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StartseiteInformationen am MorgenWirtschaftsförderung statt Entwicklungshilfe26.09.2019

Mini-Biogasanlagen für Afrika Wirtschaftsförderung statt Entwicklungshilfe

Agraringenieurin Katrin Pütz entwickelt Mini-Biogasanlagen und vertreibt sie in ganz Afrika. Die deutsche Entwicklungshilfe, die Weltbank und das UN-Flüchtlingshilfswerk würden gerne mit ihr zusammenarbeiten. Die Kölnerin arbeitet aber lieber direkt mit afrikanischen Partnern.

Von Alois Berger

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Famoussa Dembele aus Mali trägt einen mit Biogas befüllten Rucksack. Damit kann er das in einer Mini-Biogasanlage produzierte Gas transportieren. (Deutschlandradio / Alois Berger)
Famoussa Dembele aus Mali trägt einen mit Biogas befüllten Rucksack (Deutschlandradio / Alois Berger)
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In einem leicht verwilderten Gemeinschaftsgarten im Kölner Süden arbeiten zwischen Hochbeeten und Obstbäumen zwei Frauen und vier Männer. Einer davon ihnen ist Julian Tchoutio aus Kamerun. Er gräbt mit dem Pickel ein 50 Zentimeter tiefes Loch in den knochenharten Boden. Daneben schiebt Famoussa Dembele aus Mali den Aushub mit der Schaufel zur Seite. Dieses Loch ist allerdings noch nicht tief genug erklärt Katrin Pütz. 

"Die Löcher, die gerade gegraben werden, die sind dafür da, nachher die PVC-Rohre zu halten. PVC-Rohre sind Einlass und Auslass von der Anlage und die werden an diesen Sack angeschlossen, sodass das Material eingetragen werden kann und dann eben auch wieder raus fließen kann."

Anlage in zwei Stunden aufgebaut

Die Kölnerin zeigt Dembele, Tchoutio und den anderen eine Biogasanlage aufzubauen. Neben dem Loch steht bereits eine solche Anlage, die aussieht wie ein Zwei-Mann-Zelt, aus dem vorne und hinten dicke, graue Plastikrohre herausragen. Der Agrarwissenschaftler Famoussa Dembele aus Mali kennt Biogasanlagen, sagt er, aber nur große, wie sie in der Entwicklungshilfe üblich sind, metertief in die Erde eingegraben und einbetoniert. Die Minianlage von Katrin Putz bleibt über der Erde und sollte in zwei Stunden aufgebaut sein, aus seiner Sicht bietet das viele Vorteile.

"Für die andere Anlage braucht man viel Zeit und außerdem ist sie sehr teuer. Die hier ist billig und wenn man dann irgendwann umziehen muss, dann ist das mit dieser Anlage hier kein Problem. Man packt sie ein und nimmt sie mit. Das ist wirklich ein ganz einfaches System."

Die Minianlage hat Katrin Pütz zum Teil selbst entwickelt. Vier Jahre lang hat sie in Äthiopien gearbeitet, zuletzt war sie für die Universität in Addis Abeba mit Pilotprojekten unterwegs. Die Minianlage ist für Bauern gedacht, die damit Gas zum Kochen produzieren. Sie können das erzeugte Gas allerdings auch verkaufen, erläutert Katrin Pütz.

"Das ist technisch alles auf einem ganz, ganz niedrigen Niveau, sehr einfach verständlich, kann man selber reparieren, kann man selber installieren, insgesamt einfach verständlich auch für Leute, die keine höhere Bildung haben."

Die Anlage produziert auch Dünger

Die Biogasanlage im Kölner Gemeinschaftsgarten nimmt inzwischen Gestalt an. Das Kernstück ist ein zwei Meter langer weißer Plastiksack, in dem die Biomasse gären und Gas entwickeln wird. Vorne ragt ein PVC-Rohr schräg in die Luft, zum Einfüllen von Kuhmist und Küchenabfällen und sonstiger Biomasse. Hinten ist dann noch so ein Rohr, dort kommt die vergorene Masse wieder heraus. Und damit sich jeder vorstellen kann, wie vergorene Gülle aussieht und riecht, holt Karin Pütz von der Anlage nebenan eine Probe und lässt sie herumgehen.

