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StartseiteTag für TagDie sündige Kirche18.10.2019

Missbrauchsskandal Die sündige Kirche

Durch die Taten katholischer Amtsträger sind nicht nur diese Einzelpersonen schuldig geworden, sondern die katholische Kirche als Ganzes. Dieser Ansicht ist die katholische Theologin Julia Enxing. Die Kirche „ist immer sündig und heilig zugleich“, sagte Enxing im Dlf.

Julia Enxing im Gespräch mit Andreas Main

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Julia Enxing (Amac Garbe, www.amacgarbe.de)
Die Theologin Julia Enxing (Amac Garbe, www.amacgarbe.de)
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Andreas Main: Julia Enxing ist jung oder mittleren Alters, je nach Standpunkt. Auf jeden Fall ist Julia Enxing, Jahrgang 1983, ganz schön weit gekommen. Kürzlich hat sie die Professur für systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden übernommen. Ihre Habilitationsschrift ist schon in zweiter Auflage als Buch erschienen mit dem Titel "Schuld und Sünde (in) der Kirche: Eine systematisch-theologische Untersuchung".

Ein dunkles Buch, zumindest, was die Gestaltung des Buches betrifft. Aber Julia Enxing steht auch für das Helle. Da braucht man sich nur ihre Internetseite oder ihren Blog anzuschauen oder auch "Feinschwarz" - ein Internetmagazin, an dem Julia Enxing mitarbeitet. "Feinschwarz", Untertitel "theologisches Feuilleton", auch ein sehr helles, sehr modern anmutendes Projekt.

Und auch jenseits der Oberfläche, Julia Enxing interessiert sich für das Helle und das Dunkle, auch in ihrer, der katholischen Kirche. Wir haben uns in Dresden beim MDR verabredet zu einem Gespräch, das aufgezeichnet ist. Guten Morgen, Frau Enxing.

Julia Enxing: Guten Morgen, Herr Main.

"Ich versuche, das Licht anzuknipsen"

Main: Frau Enxing, bleiben wir zunächst mal etwas theologisch-feuilletonistisch. Das Helle und das Dunkle in der Katholischen Kirche, womit beschäftigen Sie sich zeitlich gesehen mehr?

Enxing: Ich versuche, das Licht anzuknipsen und zu sehen, was es zu sehen gibt, auch an Dunklem, aber um mehr Licht in die Sache zu bringen.

Main: Was beschäftigt Sie intensiver am Ende des Tages?

Enxing: Am Ende des Tages beschäftigt mich zumindest in dem Buch, das Sie gerade angesprochen haben, das Dunkle mehr.

"Dazu gehören auch Schatten"

Main: Dass Sie aber das Helle lieber mögen, das vermute ich mal. Wie sehr wird in der Katholischen Kirche das Helle zurzeit vom Dunklen verschattet?

Enxing: Ich glaube, zurzeit gibt es starke Kontraste. Und die kann es nur geben, wenn Helles und Dunkles zusammenkommen und auch alles, was dazwischen ist. Dazu gehören Graustufen. Dazu gehören auch Schatten, die auf die Vergangenheit weisen, aber auch, die vielleicht ihre Schatten vorauswerfen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist sicherlich das Dunkle zurzeit mehr im Fokus.

Main: Frau Enxing, es gibt nun aber auch Zeitgenossen, die sagen mit Blick auf den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche: Nun bin ich vielleicht mittelmäßig, aber auf jeden Fall bin ich kein Verbrecher. Ich kann nichts dafür, wenn kranke oder schlechte oder bösartige Männer Kinder verletzen. Haben Sie für so eine Haltung Verständnis?

Polen, Baby-Schuh-Protest gegen Pädophilie und Missbrauch in der Katholischen Kirche (imago/Maciej Luczniewski)Baby-Schuh-Protest gegen Pädophilie und Missbrauch in der katholischen Kirche in Polen (imago/Maciej Luczniewski)

Enxing: Verständnis habe ich dafür auf jeden Fall. Es ist unbequem, sich mit dem Dunklen zu beschäftigen, immer, in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der eigenen Familie, in der eigenen Geschichte, aber auch in anderen Kontexten, wie zum Beispiel der Kirche. Und insofern habe ich natürlich Verständnis, wenn jemand das nicht möchte. Ich glaube als Gemeinschaft der Gläubigen - oder ich bin davon überzeugt: Als Gemeinschaft der Gläubigen kommen wir aber nicht weiter, wenn wir es uns bequem machen.

