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MikrokosmosInvestor trifft Start-up

Das "Startup Camp" in Berlin ist eine Mischung aus Messe und Partnerbörse für junge Firmengründer. Zwei Tage lang treffen eifrige Jungunternehmer auf Erfolgsberater und finanzkräftige Investoren. Ein Einblick in die deutsche Gründerszene.

Von Jakob Schmidt | 20.04.2018

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf dem Startup Camp am 12.04.2018 in Berlin
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf dem Startup Camp am 12.04.2018 in Berlin (imago)
"Pass auf, dass du nicht zu viel so phrases benutzt", rät Philippe Petit: "Make a difference, change the world! Das sind alles so Floskeln. Die erzählen nicht wirklich was!" Er ist Pitchtrainer und hilft Jungunternehmern beim letzten Schliff für ihren großen Auftritt auf dem "Startup Camp". Gerade berät er die Brüder Stefan und Sebastian Wimmer, die mit ihrer App "Janu" ein Gegenangebot zu Facebook und Co. schaffen wollen. Aus über 200 Bewerbungen haben sie sich durchgesetzt, 26 junge Unternehmen konkurrieren jetzt um die Aufmerksamkeit des Fachpublikums.
Nur knapp 15 Prozent der Gründer sind Frauen
Der Pitch Marathon ist einer der Höhepunkte des Startup Camps. Hinter der Veranstaltung steckt der Bundesverband Deutsche Start-ups. Seit einigen Jahren initiiert er regelmäßig auch den sogenannten Startup Monitor, eine Umfrage unter Tausenden von Gründern. Daraus gehen wertvolle Einblicke in die Gründerszene hervor. Zum Beispiel die ernüchternde Erkenntnis, dass nur knapp 15 Prozent der Gründer Frauen sind. Auch mit Blick auf die Innovationskraft der befragten Unternehmen sieht die Studie Verbesserungspotenzial: Nur jedes fünfte Start-up bringe weltweit neuartige Geschäftsmodelle und Prozesse hervor.
Es fehlt eine Kultur des Scheiterns
Dass die Mehrheit der gegründeten Unternehmen ohnehin nicht lange überlebt, sieht der Vorsitzende des Bundesverbandes, Florian Nöll, hingegen entspannt: "Ein Start-up zu gründen ist wie Forschen. Gründerinnen und Gründer versuchen herauszufinden, was funktioniert. Und mindestens jeder zweite findet halt heraus, dass es nicht funktioniert. Wir würden niemals von einem Forscher erwarten, dass er beim ersten Experiment die Lösung findet und aus irgendeinem Grund erwarten wir das von unseren Gründerinnen und Gründern. Davon müssen wir dringend Abstand nehmen." Deutschland brauche, sagt der 34-Jährige, endlich eine intakte Kultur des Scheiterns.
Schlechte Arbeitsbedingungen
Während sich das Startup Camp ganz der Perspektive von Gründern widmet, blickt die französische Autorin Mathilde Ramadier aus der gegenteiligen Perspektive auf den Mikrokosmos Start-up. Vier Jahre lang hat sie in insgesamt zwölf Berliner Start-ups gearbeitet. Über ihre Erfahrungen als Mitarbeiterin hat sie ein kritisches Buch geschrieben: "Willkommen in der neuen Welt – Wie ich die Coolness von Start-ups überlebt habe." Ihr Fazit: Für Arbeitnehmer kann die vermeintlich fröhliche und ungezwungene Start-up-Welt auch zum Albtraum werden: "Die Start-upper sagen, dass sie eine neue Welt bauen. In Wirklichkeit sind die Arbeitsbedingungen oft eher Rück- statt Fortschritt."