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StartseiteMikrokosmos046 Das Jodelfest12.10.2018

Mikrokosmos046 Das Jodelfest

Jodeln - das ist was für Trachten tragende Almöhis. Nein. Ab Herbst kann man das Jodeln sogar studieren. Und: Traditionell gejodelt wird in vielen Teilen der Welt. Aber in Europa ist Österreich der place to be für Jodelfans. Einmal im Jahr kommen sie in den Bergen zum Jodelfest zusammen.

Von Manuel Gogos

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Maria Kapelari (r.) und ihre Mitjodlerinnen nutzen jede Gelegenheit zum Jodeln. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)
Die Jodellust: Maria Kapelari (r.) und ihre Mitjodlerinnen nutzen jede Gelegenheit zum Jodeln. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)
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Jodelfans aus unterschiedlichen Ländern haben sich schon zum vierten Mal in Folge zum Jodelfest zusammengefunden. Dieses Jahr in der Propstei der Gemeinde St. Gerold im österreichischen Vorarlberg. Für manche hat das Festival bereits bei einer mehrtägigen Jodel-Wanderung zum Veranstaltungsort hin begonnen. Sie alle eint das Interesse am Jodeln. In seiner ursprünglichen, traditionellen Form, aber auch zukunftsweisend, mit elektronischen Klängen gemischt.

Wo das Jodeln her kommt

Hirten, Waldarbeiter und Köhler sollen die Stimmtechnik des Jodelns entwickelt haben, um damit weite Distanzen zu überbrücken. Aus ihren Jauchzern von Alm zu Alm, so eine Theorie, sei die Sangeskunst des Jodelns entstanden. Andere Musikwissenschaftler halten das für eine romantische Vorstellung. Wie zum Beispiel der Musiker und Musikethnologe Hermann Fritz, der auf dem Jodelfest den Workshop "Jodeln und Tanz" betreut:

"Das stammt noch von Rousseau her, der hat sich mit dem Kuhreigen beschäftigt, und die Alpenbewohner sollten Vorbild sein für sein ‚Zurück zur Natur’."

Die Jodel-Entstehungstheorien

Es gibt viele solcher Entstehungstheorien: Das Jodeln sei aus dem Singen mit dem Echo entstanden, sagen die einen. Manche meinen, die Jodelsilben wären Überbleibsel einer Sprache, die die Schamanen sprachen. Neben der "Kuhruf-Hypothese" gibt es die Affekthypothese - gejodelt hätten zuerst Männer, denen beim Anblick einer schönen Frau die Stimme überschnappte. Bei der Morgenandacht in St. Gerold stellt der Propst dann noch eine weitere Vermutung auf: Das Jodeln sei aus den feinen Kopfstimm-Ziselierungen der Gregorianik hervorgegangen.

Benediktinerpropstei St. Gerold, Vorarlberg in Österreich  (imago / CHROMORANGE)St. Gerold bietet ein idyllisches Panorama für das Jodelfest (imago / CHROMORANGE)

Theorie hin oder her - es wird gejodelt

Im Workshop "Jodel-ABC" übt Autor Manuel Gogos zum ersten Mal selbst das Kippen aus der Kopf- in die Bruststimme, das für das Jodeln so typisch ist. Und der Schweizer Naturjodler aus dem Appenzell berührt ihn direkt, so melancholisch getragen ist der. Beim Jodelfest werden Vorurteile in Frage gestellt und über Bord geworfen. Hier wird gemacht statt theoretisiert.

Moderne Kunst

Und Jodeln kann auch ganz modern sein. Dreadlocks statt Trachtenjacke; Hipster, die in Berlin Kreuzberg gegen den Faschismus jodeln: Der "Sound of Heimat" ist vielstimmig. Die Jodler sind offen für alle möglichen Spielarten der Weltmusik. Im Jodelworkshop "Jodelfields" will Markus Prieth zusammen mit dem Soundkünstler Manuel Oberkalmsteiner das Spektrum des Jodelns erweitern. Sie experimentieren in Richtung Obertongesang, Improvisation, elektronische Beats. Nicht der Berg, sondern die Soundanlage gibt die Echos zurück.

Ein hipper Volksmusikant von heute: der Soundkünstler Manuel Oberkalmsteiner beim Jodelfest 2018 im österreichischen Vorarlberg. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)Ein hipper Volksmusikant von heute: der Soundkünstler Manuel Oberkalmsteiner. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)

Die Jodel-Exoten

Am Abend sitzen alle zusammen im Wirtshaus. "Für mich ist das ein Jodelwoodstock", sagt die Gesangslehrerin Maria Kapelari. Und ihre Freundin Barbara erzählt die Geschichte eines amerikanischen Forschers, der mal ihr Jodeln aufgenommen hat, "wie wenn wir zu den afrikanischen Pygmäen gehen, um ihr Gesangel aufzunehmen."

Das große Abschlussfest

Gejodelt wird beim Jodelfest überall: Wo sie gehen und stehen probieren die Teilnehmenden die gelernten Jodler aus. Am späten Abend singen sie sogar noch die Propsteiglocke an. Am Abend des zweiten Tages wird dann das große Abschluss-Jodelfest veranstaltet. Die Workshop-Teilnehmer präsentieren das Gelernte und das Publikum tanzt ausgelassen den Zillertaler Hochzeitsmarsch. Denn das Jodelfest folgt dem Motto des Workshopleiters Aldi Nolder: "Lieber fünf Minuten schämen auf der Bühne, als drei Stunden üben."

Markus Prieth und seine WorkshopteilnehmerInnen beim Abschluss-Jodelfest im österreichischen Vorarlberg. (Deutschlandradio / Manuel Gogos)Markus Prieth und seine WorkshopteilnehmerInnen beim großen Abschluss-Jodelfest (Deutschlandradio / Manuel Gogos)

Ein zwiegespaltenes Verhältnis

Im Anschluss an die Reportage spricht Manuel Gogos mit Julio Mendivil. Er ist Professor für Ethnomusikologie und lehrt Vergleichende Musikwissenschaft an der Universität Wien. Der Peruaner hat die deutsche und österreichische Volksmusik erforscht. Er ist der Meinung, dass die Instrumentalisierung der Volksmusik durch die Nazis das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Musik nachhaltig beschädigt hat. Bei seinen Feldforschungen war er aber auch positiv überrascht, wie herzlich ihn die Volksmusikfans in ihrer Mitte aufgenommen haben.

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