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StartseiteForschung aktuellDas Rätsel der wieder erwachten Erreger04.08.2016

Milzbrand in SibirienDas Rätsel der wieder erwachten Erreger

Ein Junge ist gestorben, dutzende Menschen wurden in eine Klinik gebracht: In Nordsibirien ist Milzbrand (oder auch Anthrax) ausgebrochen. 75 Jahre lang war keine Infektion mit dem Bakterium aufgetreten. Der Anthropologie-Professor Florian Stammler erläuterte im DLF, was vergrabene tote Rentiere und lange Hitzeperioden damit zu tun haben könnten.

Florian Stammler im Interview mit Lennart Pyritz

Milzbrand-Erreger unter dem Mikroskop (picture-alliance / dpa - Lehtikuva Heikki Saukkomaa)
Milzbrand-Erreger unter dem Mikroskop (picture-alliance / dpa - Lehtikuva Heikki Saukkomaa)
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Florian Stammler, Research Professor, Arctic Anthropology

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Permafrost Auf dünnem Eis

Lennart Pyritz: Florian Stammler ist Professor für Anthropologie an der Universität Lappland in Finnland. Er forscht unter anderem zum Zusammenspiel von Mensch und Rentierherden im Polargebiet und hat jahrelang auf der Jamal-Halbinsel gearbeitet. Ihn habe ich kurz vor dieser Sendung per Telefon erreicht - auf einer Fähre in Norwegen, wo er derzeit forscht. Herr Stammler, warum haben sich beim aktuellen Ausbruch ausschließlich Rentier-Hirten und deren Tiere infiziert?

Florian Stammler: Das hat damit zu tun, dass der Infektionsherd in einem abgelegenen Gebiet in der Tundra liegt, wo Anthrax das letzte Mal im Jahre 1941 ausgebrochen war und wo es jetzt eben wieder aufgetaucht ist. Die Rentierzüchter führen einen nomadischen Lebensstil und kommen sehr selten in größere Siedlungen oder Städte rein.

Pyritz: Welche Vermutungen gibt es denn zum Ursprung des aktuellen Ausbruchs?

Stammler: Vermutungen sind natürlich zahlreich und da muss man auch abwarten, was die Experten sagen. Aus der Distanz kann ich jetzt nur so viel sagen: Es klingt wahrscheinlich, dass wegen der extremen Hitze die es diesen Sommer in der Tundra gegeben hat mit über 30 Grad über eine längere Zeit, die Erreger aus dem Permafrost wieder aufgetaut sind. Die Sommer sind nicht immer so warm. Die Hauptsache ist hier nicht die hohe Temperatur an sich, sondern das lange Andauern der hohen Temperaturen. Es haben alle erwähnt, dass es eben nicht häufig so lange so heiß ist.

Pyritz: Wo haben diese Erreger überdauert?

Stammler: Im Permafrost, als 1941 - das haben auch meine früheren Forschungen ergeben - diese Epidemie war, da wurden in der Erde tote Rentiere vergraben, so tief wie möglich, um sie unschädlich zu machen. Aber da jetzt eben tiefere Schichten des Bodens aufgetaut sind, kann es sein, dass die Erreger dadurch wieder erwacht sind.

"Die Nenzen haben ihre Toten schon immer oberirdisch bestattet"

Pyritz: Es gab ja auch Berichte, dass der Infektionsherd ein historischer Friedhof sein könnte, wo eben die dort lebende indigene Bevölkerung oberirdisch in Holzsärgen Tote bestattet hat, weil der Boden festgefroren war. Halten Sie das für plausibel?

Stammler: Das halte ich für weniger plausibel, weil die Nenzen haben immer ihre Toten oberirdisch bestattet - wie Sie sagen wegen des Permafrostes. Daher würde ich keinen Grund sehen, warum gerade in diesem Jahr diese Erreger aus den Särgen vom Wind herausgetragen worden sein sollen, wenn es früher nicht passiert ist. Weil diese Särge immer oberirdisch und dem Wind und Wetter ausgesetzt waren. Deshalb halte ich es für weniger wahrscheinlich, dass es daher kommt.