Nicht schuldig, aber verantwortlich

Main: Nun kann ich aber nicht Sie dafür verantwortlich machen, Sie, die Sie kein Amt in der Katholischen Kirche haben, die Sie eine Frau sind und wahrscheinlich im kirchlichen Kontext keine Kinder missbraucht haben. Also, ich kann Sie nicht für Vergehen der katholischen Kirche verantwortlich machen. Sind Sie es trotzdem?

Enxing: Im strikt kriminellen oder moralischen Sinne bin ich nicht schuldig geworden. Ich kenne niemanden, der Kinder missbraucht hat. Ich habe niemanden vertuscht. Ich habe selbst keinen Kindern Gewalt angetan. Insofern bin ich erst mal nicht schuldig. So kann man sagen, trifft mich keine Schuld. Aber – und jetzt kommt der Punkt, der uns als Kirche besonders prägt und ausmacht – als Teil einer Gemeinschaft trage ich mit vielleicht nicht unbedingt Schuld, aber doch Verantwortung für das, was in dieser Gemeinschaft passiert.

Main: Wo liegt Ihre Verantwortung?

Enxing: Als Mitglied einer Gemeinschaft von Gläubigen bin ich Teil einer Gemeinschaft, die eine Zeugnisfunktion hat, nämlich das Zeugnis Jesu Christi in die Welt zu tragen, die Botschaft der Freude, der Lebensbejahung, des Heils, der Zuversicht wirklichkeitsnah zu vermitteln. Und in der Verantwortung für dieses Zeugnis, das veruntreut wurde von Personen aus der Kirche, bin ich Teil dieser Schicksalsgemeinschaft und damit auch Teil einer Verantwortungsgemeinschaft. Nicht verantwortlich für die jeweilige Schuld, für die jeweilige Straftat, für die jeweilige Gewalttat, aber verantwortlich für das Zeugnis und für die Botschaft.

"Schuld und Sünde der Kirche selbst"

Main: Julia Enxing, katholische Theologin an der Uni Dresden, lassen Sie uns mal etwas tiefer gehen, um Licht und Dunkel in der Kirche auszuloten. Lassen Sie uns mal auf den Titel Ihres Buches eingehen, der lautet "Schuld und Sünde (in) der Kirche", wobei das "in" in einer Klammer steht. Ich kann das so lesen und so lesen. Also, einmal "Schuld und Sünde in der Kirche" oder "Schuld und Sünde der Kirche". Was ist der Unterschied?

Enxing: Der Titel selbst greift direkt eine Debatte auf, die innerkirchlich geführt wird, nämlich die Frage, ob es innerhalb von Kirche Schuld und Sünde nur insofern gibt, dass einzelne Kirchenglieder eben sündig werden oder Schuld auf sich laden, wie alle Menschen auch, dass es ein vereinzeltes Phänomen ist. Oder, ob es so etwas gibt wie eine Schuld und Sünde der Kirche selbst, ob Kirche als Handlungssubjekt, nicht nur als Objekt betroffen ist von der Schuld der Glieder. Das ist auch überhaupt die Frage: Inwiefern betrifft die Schuld der Glieder und die Sünde der Glieder überhaupt die Kirche als Ganze? Sondern ob sie sogar selbst sündig oder schuldig werden kann – als Subjekt, als handelnde Kirche in der Welt.

Und diese Frage wird sehr kontrovers diskutiert oder wurde zumindest sehr kontrovers diskutiert. Die Debatte ist etwas abgeflacht zurzeit. Und indem ich diesen Titel so formuliert habe, greife ich das direkt auf und zeige damit auf, es ist ein ungeklärter Fall. So ungeklärt ist der eigentlich gar nicht, aber die meisten Menschen denken, es sei noch ungeklärt, ob Kirche wirklich sündige Kirche sein kann.

