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StartseiteMikrokosmos029 Die Islam-Stunde11.05.2018

Mikrokosmos029 Die Islam-Stunde

Tannenbusch im Bonner Norden. Eine typische Trabantenstadt, mit 80 Prozent Migrantenanteil. Einwandererfamilien aus der Türkei leben hier, aus Marokko, dem Irak oder Palästina. Aziz Fooladvand, 1979 vor der islamischen Revolution im Iran geflohen, unterrichtet an der Freiherr-vom-Stein-Realschule Islamkunde. Und öffnet dabei Räume für kritische Diskussion.

Von Manuel Gogos

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Aziz Fooladvand unterrichtet Islamkunde an der Freiherr-vom-Stein-Schule. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)
Aziz Fooladvand unterrichtet Islamkunde an der Freiherr-vom-Stein-Schule. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)
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Was bedeutet es, wenn auf Anti-Israel-Demonstrationen in Berlin Nationalflaggen mit dem David-Stern brennen, wenn irgendwo in Deutschland Rabbiner mit Kippa auf der Straße attackiert oder jüdische Mitschüler auf dem Pausenhof gemobbt werden? Aziz Fooladvand spricht mit seinen Schülern darüber, macht auf die feinen Unterschiede aufmerksam. "Wir können sagen: 'Die israelische Armee hat Gazastreifen bombardiert.' Aber ich höre immer wieder. 'Juden haben Palästinenser angegriffen.' Das ist eine sehr ungenaue, pauschalisierte, oberflächliche Aussage."

Wissen gegen Vorurteile

Das Thema der Islamstunde ist die Gründung Israels, die lange Geschichte der Judenverfolgung, Antisemitismus, Antizionismus. Fooladvand möchte seine muslimischen Schülerinnen und Schüler mit Wissen gegen Vorurteile imprägnieren, sie durch Bildung in den Stand versetzen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Aber geraten sie dadurch nicht in Widerstreit mit Dingen, die sie zu Hause in ihren Familien hören?

Auf dem Lehrerpult liegt ein deutscher Koran und eine arabische Bibel. Neben der persischen Mystik wird auch der Buddhismus behandelt. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)Auf dem Lehrerpult liegt ein deutscher Koran und eine arabische Bibel. Neben der persischen Mystik wird auch der Buddhismus behandelt. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)

Im Alltag sei es oft so, dass man mit Diskriminierung und Rassismus konfrontiert werde, sagt Elyas, einer der Schüler. "Aber wir können halt nicht viel dagegen sagen. Ältere Leute sind nun mal Respektspersonen." Auch mit seinen Eltern kann Elyas über diese Dinge nicht diskutieren.

Denkprozesse werden angestoßen

Auch wenn sie einen deutschen Pass haben, sagen die Jugendlichen von sich: "Ich bin Kurdin", "Ich bin Palästinenser". Manche der Mädchen tragen Kopftuch. Warum?, fragt ihr Lehrer. Liest im Koran und im deutschen Gesetzbuch nach. Denkprozesse werden angestoßen. Man spürt Fooladvands Wertschätzung seinen Schülern gegenüber. Einerseits müssten sie sich ihrer Familie gegenüber loyal verhalten, andererseits weiterkommen, sich integrieren. "Eine enorme Leistung!"

"Wäre Herr Fooladvand Jude, wäre er trotzdem mein Freund. Ich liebe ihn.", sagt Junis, dessen Familie väterlicherseits aus Palästina stammt. Er bringt, wie die meisten Schüler von Tannenbusch, seine eigene Geschichte von Herkunft und Identität mit. Junis aber schaut lieber nach vorne. "Flüchtlinge, Krieg, das interessiert uns nicht mehr. Deutschland hat uns jetzt aufgenommen. Wir sind glücklich."

Schüler laufen an bemalten Wänden vorbei durch die Freiherr-vom-Stein-Realschule in Bonn (Deutschlandradio / Manuel Gogos)Die Freiherr-vom-Stein-Realschule im Bonner Norden ist ein weitläufiges Schulgelände aus bemaltem Beton, umgeben von einer typischen Trabantenstadt aus Hochhäusern. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)

Beziehung scheint das Grundproblem von Integration. Verführbar seien die Schüler nur, so lange sie in Deutschland noch keine innere Heimat gefunden hätten, sagt auch der Schulleiter Martin Finke. Er muss die Kinder auch vor den Einflüsterungen der Salafisten schützen. Der Hassprediger Pierre Vogel zum Beispiel verteilte in Tannenbusch seine Broschüren. Das Schulgelände ist offen, aber Werbung jeglicher Art verboten. "Wir sind uns sehr bewusst, dass wir da eine Gegenwelt bieten wollen. Die durch Empathie geprägt ist, nicht durch Hass."

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