Pyritz: Sie haben es eben schon erwähnt: Eine Rolle spielen die außergewöhnlich hohen Temperaturen in diesem Jahr. Ist der Ausbruch im weiteren Sinne also auch eine Folge des Klimawandels?

Stammler: Das ist natürlich schwer zu sagen, da müsste man die Klimawissenschaftler fragen. Es gibt häufig unnormales Wetter und die Rentierzüchter haben auch festgestellt, dass entsprechende Wettersituationen sich in den letzten Jahren gehäuft haben. Aber inwieweit das jetzt schon eine generelle Tendenz ist, oder ein Zeichen einer generellen Tendenz ist, darüber will ich ohne harte Daten noch nicht spekulieren.

"Die Intensität der Maßnahmen hat mich beeindruckt"

Pyritz: Welche Maßnahmen haben denn die Menschen und die Behörden in der betroffenen Region jetzt schon ergriffen?

Stammler: Ich war eigentlich ganz beeindruckt von der Intensität der Maßnahmen. Also es ist jetzt eine ganze Gruppe von der russischen Armee von Moskau aus geschickt worden, die darauf spezialisiert sind, Chemiewaffen unschädlich zu machen. Die haben eine Station aufgebaut, von wo aus sie ganze Gebiete von Bakterien desinfizieren. Und diese Station ist jetzt schon mit einem Militärflugzeug eingeflogen worden und bereits in dem Gebiet aktiv.

Es wurden weiterhin schon mehrere zigtausend Rentiere geimpft, damit sich die Epidemie nicht ausbreitet. Das ist eine ganz wichtige Maßnahme, weil die Menschen und die Tiere dort sehr mobil sind, das heißt, man muss sicher sein, dass sich die Erreger nicht über weitere Gebiete ausbreiten.Es wurde wirklich auf höchster Ebene behandelt. Die Gesundheitsministerin ist auch schon vor Ort gewesen und hat sich darüber kundig gemacht, dass die Leute auch geimpft wurden - und alle Leute in dem Gebiet sind vorsorglich mit Antibiotika behandelt worden. Glücklicherweise ist der Milzbrand ja eine Krankheit, die sowohl prophylaktisch wie auch akut behandelt werden kann. Und ich hatte den Eindruck, dass dies relativ gründlich gemacht wurde.

Außerdem wurden schon alle möglichen Spuren aus dem infizierten Gebiet verbrannt. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass die nomadischen Behausungen der Leute, die dort gewohnt haben, alle verbrannt wurden. Und die haben schon aus dem lokalen Budget Mittel für neue Behausungen zugesprochen bekommen.

"Nicht nur der Erreger selber, sondern auch traumatische Erinnerungen werden wieder wach"

Pyritz: Wie hoch ist denn das Risiko gerade auf der betroffenen Halbinsel, dass da durch die Wanderouten der Hirten die Bakterien oder Sporen weiter verbreitet werden?

Stammler: Das ist durchaus möglich. Und deshalb muss man da auch besonders aufpassen, dass da die Leute das Gebiet weitläufig meiden. Es wird jetzt auch eingezäunt werden.

Pyritz: Wie reagieren denn die Hirten, also die Betroffenen selbst auf den Ausbruch? Gibt es da vielleicht auch historische Überlieferungen zur Reaktion auf frühere Ausbrüche?

Stammler: Es gibt historische Überlieferungen. Die Leute erinnern sich noch an das Jahr 1941 als es ausgebrochen ist. Das wird mündlich überliefert. Die nenzische Kultur ist ja eine Kultur, in der mündliche Überlieferungen eine ganz große Rolle spielen. Und diese Erinnerungen, die werden jetzt natürlich wieder wach. Nicht nur der Erreger selber, sondern durchaus auch traumatische Erinnerungen - dass Rentiere verloren gingen und auch Leute - werden so wieder wach.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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