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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Kölner Krise ist paradox20.03.2021

Missbrauchsgutachten Die Kölner Krise ist paradox

Die Tricks und die Tapsigkeit des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki hätten nicht nur Schaden angerichtet, kommentiert Georg Löwisch, Chefredakteur von ZEIT Christ und Welt. Sein Gebaren habe eine Aufmerksamkeit für das Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche erzeugt, die es schon nicht mehr hatte.

Ein Kommentar von Georg Löwisch

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Rechtsanwältin Kerstin Stirner (M) schaut zu, wie der von der Kirche beauftragte Anwalt Björn Gercke (r) dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki (l) während einer Pressekonferenz ein Exemplar eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch übergibt.  (dpa / AFP Pool / Ina Fassbender)
Kardinal Rainer Maria Woelki habe geschafft, was die meisten seiner Kollegen bisher schuldig geblieben sind, kommentiert Georg Löwisch: eine systematische Untersuchung vorzulegen. (dpa / AFP Pool / Ina Fassbender)
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Die katholische Kirche trägt schwer. Ihren Bischöfen und Pfarrern, aber auch ihren einfachen Mitgliedern hängt ein Mühlstein um den Hals, der sie herunterzieht. 

Vor elf Jahren wurde sexualisierte Gewalt gegen Schüler am Berliner Canisius-Kolleg aufgedeckt. Danach meldeten sich in ganz Deutschland Betroffene, die unter Priestern gelitten hatten. Elf Jahre. Wo stünde die katholische Kirche jetzt, wenn sie schnell und schonungslos gehandelt hätte? Elf Jahre, in denen der Mühlstein stattdessen schwerer und schwerer wurde. Das Bild vom Mühlstein stammt aus dem Evangelium. Jesus drohte, ihn allen um den Hals zu hängen, die Kindern Böses tun.

Innerhalb der Kirche tobt ein Kampf

Wem die Menschen nicht trauen, dem hören sie nicht zu. Was die Kirche zu sagen hat, dringt nur noch selten durch. Viele Katholikinnen und Katholiken treten aus der Kirche aus. Und innerhalb der Kirche tobt ein Kampf. Er dreht sich nicht nur um Aufarbeitung: Die Gläubigen streiten auch um die Rechte von Frauen, die keine Priesterinnen werden dürfen. Sie ringen darum, dass Rom nicht mal die Segnung von schwulen und lesbischen Paaren erlaubt. All diese Konflikte überlagern einander.

Der Kölner Kölner Erzbischofs Rainer Maria Woelki (r) nimmt am 20.09.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) von seinem Vorgänger Kardinal Joachim Meisner (l) den Petrusstab entgegen. Mit einem Gottesdienst ist der neue Kölner Erzbischofs Rainer Maria Woelki in sein Amt eingeführt worden. Foto: Oliver Berg/dpa ++ (picture alliance / dpa | Oliver Berg)Amtseinführung des Kölner Erzbischofs Rainer Maria Woelki (picture alliance / dpa | Oliver Berg)Gutachten zu sexueller Gewalt in der Kirche - "Es steigen Emotionen hoch, regelrecht Ekel"
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Das ist - im Zeitraffer - der elf Jahre lange Weg in diese Woche, in der Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki ein aufwendiges Gutachten präsentiert hat zum Missbrauch und dessen Vertuschung. Woelki hat sich dabei distanziert vom System seines Mentors und verstorbenen Vorgängers Kardinal Joachim Meisner. Meisner, das weisen die Gutachter nach, klärte nicht auf, meldete Verdachtsfälle nicht nach Rom, sanktionierte die Täter nicht und kümmerte sich um Betroffene nicht anständig. Nicht, nicht, nicht und nochmal nicht.

