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StartseiteInterview"Es braucht eine Aufarbeitung an der Spitze"21.08.2018

Missbrauch in der katholischen Kirche"Es braucht eine Aufarbeitung an der Spitze"

Papst Franziskus könne viel tun, um den Kindesmissbrauch durch Geistliche aufzuklären, sagte Matthias Katsch, Mitbegründer des Eckigen Tischs zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, im Dlf. Er könne etwa entsprechende Akten im Vatikan öffnen. Dafür brauche er aber die Unterstützung seiner Bischöfe.

Matthias Katsch im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs; vor der Jesuitenschule in Berlin. In dem Gebäude fanden viele der sexuellen Übergriffe auf Schüler statt. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
Matthias Katsch fordert von Papst Franziskus, die Aufarbeitung des Missbrauchs in der Katholischen Kirche aktiv voranzubringen (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
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Dirk-Oliver Heckmann: In Irland startet heute das Weltfamilientreffen der Katholischen Kirche – ausgerechnet in dem Land, in dem sexueller Missbrauch durch Priester besonders weit verbreitet war. Auch Papst Franziskus reist am Wochenende an. Er wird sich wohl mit Opfern des Missbrauchs treffen. Aber auch Proteste sind zu erwarten, denn der Vatikan hat oft jahrzehntelang weggeschaut, wie ein Geschworenengericht zuletzt im US-Bundesstaat Pennsylvania in der vergangenen Woche aufgedeckt hat. Auch in diesem Fall hat der Papst ein paar Tage gebraucht, um auf diese Nachricht zu reagieren. Gestern veröffentlichte er einen vierseitigen Brief an die Gläubigen in aller Welt, in dem er schrieb, die Kirche habe den Schmerz der Missbrauchsopfer lange ignoriert.

Am Telefon begrüße ich Matthias Katsch. Er ist Mitbegründer des Eckigen Tischs zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs an Jesuitenschulen in Deutschland. Er war selbst von sexuellem Missbrauch am Canisius-Kolleg betroffen und er ist Mitbegründer der Organisation "Ending Clerical Abuse". Das ist eine internationale Organisation, die das Ziel hat, nach eigenen Angaben die Katholische Kirche zu zwingen, sexuellen Missbrauch zu stoppen, Kinder zu schützen, für Gerechtigkeit zu sorgen und die Strukturen zu beseitigen, die Missbrauch möglich machen. - Guten Morgen, Herr Katsch.

Matthias Katsch: Schönen guten Morgen, Herr Heckmann.

Heckmann: Herr Katsch, der Papst schreibt: "Der Schmerz der Opfer ist eine Klage, die zum Himmel aufsteigt und die Seele berührt, die aber für lange Zeit nicht beachtet, versteckt und zum Schweigen gebracht wurde." Und er ergänzt: Die Kirche müsse dringend noch einmal ihre Anstrengungen verstärken, den Schutz von Minderjährigen und von Erwachsenen in Situationen der Anfälligkeit zu gewährleisten. – Sind das die Worte, die Sie von Papst Franziskus erwartet haben?

Katsch: Es sind starke Worte, ohne Zweifel. Aber es ist natürlich jetzt entscheidend, dass diesen Erklärungen, diesen Worten auch Taten folgen. Wir werden den Papst daran erinnern, dass es nicht nur bei den Worten bleiben kann, sondern dass jetzt Handlungen gefragt sind und dass auch er ganz persönlich Handlungen setzen kann. Die Kirche hat lange versucht, damit durchzukommen, dass sie immer nur das zugegeben hat, was ohnehin schon bekannt war oder in der Presse stand. Und jetzt ist tatsächlich gefordert, dass sie von sich aus an der Aufarbeitung aktiv mitwirkt und nicht nur immer reagiert, wenn ihr neue Fälle weltweit im Übrigen ja um die Ohren gehauen werden.

"Er könnte die Akten zugänglich machen im Vatikan"

Heckmann: Sie fordern ganz klar Handlungen ein, wenig überraschend natürlich auch, dass der Vatikan handelt und wirklich etwas tut und nicht nur warme Worte verbreitet. Welche Handlungen genau sollen das sein?

Katsch: Auch er ganz konkret! Er persönlich als oberster Gesetzgeber, als Monarch der Katholischen Kirche könnte morgen erklären, dass er das päpstliche Geheimnis rund um sexuellen Missbrauch aufhebt. Das ist ein Akt, den er alleine souverän setzen könnte. Da braucht er niemanden zu fragen. Er könnte die Akten zugänglich machen im Vatikan selbst. Dort liegen Akten über Tausende von Fällen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der ganzen Welt.

