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StartseiteKalenderblattMissachtet und diskriminiert07.09.2004

Missachtet und diskriminiert

Vor 40 Jahren wurden in der DDR Bausoldaten zum Wehrdienst zugelassen

<em>Wenn man ganz konsequent gewesen wäre, hätte man total verweigern müssen. Weil es ja in der DDR den Zivildienst, wie wir ihn aus der alten Bundesrepublik her kannten, nicht gab, es gab eben bloß die Alternative: machst du Bausoldat oder verweigerst du total …</em>

Von Doris Liebermann

Fratze des Militärs: Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)
Fratze des Militärs: Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)

Rainer Eppelmann, ehemals Pfarrer in Ost-Berlin, heute CDU-Bundestagsabgeordneter, gehörte zum zweiten Jahrgang der "Bausoldaten":

Aber junge evangelische oder katholische Christen, oder freikirchliche, denen das wichtig war, die sind dann im Normalfall zu den Bausoldaten gegangen. Allerdings auch in dem Bewusstsein, zwar nicht ins Gefängnis zu kommen, aber zumindest auf Lebenszeit in der DDR zumindest benachteiligt zu sein. Denn es war klar, obwohl es eine offizielle Anordnung der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik war, stand fest: wer Bausoldat wird, kann an keiner staatlichen Universität oder Fachschule studieren. Das war vorbei.

Anfang März 1956 war die Nationale Volksarmee – kurz: NVA – geschaffen und nach dem Mauerbau im Januar 1962 die allgemeine Wehrpflicht in der DDR eingeführt worden. Für einen Zivildienst gab es keinerlei Möglichkeiten. Christliche junge Männer, die den Armeedienst verweigerten, mussten mit Haftstrafen von mindestens 18 bis 20 Monaten rechnen. Das Gesetz sah sogar eine Strafe bis zu fünf Jahren vor. Trotzdem lehnten bis zum Frühjahr 1964 1550 Wehrpflichtige den Dienst mit der Waffe ab. Sie alle rigoros zu verhaften, hätte Konflikte mit der Kirche nach sich gezogen. Der Staatsführung um SED-Parteichef Walter Ulbricht war an einer Verbesserung des Verhältnisses von Staat und Kirche gelegen. Daher wurden am 7. September 1964 auf Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR "Baueinheiten" in der Nationalen Volksarmee zugelassen: ein Kompromiss, der einmalig innerhalb der Militärdoktrin des Warschauer Paktes war. Seit 1964 dienten "Bausoldaten" ohne Waffe bei der DDR-Armee, wurden weder befördert noch degradiert. Ihr Kennzeichen war eine olivgrüne Uniform und ein goldener Spaten auf den Schulterstücken.

Ich schwöre, der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und sie auf Befehl der Arbeiter- und Bauernregierung gegen jeden Feind zu schützen…

Statt des Fahneneides, den normale Soldaten sprachen, mussten die Bausoldaten ein Gelöbnis ablegen. Es verlangte zwar nicht den Einsatz des Lebens, aber unbedingten Gehorsam gegenüber militärischen Vorgesetzten. Die Praxis zeigte bald, dass von einem gleichberechtigten Status keine Rede sein konnte: "Bausoldaten" wurden mehr oder weniger offen diskriminiert und von der Staatssicherheit überwacht. Ein Staat-Kirche-Konflikt wurde jedoch umgangen. Gleichzeitig wurden billige Arbeitskräfte für militärische Bauarbeiten gewonnen.

Das heißt, eigentlich eine äußerste Schizophrenie: man verweigert die Waffe und baut Militärflugplätze. Und das hat natürlich vielen religiös motivierten Bausoldaten, das war ja die Mehrheit, 90 Prozent, unheimlich zu schaffen gemacht.

Bernd Eisenfeld, Bausoldat im 2. Jahrgang, ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter der Birthler-Behörde. Bausoldaten wurden auch im Straßenbau, in Küchen und Lazaretten eingesetzt, in den letzten Jahren der DDR auch in Industriebetrieben. Oft bei gesundheitsschädlichen Arbeiten - überall fehlten Arbeitskräfte. Die Bausoldaten waren ein ständiges Unruhepotential. Ihre Äußerungen hatten politische Brisanz und waren bei der SED gefürchtet: mit ihrer Aufstellung hatte die DDR eine legale Form des Widerstandes selbst geschaffen.

Von den rund 16.000 einberufenen Bausoldaten und den fast eben so vielen in den letzten Jahren der DDR nicht mehr eingezogenen Waffenverweigerern engagierten sich viele in den Oppositions- und Friedensgruppen der DDR und trugen somit zur friedlichen Revolution im Herbst 1989 bei. In einem Strategiepapier zählte das Ministerium für Staatssicherheit 1987 von den neunzehn "hartnäckigsten" männlichen "Feinden" der DDR sechs ehemalige Bausoldaten auf. Einer davon war Rainer Eppelmann. Als Minister für Abrüstung und Verteidigung der Regierung de Maizière war er von März bis Oktober 1990 auch für die Bausoldaten zuständig. Rainer Eppelmann:

Wir sind dann sofort daran gegangen und haben gesagt, wir wollen jetzt die Einrichtung eines echten sozialen Friedensdienstes nach dem Vorbild der Bundesrepublik Deutschland… wenn das also länger gewesen wäre, historisch, dann hätte es den Sozialen Friedensdienst in der DDR gegeben und es hätte ihn formal als völlig gleichberechtigt gegeben.

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