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StartseiteGesichter EuropasMinze, Salbei und Ricotta08.09.2007

Minze, Salbei und Ricotta

Österreichs Aufstieg zum Bioparadies

Die Vision von einer Agrarwende - die Bio-Bauern in Österreich sind ihr schon sehr nahegerückt. Im Glauben an rentable Bauernhöfen in intakten Dorfgemeinschaften. An fruchtbare Äcker. An freilaufendes Vieh. An Obst und Getreide ohne Spritzmittel. An Milch ohne Gentechnik. Und daran, dass Ökologie und Ökonomie unbedingt zusammengehören. In der Alpenrepublik wirtschaften bereits rund 15 Prozent der Landwirte biologisch - Tendenz steigend. In manchen Gegenden gibt es inzwischen mehr Öko-Höfe als konventionelle Betriebe. Österreich gilt als Europameister im alternativen Landbau.

Mit Reportagen von Antonia Kreppel, Moderation: Bettina Nutz

Tomatenstrauch mit Früchten (AP Archiv)
Tomatenstrauch mit Früchten (AP Archiv)

Bio-Produkte sind dort längst in die der Supermärkte gelangt. Österreichs Bio-Bauern arbeiten - anders als in Deutschland - längst mit Handelsketten zusammen, beliefern heimische Groß-Kantinen und exportieren fleißig in die Nachbarländer. Ein Standort-Vorteil in einem Markt, in dem mittlerweile weltweit Milliarden-Umsätze gemacht werden. Die Verbraucher profitieren von einem reichhaltigen Angebot. Etwa ein Drittel der Österreicher kauft regelmäßig Öko-Produkte. Und dabei sind sie äußerst wählerisch. Sensible Waren wie Obst, Gemüse und Fleisch erstehen sie lieber direkt beim Erzeuger. Wer in der Stadt wohnt, geht auf den Markt. In Wien auf den berühmten Naschmarkt. Im Bio-Eck gibt es natürlich kein EU-genormtes Grünzeug. Hier finden sich beispielsweise unzählige Sorten Paradeiser, wie die Tomaten in Österreich heißen. Paradiesäpfel, die so vielfältig und doch so einzigartig sind wie ihre Erzeuger.



Karotte Beate und Kartoffel Barbara – Peter Lassnig und seine alten Gemüsesorten auf dem Wiener Naschmarkt

Samstag, sieben Uhr früh auf dem Wiener Naschmarkt: Peter Lassnig und sein zwölfjähriger Sohn Paul bauen den Gemüsestand auf; schon spähen die ersten Kunden, was der unkonventionelle Bio-Gärtner mit dem lässig gebundenen Pferdeschwanz aus seinem Gärtnerhof in Gänserndorf mitgebracht hat.

"Grüne Paradeiser hab i mir gedacht, probier i mal; lilane Paprika, hab i mir gedacht, probier i mal. Diese Früchte in den Farben hab i noch nie gekostet . Und ich bin jetzt grad mal auf einer kleinen Einkaufsspitztour, und jetzt kost i des."

Der bleiche Frühaufsteher klemmt sich die Tüte mit dem Biogemüse unter die Jeansjacke. Peter Lassnig schlichtet behutsam seine Schätze, stellt ein Körbchen mit leuchtend gelben Kürbisblüten neben die Mangoldblätter mit ihren tiefroten, orange- und pinkfarbenen Stengeln. Der Stand mit den alten Gemüsesorten im Bioeck des wohl bekanntesten Wiener Marktes ist eine Augenweide.

Lassnig: "Jetzt geht die Fülle los, heut haben wir wirklich viel verschiedene Sachen: Paradeiser, alte Sorten; Zuccini, Paprika, Melanzani, Cocktailtomaten, Kürbisblüten und dann kommen schon die speziellen Sachen wie Malabar-Spinat, Neuseeländerspinat. Es ist eine Kulturpflanze die früher mehr in Bauerngärten oder Hausgärten zu finden war, weils eben im Sommer eine recht problemlose Kultur ist, vielleicht auch ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. "

Kunde: "Er hat besonders gute Paradeiser, der violette Inder ist für mich eine der besten Paradeiser die ich kenn. Man darf ihn ja net fest angreifen, des mag er gar net (lacht), aber die Paradeiser kauf i die ganze Saison immer wieder hier. Die schmecken gut. Weil weniger Gift drauf is."

Heute geht das Geschäft gut. Paul muss den Korb mit den Barbara-Kartoffeln , eine alte ungarische Sorte mit auffällig violetten Augen, schon wieder nachfüllen.

Paul Lassnig: "Mir schmeckt nicht alles Gemüse, die Melanzani, die Zuccini. Aber die Cocktailtomaten sind einfach super. Findet man nirgendwo anders. Wenn man die Tomaten im Gartensalat von Mc Donald anschaut, die schmecken nie so gut wie die da."

Peter Lassnig: "Mein Anspruch ist, dass ich Sachen verkaufe, die ich selber gerne esse, und ich esse selber gern gut , und es gibt ja überall eine irre Vielfalt."

Der gebürtige Kärntner ist studierter Botaniker; sein Dasein als Universitätsassistent war ihm irgendwann zu praxisfern. Und so stürzte sich der vierfache Familienvater Hals über Kopf in die Geschäftsidee vom Gärtnerhof vis à vis: ein 5 Hektar grosser nackter Acker, eben vis à vis seiner Eigentumswohnung in der Gärtnerhof-Ökosiedlung nahe Wien. Inzwischen geht der zertifizierte Bio-Betrieb nun in sein sechstes Lebensjahr.

"Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der Anthroposophie, und dann wars klar, wenn ich biologisch wirtschafte, dann biologisch dynamisch. So diese Vorstellung vom möglichst geschlossenen Betriebskreislauf, dass da der Hof nicht etwas ist so wie ein Durchgangsposten, wo man einfach viel Kunstdünger einkauft und viel Gemüse rauswirft , sondern wo man schaut, dass man die Fruchtbarkeit am Betrieb so guts halt geht selber erhaltet und schrittweise aufbaut."

Das heißt: Einsatz von hofeigenem Dünger und stickstoffbindenden Hülsenfrüchtlern sowie Anbau in vielfältigen Fruchtfolgen.

"Ich bin zufrieden mit der Arbeit die ich mache; ich bin nicht zufrieden mit unserem wirtschaftlichen Erfolg, das muss ich sagen. Ich hab mit nichts praktisch angefangen, das war ein nackter Acker und es ist viel zu investieren und ja wir arbeiten mit Arbeitskräften die von hier sind, ernten das meiste mit der Hand, Kartoffel werden mit der Hand ausgestochen, Karotten , und da kann man auch gar nicht so kostengünstig produzieren dass das für einen Wiederverkäufer noch interessant ist."

Eine muntere Mittfünfzigerin parkt ihr Fahrrad direkt vor dem Gemüsestand und kauft Tomaten.

"Das ist mein Kindheitsgeschmack. Es ist teurer, aber es zahlt sich aus. Ich esse lieber weniger und dafür was gescheites. Und ich hab meine Familie so ernährt, die Kinder sagen immer, Mama, du bist ja unglaublich (lacht). Da verzicht ich lieber auf andere Sachen bevor ich mir nicht ordentliche Lebensmittel kauf. "

Und eine grauhaarige Stammkundin ergänzt:

"Also es ist ökologischer, es ist für mich besser, aber vor allen Dingen es ist besser für die Mutter Erde. Es schmeckt der Erde besser (Lachen). Wir müssen wieder auf die Vielfalt unserer Gemüse hinwirken und nur diese Pioniere machen des."



Bioparadies Österreich - das kann man nicht nur samstags an den Gemüseständen auf dem Wiener Naschmarkt entdecken. Österreich gilt als gentechnikfreie Zone. Bereits 1997 sprach sich weit über eine Million Österreicher in einem Volksbegehren gegen die Gentechnik aus. Es war das erfolgreichste parteiunabhängige Referendum in Österreich überhaupt. Politiker gehen daher höchst sensibel mit dem Thema in der Öffentlichkeit um. Als EU-Mitglied musste sich Wien in diesem Sommer allerdings Brüssel beugen. Gegen seinen Widerstand dürfen Bio- und Öko-Produkte in Europa künftig Spuren gentechnisch veränderter Pflanzen enthalten. Und es muss nicht auf der Packung stehen.

Österreichs Bio-Bauern hoffen indessen auf die Standhaftigkeit der Regierung im eigenen Land. Zweistellige Zuwachsraten in der Öko-Branche lassen so manchen über die Lockerung von strengen Richtlinien nachdenken. Der kleinbäuerlichen Bio-Szene im Land ginge es dann an die Existenz.


"Arche Noah", lautet der Name der "Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihrer Entwicklung". Sie hat der globalen Saatgutpolitik schon längst den Kampf angesagt. Gentechnisch veränderte Organismen und nicht nachbaufähige Hybridsorten verdrängen bei vielen Kulturarten zunehmend die alten samenfesten Sorten. Und so hat die "Arche Noah" als Netzwerk bäuerlicher Gentechnik-Gegner ein einzigartiges Sortenarchiv geschaffen. Darin sind bereits viele tausend alte Arten als Saatgut für die Nachwelt erhalten. In einem Vermehrungsgarten wird das Überleben von Erdbeerminze, Mandarinensalbei & Co. gesichert.



Moosbacher Bohne und Goldgebener Spargel - Der Vermehrungsgarten der "Arche Noah"

Kleine Hülsen-und Stengelreste stieben in die Luft und fallen sanft ins Gras, während die winzigen Samen der Barbara-Kresse am Siebboden zurückbleiben: Windschütteln ist eine Form der Saatgutreinigung, die man getrost zu den aussterbenden Gartenbaukünsten zählen darf. Nicht so im biologisch geführten Vermehrungsgarten der Arche Noah nahe Krems, wo Gärtnerin Anja Meckstrut mit gekonntem Schwung das Saatsieb auswirft.

"So den Rest müssen wir noch mal sieben, glaub ich."

"Saatgutgewinnung ist einfach kein Thema mehr, weder in den Betrieben noch in den Berufschulen, es wird nicht mehr gelehrt, die Gärtner wissen teilweise selber nicht mehr um diese Techniken, weil Saatgut einfach ein Betriebsmittel geworden ist."

Birgit Vorderwülbecke, Leiterin des Arche-Noah-Sortenarchivs, wischt sich den Schweiss von der Stirn. Die Sonne brennt erbarmungslos auf den Vermehrungsgarten; da tut sich einiges in dreiundreissig Beetreihen. Flink und aufmerksam begutachtet die junge Expertin für Agrarbiodiversität ihr Arbeitsfeld - ein wahres Paradies an Fruchtbarkeit. Hier darf alles blühen, reifen, abblühen mit dem einzigen Ziel, Samen von gefährdeten Gemüsesorten und Kulturarten zu bewahren; sei es für die Genbank, für Gartenprojekte oder Landwirte.

"Es sind keine Handelssorten, die man im Baumarkt oder im Samenhandel findet, sondern die lokal entstanden sind in bestimmten Regionen sowohl in Österreich als auch in angrenzenden Regionen anderer Länder, in Deutschland oder auch im Osten, Rumänien, Kroatien, komplett das ehemalige Jugoslawien, die aber durchaus erhaltenswert sind, sehr gute Sorteneigenschaften besitzen."

