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StartseiteForschung aktuellUmweltmediziner: "WHO zeigt weiteren Forschungsbedarf auf"22.08.2019

Mikroplastik im TrinkwasserUmweltmediziner: "WHO zeigt weiteren Forschungsbedarf auf"

Auch wenn die Weltgesundheitsorganisation derzeit keine Gesundheitsgefahr durch Mikroplastik im Trinkwasser sieht - ihr Bericht mache deutlich, dass weitere Forschung nötig ist, sagte der Umweltmediziner Hans Moshammer im Dlf. Unter anderem sei nicht geklärt, ob Mikropartikel nicht noch kleiner werden können.

Hanns Moshammer im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Frau trinkt Wasser aus einer Plastikflasche (Symbolbild) (imago / blickwinkel / M. Gann)
Die WHO hat drei Gefährdungsszenarien durch Mikroplastik im Trinkwasser identifiziert (imago / blickwinkel / M. Gann)
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Uli Blumenthal: Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht Mikroplastik im Trinkwasser derzeit nicht als Gesundheitsgefahr für den Menschen. In ihrem heute veröffentlichen Bericht kommt die WHO zu dem Schluss, dass, Zitat: "Aufgrund der begrenzten Informationen, die wir haben, Mikrokunststoffe im Trinkwasser nach heutigem Kenntnisstand kein Gesundheitsrisiko darzustellen scheinen." Und: Aus heutiger Sicht seien jedoch andere Verunreinigungen im Wasser wesentlich bedeutsamer als die Plastikpartikel.

  (Joe Raedle/Getty Images) Klimakrise - Das Dossier (Joe Raedle/Getty Images)

Ich spreche darüber jetzt mit Doktor Hanns Moshammer, er ist Fachgebietsleiter Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health, der Medizinischen Universität in Wien. Herr Doktor Moshammer, wie zuverlässig und belastbar ist das Ergebnis dieses WHO, Berichts, wenn die WHO einräumt, dass es schwierig ist, es gibt nur wenige Studien, und zweitens sind diese wenigen Studien häufig schwach, offen gesagt. Also wie kann man das Ergebnis interpretieren?

"Schlussfolgerungen sind belastbar und nachvollziehbar"

Hanns Moshammer: Na ja, auch das ist ja schon ein Ergebnis, dass es noch sehr wenige Studien gibt. Und dass die Studien sich in ihrer Methodik, in ihrer Definition, was ist überhaupt Mikroplastik oder was ist überhaupt Plastik und in welchen Größenbereichen spreche ich dann von Mikroplastik, also die Studien sich unterscheiden und daher schwer verallgemeinernde Aussagen möglich sind. Die Aussage stimmt, und die ist wichtig. Also es ist Standardisierung notwendig, und es sind weitere Forschungen notwendig.

Aber die Aussage zur Gesundheitsgefährdung, ist doch plausibel dargestellt. Ich brauche nicht genau wissen, wie viel Mikroplastik und welches Mikroplastik im Trinkwasser vorkommt. Die WHO macht eine Worst-Case-Abschätzung und beurteilt diese dann anhand vorhandener Grenzwerte, zum Beispiel für Schadstoffe, für Kontaminanten im Trinkwasser. Also insofern sind die Schlussfolgerungen schon belastbar und nachvollziehbar.

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Blumenthal: Sie haben eben gesagt, sie geht in ihrer Studie, die WHO, von einem Worst-Case-Szenario aus. Das heißt, es geht gar nicht darum, zu fragen: Gibt es einen Grenzwert und ist der überschritten oder ist der nicht überschritten? Ssondern was ist die Vorgehensweise der WHO bei ihrem Bericht?

!Moshammer:!! Gut, also für Mikroplastik gibt es keinen Grenzwert. Die Arbeitsgruppe der WHO hat drei Gefährdungsmöglichkeiten angeschaut. Das eine ist die Schadwirkung der Teilchen selber, die Partikelwirkung. Das Zweite ist eine chemisch-toxische Wirkung durch chemische Inhaltsstoffe, die entweder von der Produktion her im Mikroplastik enthalten sind oder die später an das Plastik angelagert, absorbiert oder aufgenommen wurden. Und die dritte Überlegung ist, dass Mikroplastik auch als Kern für die Bildung von Biofilmen fungieren kann. Und jede dieser drei Gefährdungsszenarien werden einzeln beurteilt.

Noch viele offene Fragen

Blumenthal: Und welches von den drei Szenarien, was Sie jetzt vorgestellt haben, ist sozusagen aus Sicht der WHO das Problematischste?

