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StartseiteKultur heute"Immer eine mahnende Stimme"20.02.2014

Migrantische Literatur"Immer eine mahnende Stimme"

Frank Albers von der Robert-Bosch-Stiftung hat Migranten-chriftsteller gegen Kritik des Autors Maxim Biller in Schutz genommen. Anders als von Biller moniert, gebe es viele Autoren, die sich bewusst vor Gleichmacherei schützten, betonte Albers im DLF.

Frank Albers im Gespräch mit Christoph Schmitz

Weiterführende Information

Ballhaus Naunynstraße - Ich rufe meine Brüder: Michael Ronen inszeniert nach Jonas Hassen Khemiri (Deutschlandfunk, Kultur heute, 29.11.2013)

Erfolg mit Omas Geschichten (Deutschlandradio Kultur, Profil, 28.02.2008)

Christoph Schmitz: Der Schriftsteller Maxim Biller zieht heute in der Zeitschrift "Zeit" kräftig gegen die deutsche Gegenwartsliteratur vom Leder. Mit Marcel-Reich Ranickis Tod sei ein hundertjähriger Versuch gescheitert, einen packenden Realismus in die deutsche Literatur zu bringen. Nach dem Mief der Gruppe 47 und "müder Innerlichkeitsprosa" von Handke und Strauss verstopften heute "irrelevante Sprachexperimente" die Bücherregale, ein blutleerer Formalismus vom Schlag des Leipziger Literaturinstituts präge den Geschmack des Publikums. Während also unsere Literatur stirbt, meint Biller, erneuert sich die Gesellschaft durch die Millionen Migranten grundlegend. Selbstbewusste Schriftsteller aber gehen seiner Ansicht nicht aus diesen Migranten hervor. Ihre geballte Lebenserfahrung verleugnen sie und entscheiden sich für einen kalten, leeren Suhrkamp-Ton. Deutsche Literaturkritik und Verlage wollen das so und auch die Veranstalter des Adelbert-von-Chamisso-Preises, ein Literaturpreis der Robert-Bosch-Stiftung für "auf Deutsch schreibende Autoren, deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist", wie es in den Preis-Statuten heißt. Eine Auszeichnung also für Deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache. Der Preis werde für Selbstverleugnung und Liebsein vergeben, aber nicht für eine eigenständige, lebendige Literatur, so Maxim Biller. - Frank Albers von der Robert-Bosch-Stiftung und dort Projektleiter Kultur und verantwortlich für den Chamisso-Preis, was sagen Sie zu diesen Worten von Maxim Biller?

Frank Albers: Guten Tag! - Ja, wir vergeben den Adelbert-von-Chamisso-Preis natürlich an Autoren, die aus einem sehr weiten Spektrum ihres schriftstellerischen Schaffens stammen. Wir vergeben ihn an Autoren, die einen Sprachwechsel vollzogen haben, das ist richtig, aber vor allem an Autoren, die Migration zu ihrem Thema in ihrem Werk gemacht haben, ohne vielleicht auch eigene Migrationserfahrungen zu haben, die Erfahrungen möglicherweise ihrer Eltern oder Großeltern dabei aufgreifen. Die Kritik, dass sie voreingenommen sind, möglicherweise auf einem Wohlfühlkuschelkurs sich bewegen, um einem Publikum zum Gefallen zu sein, ist so in der Form nicht nachvollziehbar, weil Autoren wie Abbas Khider, Sasa Stanisic, die Bürgerkriegserfahrung, eigene Gefangenschaft in ihr Werk einführen, können wahrlich nicht als Wohlfühlkurs bezeichnet werden. Sie übertragen Lebenserfahrungen, brutale Lebenserfahrungen in die deutsche Gegenwartsliteratur, die in dieser Form sonst in der Gegenwartsliteratur Deutschlands nicht vertreten wären.

Schmitz: Sie erwähnten gerade Sasa Stanisic mit seinem Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert".

Albers: Richtig.

Schmitz: Den nennt auch Maxim Biller in seinem Text.

Albers: Ja.

Schmitz: Das ist ein packendes Debüt vor acht Jahren gewesen. Aber in seinem neuen, aber langweiligen Roman "Vor dem Fest", so der Titel, sei der Autor unter Ossis in der Uckermark gelandet und wirklich langweilig geworden, und das ist ein Beispiel für Biller dafür, dass der Anpassungsdruck der migrantischen Literatur so groß sei, dass es eben dieses seichte, blutleere und formalistische werde.