Vielfalt, wohin das Auge reicht. Diese Pflanzenwesen dürfen klettern und wuchern, schleimen und schrumpeln, sich krümmen und strecken: Weißschalige Feldgurken, violett-weiß gestreifte Auberginen; weinrote Bohnen; allein sechshundert Bohnensorten gibt es im Archiv. Stolz präsentiert Birgit Vordermülbecke den diesjährigen Arche-Noah-Schwerpunkt: Blühende Salatköpfe; ein EU-weites Projekt.

"Wir bauen dieses Jahr 40 verschiedene Salatsorten an. Das sind alles Krachsalate und Butterkopfsalate, die wir auch vergleichen und die wir dokumentieren. Also sehr interessant Sorten auch für die Vermarktung."

Die vitale Archivleiterin ist ganz in ihrem Element, erzählt von spannenden Typen und wilden Sortenmischungen. Bienen und Hummeln surren querfeldein. Wodurch zeichnet sich so ein wilder Typ aus? Ein wenig ist es - so scheint es - wie bei den Menschen: ein unbekanntes, unberechenbares Wesen, aufregend im Geschmack, mit kernigem Innenleben und rauer Schale.

"Also diese weichen geschmacklosen Sorten, die der Markt in den letzten Jahren hervorgebracht hat, ist auch noch gewollt; das ist einfach das was man kennt, aber die etwas herberen mit etwas höherem Bitterstoffanteil sind durchaus wieder gefragt."

Man kann durchaus länger ernten auch von manchen Sorten, weil sie nicht so auf einheitlichen Abreifezeitpunkt getrimmt sind; im Hausgarten ist auch immer gewünscht, dass man sie nach und nach ernten kann.

Die vier Helferinnen sind beschäftigt, fünfzehn Sorten Knoblauch zum Trocknen auszulegen. Magdalena aus Bayern schiebt sich den Strohhut tiefer ins Gesicht; sie befindet sich im 2. Lehrjahr als Gemüsegärtnerin.

"Wobei ich eher sagen muss Samengärtnerin, was eigentlich ein ausgestorbener Beruf ist, und da bin ich sehr froh und stolz drauf eigentlich. Dass das wirklich wichtig ist, das zu erhalten und zu vermehren, find i total faszinierend und hat mich sehr gepackt, bin total im Samenfieber sozusagen."

Apropos Samenfieber: Zuflucht vor der heißen Sonne bietet ein alter Holzschuppen am Rande des Vermehrungsgartens.

" Da sind die Hülsen der Erbsen in diesen Bettbezügen zum Trocknen aufgehängt . An regnerischen Tagen oder wie heute wo es so heiß ist, kann man sich da im Schatten mit der Saatgutreinigung beschäftigen."

Danach werden die Samen im Sortenarchiv in Flaschen gelagert und tiefgekühlt, als Backup-Muster sozusagen; und warten darauf, wachgeküsst zu werden, die Moosbacher -Bohne beispielsweise. Hinaus in Garten und Feld lautet daher das zentrale Motto; viele Erhalter- und Erhalterinnen tragen in einem aktiven Netzwerk dazu bei. Vielfalt braucht Platz. So wie in dem jüngsten Projekt "6 für 100"; jeweils sechs Gärtner oder Bauern kultivieren je eine von hundert traditionellen Sorten aus Österreich und tauschen ihre Erfahrungen aus.

Birgit Voderwülbecke greift prüfend in das zum Trocknen aufgehängte Kraut des Goldgebener Spargel. Sie kommt aus eine Bauernfamilie im Sauerland. Großmutter und Mutter haben ihr die Liebe zur Sortenvielfalt sozusagen eingepflanzt.

"Einfach ein Stück Lebensqualität zu erhalten, sich nicht damit abzufinden, dass einem in den Supermärkten vorgeschrieben wird, was man zu essen hat im Gemüsebereich, also 2 Tomatensorten und eine Paprikasorte und ein Weißkraut, dass man sich gesund ernähren kann, dass man sich vielfältig ernähren kann - das ist auch meine persönliche Motivation und mein persönlicher Spaß dran."



Österreich hat nicht erst BSE-Krise oder Gammelfleisch-Skandale erlebt, um den Bio-Landbau als festen Wirtschaftszweig zu etablieren. Vielmehr kamen Strukturen, Geld und die Visionen eines ehemaligen Landwirtschaftsministers auf vielversprechende Weise zusammen. Josef Riegler gilt als Vater der alpenländischen Agrarwende. Sein Konzept der "Ökosozialen Marktwirtschaft" stammt bereits aus den achtziger Jahren und erweitert die Soziale Marktwirtschaft um den Aspekt des Umweltschutzes. Österreich hat als erstes Land der Welt staatliche Richtlinien für die biologische Wirtschaftsweise vorgelegt. Biologischer Ackerbau und Viehzucht unterliegen strengsten Auflagen. Öko-Bauern in Österreich werden für den Aufwand finanziell belohnt: sie erhalten rund ein Drittel mehr an staatlichen Fördergeldern als ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Und sie sind damit auch ihren europäischen Konkurrenten überlegen.

In dieser Erfolgsgeschichte gibt es allerdings auch dunkle Kapitel. Denn Österreich hat mit der Bio-Vision das große Bio-Business mit neuen Begehrlichkeiten geschaffen. So stehen die Förderkriterien und die Finanzwege häufiger in der Kritik. Die mächtigste Lobby der österreichischen Öko-Bauern hatte bereits ihren Korruptionsskandal. Sepp Ortner war einst Chef der Organisation und ist heute ihr schärfster Kritiker. Seinem Einsatz für eine biologische Landwirtschaft, die einem scheinbar übermächtigen globalen Kapitalismus die Stirn bietet, tut das keinen Abbruch.



