fall von gewaltsamem Verschwindenlassen die Ermittlungen plötzlich unterbrochen werden, dann nämlich, wenn ein Beamter oder eine Behörde in diesen Fall verwickelt ist. Deswegen fordern wir, dass beim gewaltsamen Verschwindenlassen immer die Bundesbehörden eingeschaltet werden."

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Eine der Menschenrechtsorganisationen, die Angehörigen wie Yefri Adonnys' Mutter helfen, ist die "Stiftung Gerechtigkeit und demokratischer Rechtsstaat", oder schlicht Fundación Justicia. Die Stiftung hilft mit Anwältinnen und leistet psychosoziale Arbeit. Sie ermutigt Angehörige, sich bei der Suche mit anderen zusammenzuschließen, um so mehr Druck auf die Behörden machen zu können.

Ana Lorena Delgadillo ist die Gründerin der Fundación Justicia. Für Migranten aus Zentralamerika, aus Haiti und sogar aus Zentral- und Westafrika, sei die Durchquerung Mexikos besonders gefährlich:

"Das sind Menschen, die sich verstecken müssen und die keine Anzeige erstatten, aus Angst vor der Abschiebung. Frauen, Kinder und LGBTI-Personen werden zu Opfern von Vergewaltigungen durch das organisierte Verbrechen, aber auch durch Beamte, die in das organisierte Verbrechen verstrickt sind. Die Verwundbarkeit, die die Betroffenen in ihren Herkunftsländern erleben, verstärkt sich auf der Flucht."

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Guatemala, Mexikos südlicher Nachbar, ist eigentlich gesegnet: Fruchtbare Böden, Bodenschätze und eine besonders reiche, indigene Tradition. Doch gerade das indigene Guatemala ist bitter arm. Von der Politik werden Guatemalas Indigene vernachlässigt und ausgegrenzt. Die Hoffnung auf ein besseres Leben liegt für viele junge Maya deshalb in den USA.

"Von Regierungen haben wir nichts zu erwarten"

Juan Hernández Torres verließ sein Dorf in der Grenzregion zu Mexiko am 27. Juni 2007, mit Ziel South Carolina. Zwei Wochen später meldete er sich per Telefon, dass er die Wüste von Sonora durchquert habe. Seither sucht ihn seine Familie, vor allem Juáns Schwester María:

"Mein Bruder Juán war der älteste Sohn meiner Mutter. Er war Handwerker. Von einem Moment zum nächsten sagte er, er würde in die USA gehen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Also ging er und wir sahen ihn nie wieder."

María ist darüber zur Kämpferin geworden. Heute ist sie Vorstandsmitglied der Vereinigung von Angehörigen verschwundener Migranten Guatemalas. Solche Angehörigenvereinigungen haben sich überall in Zentralamerika und Mexiko gegründet. Sie machen ihren eigenen Politikern Dampf, setzen aber auch Mexikos Regierung unter Druck.

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Seit Jahren marschieren Mütter und Schwestern Verschwundener aus Zentralamerika bis nach Mexiko-Stadt; auch María war schon mal dabei. Mit den Regierungen geht sie hart ins Gericht, mit der guatemaltekischen, der mexikanischen, aber auch der US-amerikanischen.

"Seit ich in unserer Vereinigung bin, bin ich entschlossen zu kämpfen, bis ich weiß, was passiert ist. Ich gebe die Hoffnung nicht auf meinen Bruder zu finden, lebendig oder tot. Von Regierungen haben wir nichts zu erwarten. Das einzige was die tun, ist, Migranten zu töten und Mauern zu bauen. Wir werden weiterkämpfen mit all den anderen Angehörigen Verschwundener. Wir werden uns gegen die Mauern wehren. Nicht nur ich alleine. Wir alle sind alle bereit zu kämpfen!"

Eine Militarisierung der Grenzen

Mauern, Stacheldraht, Soldaten. Die Militarisierung der Grenzen sei Ausdruck einer Migrationspolitik, die sich nicht für die Lebensverhältnisse der Menschen und deren Migrationsgründe interessiere, meint Claudia Interiano im Zentralamerika-Büro der Fundación Justicia.