"Kirche hat keinen Selbstzweck"

Main: So, wenn ich jetzt richtig gelesen habe, dann deute ich Sie so, dass Sie denken, der richtige Titel wäre "Schuld und Sünde der Kirche". Oder habe ich Sie vollkommen falsch verstanden?

Enxing: Nein, das haben Sie so richtig verstanden, genau.

Main: Also, Sie neigen zu dieser These. Warum?

Enxing: Ich vertrete die These, dass man sagen kann, dass es so etwas gibt wie eine schuldige oder sündige Kirche. Kirche verwirklicht sich in handelnden Personen. Und insofern diese Personen handeln, handeln sie im Namen der Kirche und machen Kirche auch zu einer sündigen Kirche. Es gibt keine Kirche, die sich nicht in den Vollzügen durch Menschen realisiert. Kirche hat keinen Selbstzweck. Kirche ist Werkzeug, Instrument, Zeichen des Heils, immer verwirklicht durch Menschen, die in der Zeit agieren.

Und insofern gibt es nicht das Abstraktum Kirche, das eine rein heilige Kirche wäre. Im Gegenteil, ich vertrete die These, dass eine einseitige Betonung dieser Heiligkeit, eine Überstilisierung der Heiligkeit der Kirche dazu geführt hat, dass Schuld in ihr nicht wahrgenommen wurde.

"Sündig und heilig zugleich"

Main: Jetzt wird jede Hörerin und jeder Hörer, der einmal das Glaubensbekenntnis mitgesprochen oder nachvollzogen hat, sagen, da heißt es doch wörtlich: Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche oder in der anderen Fraktion die katholische Kirche. Kann denn heilige Kirche sündig sein? Ist das ein Widerspruch in sich?

Enxing: Sie kann es. Das ist genau das Spannungsverhältnis, in dem Kirche schon immer steht, seit es Kirche gibt. Es gibt auch kirchliche Dokumente, die nicht sehr bekannt sind, aber die genau dieses Spannungsverhältnis auch ansprechen und artikulieren. Es geht darum, die Heiligkeit der Kirche als Wesensbestimmung - sie ist eine der vier Wesensmerkmale von Kirche. Neben Einheit, Apostolizität und Katholizität ist die Einheit der Kirche, ein Wesensmerkmal aufrecht zu erhalten …

Main: Die Heiligkeit.

Enxing: Die Heiligkeit der Kirche ist ein Wesensmerkmal neben diesen anderen drei Merkmalen. Es geht darum, diese Heiligkeit anzuerkennen, wertzuschätzen, wahrzunehmen, aufrechtzuerhalten und gleichzeitig ihre Sündigkeit nicht zu leugnen. Dieses Spannungsverhältnis, in dem Kirche existiert, weil sie eben Kirche in der Zeit ist, Volk Gottes ist, pilgernde Kirche, Kirche auf dem Weg. Sie hat eine unvollkommene Heiligkeit, so sagt Karl Rahner zum Beispiel. Die Heiligkeit ist noch nicht vollkommen. Und insofern ist sie immer sündig und heilig zugleich.

"Es gibt nicht zwei Kirchen"

Main: Sie berufen sich nämlich eben durchaus auf Dokumente, die Ihre These lehramtlich abdecken. Es ist also nicht so, dass Frau Enxing sich in Ihrer Schreibstube etwas ausgedacht hat, sondern Sie beziehen sich primär aufs Zweite Vatikanische Konzil, auf Karl Rahner, der dort mitgewirkt hat und auf einen Papst, und zwar Papst Johannes Paul II. und auch andere Theologen. Also, Sie wollen eben dieses Paradoxon wieder miteinander vereinen. Ist das so gut beschrieben?