Kommunikation mit der Erde - Biobauer Sepp Ortner, sein Schaberlshof und der Kampf gegen den Hunger weltweit

In Sepp Ortners Getreidekammer auf dem oberösterreichischen Schaberlhof läuft der Rütteltisch auf Hochtouren und reinigt Roggen und Weizen von Unkraut und Steinen. Gleich daneben steht die Mühle zum mahlen des Vollkorngetreides und nur 15 Meter entfernt ist die Backstube, in der Ehefrau Franziska einmal die Woche 110 Kilo Sauerteigbrot backt: In einem Ofen mit Holz aus dem eigenen Wald.

Ein Bio-Kreislauf wie aus dem Bilderbuch. Der 52jährige Biobauer aus der kleinen Gemeinde Ranshofen nahe der bayrischen Grenze kratzt sich nachdenklich den schwarzen Vollbart.

"Die industrielle Landwirtschaft zerstört die Ernährungsgrundlagen der Länder in der 3.Welt, auch die Lebensgrundlagen hier in Europa. Der Biolandbau ist eigentlich die einzige landwirtschaftliche Methode die gobal eine Antwort auf dieses Phänomen Hunger, Unterdrückung, Ausbeutung weiß. Und dadurch hab i auch einen Sinn in der Landwirtschaft gesehn. Mich hat die Landwirtschaft wenig interessiert noch vorher in die siebziger Jahr, weil ich mir gedacht hab: Des is a Wahnsinn, da arbeitest wie ein Verrückter am Bauernhof, produzierst dann Überschüsse, die im Prinzip keiner will. "

Der Schaberlhof strahlt Wärme aus: ein altes Bauernhaus mit Holzbalkonen, gemütlicher Sitzbank vor dem Haus und einem üppig wuchernden Bauerngarten. 1982 hat der Jungbauer den Erbhof übernommen und auf Bio-Betrieb umgestellt; kein leichtes Unterfangen. Die Dorfbewohner sahen ihn als Spinner und Sektierer; der eigene Vater prophezeite den Ruin des Betriebs binnen fünf Jahre. Sepp Ortners Lachfalten um die Augen vertiefen sich.

"Mein Vater is wirklich ein Bauer gewesen mit Leib und Seel, und na ja, wie er dann erfahren hat dass i Biolandbau machen will, hab‘n doch einige ziemlich aufgehust . Aber mittlerweile kann i wirklich sagen, mein Vater ist jetzt 87 Jahr und er ist wirklich glücklich, dass sein Hof so gut geht und grad vor einer Woche warn wir mit ihm auf die Felder. Da hat er gesagt, des hätt er nie glaubt, dass ohne Kunstdünger und chemische Spritzmittel es a so schön wachsen kann. Gell Wutzi."

Hofkatze Wutzi saust quer durch die nackten Bauernbeine in den Kuhstall hinein. Der Laufstall ist zur Weide hin offen; die Liegeboxen der fünfzehn Milchkühe sind mit Stroh ausgekleidet; es gibt eine Abkalbbox. Die eigene Aufzucht ist im Jungviehstall untergebracht. Die Stierkälber werden mit zwei Jahren am Hof geschlachtet; das Fleisch in einer nahe gelegenen Metzgerei zerlegt und im eigenen Hofladen wieder verkauft. Wirtschaftlich geht es dem Biobauernbetrieb mit seinen 18 Hektar Acker und 10 Hektar Grünland richtig gut. Der riesige Hackschnitzelhaufen vor der Scheune streut sein herb-duftiges Aroma über den Misthaufen mitten im Hof. Ein kleiner Weg führt hinaus auf Sepp Ortners Felder. Flugs streift er die Sandalen von den Füssen und läuft barfuss auf das bereits geerntete Kartoffelfeld; vertrocknete Erbsenstauden bedecken die feinen Ackerkrumen.
"Der konventionelle Landbau sagt, okay da gibt's a Pflanzen, ein Mais oder ein Weizen, der braucht für die Wachstumsperiode so und soviel Nährstoffe, Stickstoff, Phosphor, Kalium, Spurenelemente, okay und des muss i hinhaun, damit i die entsprechenden Erträge hab. Der Biobauer sagt sich klassisch, des is für mi höchstens zweitrangig. I schau nur, dass es dem Boden gu tgeht. Geht's dem Boden gut, geht's auch den Pflanzen gut."

Mit beiden Händen greift Sepp Ortner in die Erde, riecht daran, lässt sie durch die Finger rieseln und ist von ihrer krümeligen Konsistenz begeistert.

Der Mais - eine Herausforderung für jeden Biobauern - hat es ihm dieses Jahr besonders gedankt.

"Und mittlerweile behaupten auch nit mehr böse Zungen, dass i auf die Nacht ausfahr und Kunstdünger streun tue."

Kräftig steht er da; Beikräuter wie Kamille, Melde, Luzerne und Vogelniere spenden Schatten.

"Ich möchte da nix rosarot reden, sondern i hab da wirklich riesige Probleme gehabt mit Unkräutern, dass sie mir komplett übern Kopf gewachsen sind. Und des is für mich a Beweis, wenn i den Boden optimal gut behandle, dann is einfach gewaltig, was der Boden an Leistungs-potential in sich tragt. Des i aber nit meine Fähigkeit, des is die Fähigkeit von dieser schöpferischen Intelligenz, die des ermöglicht."

