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Startseite@mediasresWenn der Chefredakteur 200-mal klingelt18.06.2019

Mindener TageblattWenn der Chefredakteur 200-mal klingelt

Benjamin Piel leitet seit gut einem Jahr die Redaktion des Mindener Tageblatts in Ostwestfalen – eine Gegend, die er bis dahin nicht kannte. Deshalb erklärte er kurz nach Dienstantritt: Ich möchte Euch sprechen, erzählt mir Eure Geschichte. Herausgekommen ist dabei eine außergewöhnliche Interview-Reihe.

Von Michael Borgers

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Landwirt Reiner Meyer zeigt Benjamin Piel, Chefredakteur des Mindener Tageblatts, die Wintergerste. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
Landwirt Reiner Meyer (r.) zeigt Benjamin Piel, Chefredakteur des Mindener Tageblatts, die Wintergerste. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
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"Bei Ihnen weiß ich ja, wer Sie sind, bei Ihnen auch. Und Sie beide?"

"Machen wir drinnen!"

"Okay, gut, gut, gehen wir rein."

Rein, in das Haus von Reiner Meyer, oder genauer: seiner Mutter. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wird hier Landwirtschaft betrieben, Meyer mästet Schweine. Auf seinem Hof am Rand von Bad Oeynhausen begrüßt er an diesem Vormittag Benjamin Piel. Piel ist neu in der Region, die Kleinstadt im Unteren Weserbergland liegt weit weg von der Redaktion. "Das ist hier ja so gerade die Grenze. Ich denke ja immer in Verbreitungsgebieten. Es ist ja so knapp nicht mehr unser Verbreitungsgebiet hier", sagt Benjamin Piel.

Interviews vor Ort

Er ist seit einem Jahr Chefredakteur des Mindener Tageblatts in der knapp 20 Kilometer entfernten Kreisstadt. Sein Vorgänger war fast 30 Jahre im Amt, die Erwartungen an den Nachfolger sind entsprechend hoch. Als Piel kurz nach Dienstantritt ankündigt, eine Art Interview-Reise durch das Verbreitungsgebiet seiner Zeitung zu starten, meldet sich auch Landwirt Reiner Meyer.

"Wir haben uns auf diesen Termin gefreut. Vor Ort ist es immer ein bisschen einfacher und auch visuell anschaulicher, wenn man mit den Leuten reden kann über unsere Themen."

Und davon gibt es einige, ob Bio-Landwirtschaft oder Folgen des Klimawandels.

Negative Erfahrungen mit der Presse – und umgekehrt

Meyer ist auch Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands, an seiner Seite sitzen an diesem Vormittag weitere Bauernvertreter. Und sie betonen: In der Vergangenheit habe man nicht nur positive Erfahrungen mit der Presse gemacht:

"Natürlich kann man unterschiedlicher Meinung über verschiedene Themen sein, das ist uns auch klar. Aber wir erwarten von den Medien eben, dass sie möglichst viele Facetten zu einem Thema auch wertfrei darstellen."

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Doch das sei nicht immer so gewesen. Beispielsweise bei Fragen danach, wie artgerecht Tiere gehalten werden. Oder warum nicht über bestimmte Termine berichtet wurde. Benjamin Piel hört sich alles an, fragt aber auch kritisch zurück.

"Auf der anderen Seite nehme ich auch immer wahr, dass es für die Landwirtschaft immer ein Problem ist, weil sie sich ja auch sehr stark angegriffen fühlt. Wie schätzten Sie das ein?"

Weg vom Schreibtisch

Am Ende wird der Journalist zehn Seiten mit Antworten notiert haben. Insgesamt mehr als 20 schwarze Kladden hat er bereits vollgeschrieben bei seinen Interviews. Das Gespräch mit den Landwirten ist das 199. der Reihe. Piehl zieht eine gemischte Bilanz:

"Die ersten 100 haben wirklich sehr viel Spaß gemacht. Die zweiten 100 haben auch viel Spaß gemacht, aber waren teilweise ein bisschen Quälerei."

Benjamin Piel, Chefredakteur des Mindener Tageblatts, steht in einem blauen Schutzanzug vor einem Stall und macht sich Notizen. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)Mehr als 20 Kladden hat Benjamin Piel, Chefredakteur des Mindener Tageblatts, bei seinen fast 200 Terminen vollgeschrieben. (Deutschlandfunk / Michael Borgers) 

Dennoch bleibe er überzeugt von der Idee seiner Reihe.

"Dass gerade Lokaljournalisten viel mehr rausgehen müssen und viel mehr draußen aktiv sein müssen."

Zu häufig werde in den Redaktionen nur noch vom Schreibtisch aus gearbeitet. Bei seiner Tour durch den Kreis Minden-Lübbecke habe er eine vielfältige Gesellschaft erlebt – und Menschen, die gerne Einblick in ihr Leben und ihre Anliegen geben.

"Wenn man offen an die Leute herantritt, habe ich noch nie erlebt, dass man irgendwo Probleme hat. Die Probleme entstehen immer dann, wenn man von so einer arroganten Warte aus Leute beurteilt oder eigentlich nicht mit ihnen redet."

Und, auch das habe er wieder einmal erfahren: Die Welt sei nicht schwarz und weiß. "Es gibt viele verschiedene Dinge, wenn man da darauf gucken kann. Alles hat seine Berechtigung. Und dann ein Bild zu zeichnen, das nicht platt ist, sondern dieser Komplexität auch Rechnung trägt, das finde ich wichtig. Und ich finde, das kam bei dem Gespräch heute auch gut raus."

200 Treffen, 200 Artikel in der Zeitung

Nach gut zwei Stunden Gespräch bei Erdbeerkuchen und Salamibrötchen führt Rainer Meyer über seinen Hof und seine Felder; erklärt, warum dort aktuell Wintergerste wächst, und zeigt dem Besuch seine Ställe.

"Wir haben hier ein Abteil, da haben wir gestern 230 Ferkel eingestallt, da haben wir im Augenblick gut 30 Grad drin."

Verstärkt wird die Hitze noch durch die vorgeschriebene Sicherheitsbekleidung, die alle Stallbesucher aus Hygienegründen tragen müssen. Und dann geht es wieder nach draußen, an die frische Luft.

"Also, ich wäre soweit wunschlos glücklich, kann man sagen."

"Ja, wunderbar."

"Wir haben über vieles geredet, vieles gesehen. Für mich alles gut."

"Dann freuen wir uns. Schön, dass Sie da waren. Und, wie gesagt, wir stehen für Gespräche und Anfragen jederzeit zur Verfügung."

Aber erst einmal heißt es für Benjamin Piel: raus aus den blauen Einweg-Anzügen und Schuhüberziehern und rein in sein Dienstauto, in dem er zuletzt so viel unterwegs war, und zurück in die Redaktion. Dort wird er – wie nach allen Terminen zuvor – für die Zeitung einen Artikel schreiben.

Der nächste, 200., Interviewtermin wird ihn zu Menschen führen, die den örtlichen Fernsehturm zu einer Touristenattraktion machen wollen. Ob ihm nach Ende seiner Reihe nicht langweilig wird? Nein, winkt der 35-Jährige ab und lacht. "Nur" Chefredakteur sein, das reiche ihm. Und unterwegs werde er auch in dieser Rolle noch oft genug sein.

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