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StartseiteKommentare und Themen der WocheDeutungskampf statt Konsequenzen12.09.2018

Missbrauch in der Katholischen KircheDeutungskampf statt Konsequenzen

Die Zahlen der Missbrauchsstudie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz schockieren, kommentiert Christiane Florin und kritisiert: Zu Konsequenzen für die Täter kam es nur selten. Vielmehr sei nun ein Deutungskampf entbrannt und das Thema selbst werde missbraucht.

Von Christiane Florin

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Modelleisenbahnfiguren eines Priesters und zweier Kinder auf einer aufgeschlagenen Wörterbuchseite vor dem Wort "Missbrauch" (imago stock&people)
3.677 Minderjährige und 1.670 Geistliche sind laut aktueller Missbrauchsstudie in Deutschland von Missbrauch betroffen (imago stock&people)
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"Können dich solche Zahlen noch schockieren?" fragte eine Kollegin, als bekannt geworden war, wie viele Kinder und Jugendliche in Pennsylvania von Klerikern missbraucht wurden. 1.000 Minderjährige, 300 Priester. Zahlen, die im Gedächtnis bleiben, und, ja, noch immer schockieren. Denn es sind mindestens 1.000 Geschichten von Gewalt, Machtmissbrauch und doppelter Demütigung: durch die Taten und durch die Tatsache, dass den Betroffenen nicht geglaubt wurde. 

Heute wurden Zahlen für Deutschland bekannt: 3.677 Minderjährige, 1.670 Geistliche, 4,4 Prozent aller Kleriker. Wieder Tausende zutiefst Verwundete. Überlebende nennen sich manche Betroffene, weil sie das Wort Opfer als Stigma empfinden. Wissenschaftler haben diese Daten im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz ermittelt. Sie haben versucht, Akten auszuwerten, ohne diese Akten selbst in den Händen zu halten, sie haben sich die Geschichten hinter den Zahlen erzählen lassen, haben Opfern und Tätern zugehört. In den USA, in Irland und in Australien untersuchten unabhängige Kommissionen. In Deutschland untersucht sich die Kirche mithilfe renommierter Forscher selbst. Demut geht anders.    

Kaum Konsequenzen für die Täter

Spricht man mit Betroffenen, Opfern, Überlebenden, dann wünschen sie sich Gerechtigkeit. Für die meisten heißt das: Die Täter sollen zur Rechenschaft gezogen werden. Die neue Studie zeigt: Zu solchen Konsequenzen kam es nur selten. Fürchtet euch nicht - der Bibelspruch bedeutet in seiner zynischen Variante: Priester, die sich an Kindern vergingen, hatten fast nichts zu befürchten.  

In der katholischen Kirche gilt die Laisierung, also die Verwandlung vom Klerikerstand in den Normalzustand, als Höchststrafe für Priester. Was ist das für ein System, in dem das als schlimmste Herabsetzung verstanden wird? In einer Analyse forensischer Gutachten, die 2012 im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz erschien, steht zu lesen, es gebe keinen empirischen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Zölibat. So viel Systemschutz geht nun nicht mehr. Jetzt benennen die Wissenschaftler das spezifisch Katholische: die verkniffene Sexualmoral, die narzisstische Versuchung, die vom Priesterkragen ausgeht, das Schielen nach oben, auf die nächste Hierarchiestufe, das den Blick auf das Leid der Kinder verstellt.

Auf der Suche nach dem heilsamen Schock

Der Deutungskampf um Zahlen und Zusammenhänge ist entbrannt. Die meisten Opfer sind männlich und so wird das Thema Missbrauch derzeit missbraucht, um Homosexuelle zu diffamieren. An einer Diskreditierung dieses Papstes haben ohnehin viele Gottesmänner mit römischem Kragen ein Interesse. Neue folgenlose Buß- und Bet-Gesten sind absehbar und es säuselt von den Kanzeln: Sind wir nicht alle Wegseher, irgendwie? 

"Wir". Dabei wäre "Ich" das Wort der Stunde. Ich übernehme die Verantwortung. Ich war Täter. Ich war Vertuscher. Ich habe Akten verschwinden lassen. Ich habe mich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen keinen Deut interessiert. So etwas von einem geweihten Mann ausgesprochen - das wäre ein Schock. Vermutlich ein heilsamer.  

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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