Eine Sitzung in Anwesenheit von Papst Johannes XXIII. (Tischende) im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils am 20.02.1962. (picture alliance / dpa)Enxing bezieht sich mit ihren Thesen u. a. auf das Zweite Vatikanische Konzil (Bild), Karl Rahner und Papst Johannes Paul II. (picture alliance / dpa)

Enxing: Ja, das ist gut beschrieben. Ich möchte, dass das zusammen gedacht wird. Es gibt keine allein reine, heilige, vollkommene Kirche hier auf Erden. Es gibt auch nicht zwei Kirchen. Es gibt auch nicht eine irdische Kirche und eine parallele himmlische Kirche oder eine einstige und eine jetzige oder eine objektive und eine subjektive. Es gibt eine Einheit der Kirche.

Und diese Kirche ist eben die Einheit zwischen dem, was anklingt, aber noch nicht ist und das, was eins sein wird. Heilig ist ihr Auftraggeber, heilig ist sozusagen ihr Ursprung, heilig ist auch ihr Auftrag und das Zeugnis, was sie ablegen möchte, aber deswegen ist sie trotzdem Kirche in der Zeit und insofern sündig.

"Damit ist Kirche nicht authentisch"

Main: Oft ist es ja so, jetzt mal jenseits der theologischen Dokumente, dass Menschen einfach auch Interessen vertreten. Diejenigen Menschen, die ausschließlich die Heiligkeit der Kirche betonen, was haben die für Interessen?

Enxing: Die große Angst besteht darin, wenn man zugibt, dass Kirche auch sündig ist, heilig und sündig zugleich, dass da eine Art Verunsicherung beim Gegenüber entsteht. Denn was ist denn jetzt nun heilig und was ist sündig? Woher weiß ich denn, dass ihre Botschaft noch heilig ist oder wird vielleicht die Botschaft veruntreut durch die Sünde? Oder wo sind jetzt die Grenzen?

Diese Verunsicherung möchten – das unterstelle ich jetzt zumindest solchen Personen, ich kann mich da nicht so gut hineinversetzen – möchten sie retten, indem sie die Heiligkeit so betonen. Damit ist Kirche aber nicht authentisch. Das hat auch verhängnisvolle Auswirkungen, wie wir ja zuletzt gesehen haben.

"Die Kirche könnte Vorbild sein"

Main: Und umgekehrt, diejenigen, die überwiegend oder ausschließlich die Sündigkeit von Kirche betonen, welche Interessen haben die?

Enxing: Wer in erster Linie die Sündigkeit betont, hat einen ziemlich destruktiven Zugang zu Kirche. Also, vielleicht die Vision einer Selbstkasteiung dieser Kirche, die aber dann ja alles das, was in ihr heil und heilig ist, auch nicht mehr zum Leuchten bringen kann. Also, ein Verstellen der eigenen Botschaft eigentlich durch die Überbetonung der Sündigkeit. Damit wäre auch niemandem geholfen.

Main: Sie schreiben, ein Eingeständnis von Schuld in der katholischen Kirche oder in Kirche würde neue theologische Perspektiven eröffnen. Welche?

Enxing: Einen gesünderen und ehrlicheren Umgang mit dem, was nicht dem Heil dient. Das ist das Spannende und Faszinierende, dass sich die katholische Kirche dem Glauben und dem Zeugnis der Botschaft verschrieben hat, dass sie an einen sündenvergebenden Gott glaubt, lebt in der Zuversicht, dass das, was jetzt ist, nicht so bleiben muss, sondern sie predigt die Umkehr, die Neuausrichtung.

Und, wenn sie das auf sich selbst einmal anwenden würde: Sie könnte Vorbild sein, authentisches Vorbild, wie mit den eigenen Fehlern so umgegangen wird, dass sie mutig und ehrlich anerkannt werden. Die Anerkennung der Fehler, die Reue ist die Voraussetzung dafür, dass es zu einer Umkehr kommt.

"Ich erlebe eine große Verunsicherung"

Main: Und das geschieht im Missbrauchsskandal aus Ihrer Sicht bisher nicht ausreichend?

Enxing: Nicht ausreichend, nein. Ich erlebe eine große Verunsicherung, eine große Reduktion des Themas auf die Opfer- und Täterdebatte. Es wird wenig gesehen, dass Sünde und Schuld relationale Phänomene sind, also immer Beziehungen, solidaritätszersetzende Phänomene sind, die immer eine Gemeinschaft als Ganze betreffen.