Drei Optionen für den Umgang mit dem Skandal

Nebenbei wurde offenbar, dass Meisner glatt gelogen hat, als er 2015 im Deutschlandfunk  behauptete, nichts geahnt zu haben vom Missbrauch. Woelki grenzte sich erstmals explizit davon ab. Und da zeigt sich die erste Option für einen richtigen Umgang mit dem Missbrauchsskandal: Kirche sollte sich von Vertuschern abwenden, auch wenn es ihre Helden der Vergangenheit sind.

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Option zwei sind personelle Konsequenzen. Hamburgs Erzbischof Stefan Heße, früher hoher Kleriker in Köln, hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten und darum gebeten, dass er von seinen Aufgaben entbunden wird. Das hat kein Bischof getan in all den elf Jahren, der Schritt war überfällig. Dazu musste aber erst in dem Gutachten detailliert aufgeschrieben werden, wie Heße in neun Fällen gegen seine Pflichten verstieß. 

Option drei kann man unter Professionalisierung zusammenfassen: Die Kirche kann zum Beispiel ihr Personal besser schulen. Sie kann mehr vorbeugen und wirkungsvoller eingreifen, indem sie diese Bereiche klarer organisiert und mehr Geld dafür ausgibt.

All das ist schon handfest, bricht aber keine Strukturen auf. Das passt zu den Anwälten, die ihr Gutachten rein rechtlich definiert haben. Sie bleiben innerhalb der Systematik von Straf- und Kirchenrecht. Vielleicht hilft das in der verfahrenen Gemengelage des Erzbistums.

Der Kardinal hat keine Glückwünsche verdient

Aber der Ansatz ist eben begrenzt. Mut oder Feigheit, Mitleid oder Kälte, oder die Verbrüderung der Geistlichen – all das sind Kategorien, die eine Rolle spielen im Missbrauchsskandal. Von ihnen ist nicht die Rede. Auch das Priesterbild der katholischen Kirche wird nicht hinterfragt. Woelki ist das sicher recht.

Nein, der Kardinal hat keine Glückwünsche verdient, auch wenn das Gutachten ihm attestiert, selbst keine Pflichtverletzung begangen zu haben. Damit ist aber die Kritik am Kardinal nicht passé. Sie richtete sich gar nicht nur gegen sein eigenes Handeln in Missbrauchsfällen. Er wurde kritisiert, weil er das erste Gutachten einer Münchner Kanzlei anschob, aber dann nicht veröffentlichte. Als er die Entscheidung im Herbst verkündete, versteckte er sich ausgerechnet hinter den Opfern des Missbrauchs. Er ließ sie erklären, dass das erste Gutachten schlecht sei, ohne dass sie es überhaupt kannten.

Doch die Kölner Krise ist paradox: Gerade die Tricks und die Tapsigkeit des Kardinals haben nicht nur Schaden angerichtet. Woelkis Gebaren ermutigte Whistleblower. Es erzeugte eine Aufmerksamkeit, die das Thema schon nicht mehr hatte. Aufmerksamkeit tut Not. Denn nicht einmal eine Handvoll der 27 deutschen Bischöfe hat überhaupt eine systematische Untersuchung vorgelegt, die Namen nennt. Der Erzbischof und Kardinal von Köln hat also geschafft, was die meisten seiner Kollegen bisher schuldig geblieben sind. Sie bremsen und sie ducken sich.

Und Woelki? Als er das erste Gutachten stoppte, hat Woelki seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Sein Amt behält er. Aber das Vertrauen ist fort.

Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch wurde 1974 in Freiburg geboren. In Leipzig studierte er Journalistik und Afrikanistik. Schon vor dem Abschluss arbeitete er als freier Reporter für Zeitungen, verschiedene ARD-Radios und den Deutschlandfunk. Als Korrespondent berichtete er für den Fachdienst epd medien. Bei der "taz" in Berlin absolvierte er sein Volontariat und arbeitete dort gut zehn Jahre als Redakteur, Reporter und Ressortleiter. Von 2012 an Textchef des Magazins "Cicero". 2015 bis 2020 war er Chefredakteur der "taz". Seit Juli 2020 Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt" und Autor der "ZEIT".

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