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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Verfolgung dieser Straftaten ist eine Frage der Prioritäten08.06.2020

Missbrauchsfall von MünsterDie Verfolgung dieser Straftaten ist eine Frage der Prioritäten

Nach Lügde und Bergisch Gladbach ist der Kampf gegen Kindesmissbrauch zum kriminalistischen Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen geworden. Der Fall Münster rechtfertige nun eine neue Debatte über die Vorratsdatenspeicherung, kommentiert Moritz Küpper. Denn was passiert sei, dürfe niemandem egal sein.

Von Moritz Küpper

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Polizeibeamter steht vor einer Gartenlaube. (dpa / Guido Kirchner )
Ermittlungen nach sexuellem Missbrauch von Kindern. (dpa / Guido Kirchner )
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"Horror im Kleingarten" oder "Hölle von Oben", so lauten die Überschriften zu den nun bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in Münster. Es ist der Moment, in dem die oft wehr- und sprachlosen Opfer eine Stimme bekommen.

Sexueller Kindesmissbrauch ist Alltag. Weltweit. Auch in Deutschland. Die Dunkelziffer – das sagen alle Menschen, die sich damit beschäftigen – ist hoch. Das Phänomen zudem nicht neu. Der Kampf dagegen schwierig – und zudem oft halbherzig.

Das Entsetzen ist nach jedem Bekanntwerden zwar groß, doch oft verschwindet das Thema in der hohen Schlagzahl der Schlagzeilen auch wieder.

Der dritte große Missbrauchsfall in NRW

Der Missbrauchsfall in Münster nun ist der dritte große Missbrauchskomplex nach dem Fall Lügde sowie dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. Und er könnte etwas verändern – so wie es schon der Fall Lügde für Nordrhein-Westfalen geschafft hat. Er hat Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul von der CDU dazu gezwungen, das Thema zur Chefsache zu machen. Und er hat dies erkannt und umgesetzt: Kindesmissbrauch ist seitdem kriminalistischer Schwerpunkt in NRW. Das bedeutet: In Polizeibehörden werden Kräfte verschoben, das Thema Kindesmissbrauch hat Priorität – und das scheint zu wirken. Getreu dem Motto: Wer sucht, der findet. Es ist fast beispielhaft, wie es Reul geschafft hat, aus einem Skandal für die eigenen Behörden politisch in die Offensive zu kommen. Und wie er sich nun – durch diese schrecklichen Ermittlungsfunde in Münster – bestätigt sehen darf.

Die Opfer sind oft erst ein paar Monate alt

Doch, das Ganze zeigt auch: Die Verfolgung von sexuellem Kindesmissbrauch ist eine Frage der Prioritäten, von Ressourcen. Es ist kein angenehmes Thema und die Betroffenen haben – in unserer von Interessensgruppen geprägten Gesellschaft – oft keine Stimme. Manchmal, weil sie erst ein paar Monate alt sind.

Von daher ist es die Verantwortung von uns allen, sich dieses Themas anzunehmen: Durch den Fall Lügde ist dies in Nordrhein-Wesstfalen geschehen, der Komplex Bergisch Gladbach hat gezeigt, dass es ein Thema Mitten der Gesellschaft ist, Reihenhaus-Idylle inklusive. Und der Fall Münster nun offenbart die – mit fast perfekt verschlüsselten Daten oder per fest-installierten Kameras abgesicherten Laube – die kalte, hochprofessionelle Energie der Täter. Inklusive der Massen an Daten, die – auch das eine Erkenntnis – per Mausklick im Eilverfahren gelöscht werden können.

Durchsuchung im Fall von massenhaftem sexuellen Missbrauch: Eine Polizeibeamtin der Spurensicherung trägt einen sichergestellten Monitor aus der abgesperrten Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde. (picture alliance / Guido Kirchner) (picture alliance / Guido Kirchner)Kindesmissbrauch - Wie schützen wir Kinder vor sexualisierter Gewalt?  Sexualisierte Gewalt gegen Kinder kann überall stattfinden – in Vereinen, Familien, Schule, Kirche. Es existiert ein Netzwerk pädokrimineller Täter. 

Vorratsdatenspeicherung neu debattieren

Auch das rechtfertigt zumindest eine neue Debatte über die hochproblematische Vorratsdatenspeicherung, die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nun angestoßen hat.

Denn: Angesichts der körperlichen, der seelischen Verletzung, der Gewalt gegen kleine Menschen, die – zumeist – nicht nur schutz- und wehrlos sind, sondern deren Schutz- und Wehrlosigkeit oft von genau denjenigen ausgenutzt und missbraucht wird, die eigentlich dafür verantwortlich sind, darf niemandem egal sein.

Es gilt zu befürchten, dass die Corona-Einschränkungen, die teilweise Aufgabe des öffentlichen Lebens, all diese Effekte noch einmal verstärken. Und fast sicher gilt: Angesichts der wohl anstehenden, harten Verteilungskämpfe in unserer Gesellschaft, dürfte sich die Situation dieser Kinder, dieser Opfer ohne Stimme, wahrscheinlich sogar noch verschlechtern.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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