Dass überhaupt Schuld in so großem Ausmaß in der katholischen Kirche über so eine lange Zeit sich perpetuieren, fortpflanzen konnte, ohne dass es an die Öffentlichkeit gedrungen ist, verweist auf ein gewisses Solidarisch-Sein im Sündigen. Man bräuchte ein gewisses Solidarisch-Sein im Umgang mit dieser Sünde und eine ehrliche Anerkennung, und zwar im wesentlich größeren Ausmaß als es passiert ist bisher.

"Ein Jahr der Reue"

Main: Und Reue muss ja auch in irgendeiner Form einen Ausdruck finden. Also, Sie würden auch erwarten, dass die katholische Kirche als Ganzes so etwas wie ein Schuldbekenntnis ablegt?

Enxing: Das ist eine sehr gute Frage, die hochumstritten ist. Inwiefern hilft ein Schuldbekenntnis wirklich? Wenn man jetzt bedenkt, dass 2010/2011 die Gewalttaten in dem Ausmaß eigentlich an die Öffentlichkeit kamen und seitdem ja Schreckensnachrichten eigentlich Tag für Tag aus der ganzen Welt uns erreichen, dann kann man fragen, ob acht Jahre, neun Jahre danach ein Schuldbekenntnis irgendeinen positiven Effekt haben könnte, ob es nicht schon überholt ist, ob es nicht andere Formen geben müsste.

Beichtstuhl in der Kirche St. Maria im Kapitol in Köln (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)"Kirche könnte Vorbild sein. Reue ist die Voraussetzung dafür, dass es zu einer Umkehr kommt", so Enxing im Dlf. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)

Main: Ich muss Sie jetzt fragen. An welche anderen Formen denken Sie da? Haben Sie Ideen, haben Sie einen Vorschlag?

Enxing: Papst Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 das bekannte große Schuldbekenntnis gesprochen und das sollte ein Jahr der Umkehr werden, dass ein Jahr der Reue und des Nachdenkens, der Reflexion eingeleitet wird, um sich mit den eigenen Vergehen auseinanderzusetzen. Das ist nicht wirklich umgesetzt worden. Auch in der deutschen Kirche gab es keinen Prozess, der sich diesem Auftrag angenommen hat oder diesem Vorschlag von Papst Johannes Paul II.

Wenn es so etwas gäbe wie ein Jahr der Reue, wie eine Kommission, die sich wirklich aus denjenigen, die betroffen sind, zusammensetzt mit denjenigen, die Kirche repräsentieren und gemeinsam überlegen, wie ein Zeichen, ein geeignetes Zeichen aussehen könnte, da würde ich mir viel davon versprechen.

"Wo gibt es Lösungsansätze?"

Main: Julia Enxing, Theologin in Dresden, Professorin für systematische Theologie. Um jetzt mal etwas bemüht vom Dunklen zum Hellen in Ihrer Kirche überzuleiten, also, was machen de facto junge Theologinnen und Theologen jetzt schon anders, damit dieses Fach wieder zu einem Faktor wird in der gesellschaftlichen Debatte?

Enxing: Also, Punkt 1: Sie vernetzen sich. Das ist wirklich nicht zu unterschätzen und das geschieht auch noch weitaus mehr und sicherlich auch durch die sozialen Medien und das Internet, als es bisher möglich ist. Sie vernetzen sich international, lassen sich dadurch auch inspirieren von anderen Kontexten. Auch bemühen sie sich sehr stark, gegenwartsbezogene Themen aufzugreifen, gesellschaftlich, politische Themen aufzugreifen und diese auch so zu vermitteln, dass sie nicht nur versuchen, Dinge möglichst theologisch hochtrabend auszudrücken, sondern zu intervenieren, sich mit ihren Positionen einzubringen, dabei nicht opportun zu sein.

Main: Ich vermute, dass Sie auch "Feinschwarz – Theologisches Feuilleton" - wo Sie mitarbeiten - als einen Beitrag in diese Richtung ansehen. Das ist ja auch so ein Projekt jenseits von Fußnoten. Nichts gegen Fußnoten, aber Sie wollen offensichtlich eine größere Öffentlichkeit erreichen.