"Die Militarisierung der Grenzen ist seit vielen Jahren eine Politik der Staaten des Nordens unter dem Motto, Grenzschutz oder "nationale Sicherheit". Die Militarisierung wird nicht mit dem Ziel verfolgt, die Rechte von Menschen zu schützen. Diese werden in der Migrationspolitik des Nordens nicht berücksichtigt. Die Militarisierung dient allein der Abwehr von Migrierenden, nicht ihrem Schutz."

So haben Migranten und Flüchtlinge auf ihrem Weg Richtung USA zwei mächtige Feinde: Die Kartelle und die Sicherheitsorgane. Deshalb ist es sicherer, sich nicht allein auf den Weg zu machen, sondern in Karawanen.

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Seit 2018 machen sich Tausende Menschen gemeinsam auf: Durch Zentralamerika, über die Grenze nach Mexiko, durch Mexiko bis zur US-Grenze. In Guatemala machen viele Station in der Flüchtlingsherberge Casa del Migrante. Deren Leiter, Mauro Verzeletti, kümmert sich seit vielen Jahren um Menschen, die sich mit der Hoffnung auf ein besseres Leben auf den Weg Richtung Norden machen.

"So sparen sich die Menschen das Geld für die Coyotes, also die Schlepper. Und natürlich ist es viel schwieriger, fünf- oder zehntausend Menschen zu entführen, als einen einzelnen. Die Situation in Guatemala, diese Gewalt und Armut, ist so schlimm, dass es für die Bevölkerung nicht mehr zu ertragen ist. Der einzige Ausweg ist die Flucht, oder, wie es Eduardo Galleano gesagt hat: "Die Migranten folgen den Reichtümern, die ihnen die reichen Länder gestohlen haben."

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Honduras, Guatemala und El Salvador sind klassische Verbündete der USA. Kritiker sagen, ihre Politik- und Wirtschaftseliten seien Washington hörig. Sie haben Freihandelsabkommen mit dem mächtigen Nachbarn geschlossen und Militärkooperationen. Forderungen der USA, die Migration zur Not mit Gewalt zu stoppen, werden ohne Widerworte umgesetzt. Warum so viele Menschen flüchten, scheint die verantwortlichen Politiker nicht zu interessieren.

Ungleichheit, Armut, Bandenkriminalität

"Die Migration aus Honduras und Guatemala ist Ausdruck des gescheiterten Entwicklungsmodells der letzten Jahrzehnte. Auch wenn das Modell makroökonomisch erfolgreich war, mit Wachstum und Finanzstabilität", agt der Wirtschaftsprofessor und Sozialwissenschaftler Wilson Romero. Er lehrt an der jesuitischen Universität Landivar in Guatemala-Stadt.

"Das wahre Problem ist die Ungleichheit, die Armut und das Anschwellen der Bandenkriminalität. Wenn man nicht gegen diese Ungleichheit vorgeht, dann werden Armut und Gewalt trotz Wirtschaftswachstums weiter zunehmen. Der Staat muss wieder eine Gestaltungsrolle übernehmen, und gezielt alle Regionen des Landes entwickeln."

Doch gegen ein neues, sozialeres Entwicklungs- und Wirtschaftsmodell wehren sich nicht nur Guatemalas Eliten mit Händen und Füßen. Die USA sehen nach wie vor den Markt als Heilsbringer. Was mit den Menschen dort geschieht, scheint nicht von Interesse. Deshalb bleibt vielen nur die Flucht, auch mit dem Wissen, dass diese vielleicht kein gutes Ende nehmen wird.

Gewaltsames Verschwindenlassen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Seit über zehn Jahren gibt es eine UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen. In dieser verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen und den Opfern Wege zur Wiedergutmachung zu eröffnen.

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Die langjährige deutsche Grünen-Europapolitikerin Barbara Lochbihler ist heute Mitglied im UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen. Sie erklärt, was Unterzeichnerstaaten wie Zivilgesellschaften tun müssen und können.