Nach der Feldarbeit richtet Sepp Ortner in der selbst gezimmerten Bauernküche eine zünftige Jause: Eigene Wurst, eigener Most, eigenes Brot. Im "Kleinen" hat er es geschafft: die vollkommene Ökologisierung seines Betriebs. An der Vision der flächendeckenden Ökologisierung der österreichischen Landwirtschaft wollte er einst aktiv mitgestalten. Als Bundesobmann des größten Biobauernverbandes arbeitete er erfolgreich daran, einheimische Bioprodukte in den Supermärkten zu etablieren. Nach einem Biogetreide- und Rindfleischskandal 2002 trat Sepp Ortner konsequent zurück.

"Konkret im Biolandbau - aus meiner Sicht san des a die Schattenseiten - war‘s eben so, dass es in den eigenen Reihen Korruption gegeben hat. Wann a Mist passiert, i bin dafür dass man mit dem offen umgehen soll und der Grossteil der anderen Funktionäre hat ja diese Position vertreten, wir sollten des möglichst still machen. Und i hab mi da nicht durchgesetzt."

An der Wand hängt ein Kalender, der Fotos von Ehefrau Franziska in der gemeinsamen Arbeit mit afrikanischen Bäuerinnen zeigt. Wie ein kleiner Kreislauf grosse Kreise zieht, regional-global, das lebt Familie Ortner gemeinsam mit ihren vier Kindern. Leitspruch ist das Sonnengebet von Franz von Assisi:

"Für mi hat der Biolandbau sicher eine geistige oder spirituelle Ebene. Und es is aus meiner Sicht wirkli genial wi des eingerichtet is, dass wir von dem eigentlich gut leben können."



Wenn es bald, ab 2009, ein neues europäisches Bio-Gütesiegel mit strengen Mindeststandards für Öko-Lebensmittel geben wird, dann ist es Verbraucherschützern und Bio-Bauernverbänden in Österreich noch lange nicht streng genug. Wer in den Alpen alternativ wirtschaftet, muss weit mehr bieten als das, was die EU verlangt. Da heißt es: Alles oder Nichts. Der gesamte Hof muss den biologischen Kreislauf einhalten: im Stall und auf den Feldern.

Ein klares Verkaufsargument, ein nüchternes kaufmännisches Kalkül, eine Frage der Glaubwürdigkeit. Nach einem leichten Rückgang erreichen Öko-Produkte in Österreich wieder traumhafte Zuwachsraten. Und das gilt mittlerweile auch für Produkte, die in der Herstellung aufwendig und sehr teuer sind: Bio-Fleisch und Wurst. In Österreich, so melden es die einschlägigen Landwirtschaftsverbände, explodiere derzeit die Nachfrage nach Bio-Schweinefleisch. Das Angebot kommt nicht immer mit. Klasse trotz Masse zu erhalten, lautet künftig die Herausforderung der Öko-Branche. Der Annahof am Rande Wiens, hat sich einen ganz eigenen Wirtschaftskreislauf geschaffen.




Schwein gehabt! - Glückliches Borstenvieh vom Annahof für die Einrichtungen der Barmherzigen Schwestern

Rosige Ferkel purzeln über- und untereinander, suchen gierig nach den Zitzen der Muttersau. Diese liegt lang gestreckt im Stroh, die Augen halb geöffnet und begleitet den Kampf um den besten Saugplatz mit einem beruhigend-monotonen Grunzen.

Zwei Zuchtsäue mit vierzehn Ferkeln gibt es derzeit auf dem Annahof nahe Wien.

"Wobei die Jungen einmal da und einmal dort hingehn um zu säugen, des machens schon, ) ganz brutal auf die anderen drauf ohne Rücksicht....."

Hannes Schabbauer hat die biologisch geführte Landwirtschaft der Barmherzigen Schwestern vom Kloster Laab am Walde erst vor einem Jahr übernommen; den Klosterfrauen waren Arbeit und Finanzen über den Kopf gewachsen. Mit seinem silbrigen Haar, den feinen Gesichtszügen und den zurückgenommenen Gesten wirkt der zweifache Familienvater mehr wie ein Jungmanager als wie ein Bauer.

"Ich bin sicher von meiner Person aus nicht der Bioextremist. Aber ich seh das mit offenen Augen und ich kenn beide Seiten. Eigentlich bin ich sehr froh, dass ich hier etwas gefunden hab, wo wir jetzt erstklassige Lebensmittel produzieren können, das ist eigentlich das positive an der Sache. "

Neben der Haltung von Hühnern, Milchkühen und Hochlandrindern ist die tiergerechte Schweinezucht wohl am arbeitsintensivsten. Amüsiert beobachtet Hannes Schabbauer, der aus einer kinderreichen konventionellen Landwirtschaft stammt, den munteren Sauhaufen in seinem Stall.

"Die san völlig erledigt nach dem Säugen bei der Mutter. Mmhh, geh, is schon recht. "

Wie im Himmel auf Erden lebt hier das Borstenvieh, in einem der biologischen Tierhaltung perfekt entsprechenden Stall. Aus der kuscheligen Wärmebox schauen kleine Ferkelbeine hervor; kreuz und quer übereinander gestapelt; und rosige Ringelschwänzchen. Zehn Wochen dürfen die Ferkel in Obhut der Schweinemama bleiben; Schweinepapa gibt es allerdings keinen; es wird künstlich besamt.

Siebzig Deutsche Edelschweine teilen sich einen Familienstall nach Vorbild des Schweizer Ethologen Alex Stolba: Schlafbox, Kinderzimmer, Futterplatz, Mistplatz und Auslauf im Freien. Im Schweinsgalopp geht es hinaus. Dort gibt es immer was zu schnüffeln.

Schweine sind äußerst intelligent, kommunikativ und - gefräßig. Zu fressen gibt es Heu und eine Flüssignahrung aus Wasser, Getreideschrot, Mineralfutter und Molke.