Er könnte seine Bischöfe auffordern, das gleiche bei sich vor Ort zu tun. Er könnte dafür sorgen, dass seine Bischöfe aufhören, gegen die Verlängerung von Verjährungsfristen sich einzusetzen in vielen Ländern. Er hat eine Menge Möglichkeiten, wo er ganz konkret handeln könnte, und wir werden sehen, ob er bereit ist, diese Handlungen zu setzen. Es braucht eine Aufarbeitung auch an der Spitze der Kirche. Es braucht auch eine Aufarbeitungskommission, die sich mit den Vorgängen im Vatikan, mit den Verantwortlichkeiten beschäftigt.

Heckmann: Die gibt es bisher nicht?

Katsch: Es gibt nichts dergleichen. Es gibt eine päpstliche Kinderschutz-Kommission. Die macht das, was auch die Kirche in Deutschland sehr gerne macht, sich nämlich mit der Zukunft, mit der Prävention zu beschäftigen. Aber niemand ist bereit, Verantwortung zu übernehmen, Ross und Reiter zu nennen, es sei denn, man wird durch eine staatliche Stelle wie in Pennsylvania in dem erwähnten Bericht dazu gezwungen.

Heckmann: Ich muss noch mal zurückkommen auf den ersten Teil Ihrer Antwort, Herr Katsch, wo Sie diese Regel zitiert haben, die dafür sorgt, dass es im Prinzip ein Schweigegelübde gibt, was sexuellen Missbrauch angeht. Ist das so?

Katsch: Das ist so. Alle Vorgänge, die mit diesen Verfehlungen von Priestern in Zusammenhang stehen, unterliegen automatisch dem sogenannten päpstlichen Geheimnis. Das ist ein Gesetz der Kirche. Das könnte man wie gesagt mit einem Federstrich des Papstes aufheben.

Heckmann: Wie kann es denn sein, dass das noch gilt?

Katsch: Wie gesagt: Immer nur das zugeben, was einem ohnehin schon nachgewiesen wird, und ansonsten die Reihen geschlossen halten. Das ist vielerorts die Haltung der Kirche gewesen, den Kopf einziehen, zu hoffen, dass der Sturm vorübergeht. Und wir sehen jetzt, acht Jahre nach dem Missbrauch-Skandal in Deutschland, 16 Jahre nach den Veröffentlichungen des "Boston Globe", die wir in dem Film "Spotlight" ja vor kurzem gesehen haben, 20 Jahre nach den ersten Untersuchungen in Irland: Das ist eben nicht vorbei. Wenn man nicht rückhaltlos aufklärt, sondern versucht, irgendwie durchzukommen, dann holen einen die Dinge ein.

Dieses päpstliche Geheimnis ist deshalb nicht nur von symbolischer, sondern auch praktischer Bedeutung, weil es alle Aktenbestände auch schützt, in denen man Hinweise finden kann auf Missbrauch. Der Papst selber spricht in seinem Schreiben und auch schon zuvor an die chilenischen Bischöfe von einer Kultur des Missbrauchs in seiner Kirche. Von einer Kultur des Vertuschens spricht er jetzt. Wenn ich diese Kultur aufbrechen und verändern will - das wird ohnehin ein anstrengendes Stück Arbeit -, wenn ich das angehen will, dann muss ich mit solchen symbolischen Handlungen sicherlich auch beginnen, aber dann muss ich damit an der Spitze anfangen, und das wäre eine gute Gelegenheit für ihn, das in Irland zu tun.

"Ich glaube, dass er bereit ist, zuzuhören und dazuzulernen"

Heckmann: Das hätte ja auch ganz praktische Folgen. Das ist ja nicht nur eine symbolische Handlung. – Was sagt das denn über die Glaubwürdigkeit von Papst Franziskus, dass er auf der einen Seite Aufklärung einfordert, aber andererseits dieses Schweigegelübde in Kraft hält?

Katsch: Ich glaube, man muss klar sehen: Er ist ein Mann seiner Kirche. Er ist ein Mann des Apparats, wenn Sie so wollen. Das ist aber immer bei solchen Reformgestaltungen. Das lässt sich ja auch gar nicht anders machen, so wie die Personalauswahl organisiert ist in der Kirche. Ich glaube aber schon, dass er bereit ist, Signale aufzunehmen, zuzuhören und dazuzulernen, sich auch selber zu korrigieren. Das ist nicht selbstverständlich für jemanden, dessen Amtsverständnis, oder das seiner Vorgänger jedenfalls, doch eher geprägt war vom Gefühl der Unfehlbarkeit.

Heckmann: Das heißt, ich verstehe Sie richtig, dass Sie wirklich den Eindruck haben, dass Papst Franziskus es wirklich ernst meint mit dem Willen aufzuklären?