Das ist ein hervorragender Dünger, sagt sie, viel besser als normale Gülle oder Kuhfladen. Doch das Wichtigste ist das Gas, das in dem Plastiksack entsteht und mit einem Gartenschlauch abgesaugt wird.

"Mit unserer größten Haushaltsanlage, die ungefähr viereinhalb Kubikmeter Volumen hat, kann man cirka drei Kubikmeter Gas am Tag produzieren. Das heißt man muss täglich ungefähr 60 Kilo Kuhmist rein füllen. Dann kann man drei Kubikmeter Gas produzieren. Wenn man aber zum Beispiel Küchenabfälle hat, kann man schon auch mehr Gas produzieren, weil da einfach ein höherer Energiegehalt im Substrat ist." 

Gas lässt sich leicht transportieren

Mit drei Kubikmetern Gas können drei Familien zwei bis vier Stunden kochen. Weil Brennholz in vielen Ländern in Afrika immer knapper wird, steigt der Bedarf an Gas zum Kochen. Damit das Gas vom Bauern zu den Familien kommt, hat Katrin Pütz einen Rucksack entwickelt, mit dem man das Biogas nach Hause tragen kann.

Famoussa Dembele hat sich so einen Rucksack geschnappt und auf den Rücken geschnallt. Zwei Meter breit ist der Sack und eineinhalb Meter hoch und ragt weit über die schmalen Schultern von Dembele hinaus. Selbst vollgefüllt wiegt der Sack nur drei bis vier Kilo und er macht aus der einfachen Biogasanlage ein Geschäftsmodell, schwärmt Dembele." Damit kann man das Gas speichern, das ist einer der wichtigsten Aspekte. Man kann das Gas unabhängig von der Produktion speichern. Das brauchen wir und das wollen wir."

Eine Gruppe bereitet den Bau einer Mini-Biogasanlage vor (Deutschlandradio / Alois Berger)Eine Gruppe bereitet den Bau einer Mini-Biogasanlage vor (Deutschlandradio / Alois Berger)

Dembele will die Anlagen nach Mali importieren und dort an Bauern vertreiben. So wie Chris den Import nach Nigeria plant, Heather nach Tansania und Sebastian nach Uganda. Gemeinsam mit Katrin Pütz haben sie ihre Businesspläne durchgerechnet und sind überzeugt, dass sich die Anlagen rechnen und zügig amortisieren werden.

Julien Tchoutio hat in Deutschland Maschinenbau studiert, er möchte in Kamerun eine integrierte Farm aufbauen, mit Schweinezucht, Maisanbau, und einem Restaurant. Und mit einer Biogasanlage als Verbindungsstück. Die Schweine liefern die Gülle, die Anlage das Gas für die Restaurantküche und den Dünger für Mais und Kartoffeln. "Teilweise hat das Projekt schon angefangen und das geht dann weiter nächstes Jahr mit der Installation der Schweinezucht und auch der Biogasanlage."

Ein neuer Wirtschaftszweig soll sich entwickeln

Katrin Pütz ermuntert die Kursteilnehmer, ihren Geschäftsideen treu zu bleiben und warnt sie vor der Entwicklungshilfe. Aus ihrer Sicht sei Afrika voll von geschenkten Maschinen und Anlagen, die nicht funktionieren, weil sich irgendwann niemand mehr verantwortlich fühle. Nur wer selbst investiert, der bleibe auch dran, so ihre Erfahrung. Katrin Pütz will auch nicht einzelnen Bauern helfen, sondern einen Wirtschaftszweig schaffen.

"Hier geht es darum, lokale Geschäftspartner zu Verkäufern von Biogasanlagen zu machen. Installateure zu kommerziellen Installateuren und Gasproduzenten zu Produzenten von Koch-Energie, die dann verkauft wird. Das ist ein großer Unterschied zu einer subventionierten Anlage, die einem im Prinzip von der Regierung oder von einer Hilfsorganisation geschenkt wird, um sein eigenes Gas zu produzieren zum Kochen."

500 Euro kostet so eine Minianlage, wie sie jetzt fertig zwischen den Obstbäumen steht. Viel Geld für einen Bauern in Mali, sagt Famoussa Dembele, aber wer Kühe hat, der kann sich das leisten.

"Selbst wer für die Anlage einen Kredit aufnehmen muss, kann ihn mit den Einnahmen aus dem Gas in zwei Jahren zurückzahlen. Und danach macht er Gewinn."

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