!Moshammer:!! Zum Glück kommt die WHO zu dem Schluss, dass alle drei Szenarien derzeit für die menschliche Gesundheit kein Problem darstellen. Sie zeigt für alle drei Szenarien auch weiteren Forschungsbedarf auf. Und sie weist darauf hin, dass wenn wir weiter so handeln wie bisher, zunehmende Mengen an Plastik produzieren und die Entsorgung und die Recycling von Plastik nicht in den Griff bekommen, die Menge an Plastik und damit in der Folge auch von Mikroplastik in der Umwelt weiter zunehmen wird.

Bei der Partikelgröße sieht sie das Hauptproblem darin, dass wir inzwischen zwar kleine Plastikteilchen, sogenanntes Mikroplastik, messen, zählen oder wiegen können, dass wir aber nicht wissen, ob aus dem Mikroplastik mit der Zeit nicht noch kleinere Teilchen, also quasi Nanoplastik wird. Und je kleiner die Teilchen desto eher können sie aus dem Darm auch in den Körper aufgenommen werden und dann zum Beispiel zu entzündenden Reaktionen der Immunzellen führen oder zu Fremdkörperreaktionen.

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Also hier ist der Forschungsbedarf: Was geschieht mit diesen kleinen Teilchen? Bei Mikroplastik reden wir ja in einer Größenordnung von einigen Millimetern bis einige Mikrometer mitunter oder einem Mikrometer - was passiert mit diesen Teilchen? Können sie noch kleiner werden durch mechanische Beanspruchung, durch chemische Einflüsse, auch durch mikrobiellen Abbauen und dergleichen? Da ist noch Forschungsbedarf einerseits zu dem Schicksal der Plastikteilchen, aber andererseits dann auch zur Wirkung der feineren Teilchen und wie man sie standardisiert auch wirklich messen kann.

Auswirkungen von Mikroplastik auf Darmflora noch nicht geklärt

Blumenthal: Der WHO-Bericht kommt aber auch zu der Aussage oder macht die Aussage, dass Mikroplastik über die Größe von 150 Mikrometern, also 0,15 Millimeter, dass diese Teilchengröße wahrscheinlich nicht vom menschlichen Körper aufgenommen wird. Also das, worüber wir jetzt häufig sprechen, wenn wir Mikroplastik meinen, ist für den Menschen und für den menschlichen Körper eigentlich gesundheitsgefährdend nicht relevant.

!Moshammer:!! Das trifft für den gesunden Menschen zu. Es wurde untersucht an gesunder Schleimhaut, also Darmschleimhaut, an der gesunden Haut, auch an gesunder Atemwegsschleimhaut untersucht. Hier werden so große Partikel nicht aufgenommen. Wie das bei Krankheiten ist - denken Sie an eine chronische Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn, ob hier die Gefahr besteht, dass dann auch größere Partikel in den Körper aufgenommen werden, da ist noch Forschungsbedarf. Aber bei 150 Mikrometern und darüber sind wir ziemlich sicher auf der sicheren Seite.

Es geht jetzt um die Aufnahme der Partikel aus dem Darm in den Körper, wir wissen eigentlich nicht, was die Partikel im Darm machen. Da gibt es einige wenige Tierversuche, die zeigen, dass die Partikel im Darm auch die Darmflora beeinflussen, und wir wissen noch viel zu wenig, wozu wir die Darmflora überhaupt brauchen beziehungsweise welche Funktionen die Bakterien im Darm sonst noch alles machen und wie sich eine Veränderung der Darmflora auf uns auswirkt.

Standardisierte Messungen notwendig

Blumenthal: Sei sprechen häufig davon, es ist Forschungsbedarf notwendig. Nun hat die WHO 50 Studien erfasst und hat sie sozusagen verglichen, sagt aber auch, dass diese Studien häufig nicht reproduzierbar und vor allem auch nicht vergleichbar sind. Also wo ist Forschungsbedarf, wo muss die Wissenschaft ansetzen?

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!Moshammer:!! Es ist einmal wichtig, auch die Messmittel zu standardisieren, damit einzelne Studien überhaupt vergleichbar werden. Es hängt natürlich auch davon ab, in welchem Medium ich Mikroplastik suche. Je reiner das Medium ist, also wenn ich im Trinkwasser suche, desto feiner kann ich die Maschen weiter meines Siebes oder meines Filters gestalten. Im verschmutzten Abwasser ist der Filter sofort verstopft oder es ist so überladen, dass ich das Mikroplastik gar nicht mehr sehe. Also auch nach der Matrix muss natürlich meine Untersuchungsmethode angepasst sein. Aber trotzdem wäre es gut, hier zu standardisieren, damit man die Studien überhaupt vergleichen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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