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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer vermeintliche Aufklärer Woelki demontiert sich selbst23.03.2021

Missbrauchsgutachten im Erzbistum KölnDer vermeintliche Aufklärer Woelki demontiert sich selbst

Zunächst habe Rainer Maria Woelki sich demütig-zerknirscht gezeigt, kommentiert Christiane Florin die jüngste Pressekonferenz des Kölner Erzbischofs. Doch auf Nachfragen, was er als Geheimsekretär seines Vorgängers an Missbrauchsfällen mitbekommen habe, habe er sein Image als Aufklärer gleich wieder demontiert.

Ein Kommentar von Christiane Florin

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Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, spricht bei einer Pressekonferenz des Erzbistum Köln zur Vorstellung der Konsequenzen aus dem vergangene Woche veröffentlichten Missbrauchsgutachten des Strafrechtlers Gercke. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Christiane Florin ist nicht überzeugt von Rainer Maria Woelkis Selbstinszenierung als Aufklärer der Vorwürfe sexualisierter Gewalt in seinem Bistum (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Bis zum 18. März, 9.59 Uhr, war Joachim Kardinal Meisner in offizieller Lesart des Erzbistums Köln ein unbequemer Mahner, ein standfester Streiter wider den sexuellen Sittenverfall. An seinem Todestag im Juli 2017 sagte sein Nachfolger Rainer Maria Woelki im Trauergottesdienst: "Er stand auf, wo immer das menschliche Leben bedroht war, weil er sich für die Humanität in unserer Gesellschaft einsetzte."

Am 18. März um kurz nach 10 Uhr wurde der Mahner vom Sockel gestürzt und im Rhein versenkt. Ein juristisches Gutachten hatte Meisner mehr als 20 Pflichtverstöße nachgewiesen. Was nach Lektüre der 895 Seiten rechtssicher und gerichtsfest behauptet werden kann: Humanität gegenüber Missbrauchsopfern hatte Joachim Meisner nicht gezeigt. Seine Fürsorge galt den Priestern, den "Brüdern im Nebel", wie er das Dossier mit Missbrauchsakten poetisch-bequem nannte.

Dem aktuellen Amtsinhaber Rainer Maria Woelki hat das Gutachten keine Pflichtverletzungen nachgewiesen. Damit war vor fünf Tagen klar: Er darf nun auf den Sockel, rechtssicher und gerichtsfest.

Das System Meisner – das waren die anderen

Bei seiner Pressekonferenz am 23. März 2021 machte Woelki ohne sichtbaren Rechtsbeistand zunächst alles richtig: Er sprach vom Leid der Betroffenen. Er gab Fehler zu, sogar Schuld und bekundete, den Opfern sexualisierter Gewalt zuhören zu wollen. Auch das Jüngste Gericht bekam seinen Platz, als er über Beichte und Buße redete. Demütig-zerknirscht, aber entschieden steigt da ein Aufklärer mit Kardinalshut auf den Sockel. So sollte es aussehen.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei einer Messe im Dom (picture alliance / Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini) (picture alliance / Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini)Das Kölner Gutachten
Hinweise auf 202 Beschuldigte und 314 Betroffene sowie Pflichtverletzungen durch den ehemaligen Erzbischof - ein Überblick zum Gutachten der Kölner Kanzlei Gercke & Wollschläger.

Doch dann legte Woelki sein Manuskript beiseite – und es wurde eine Wackelpartie. Was er mitbekommen habe als Geheimsekretär Meisners, als Weihbischof, ob er aufbegehrt habe gegen die Eiseskälte und Verantwortungslosigkeit - das wollten Journalistinnen und Journalisten wissen. Die Antworten: Er sei als Geheimsekretär nicht zuständig gewesen, in der Personalkonferenz, der er als Weihbischof angehörte, seien die Fälle so explizit nicht behandelt worden.

Die Zeit des "Nichts geahnt" sollte vorbei sein, so hatte es Woelki vergangenen Donnerstag gesagt. Jetzt präsentierte er sich als Kleriker, der früher kaum etwas ahnte, schon gar nichts wusste und qua Amt nichts tun musste. Wat willste maache?, sagt der Rheinländer. Das System Meisner – das waren die anderen.

Kardinal Rainer Maria Woelki hält sich bei der Vorstellung des Gutachtens die Hand an den Kopf (picture alliance/ASSOCIATED PRESS|Ina Fassbender) (picture alliance/ASSOCIATED PRESS|Ina Fassbender)Kirchenrechtler: Sehr wahrscheinlich, dass Woelki von Fällen wusste
"Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" habe Kardinal Rainer Maria Woelki in seiner Zeit als Kölner Weihbischof Kenntnis über Vorwürfe zu sexueller Gewalt gehabt, sagte der Kirchenrechtler Bernhard Anuth im Dlf.

Betroffene haben nichts zu feiern

Diejenigen, die bis Donnerstag dem Mahner Meisner huldigten, bejubeln nun seinen Nachfolger. Dass Woelki Erzbischof bleibt, feiern sie. Sockel, Sieg, Säulenheiliger – auch so geht Dreifaltigkeit.

Betroffene haben nichts zu feiern. Vielleicht wird ihnen nun medienwirksam zugehört, aber sie haben von einem Amtsträger noch kein Bekenntnis der anderen Art gehört. Von anderer Art wäre zum Beispiel ein Eingeständnis wie: "Ich habe mich nicht im Namen der Menschlichkeit für Opfer eingesetzt, weil ich nicht unbequem werden wollte in diesem System". Doch bis zum gerichtssicheren Beweis des Gegenteils gilt: nichts gewusst, nicht zuständig, alles okay.

Der vermeintliche Aufklärer hat sein gerade errichtetes Denkmal selbst demontiert.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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