Katsch: Er könnte dafür, glaube ich, aber ganz gut Unterstützung durch andere gebrauchen, damit er damit auch wirklich durchdringt in seiner Institution. Da sehe ich zum Beispiel die deutschen Bischöfe gefordert, die sich bisher sehr fein zurückgehalten haben, als ob sie diese weltweite Krise von Chile über Pennsylvania, Irland – es gibt ja fast kein Land auf der Erde, wo die Katholische Kirche vertreten ist, wo es keine Missbrauchsfälle oder Berichte darüber gibt.

Heckmann: Aber es gibt ja einen Missbrauchsbeauftragten in Deutschland, Herrn Ackermann, der sich offensichtlich doch intensiv um die Aufklärung bemüht. Oder sehen Sie das anders?

Katsch: Der sich bemüht, aber der jetzt, denke ich mal, auch mehr Unterstützung von seinen 26 Mitbischöfen gebrauchen könnte. Auch in Deutschland gilt, man hat sich sehr schwergetan wieder bei der Frage der Aktenzugänge. Man hat merkwürdige Konstruktionen gefunden, um eine Studie in Auftrag geben zu können und an diese Aktenbestände heranzukommen. Es wird Zeit, dass wir in Deutschland nicht durch die Kirche selber, sondern durch die Aufarbeitungskommission, die wir ja auch in Deutschland vor zwei Jahren auf den Weg gebracht haben, dazu kommen, dass Akten beigestellt werden können, Zeugen gehört werden können, dass ermittelt werden kann, so wie wir das jetzt zum Beispiel in Pennsylvania durch eine staatliche Stelle erlebt haben. Dann werden wir auch Resultate haben.

Heckmann: Wie stark sind denn die Kräfte aus Ihrer Sicht im Vatikan oder in der Katholischen Kirche insgesamt, die weiter für diesen Kurs der Vertuschung arbeiten?

Katsch: Ich denke, die sind sehr stark. Es ist das Gefühl, dass das alles ungerecht ist, dass das alles Einzelfälle sind. Man möchte gerne zurück in die seligen Zeiten, als die Kirche noch wie eine geschlossene monolithische Einheit dastand oder sich selber so empfunden hat. Man ist davon überzeugt, dass man irgendwie ganz was Besonderes ist, wenn man Priester geworden ist. Es gibt Stimmen in den USA zurzeit aus dem eher rechten Spektrum des Katholizismus, die sagen: Seht ihr, dazu hat das Vatikanische Konzil geführt, dass wir jetzt diese Probleme haben. Die möchten irgendwie in die Zeit davor zurück. Es gibt heftige Widerstände bis in die höchste Kirchenspitze.

"Franziskus könnte jede Hilfe gut gebrauchen"

Heckmann: Gibt es da spezielle Personen, die besonders bremsen?

Katsch: Einer dieser Bremser, der jetzt sein Amt verloren hat, war sicherlich der deutsche Kardinal Müller. Aber die beiden chilenischen Kardinäle, die jetzt sehr stark in der Kritik sind …Eine ganz finstere Figur, ich muss das wirklich so sagen , weil er wirklich überall auftaucht, wo diese Probleme eine Rolle spielen, ist der sogenannte Dekan des Kardinalskollegiums, der Kardinal Angelo Sodano, ein Italiener, der seit, ich weiß nicht, 30 oder 40 Jahren im Hintergrund in der Kurie die Fäden zieht. Dass so ein Mann, dem Korruption, dem Kumpanei mit Pinochet und weiß ich was vorgeworfen wird, immer noch im Amt ist und Macht ausübt in der Kirche, im Apparat der Kurie, zeigt, dass wir auch bei diesen Veränderungen erst am Anfang sind und dass Franziskus jede Hilfe gerade auch von seinen Kollegen im Bischofsamt hier in Deutschland gebrauchen könnte für diese Veränderungen.

Heckmann: Ganz kurz noch, Herr Katsch, zum Schluss. Sind Sie optimistisch, dass es dazu kommt?

Katsch: Na ja. Wir haben doch schon eine ganze Menge gesehen in den acht Jahren. Und ich hoffe, dass wir zum Beispiel diese Kommission, die wir in Deutschland haben, weiter ausbauen werden, dass wir jetzt mit den Vorbildern international die Möglichkeiten nutzen werden, um hier auch Ermittlungsmöglichkeiten zu schaffen. Es kann ja schlecht sein, dass man in Deutschland ehrenamtlich Missbrauch aufarbeiten muss. Ich hoffe, dass die Signale ausreichen, um sowohl in der Kirche als auch bei dem, was wir hier im eigenen Land noch vor uns haben, die Dinge voranzubringen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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