"Wir haben ja unsere eigene Käserei und Molkerei dabei, und das was da wegfällt, das geben wir natürlich den Schweinen und das zeichnet sich dann in der Fleischqualtiät wieder ab."

Geschlachtet wird am Hof, in einem hypermodernen Schlachtraum.

Etwas älter als ihre Artgenossen in den Tierfabriken dürfen die Schweine hier am Annahof werden, immerhin mehr als sechs Monate. Hannes Schabbauer ist immer mit dabei, wenn das Schweineleben endet; mit einem gnädigen Tod, ohne Stress und Angst, wie wir gerne glauben wollen.

"Wenn die Bezugsperson dabei ist, keine Frage, dann geht's natürlich einfacher und das Tier ist weniger beunruhigt. Das gehört sicher dazu, bis das Fleischstück über die Theke geht, dass man weiß, was man dann wirklich produziert hat, und was man in der Hand hat. Und dass der Kunde sicher sein kann, dass er da ein gutes Stück kauft. Und da gibt's halt diese Box, wo die Schweine reinkommen und mit dieser Elektrozange dann ganz einfach getötet werden vom Metzger. "

Der hohe Schlachtraum ist bis zur Decke gefliest. Nüchtern und klar sieht Hannes Schabbauer seinen Beruf als Biolandwirt; die Zahlen müssen stimmen. Romantik ist da fehl am Platz; gleichwohl ist er ein gläubiger Mensch.

"Diese Lebensweise hat auch dazu geführt, um dieses Projekt von den Schwestern auch in Verantwortung übernehmen zu können. Des hättens net jedem geben. "

Und so sind die Barmherzigen Schwestern mit ihren Krankenhausbetrieben in Wien auch die Hauptabnehmer der biologischen Produkte ihrer ehemaligen Landwirtschaft; neben zahlreichen Stammkunden, die schon auf den nächsten Schlachttermin warten. Schließlich schmeckt das Fleisch direkt vom Erzeuger einfach am besten.



Zur Agrarwende gehört auch die Energiewende, jedenfalls für Öko-Puristen. In Österreich gibt es kein einziges Atomkraftwerk. Dennoch ist das Land in Energiefragen nicht auf der Höhe. Mit Blick auf das weltweit vorbildliche deutsche Ökostromgesetz drohe die Alpenrepublik in Europa zum energiepolitischen Entwicklungsland zu werden, unken Umweltschützer. Dabei ist es einfach, gerade auf dem Lande Strom von der Sonne, Wärme aus Holz und Treibstoff aus Pflanzen zu gewinnen.

Wieder sind es Einzelkämpfer in der österreichischen Bauern-Szene, die nicht auf Lösungen "von oben" warten. Wolfgang Löser gehört dazu. Er hat sich den Traum vom energie-unabhängigen Bauernhof erfüllt. Dass er umstrittenen Bio-Diesel herstellt und selber nutzt, tut seiner Öko-Bilanz keinen Abbruch. Der Landwirt ist gegen den Anbau von Monokulturen, gegen den Import von Bio-Sprit. Pflanzenöl als Treibstoff, weiß er, lohnt sich nur für Bauern und Eigenproduzenten. Also auch für ihn.



Gegen Putin& Co. - Wolfgang Löser und seine energieautarke Landwirtschaft

Wolfgang Löser tankt, an seiner eigenen Tankstelle. Eine schwere goldfarbene Flüssigkeit fließt in den Kanister. Die Anzeige an der alten Zapfsäule rattert auf 38 Liter. Der zweiundfünfzigjährige Landwirt lacht verschmitzt.

"Wir tanken da in Schilling, die haben wir auf 0 gedraht, weil uns kost der Sprit nix mehr auf Deutsch gesagt. "


Die Zapfsäule steht in einer riesigen Scheune, gleich neben dem Traktor. Getankt wird eigen erzeugtes, kaltgepresstes Sonnenblumenöl; biologisch angebaut, versteht sich.

"Des nehmen wir genauso fürn Salat, genauso fürs Grün, für Schnitzel aussibacken. Wir brauchen keine gentechnisch veränderte Pflanzen nur speziell fürs Treibstoff erzeugen; und Gentechnik brauchen wir überhaupt nicht in dem Bereich."

Man spürt: Wolfgang Löser ist ein Mann mit wenig Zeit; ständig auf Achse. Der Nebenerwerbsbauer aus Streitdorf im österreichischen Weinviertel holt sich seinen Kraftstoff vom Feld, den Strom von der Sonne und die Wärme aus dem eigenen Wald; sechzig Hektar groß ist sein landwirtschaftlicher Besitz. Energieautarkie ist seine Leidenschaft, eine kühl kalkulierte Vorsorge für unsichere Zeiten.

"Landwirtschaft war immer selbständig, unabhängig. I bin da aufgewachsen am Bauernhof und mei Grossmutter hat Brot gebacken; es is fast nix kauft wordn damals , es war damals eine relativ bescheidene Zeit."

Heute hat Wolfgang Löser, der hauptberuflich als Techniker in einer Strassenmeisterei arbeitet, den elterlichen Bauernhof in ein blitzblankes "Plus-Energie-Haus" verwandelt: Hackschnitzel-, Solar- und Fotovoltaiganlage erzeugen mehr Energie als er verbrauchen kann. Der Rest wird ins Netz eingespeist.

" I hab kein neues Auto gekauft, ich hab die 18.ooo Euro einfach aufs Dach gelegt, und ohne Rechner, auf einmal weiss ich , dass ich vom ersten Tag an Energiegewinn hab."

Putin&Co können ihm gestohlen bleiben.