"Wenn Sie die Konvention ratifiziert haben, dann ist es ganz wichtig, dass Sie in die Aus- und Fortbildung investieren von Polizisten, von Justizpersonal oder auch von bestimmten Sicherheitsorganen. Wenn sie in einem Land sind, wo es sehr viele Fälle von gewaltsamem Verschwindenlassen gibt, müssen Sie auch Kapazitäten schaffen, wirklich suchen zu können."

Die USA diktieren die Migrationspolitik

Genau hier liegt in Mexiko vieles im Argen. Stichwort Straflosigkeit. Immerhin: Mexikos Präsident, Andrés Manuel López Obrador, hatte im letzten Jahr zum 10. Jahrestags des Massakers von 72 Migranten in San Fernando eine Zeitenwende angekündigt:

"Die Ermittlungsakten sind wieder geöffnet. Niemand wird mehr beschützt, es wird keine Straflosigkeit mehr geben. In Fällen von gewaltsamem Verschwindenlassen und anderen Menschenrechts-verbrechen erlauben wir fortan der UNO ohne jegliche Beschränkungen zu intervenieren."

Was daraus wird bleibt abzuwarten. Das zu Beginn seiner Amtszeit gegebene Versprechen einer humaneren Migrationspolitik, hat der mexikanische Präsident jedenfalls schnell wieder kassiert, so Sofía de Rubina:

"2018, als die Karawane durch Mexiko zog, wollte die Regierung López Obrador noch allen Migranten humanitäre Visa ausstellen. Danach ist das unter dem Druck der USA revidiert worden und einem Sicherheitsdiskurs gewichen. Vor allem mit der Gründung der Nationalgarde ist Migration militarisiert worden. Es wurden Herbergen durchsucht, die Nationalgarde versucht gewaltsam, Karawanen an der Südgrenze zu stoppen."

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Und die USA? Die US-Politik der Migrationsabwehr hatte schon lange vor Donald Trump und seinem Mauerprojekt begonnen. Somit trügen die USA auch Mitverantwortung an Verschwinden und Tod von Migranten und Flüchtenden, betont die Menschenrechtlerin Ana Lorena Delgadillo.

"Die USA haben der Region ihre Migrationspolitik diktiert. Menschen, die in den USA Asyl beantragen wollen, sollen dies nicht in den USA, sondern in diesen Drittstaaten tun. Mit dem Programm "Bleib' in Mexiko" verpflichtet sich Mexiko, alle Menschen zurückzunehmen, die von Mexiko kommend in den USA Asyl beantragen wollen. Was bedeutet das? Diese Menschen sollen ausgerechnet in den Grenzstädten ausharren, da wo es besonders viel Kriminalität gibt."

Biden gibt trügerische Hoffnung

Joe Biden, der neue Präsident, hat eine Neuausrichtung der Migrationspolitik in Aussicht gestellt, eine menschlichere. Das macht vielen Migranten trügerische Hoffnung: Im Februar und März nahm die US-Grenzpolizei über 100.000 Menschen fest, fast ein Drittel mehr als vor Bidens Amtsantritt. Sofía de Rubina vom Menschenrechtszentrum Centro ProDH äußert sich dennoch verhalten optimistisch:

"Die schwere Krise für Migration und Menschenrechte unter Trump, mit xenophober Rhetorik, Mauer und Familientrennungen ist unter Biden der Hoffnung gewichen: Der Mauerstopp, die Suspendierung von "Bleib in Mexiko", angekündigte Migrationsreformen, das alles kann spürbare Verbesserungen bewirken."

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Das Washington Office on Latin America weist allerdings darauf hin, dass die Krise so tief ist, dass die Umsetzung des Angekündigten Zeit braucht und dazu vertiefte strukturelle Reformen von Nöten sind, damit Migration nicht mehr so gefährlich ist. Für Angehörige wie María und Delsi geht die Suche weiter. Angehörigenverbände machen auch weiterhin Druck, dass endlich ermittelt wird, endlich das Schicksal ihrer Liebsten aufgeklärt wird, endlich die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

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