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StartseiteEuropa heuteMinarette im Gewerbegebiet04.01.2007

Minarette im Gewerbegebiet

Streit um Moscheenneubau in Athen

Jahrelang wurde Griechenland international kritisiert, weil es in Athen keine Moschee gibt. Auch zwischen der Türkei und Griechenland hat das Thema immer wieder zu Missmut geführt, so dass sich Außenministerin Dora Bakoyianni zuletzt mit Nachdruck für den Bau einer Moschee einsetzte.

Von Alkyone Karamanolis

Halbmond und Kreuz: in Griechenland problematisch. (AP)
Halbmond und Kreuz: in Griechenland problematisch. (AP)

Nun ist außerdem ein Gesetz in Kraft getreten, das Bau und Betrieb eines muslimischen Gotteshauses regelt. Für die Kosten, rund 15 Millionen Euro, kommt der griechische Staat auf. Es ist aber nicht das erste Mal, dass Athen seinen muslimischen Bürgern eine Moschee verspricht.

In seinem Supermarkt verkauft Mazen Rassas Lebensmittel für die arabische Küche: Kichererbsen, rote Linsen, dazu Tee, Baklava und Mango-Saft. Fünf Mal am Tag verlässt der palästinensische Geschäftsmann aber seinen Posten hinter der Kasse und steigt ein Stockwerk hinab. Denn der Keller unter seinem Geschäft dient als Gebetsraum, er selbst stellt ihn seinen Glaubensgenossen zur Verfügung:

"Es ist eine Notlösung, sicherlich. Es ist ein Ort, wo wir beten können, aber es ist keine Moschee! Jeder, der Geld hat, kann so einen Raum mieten und ihn für die Betenden öffnen. Aber die spirituelle Dimension fehlt. Deshalb möchten wir gerne eine richtige Moschee. Einen Ort, den jeder kennt, und der auch offiziell anerkannt ist."

Es ist Freitag, und der Keller füllt sich schnell. Ihre Schuhe stellen die Gläubigen in ein wackliges Regal, dann gehen sie in den Gebetsraum. An den niedrigen Decken sind Neonröhren angebracht, es gibt eine Leihbibliothek und ein paar Poster an den Wänden. Rund 60 solcher improvisierten Moscheen soll es in Athen geben. Doch weil sie den Bedürfnissen der Gläubigen nicht genügen, mietet die Muslimische Vereinigung Griechenlands, der Rassas vorsteht, zu großen religiösen Festen schon mal das Athener Olympiastadion an.

Der Ruf nach einer Moschee in Athen ist fast 70 Jahre alt. Immer wieder wurden Anfragen beim Parlament eingereicht, Beschlüsse erlassen - und wieder vergessen. Seitdem aber mehr und mehr Einwanderer aus dem arabischen Raum, aus Albanien und dem Mittleren Osten nach Griechenland kommen, wird das Thema immer wichtiger. Zwischen 150.000 und 200.000 Muslime leben heute in Athen. Der Bedarf nach einer Moschee bestand allerdings auch zuvor schon, meint Munir Abdelrassoul. Der Sudanese kam vor 32 Jahren zum Medizinstudium nach Athen.

"Weil es keine Moschee gab, haben meine Kommilitonen aus dem Sudan und ich unser Gebet in der Uni abgehalten, in leeren Hörsälen. Später hat uns die Medizinische Fakultät einen Raum zur Verfügung gestellt."

Nach Ende ihres Studiums mieteten Munir Abdelrassoul und seine Freunde einen Ladenraum an - und gründeten die erste improvisierte Moschee in Athen. Eine offizielle Moschee ist dringend nötig, meint der Arzt, aber die öffentliche Diskussion dazu verfolgt er nicht mehr mit, er ist die immer wieder gebrochenen Versprechen leid.

"Es sollte keine Vorurteile gegen uns geben, nur weil wir Ausländer sind oder einen anderen Glauben praktizieren. Und vor allem, wo doch Griechenland die Wiege der Zivilisation und der Geburtsort der Demokratie ist. Griechenland hat der ganzen Welt Wissen geschenkt. Es ist also besonders schlimm, wenn ausgerechnet hier die Menschenrechte verletzt werden."

Die Gegend, in der die Athener Moschee entstehen soll, befindet sich drei, vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, im Stadtteil Elaionas; bislang eine Industriebrache, geprägt von Auto- und Eisenwerkstätten. Seitdem nun feststeht, dass die Moschee hier gebaut werden soll, hat auch die griechisch-orthodoxe Kirche ihren offiziellen Widerstand eingestellt. Zudem hat die wiederholte internationale Kritik, Griechenland behindere die Muslime in ihrer Religionsausübung, offenbar ihre Wirkung getan. Ein Glück auch für die griechische Regierung, die sich in einer Zwickmühle befand, so Ioannis Konidaris, Professor für Kirchenrecht an der Athener juristischen Fakultät:

"Die Regierung hatte durchaus den Willen, eine Moschee zu errichten. Aber: die Parlamentsabgeordneten denken natürlich auch an ihre Wahlkreise. Und wenn es organisierten Widerstand gibt - und vor allem: Wenn der Widerstand von der Kirche kommt, die ohne Zweifel viele Wähler beeinflusst, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Politik einen Rückzieher macht."

Nun scheint das Projekt auf einem guten Weg. Und vor allem: Ohne den Widerstand öffentlicher Institutionen sehen auch die Athener die neuen Entwicklungen in ihrer Stadt gelassen:

"Ich hätte überhaupt kein Problem mit einer Moschee, ich glaube auch, dass es den meisten hier so geht, außer die Massenmedien hetzen sie auf. Die Leute tun und denken doch, was ihnen die Medien sagen!"

"Mich würde eine Moschee gar nicht stören. Für uns gibt es doch auch orthodoxe Kirchen im Ausland. Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe lange in Australien gelebt."

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