"Es muss jeder selber des in die Hand nehmen. Keiner der uns heute Öl, Gas, Kohle verkauft, kann uns Solarenergie verkaufen, kann uns Windenergie verkaufen und kann uns Biomasse verkaufen. Die Windenergie ist eine Aneignung aus gesellschaftlichen Kräften. Das heißt Vereine, Betreibergesellschaften machen des und die Biomasse kann nur die Landwirtschaft machen."

Besonders stolz ist Wolfgang Löser auf die Doppel-Schneckenpresse, betrieben von der Fotovoltaiganlage. Das Pressgeräusch ist Musik in seinen Ohren.

Langsam tropft das Sonnenblumenöl; der Presskuchen fällt als hellbraun gesprenkelte Wurst in den Behälter, begehrtes Futter für die Rinderbauern aus der Umgebung.

"Für 1000 Liter brauchen wir eine Woche, dass wir ein Öl beinand haben, und in ein paar Woche haben wir unseren ganzen Treibstoff praktisch. "

Der riesige Silo fasst 30 Tonnen Sonnenblumen; das ergibt 10.000 Liter Öl im Jahr.
Glasklar ist das Öl, wenn es sich nach mehreren Wochen im Behälter abgesetzt hat.
Bereits 140.000 Kilometer mit "Biosprit" hat sein Golf bereits hinter sich. In der Garage riecht es angenehm nach gepresstem Öl.

Der Motor wurde nicht umgerüstet.

"So da jetzt fahrn wir zum Sonnenblumenfeld."

Nur die Dieselleitungen mussten in stärkere umgetauscht werden.

"Wenn er sei Temperatur hat rennt er seidenweich, der Motor, man merkt dann schon den Unterschied und er geht auch net schlecht wenn man a bissel drauf steigt, obwohl i im Hinterkopf schon weiß, dass des Elektroauto des idealere wäre, des bessere. "

Die Sonnenblumen leuchten schon von weitem und heben sich grell gelb vom blauen Weinviertler Himmel ab. Robuste Pflanzen, mit großem Energiespeicher.

"Und deswegen sind sie bei uns auch sehr begehrt im Weinviertel, dass wir vorrangig Sonnenblumen anbauen."

Sachkundig begutachtet Wolfgang Löser im Feld die schweren Sonnenblumenköpfe; eine spezielle Sorte, deren Öl auch bei minus 18 Grad nicht gefriert. Sie überragen den Landwirt um etliche Zentimeter. Eine Vision verdüstert das gleichbleibend freundliche Gesicht.

"Und Putin dreht den Gashahn ab, was machen wir dann? Ganz Europa wird finster oder kalt. Die Zukunft wird's eh bringen, des is nur eine Frag der Zeit. Jeder auf der Welt hat die Möglichkeit, energieunabhängig zu sein. Ein paar haben‘s verstanden, ein paar habn‘s belächelt, die haben gesagt, ja, des is a Verruckter. Ja hab i mir gedacht, i bin net verruckt. "

Inzwischen stürmen Autobusse mit Wissensdurstigen den Hof; nicht immer zur Freude von Ehefrau Helga Löser. Für sie ist Energieautarkie das Selbstverständlichste von der Welt.

"Und dass sich da nix bewegt und das sich da die Politik nit a bissel dahintersteht is a traurige Geschicht. Wo des ja einfach is, wo jeder machen könntet. Wenns a neues Haus baust gehöret als Selbstverständlichkeit a Solaranlagen aufi oder Fotovoltaig. Tut net weh, liegt einmal am Dach und hast 30,40 Jahr Ruh."

Karotte Beate, Kartoffel Barbara, Fleischtomate Valencia, Malabar-Spinat, Erdbeerminze oder Moosbacher Bohne: die Bio-Landwirtschaft lebt von der Vielfalt. Und das gilt auch für die Menschen. Über 20 000 Bauern haben sich in Österreich der Agrarwende verschrieben. Viele kleine Höfe sind darunter, mit vielen großen Visionen. Dazu gehören Mut, Durchhaltevermögen und Freude am Experiment.

Westlich von Wien, wo das Kamptal auf die alte Kulturlandschaft Wachau stößt, haben sich ein Winzer und ein Käsebauer zusammengetan. Wein und Käse, ein einfaches Rezept, eine wunderbare Kombination. Auf den Tischen der Gourmets mag das so sein. In einer Gegend, wo es wegen der schwierigen Böden viel Wein und wenig Landwirtschaft gibt, ist es allerdings ein ehrgeiziges Unterfangen. Doch es hat geklappt. Grüner Veltliner und Riesling dürfen sich inzwischen mit Ziegenricotta und Wasserbüffel-Mozarella aus heimischer Produktion paaren. Österreich als biologischer Feinkostladen Europas - hier darf man schon mal kosten.




Sinnliche Nachbarschaft in der alten Wachau - Käsemeisters Ziegen liefern Ricotta für Winzers Veltliner

Robert Paget betritt seinen Stall, und schon begrüßen ihn seine Ziegen. Und auch die zehn Wasserbüffel erkennen ihren Melker mit dem rot-melierten Bart ganz genau an seinem leichten schnellen Schritt. Auf der urigen Stallbodenlandschaft - eine Art wachsender Tretmist - fühlen sie sich wohl; die lange Reise von Holland in das kleine Diendorf bei Krems scheinen sie gut überstanden zu haben. Sensibel sind sie, diese großen dunklen Rinder mit den gebogenen Hörnern und dem sanften Blick.

"Das heißt wenn da nicht alles stimmt im Sinn von täglich eingefahrenem Rhythmus, keine unvorhergesehenen Störungen, wenn da nicht alles so klappt wie das klappen soll, dann können sie die Milch zurückhalten."

Nur sieben Liter Milch pro Tag gibt so ein Wasserbüffel; dafür ist sie umso gehaltvoller.

