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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand"29.07.2019

Miron Białoszewski"Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand"

Der Warschauer Aufstand vor 75 Jahren gehört zu den dunkelsten Kapiteln des Zweiten Weltkrieges: Als sich polnische Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer auflehnten, schlugen diese zurück und begingen zehntausendfachen Mord. Miron Białoszewski erlebte all das mit. Sein Bericht ist erstmals unzensiert auf Deutsch erschienen.

Von Michael Kuhlmann

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Buchcover Miron Białoszewski "Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand".  Im Hintergrund Denkmal des Warschauer Aufstands am Krasinski Platz in Warschau am 04.07.14. Hier befand sich zur Zeit des Aufstands ein Einstiegsschacht in einen Kanal, durch den die Menschen vor den Deutschen flohen.  (imago stock&people / Suhrkamp)
Das Buchcover von Miron Białoszewskis Erinnerungen. Im Hintergrund das Denkmal des Warschauer Aufstands am Krasinski Platz in Warschau. (imago stock&people / Suhrkamp)
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Eigentlich hatte er nur rasch Brot holen wollen für seine Mutter, der junge Miron Białoszewski - doch noch während er unterwegs war, brach er los: der lange erwartete Aufstand. Für Białoszewski wurden es zwei prägende Monate seines Lebens. 23 Jahre später notierte er:

"Was habe ich noch in Erinnerung? Viel, aber auch wiederum nicht so viel, nicht immer in der richtigen Ordnung, also Tag für Tag. Vielleicht bringe ich was in der Reihenfolge durcheinander oder ein Datum oder die Lage der Fronten, unserer und der großen. Andere haben schon längst die Geschichte gemacht und Schlüsse daraus gezogen und verkündet. Die Sache ist bekannt. Ich rede von mir – einem Laien. Und von anderen. Auch Laien. Falls es uns gestattet ist, etwas zu sagen, denn wir sind auch dort gewesen."

Ein Seitenhieb gegen die Apologeten der marxistischen Geschichtsschreibung, die 1970 alles besser zu wissen glaubten - und die ihm sofort vorwarfen, zu nüchtern erzählt zu haben, nicht patriotisch genug.

Prosaischer Augenzeugenbericht

Białoszewski schreibt konsequent aus der Perspektive des Dabeigewesenen - gehetzt, immer wieder in Todesangst. Er beteiligt sich nicht an den Kämpfen, er hat alle Hände voll damit zu tun, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Zivilisten wie er gerieten immer wieder ins Feuer der deutschen Besatzer.

Ein großer Teil der Bevölkerung hatte sich in die Keller geflüchtet. Białoszewski erlebt ein ums andere Mal die namenlose Angst, wenn immer neue Bomben einschlugen.

"Es krachte. Etwas stürzte ein. Immer näher. Fast schon in unserem Luftschutzraum - da stand auf einmal eine kleine Frau in einem hellen Mantel. Niemand kannte sie. Und plötzlich begann sie zu sprechen. Monoton, aber so, dass jedes Wort in seiner vollen Bedeutung an meine Ohren drang: 'Wer im Schutze des Höchsten sitzt, der ruht im Schatten des Allmächtigen. Ich spreche zum Ewigen: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue'."

Wie dieser Glaube viele Polen durch das Inferno hindurchtrug, berichtet das Buch immer wieder. Militärisch aber waren die Aufständischen den Besatzern hoffnungslos unterlegen.

Flucht durch die Kanalisation

Fünf Stunden lang ging Białoszewski durch die Kanalisation, um sich in ein weniger zerstörtes Stadtviertel zu retten. Die Kämpfe aber holten ihn zuletzt auch dort ein.

"Der wievielte Tag? Der zweiundsechzigste. Doch plötzlich wurde an diesem Morgen alles still. Die große Front war still. Die Deutschen waren still. Und wir waren still. Stille. Wie es sie seit dem 1. August nicht gegeben hatte. Plötzlich wollten wir - wir alle – leben! Leben! Und sofort kamen alle hinaus, aus all den Kellern, Löchern, Höhlen. Auf die Straßen!"

Die totale Zerstörung Warschaus erlebte Białoszewski selbst nicht mehr mit. Er wurde wie die anderen Einwohner von den Deutschen als Zwangsarbeiter verschleppt, hatte aber Glück und überlebte.

Aufgeschrieben habe er seine Erinnerungen aber zunächst nicht – weil viele andere Zeugen, die er persönlich kannte, noch lebten. Erst als er auf einer Autorenlesung eine pathetische Darstellung der Kriegszeit gehört habe, sei der Entschluss gefallen, nun auch selbst zu erzählen. Białoszewski erläutert in seinem Buch:

"Man brauchte dafür kein Dichter zu sein, dass einem alles Mögliche in den Kopf kam. Auch wenn ich wenig über Eindrücke schreibe. Und das alles in gewöhnlicher Sprache. Einfach so. Und so, als ginge ich fast gar nicht in mich dabei und wäre nur an der Oberfläche. Das liegt nur daran, dass es anders nicht geht. So hat man sich ja übrigens auch gefühlt. Und übrigens ist es die einzige Art und Weise, ohne künstliche Ausgefeiltheit, sondern einzig eben natürlich. Um das alles zu vermitteln."

In der Tat ist die ständige Furcht dieser 63 Tage hier eindringlich festgehalten. Was sich militärisch in den zwei Monaten ereignete, kann man bereits anderswo nachlesen.

Białoszewskis Erinnerungen – nun erstmals vollständig

Seine Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand in der neuen, ungekürzten Fassung wurden von Esther Kinsky übersetzt, die Anfang der 90er Jahre schon die zensierte Version von 1976 übertrug. Noch ein wenig gewonnen hätte die Neuedition, hätte man in textkritischer Form die Wege der Überlieferung skizziert und vor allem jene Sätze markiert, die vor 1989 nicht gedruckt werden durften. Wie Esther Kinsky dem Deutschlandfunk erläuterte, umfasst die Liste der Änderungen in der polnischen Ausgabe zwei Druckseiten. Wer sich selbst auf die Suche macht und die Neuedition mit der letzten deutschen Ausgabe vergleicht, findet erwartungsgemäß nun auch einen kurzen Absatz über das vergebliche Warten auf die Sowjetarmee und über die Interessengegensätze zwischen ihr und der polnischen Heimatarmee, deren Zentrale in London saß.

In der zensierten Ausgabe "war" die sowjetische Front noch "festgefahren" – im authentischen Text nun hat sie "sich verfestigt": eine Formulierung, aus der die geübten Zwischen-den-Zeilen-Leser des Ostblocks auch einen Haltebefehl an die Rote Armee hätten herausdeuten können. Die größten Unterschiede zur Vorgängerversion offenbart die Neuübersetzung aber in ihrer Sprache: Sie hat sich dem gesprochenen Deutsch angenähert, wohl an der einen oder anderen Stelle auf Kosten der inhaltlichen Präzision oder der erzählerischen Eindringlichkeit. Aber Esther Kinskys Erläuterungen unserer Redaktion gegenüber deuten darauf hin, dass die neue Edition den polnischen Wortlaut noch exakter abbildet.

Es ist überdies ein zeitloses Buch: denn es schildert das furchtbare Los von Zivilisten, die während eines Krieges in die Kampfhandlungen hineingeraten.

Miron Białoszewski: "Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand",
Suhrkamp, 345 Seiten, 26 Euro.

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