Albers: Zum neuen Werk von Sasa Stanisic kann man erst mal wenig sagen, es ist ja noch gar nicht erschienen. Das erscheint erst noch und ich wüsste nicht, was daran schlecht sein sollte, ein auch kritisches, auch gesellschaftlich kritisches Werk in die Uckermark zu verlagern. Aber dazu kann ich gar nicht viel sagen. Wie gesagt: Das Buch liegt uns ja noch gar nicht vor.

Was Fortsetzung oder Weiterführung von Arbeiten betrifft, das Beispiel Abbas Khider kann man an der Stelle sicherlich noch mal anführen, der in all seinen Romanen seine Fluchterfahrung, seine Gefangenschaftserfahrung weitergeführt hat bis auch in seine aktuellen neuen Werke. Da kann man nicht von angepasst sein reden. Es ist ein immer wieder aufgreifen und auch immer wieder erinnernd und mahnend an unsere eigene Geschichte, Parallelen zu unserer eigenen Geschichte herstellend, die möglicherweise ungewöhnlich ist für die deutsche Literaturlandschaft der Gegenwart, aber Abbas Khider und andere sind wichtige Repräsentanten, und er ist weit davon entfernt, angepasst oder auf Kuschelkurs zu sein.

Abbas Khider beim Bücherfrühling während der Leipziger Buchmesse 2013 (Deutschlandradio - Bettina Straub)Abbas Khider beim Bücherfrühling während der Leipziger Buchmesse 2013 (Deutschlandradio - Bettina Straub)Schmitz: Aber genau Abbas Khider nennt Maxim Biller und den Irak-Roman "Die Orangen des Präsidenten", er nennt auch den Roman von Sherko Fatah "Weißes Land", ein Nazi-Roman im weitesten Sinne, sagt aber im Grunde, das sind die Ausnahmen, so müsste es sein. Er bleibt aber dann doch bei seiner These. Sind vielleicht Khider und Fatah eher Ausnahmen mit einer eigenständigen starken Sprache, auch geprägt von ihrem migrantischen Lebensgefühl?

Albers: Nein, ich würde es auch weiter fassen wollen. Es sind auch Autoren oder Autorinnen wie jetzt die aktuelle Preisträgerin Ann Cotten, die keine Verfolgungserfahrung hat, sondern als Kind aus den USA nach Österreich kam, die natürlich ein ganz anderes Spektrum der Literatur abdeckt, die sehr experimentell ist, die einfach nur kleine Bruchstücke, Bilder in ihrem Werk darstellt - alles andere als angepasst, sehr kontrovers zu lesen, ist ja auch sehr kontrovers diskutiert worden in den Feuilletons, jetzt möglicherweise nicht so politisch wie die genannten Khider und Stanisic, aber nichtsdestotrotz eine hoch spannende Fassette deutscher Gegenwartsliteratur, sehr sperrig und dennoch hochgradig spannend.

Schmitz: Biller bleibt bei seiner These. Am Schluss formuliert er dann: "Deutschland war bis jetzt immer sehr erfolgreich, wenn es darum ging, Einwanderer und Fremde bis zur Unkenntlichkeit ihrer eigenen Identität zu integrieren". Ist es an der Zeit, in und mit Romanen daran etwas zu ändern, oder ist diese Zeit längst eingetreten?

Albers: Sie sind nicht integriert. Es gibt genügend Autoren, die ganz bewusst - und das unterstützen wir mit dem Chamisso-Preis ja auch - vor der Gleichmacherei sich schützen. Sie können Feridun Zaimoglu anführen mit seinem frühen Werk "Kanak Sprak", aber auch mit seinen späten Werken, der nicht vergleichbar ist mit anderen Autoren, der immer eine mahnende Stimme geblieben ist bis heute. Sie können Autoren anführen wie beispielsweise Marjana Gaponenko. Selbst Marjana Gaponenko, die einen eher traditionelleren Erzählstil hat, selbst Erfahrung in die Literatur einbringt, die wir sonst, was man immer so schön das Biodeutsche nennt, nicht haben können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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