"Die Milch ist sehr fett, sehr reich, süss, eine tolle Milch zum Käs machen."

Gelassen und neugierig zugleich wirkt der Käsemacher; in dem schmalen Kopf mit der hohen Stirn scheint ständig etwas in Bewegung zu sein. Noch vor dreissig Jahren hätte er es sich nicht träumen lassen, dass einmal städtische Feinschmecker und Gourmetkritiker seinen handgemachten Büffel-und Ziegenkäse derat in den Himmel loben. Damals zog der Wiener Biologiestudent mit seiner bretonischen Frau Soizig und anderen Aussteigern aufs Land, richtete einen heruntergekommen Meierhof wieder her und hielt Ziegen. Aus der Aussteigerspinnerei ist eine biologische Käserei mit hochwertigen Produkten und einem edlen Hofladen geworden.

Ruhig streichelt Robert Paget das Wasserbüffelkalb, das im Stall frei umherläuft.
Die Büffelmilch hat der sozial engagierte Käsemacher in Indien kennen gelernt, als er dort eine Musterkäserei für Nomaden aufbaute. In Italien erhielt er erste und sehr nachdrückliche Einblicke in die Kunst der Herstellung von "Mozarella de bufala".

Immer Dienstags produziert Robert Paget Camembert, diesmal aus Büffel- und Ziegenmilch. Der weißgeflieste hohe Raum der Käserei ist vom Hofladen aus einsehbar. Er hat etwas Sakrales, nicht zuletzt durch die hohen Glasfenster, die ein Künstlerfreund mit bunten Folien beklebt hat.

"Auf diesen Folien sind Textausschnitte aus dem Manifest, das in Italien Slowfood herausgegeben hat zur Verteidigung der Rohmilch: In defensa di latte crudo ."

Die Rohmilch ist die weiße Kraft, die den Käse zu einem lebendigen Produkt macht, erklärt der Käsemacher. Sie erzählt von der Kraft des Futters - das Geheimrezept lautet einfach Abwechslung - und der Sauberkeit beim Melken.

Mit nacktem Oberkörper, bekleidet mit einer langen weißen Gummischürze, steht Robert Paget in seiner Käsewerkstatt vor dem Dreihundertliter-Kessel.

"Da ist Käsebruch jetzt drinnen, die Milch ist vorher mit Milchsäurebakterien versetzt worden, ist 2 Stunden vorgereift, dann mit Lab, außerdem ist Weisschimmel drinnen. Dann hab ich 2 Stunden gewartet bei 32 Grad, jetzt mit diesen Harfen grob geschnitten und jetzt kommt das dran, was man Bruch wendet nennt, das heißt die Teile die da drin schwimmen müssen gleichmäßig verteilt sein. Dazu gibt's Rührwerke in großen Fabriken, ich mach des mit der Hand und bin froh dass ich eine Stunde mit dem Käse verbring. "

In immer gleichem Rhythmus bewegt er die brüchige Käsemasse mit einem Plastikbrett und zerteilt zu grosse Käsestücke mit dem Messer.

"Man hat dann das Gefühl, man kennt nachher jedes Stück vom Käse."

Und Robert Paget erzählt: Von interessant blühenden Käserinden, Speiseeis aus Ziegenmolke und köstlicher Büffelfleisch-Pastete; von seinem inzwischen verwirklichten Marketingkonzept, den Käse nur ab Hof zu verkaufen; und von seinem jüngsten Käseprojekt in Rumänien, Methoden für die Vermarktung traditioneller regionaler Mischkäsesorten vor Ort zu entwickeln. Und natürlich vom Käsemachen, hier und jetzt.

"So, jetzt geht'' ans Abfüllen."

Robert Paget hat sein Tagwerk vollbracht. In den nächsten vierundzwanzig Stunden wird der Käse viermal umgedreht; acht Tage kommt er in den Reiferaum; bei vierzehn Grad und hoher Luftfeuchtigkeit bildet sich weisser Schimmel. Dann wird er verpackt und reift weitere vier Wochen. Cremig, weich und mollig schmeckt dieser Camembert und führt im Kühlschrank des Käseliebhabers noch sein Eigenleben weiter. Ein Käse sozusagen ohne Ablaufdatum, anders als im Supermarkt.

Am Abend geht es wieder in den Stall, Ziegen- und Büffel melken. Den Mist erhält ein befreundeter Weinbauer, der ihm im Gegenzug Felder zur Verfügung stellt - schon seit fünfundzwanzig Jahren.

"Das heißt, wir haben beide etwas gemacht ohne zu zählen, sondern einander zu vertrauen, und wenn man so einen großen Bogen sieht, es zahlt sich aus."

Mit Sepp Hirsch, der seine naturnahen Weingärten im Kamptal inzwischen auf biologisch-dynamische Bewirtschaftung umstellt, hat Robert Paget derzeit viel zu besprechen: Ein Weingartenknoblauch-Projekt in den Lehm- und Wüstensandsteinböden des Freundes und wieder einmal eine gemeinsame Indienreise.

"Der Robert ist wahrscheinlich der Reisepartner der sich jeder wünscht, ich hab ihn gefunden. Er findet, dass ich dazu passe, weil keiner so dumm ist wie ich und alles mitmacht. Aber es ist wirklich phantastisch mit ihm unterwegs zu sein. Es ist immer lehrreich, weil er so viel weiß. "

Eine fruchtbare Zusammenarbeit; zwei Persönlichkeiten, die sich ergänzen: Der experimentierfreudige Käsekünstler und der erdige Winzer.

"Forschen immer, Forschen ist ein Leitgedanke. Auch diese Landwirtschaft ist eine Forschungsstation. Ja."

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