Enxing: Ja, und das tun wir auch. Feinschwarz.net ist ein theologischer Online-Feuilleton, der es sich zum Ziel setzt, Themen der Gegenwart – unser Slogan ist ein bisschen, alles zwischen Gott und Welt aus theologischer Warte zu analysieren und zu behandeln. Wir arbeiten rein ehrenamtlich. Wir sind 14 Redaktionsmitglieder in einer ehrenamtlichen Redaktion. Wir sind dadurch unabhängig von der Zustimmung von irgendwelchen Bistümern oder Bischöfen oder von …

Main: Auch von Werbetreibenden.

Enxing: Von Werbetreibenden, von Geldgebern. Das ist uns sehr wichtig, um pluralitätsfähige und plurale Meinungen vertreten zu können und dadurch auch gemeinsam zu eruieren: Wo geht die Reise hin? Wo sehen wir Themen, die behandelt werden müssen? Wo gibt es auch Lösungsansätze? Wo gibt es grandiose, inspirierende und zukunftsträchtige Projekte, wie Kirche gelebt werden kann? Welche theologischen Ansätze helfen weiter, sind hoffnungsgebend und schauen nicht nur immer auf das Dunkle, sondern sehen auch eben das alles, was dazwischen ist?

"Mit einem gespitzten Stift sehr fein die Dinge analysieren"

Main: Wie sind Sie auf den Namen gekommen? Also, für Menschen - also, Sie tragen gerade Schwarz und die katholische Kirche wird oft als schwarz angesehen. Ich vermute mal, dass Sie deswegen auf "Feinschwarz" gekommen sind. Aber das müssen Sie trotzdem mal für nicht-katholische Insider erklären.

Enxing: Das kann ich gar nicht sagen. Das ist ein großes Geheimnis. Das ist das Feinschwarz.net-Geheimnis. Ich selbst bin zwar fast von Anfang an dabei, also jetzt seit beinahe vier Jahren gibt es Feinschwarz. Beim Namensfindungsprozess war ich nicht dabei. Es ist ein Kunstwort, das nichts mit der Feinschwarzstrumpfhose zu tun hat, auch nichts mit dem schwarzen Anteil der Kirche oder im Gegenteil besonders konservativ daherkommen möchte. Darum geht es natürlich nicht.

Vielleicht könnte man es so interpretieren, dass wir mit einem gespitzten Stift sehr fein die Dinge analysieren möchten und nicht mit einem dicken Marker etwas verwischen und unkenntlich machen möchten. Vielleicht kann man es so interpretieren, aber das ist nicht mit der Redaktion jetzt abgesprochen. Das ist meine Interpretation.

"Das Fröhliche, das Leuchtende, das Offene"

Main: Und dieses Internet-Feuilleton kommt ja ausgesprochen modern, zeitgenössisch und strahlend daher, um jetzt noch mal unser Thema hell und dunkel in der katholischen Kirche aufzugreifen. Auch Sie, wie Sie sich im Internet darstellen, das ist professionelle Selbstvermarktung, gegen die nichts zu sagen ist. Also, helle, leuchtende Fotos. Ich vermute, dahinter steckt mehr als ein Oberflächenreiz. Ich denke, Sie wollen deutlich machen, dass katholische Kirche sich nach außen zeitgenössisch und frischer geben kann? Oder sind Sie es einfach?

Enxing: Sowohl als auch. Ich bin es, und wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass Kirche all das ist, für mich persönlich, aber auch als Theologin in der Wissenschaft, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Kirche all das ist, all die Farben, all die Kontraste, das Fröhliche, das Leuchtende, das Offene, der wache Blick, wenn ich davon nicht überzeugt wäre, dann könnte ich auch solche Themen, wie ich es zum Beispiel in dem Buch "Schuld und Sünde (in) der Kirche" getan habe, nicht behandeln. Wenn ich nicht fest davon überzeugt wäre, es gäbe mehr und wir müssen unseren Weg ändern und wir können das auch noch, das soll zum Ausdruck kommen.

