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StartseiteKommentare und Themen der WocheIgnoranz gegenüber den Opfern14.09.2021

Missbrauchsbericht zum Bistum HildesheimIgnoranz gegenüber den Opfern

Verharmlosen, verheimlichen, versetzen – das kenne man aus den Gutachten anderer Bistümer, kommentiert Christiane Florin. Der Fall Hildesheim zeige jedoch auch, dass niemand die Macht des in Verdacht geratenen Bischofs einschränkte. Dieser habe sich über jedes Recht gestellt - auch weil er es konnte.

Von Christiane Florin

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Die Silhouette vom Dom Mariä Himmelfahrt zu Hildesheim ist bei Sonnenschein vor einem wolkenlosem Himmel zu sehen (picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg)
Das Verhältnis von Staat zu Kirche ließe sich schneller ändern als die Kirchenfestung, kommentiert Christiane Florin. Der Staat verhalte sich mitbrüderlich - auch im Fall Hildesheim (picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg)
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Die Kinder mussten dem Priester sexuell zu Diensten sein. Von mehrfachem Mundverkehr mit Minderjährigen berichten die Akten. Ein Jahr und fünf Monate Gefängnis bekam der Geistliche 1967 dafür. Sein Bischof hatte Mitleid. Nicht mit den Kindern, sondern mit dem "armen Confrater". Der arme Mitbruder sollte in eine Gegend, in der das Gericht ansprechbar sei für Kirchliches und nicht voller Sozis, schrieb der hohe Gottesmann. Man fand es im Münsterland.   

Bei einer Pressekonferenz sind Schatten auf einer Wand mit dem Aufdruck "Bistum Hildesheim". (picture alliance / dpa / Christophe Gateau) (picture alliance / dpa / Christophe Gateau)Vorwürfe gegen früheren Bischof - Studie zu sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim
Das Bistum Hildesheim hat eine externe Studie zu Missbrauchsvorwürfen gegen den früheren Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen und andere Kirchenvertreter veröffentlicht. Die Experten zeigen ein System der Vertuschung. Die Erkenntnisse im Überblick.

Brüder in Nebel und Weihrauch sind überall. Der Bischof, von dem hier die Rede ist, heißt Heinrich Maria Janssen. 25 Jahre lang, bis 1982, wirkte er in Hildesheim. Er bekam höchste Ehren: das Bundesverdienstkreuz, ein Grab im Dom, eine Straße ist nach ihm benannt. Die eingangs erzählte ehrenrührige Geschichte stammt aus einem 400-seitigen Untersuchungsbericht, der heute veröffentlicht wurde.

Bischof Janssen als Täter hinter den Tätern

Tote Bischöfe werden derzeit ganz gern erforscht. Dass es ausgerechnet den überregional wenig bekannten Janssen traf, hat damit zu tun, dass er als erster deutscher Bischof im Verdacht stand, selbst Kindern sexualisierte Gewalt zugefügt zu haben. Das wurde heute weder bestätigt noch entkräftet. Aber Janssen darf als Täter hinter den Tätern gelten. Er ignorierte die Opfer, stellte sich über jedes Recht. Er handelte so, weil er es wollte – und weil er es konnte. Niemand schränkte seine Macht ein.

Verharmlosen, verheimlichen, versetzen, vertuschen – das kennt man aus den Gutachten anderer Bistümer. In Hildesheim kommt, anders als in Köln und Berlin, die Empfehlung hinzu, spezifisch katholische Risikofaktoren zu mindern. Eine andere Sexualmoral sei notwendig, außerdem das Ende der Zölibatspflicht und die Gleichberechtigung von Frauen.

Keine Forderung nach Systemwechsel aus der Politik 

Das sind altbekannte Forderungen, aber in der Welt der Transzendenz zählt die Evidenz von Studien wenig. Die Gegenargumente lauten dann so: In der Familie gibt es keinen Zölibat, aber noch mehr sexuellen Missbrauch; Männerbünde sind nur halb so wild, schließlich gibt es auch Täterinnen. Erschütternde Fakten rütteln diese römisch-katholische Bastion wohl kaum durch. Da mögen noch so viele Gutachten die moralische Verkommenheit der Führungsriege bescheinigen. Die Sexualmoralmonstranz wird weiter zur Anbetung in die Höhe gereckt.

Was sich schneller ändern ließe als die Kirchenfestung ist das Staats-Kirchen-Verhältnis. Hildesheims amtierender Bischof Heiner Wilmer hat eine umfassende Untersuchung ermöglicht, keine rein juristische. Er hätte das auch lassen können. Bischöfe sind noch immer mächtige Personen, sie können den Untersuchungs-Auftrag so zuschneiden, dass mal nur Vorschläge für bessere Aktenführung und mal grundstürzende Ideen herauskommen. Noch immer hängt die Güte der Gutachten von der Gnade des Bischofs ab. Keine Partei fordert hier einen Systemwechsel. Der Staat bleibt mitbrüderlich.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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