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StartseiteKalenderblattMillionen Unterschriften für ein neues Wahlrecht08.05.2013

Millionen Unterschriften für ein neues Wahlrecht

Arbeiter veröffentlichten 1838 die "People's Charter"

Vor 175 Jahren hat der Londoner Arbeiterverband eine Petition mit sechs Punkten für gerechtere und geheime Wahlen formuliert. Einige Millionen Menschen unterschrieben die Liste, der Erfolg war jedoch bescheiden. Die meisten Politiker weigerten sich schlicht, die "People's Charter" zu diskutieren.

Von Monika Köpcke

Das britische Unterhaus heute. Vor 175 Jahren wiesen die Abgeordneten alle Forderungen der "People's Charter" ab (AP)
Das britische Unterhaus heute. Vor 175 Jahren wiesen die Abgeordneten alle Forderungen der "People's Charter" ab (AP)
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"Wir wollten die Öffentlichkeit aufbringen"

Es ist eine beeindruckende Demonstration, die sich an einem sonnigen Mainachmittag 1839 durch die Straßen Londons auf das Parlamentsgebäude zubewegt. Die Männer an der Spitze des vieltausendköpfigen Zuges tragen Papierrollen in den Händen. Über eine Million Namen sind auf ihnen zu lesen. Unterschriften für die Petition "People’s Charter", die in sechs Punkten ein neues Wahlrecht fordert:

"Erstens: Allgemeines Stimmrecht für jeden mündigen Mann, der bei gesundem Verstande und keines Verbrechens überführt ist."

"Zweitens: jährlich zu erneuernde Parlamente."

"Drittens: Diäten für die Parlamentsmitglieder, damit auch Unbemittelte eine Wahl annehmen können."

"Viertens: Abschaffung der ausschließlichen Wählbarkeit derjenigen, die 300 Pfund Sterling in Grundbesitz haben, sodass jeder Wähler auch wählbar ist."

"Fünftens: Geheime Wahlen mit Stimmzettel, um Bestechung und Einschüchterung zu vermeiden."

"Sechstens: Gleiche Wahldistrikte, um eine gerechte Vertretung des gesamten Landes zu sichern."


Einige radikale Unterhausabgeordnete haben die "People’s Charter" mitformuliert. Im Wesentlichen aber ist sie das Werk des Londoner Arbeiterverbandes. Veröffentlicht wird sie zum ersten Mal am 8. Mai 1838 in der Zeitung "Northern Star". Ihr Besitzer, der Journalist Feargus O’Connor, avanciert rasch zur Führungsfigur der Chartisten, wie sich die Anhänger der Charter bald selber nennen. Er schreibt:

"Wenn das Volk Macht hat über das Gesetz, so kann es alles erreichen, was nicht von Natur aus unmöglich ist. Ohne diese Macht dagegen wird es nie etwas erreichen können. Der Chartismus, das ist auch eine Messer- und Gabel-Frage. Das heißt: Eine gute Wohnung, gutes Essen und Trinken, gutes Auskommen und menschliche Arbeitszeiten."

Mit dem Unterhaus besitzt England bereits eine Institution, die den Anspruch erhebt, im Namen des Volkes zu sprechen. Doch nur die Adligen und Vermögenden dürfen die "Volksvertreter" wählen. Im England der fortgeschrittenen Industrialisierung ignoriert das Wahlgesetz damit die größte Bevölkerungsgruppe, die Feargus O’Connor so beschreibt:

"Die Leute mit den Manchesterjacken, dem unrasierten Kinn und den blasenbedeckten Händen. Die Arbeiter, die das Kapital der Reichen mehren helfen, von allen politischen Rechten aber ausgeschlossen bleiben."

Ein Jahr lang sammeln die Chartisten im ganzen Land 1,3 Millionen Unterschriften - auf der Straße, in Fabriken, Werften, Bergwerken, bei Kundgebungen. Am 7. Mai 1839 ist es endlich so weit: Feierlich begleitet vom Demonstrationszug werden die Rollen mit den Namenslisten an das Unterhaus übergeben. Doch die Abgeordneten zeigen sich unbeeindruckt, kaum einer ist bereit, die Forderungen der "People’s Charter" überhaupt zu diskutieren. Stattdessen taucht ein starkes Polizeiaufgebot in den Straßen auf. Enttäuscht und verwirrt kehren die Demonstranten nach Hause zurück. Wie soll es nun weitergehen? Die Propaganda- und Aufklärungsarbeit fortsetzen? Ein Gegenparlament bilden? Einen Generalstreik organisieren? Feragus O’Connor schreibt:

"Ihr braucht euch nicht zu fürchten vor der Macht der Regierung. Ihr habt ein Mittel, das ist viel mächtiger und ein zehnjähriges Kind kann diese Waffe schwingen. Ihr braucht bloß ein paar Zündhölzchen zu nehmen und ein Bündel Stroh, das in Pech getränkt ist. Und ich will sehen, was die Regierung und ihre Hunderttausende von Soldaten gegen diese eine Waffe ausrichten, wenn sie kühn gebraucht ist."

Tatsächlich gibt es in den nächsten Jahren immer wieder gewalttätige Aktionen: Maschinenstürmungen, Brandanschläge, Straßenschlachten. Doch längst nicht alle Chartisten befürworten diesen Weg. Es kommt zu Abspaltungen und Neugründungen. Noch zwei Mal schaffen es die Chartisten, einige Millionen Unterschriften für die "People’s Charter" zusammenzubekommen. Doch immer wieder weist das Unterhaus die Forderungen zurück. 1848, noch während der revolutionären Erschütterungen auf dem europäischen Kontinent, erklärt sich die Bewegung für gescheitert.

Nur schrittweise erhalten alle Männer in England bis 1918 das Wahlrecht. Bei den Frauen dauert es noch bis 1928, bis sie ohne Bedingungen an Einkommen oder Besitz wählen dürfen.

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