Darum bemühe ich mich in allen Feldern, in denen ich als Person, als gläubige Christin, als Theologin agiere. "Feinschwarz.net" ist auch ein solches Medium, das sehr viele Menschen erreicht erst mal. Es ist kostenlos. Wir erreichen weltweit Personen. Wir möchten bewusst über den Tellerrand der katholischen Kirche – nicht nur der deutschen Kirche, sondern der katholischen Kirche - oder es ist ja eine Initiative oder ein Feuilleton aus den deutschsprachigen Ländern, aus Österreich, Schweiz und Deutschland sind die Redaktionsmitglieder – hinaus gucken in die Weltauch in andere Religionen, in andere Möglichkeiten und Konzepte, Welt zu deuten.

"Den Zeitgeist erfassen"

Main: Sie sagen: "Wir erreichen viele." Ich muss da jetzt einfach nachfragen. Haben Sie Zahlen?

Enxing: Also, es gibt Beiträge, die werden bis zu 6.000-mal geklickt am Tag. Und es gibt auch Beiträge, die nicht so viel geklickt werden, aber was man auf jeden Fall sagen kann: "Feinschwarz" erreicht mit den Beiträgen mehr, als man mit einem publizierten Aufsatz in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift erreichen würde. Und wir erreichen sehr viele Menschen, die in der Kirche arbeiten, die irgendwie mit Kirche hadern, die auf der Suche sind. Sowohl diese Menschen, die vielleicht auch einfach nur interessiert sind am Glauben, an kirchlichen Themen als auch Professorinnen und Professoren der Theologie auf der ganzen Welt. Und das ist eine tolle Bandbreite. Das gelingt einem anderen Organ wahrscheinlich schwer.

Main: "Feinschwarz" ist weiblicher, ist kulturell auf der Höhe der Zeit, ist stilsicher. Also, könnte man zusammenfassen, wenn die Form stimmt, wirkt auch der Inhalt frischer?

Enxing: Uns kommt es in erster Linie auf den Inhalt an. Und wir passen die Form dem Inhalt an. So herum würde ich es sagen. Umgedreht wäre es etwas schräg. Aber es freut mich, dass es so wahrgenommen wird, dass dies gut zusammenpasst. Wir bemühen uns oder unser Anliegen ist es tatsächlich, dass wir den Zeitgeist erfassen, und zwar uns nicht dem Zeitgeist anbiedern, sondern Akzente setzen und auch den theologischen Diskurs damit mitbestimmen.

"Kirche kann nicht so weitermachen wie bisher"

Main: Abschließend, wir haben uns vom Dunkel, vom Missbrauch, von der Schuld in der Kirche und der Schuld der Kirche hinbewegt zum Hellen, zum Licht. Vielleicht ist das alles Augenwischerei. Sehen Sie die Gefahr, dass es sich in der katholischen Kirche weiter verdunkelt, bis irgendwann mal jemand das letzte Licht ausmacht?

Enxing: Solche Schreckensszenarien sind nicht hilfreich. Ich sehe das auch nicht, dass jemand das Licht ausmacht. Ich denke, dass es eine Veränderung braucht, einen Umkehrprozess. Kirche kann nicht so weitermachen wie bisher. Ich hoffe, dass das hier endlich klar ist. Vielleicht muss auch noch etwas passieren, um den Leidensdruck zu erhöhen. Das kann schon sein. Aber langfristig gesehen kann es besser werden.

Main: Vielen Dank, Julia Enxing, systematische Theologin am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden. Ihr Buch, wohlgemerkt ein wissenschaftliches, hat den Titel "Schuld und Sünde (in) der Kirche: Eine systematisch-theologische Untersuchung". Es ist erschienen im Matthias-Grünewald-Verlag. 322 Seiten kosten 40 Euro. Frau Enxing, danke, dass Sie mit mir zurück und nach vorne geschaut haben. Vielen Dank.

Enxing: Ich danke Ihnen, Herr Main.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Julia Enxing: Schuld und Sünde (in) der Kirche. Eine systematisch-theologische Untersuchung.
Matthias-Grünewald-Verlag, 322 Seiten, 40 Euro.

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