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StartseiteEuropa heute"Es zählt jeder Cent"26.02.2019

Mindestlohn in Griechenland"Es zählt jeder Cent"

3,76 Euro brutto pro Stunde - das ist Griechenlands neuer, erhöhter Mindestlohn. Die Syriza-Regierung löste damit ein Wahlversprechen ein. Doch zum Leben reicht der Lohn noch immer nicht.

Von Rodothea Seralidou

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Die griechische und die europäische Flagge wehen vor dem Parlamentsgebäude in Athen. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
Die griechische und die europäische Flagge (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
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Der Athener Syntagma-Platz. Die 29-jährige Irini Ajaslari steht vor dem Springbrunnen und wartet auf ihre Freundin. Die junge Frau hat Theologie und Pädagogik studiert, wechselt aber seit Jahren von einem schlecht bezahlten Gelegenheitsjob zum nächsten. Zurzeit ist sie als Call-Center-Agentin tätig. Mit der Erhöhung des Mindestlohns käme sie bei einer Vollzeitstelle auf 550 Euro netto. Da Irini aber einen Sechs-Stunden-Tag hat, verdient sie nun etwas mehr als vierhundert Euro. Sie erklärt:

"Das sind für mich neununddreißig Euro im Monat mehr. Es ist zwar nicht viel, trotzdem ist dieses Geld wichtig. Es zählt ja jeder Cent - gerade wenn man noch Miete zahlen muss. Und dann ist da noch die Stromrechnung, das Wasser, der Supermarkt."

In der Vergangenheit unterstützten sie ihre Eltern, sagt Irini. Jetzt lebt sie mit ihrem Verlobten zusammen.

"Keiner kann wirklich vom Mindestlohn leben!"

In einer ähnlichen Situation ist Attila. Der 40-jährige Kellner arbeitet Vollzeit in einem Café ein paar Schritte weiter. Auch er bekommt seit Jahren den Mindestlohn, kommt nur über die Runden, weil er sich seine Ausgaben mit seiner Freundin teilt. Seit diesem Monat bekommt er rund sechzig Euro mehr. Er sagt: "Machen wir uns nichts vor. Keiner kann wirklich vom Mindestlohn leben. Dieser Anstieg gibt uns aber Hoffnung, dass sich etwas tut - gerade für uns Kellner, für Supermarkt-Angestellte, für Menschen, die nicht mehr als den Mindestlohn bekommen."

Arbeitgeber fürchten um ihre Existenz

Sein Chef, Dimitris Klimis, hingegen macht sich Sorgen. Die Regierung müsste auch den Arbeitgebern entgegenkommen, die nun mit den Konsequenzen dieser Gehaltserhöhungen zu kämpfen haben werden, findet der Unternehmer:

"Die Regierung müsste gleichzeitig die Steuern senken. Und die extrem hohen Sozialversicherungsbeiträge, die wir für unsere Angestellten zahlen. Mit dem Mindestlohn steigen diese nun anteilig an. Wer kann unter solchen Bedingungen seiner Teilzeitkraft eine Vollzeitstelle anbieten? Dann müsste er ja direkt dicht machen." Der Café-Besitzer ist sich sicher: Viele seiner Kollegen würden unter den gegebenen Umständen versuchen zu sparen und Personal entlassen, sagt er.

"Mindestlohn sollte Ergebnis von Tarifverhandlungen sein."

Aber auch die Arbeitnehmergewerkschaften haben ihre Einwände - vor allem, weil sie bei der Bestimmung des Mindestlohns durch die Regierung nur noch unverbindliche Vorschläge machen dürfen. Thanasis Danousis ist Vize-Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbands GSEE.

"Der Anstieg geht zwar in eine positive Richtung, aber die Regierung besteht damit auf einem Gesetz aus dem Jahre 2013, das die Tarifverhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern rund um den Mindestlohn abgeschafft hat. Das hatte die heutige Regierung damals als Oppositionspartei stark kritisiert. Heute will auch sie einseitig bestimmen, wie hoch der Mindestlohn sein darf. Wir finden, das macht sie nur, weil sie die Erhöhung als eigenen Erfolg verbuchen will, um damit Wahlkampf zu machen."

Denn in diesem Jahr läuft die vierjährige Legislaturperiode ab, spätestens im Oktober wird in Griechenland ein neues Parlament gewählt. Welche Motive hinter der Mindestlohnerhöhung stecken könnten, das interessiert zumindest den Kellner im Café von Dimitris Klimis wenig. Hauptsache, er hat nun etwas mehr Geld in der Tasche:

"Seit Jahren hören wir, dass es wieder aufwärts gehen wird. Die Lohnerhöhung jetzt könnte ein erstes Zeichen dafür sein. Und wer weiß, vielleicht ist das ja nur ein Anfang. Vielleicht wird der Mindestlohn in Zukunft weiter steigen."

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